Fremdgugge II

Eine Feinsendung vom überaus liebenswürdigen Herrn Pappenheimer: Jim Suhler – Panther Burn (2014)…
 
Ich war vielleicht 17 oder 18 Jahre alt als mich einer der leibhaftigen Engel meines Lebens mit dem Namen „Otl Aicher“ bekannt machte. Otl Aicher (1922 – 1991), verheiratet mit einer Schwester von Sophie und Hans Scholl, Mitbegründer und Lehrer der Ulmer HfG und Gestalter der Logos von ZDF und Lufthansa. Für die Olympischen Spiele 1972 in München hat Aicher die heute weltweit bekannten Piktogramme zur Erkennung der verschiedenen Sportarten entworfen. Heute dienen uns nicht nur für sportliche Zwecke Piktogramme weltweit zur Orientierung.
Meine erste intensivere Beschäftigung mit Otl Aicher fand in Form des Buches „Gehen in der Wüste“ statt. Als Fotograf interessierten mich die Aufnahmen der wüsten Landschaften der Sahara. Aber das Buch ist weitaus mehr als ein Fotoband denn Aicher war vorrangig Gestalter.
„vor jahren musste ich einmal allein ein stück wüste durchqueren, das kann einen für sein ganzes leben fesseln. ich habe damals den schönsten ort der erde gefunden, den ich kenne, mitten in der wüste. so fing es an. die faszination ist geblieben.“ Aicher ging seitdem für Auszeiten oder zum Reflektieren immer wieder in der Wüste.
Das Buch ist in verschiedener Hinsicht empfehlenswert. Bei der Gestaltung fällt neben den beindruckenden grossformatigen Fotografien als erstes der Schriftsatz auf. Das untere Drittel einer Seite, in einer kleineren Schriftgrösse, enthält die technischen Aspekte einer Wüstenreise. Da werden Kleidung, Ernährung, Hygiene, Klima, Spiegelungen und so weiter behandelt. Ebenso finden sich dort gelegentlich Strukturzeichungen zu den Landschaftsformen, die auf den Fotografien abgebildet sind.
Der obere Teil beginnt als eine Reisebeschreibung. Im weiteren Verlauf des Textes (der Reise) werden zunehmend lebenspraktische Fragen des Alltags  ventiliert bis hin zur Reflexion philosophischer Fragen. Gegen Ende des Textes stellt Aicher die Frage, warