na gut, ich sag mal ich kanns nicht mehr hören wie ich immer zu sagen pflege

Diese Frau hat(te) mehr zu bieten als lediglich J´ taime (moi non plus): Jane Birkin – Ex Fan de Sixties (1978)…

Sollte sich hier in diesem Blog die reifere Jugend tummeln (was ich ja hoffe) erinnert sich das geneigte Publikum sicherlich noch an die Fussballweltmeisterschaft 1990. Lange bevor wir Papst wurden, gewann die deutsche Mannschaft den Coupe Jules Rimet, den Weltmeisterpokal. Der damalige Bundestrainer war der volkssprachlich sogenannte Kaiser Beckenbauer.
Da ich derlei Spektakel am Fernsehapparat verfolge, musste ich in diesem Fall auch die Interviews mitnehmen. Nichts ist umsonst. Auch im übertragenen Sinne. Nun wissen wir alle aus eigenerlebter Erfahrung, dass die aus der Masse Herausragenden im öffentlichen Leben ihre besonderen Fähigkeiten irgendwann und irgendwo erübt haben müssen. In aller Regel beginnen die so einseitig Überspezialisierten triebhaft intensiv ihre Leidenschaft bereits in zartem Alter zu vervollkommnen. Ausnahmen finden sich vielleicht bei Schlittschuhtänzerinnen oder Spindeldürrturnerinnen, die von ehrgeizzerfressenen Eltern getrieben werden.
Wenn normale Kinder oder Jugendliche fürs Leben lernen, treten Fussballspieler wahrscheinlich gegen alles was am Boden liegt oder auf sie zu geflogen kommt. Ich habe Darwin nicht konsultiert, nehme jedoch an, dass so im Lauf der Zeit wichtige Hirnfunktionen fusswärts absacken. Nichts ist perfekt und wie immer im Leben gibt es auch hier wieder Ausnahmen. Der Zahnarzt Dr. Peter Kunter beispielsweise, der legendäre Tormann der Diva aus dem Waldstadion. Nun, 1990 also der sogenannte Franz Beckenbauer.
Wurde er in Italien zwischen dem 8. Juni und 8. Juli 1990 (und danach auch noch eine ganze lange Weile) von Medienleuten befragt, leitete er seine kühl distanzierten Antworten neben einer gezieltverwirrend faserigen Körperbewegung stets mit der nebensätzlichen Floskel „Na gut, …“ ein. Im Verlauf der Weltmeisterschaft baute er diese Floskel kunstvoll elaboriert zum „Na gut, ich sag mal…“ aus. Ganz dumm isser ja nedd, der (Firle)Franz.
Einem Silbenwortsatzfreund wie mir fällt das auf. Das war in diesem Fall auch nicht schwer, da man spätestens mit dem Erreichen des Viertelfinales diesem überflüssigen Wortfüllsel nicht mehr entkommen konnte.
Das alles wäre bestenfalls ein Treppenwitz für Philologen und vergessen und vorbei. Aber so wie dieses Wortgewölle mir im Bewusstsein geblieben ist, so muss es sich bei der Mehrheit der deutschen Zeitzeugen anderswo angelagert haben. Und sich derart als Sprachvirus im Lauf des letzten Vierteljahrhunderts zu einer handfesten Volkssprachkrankheit ausgeweitet haben. Welchen Sinn hat dieses einleitende scheinbar abmildernde „Na gut,…“? Und wieso sagen Menschen, dass sie jetzt sagen werden was sie ohnehin direkt danach sagen?
Ich geniesse es seit Jahren bereits mit Fremdsprachlern deutsch zu sprechen. Die müssen gegen dieses Virus immun sein. Bewusster sprechen sie die deutsche Sprache ja auch nicht. Die sagen einfach nicht, was sie ohnehin anschliessend aussprechen. Sehr angenehm ist das.
Bei deutschen Muttersprachlern hingegen. Keine drei Sätze und schon kommts ihnen: Hallo, wie gehts? Och ganz gut, was gibts? Ich wollte dich einladen für Samstag, hast du Zeit und Lust? Oh danke – Samstag? ich sag mal, ja, da habe ich Zeit. Na gut, wenn jetzt was dazwischen kommt, ich sag mal, wir können ja nochmal telefonieren.
Ich stelle mir vor, ein Politiker zum Beispiel würde eine Handbewegung und ein Wort oder einen Wortfetzen ständig vor grossem Publikum wiederholen und damit auch unausgesetzt in den Medien präsent sein. Wie lange würde es wohl dauern, bis er einen Grossteil der Bevölkerung infiziert hätte und alle es ihm gleich täten?
Grausam das alles.
Wer von den geschätzten Besuchern, Lesern und Guggern mich nun noch aufklären kann, welche Person das noch unsäglich sinnfreiere „wie ich (immer) zu sagen pflege“ unbedacht ins Volkshirn implantiert hat, dem spendiere ich bei nächster Gelegenheit in Bembeltown einen prima Äppler im original 0,3er Gerippte.
(Schnellschuss mit der elektronischen Fingerwischhandfessel)

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23 Gedanken zu „na gut, ich sag mal ich kanns nicht mehr hören wie ich immer zu sagen pflege

  1. Wer weiss, wer weiss, mein Bester. Die Frau weist auf die Mitte, sie wird bedauerlicherweise sowohl unterschätzt als auch überschätzt. Wer mag heute ahnen, was uns in Zukunft noch von ihr dräut?

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  2. Aaaalso, ich denke ja, wenn man das so betrachtet, mal ganz spontan gesagt, ist es ja immer so, daß, strengenommen, obwohl unter Berücksichtigung des Phänomens der Verbreitung, nunja, weil, wenn man richtig drüber nachdenkt. ähhja, was wollte ich sagen, achja, meiner Meinung nach, ganz spontan gesagt: Ich weiß es nicht.

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  3. Sie wissen doch, ich liebe Eislaufen. Und finde Ihre gerunzelten Augenbrauen immer so entzückend.
    Herr Guinness, Mme Contraire und meineeine haben doch regelmäßig gefloskelt, um das Phrasenschwein zu befüllen, damit wir gemeinsam mal ordentlich einen draufmachen können. Da bleibt halt manches hängen.

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  4. Riespekt, Alta, Riespekt!
    Wirst zum Grantelfalter! Gecheckt!
    Wer is Beckenbauer? Knochenklauer, Fressenhauer, habbisch nie gehört
    Meinste Oppa ausse Werbung, der auf Ouh-two-Handy schwört?
    Chillma Alda,spa’dia ma die Psalter,
    Teua-Sacko-Macka fandüsch Ei-Mann-frei:
    „DOR JOPOANA HOAD IMMA SEI HANDY DABEI!“

    Soviel zum eigentlichen Problem. „Na gut“ & Co sind dagegen Petitessen.

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  5. „Ich sag mal…“ ist wenigstens noch ehrlich.
    Am schlimmsten sind die heuchlerischen Konjunktivisten, die ihre Auführungen mit „ich würde sagen…“ beginnen.
    Lügner allesamt, Politiker. Sie sagen „Es“ ja dann doch anschließend. 😉

    Schlimm, ganz schlimm… würde ich sagen,, sag ich mal. *fg*

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  6. Ja, gut. Aber mindestens genau so schlimm sind doch wohl auch die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit und während des Sprechens paarweise in die Luft gestreckten Finger, die man auch noch lebhaft krümmt, um damit Gänsefüsschen zu „malen“, wenn man etwas, ich sach ma GANZ BESONDERS BLÖDES sagt.

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  7. Die mit den Fingern angezeigten „Gänsefüsschen“ sehe ich eher als Hilfsmittel für jemanden, der im gesprochenen Satz etwas besonders betonen möchte, das sprachlich allein jedoch nicht zustande bringt.

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  8. Im Tummelgewand der reiferen Jugend mich hier durchgelesen, überlegend, ob das Fußballklo in diesen Blogsalon passt, aber egal! Stets Umwerfendes hier antreffend, musikgarniert und ansprechend sprachbebildert, sehe ich leichtherzsinnig darüber hinweg. Wie roch es denn?
    Veilchengrüße von der Mooswiese, mirabellenbaumblütenberegnet

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  9. Wie wirds in Gebrauchtäpplerentsorgungsanlagen in aahle Beize schon riechen?
    Ihre feinen Komplimente gefallen jedesmal wieder. Und Ihre Grüsse erst – umwerfend, ich nehms lebendig wahr…
    Von hier eine zartrote Kirschblüte, die Gutes hoffen lässt

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  10. Übrigens so Floskeln wie „ich sage mal“ oder „Na gut“ sind dem „Äh“ zuzuordnen. Da darf man nicht bei Philologen fragen. Sie geben dem Sprechenden Zeit, eine kleine Denkpause, um über zu sagendes nachzudenken, besonders dann, wenn Antworten, Entscheidungen oder Entscheidendes zu sagen ist. Beobachten Sie mal: Ein wütender, schimpfender, ein ängstlicher Mensch, wird weder „äh“ noch „na gut“ usw sagen, weil er spricht, ohne vorher darüber nachzudenken. Dumm ist nur, wenn diese „ähs“ und Na guts“ und „Ich sage mals“ zur Manie werden.

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  11. Von diesen Überlegungen hier ist es nur ein kleiner Schritt hin zu Kaiser Claudius (Tiberius Claudius Nero Germanicus), der aus rhetorisch-taktischen Gründen beim Sprechen bestimmte Silben eines Worte mehrfach wiederholte, um Zeit zu gewinnen beim sprechen. Er perfektionierte diesen seinen Stil so weit, bis er am Ende stotterte und es nicht mehr lassen konnte ^^

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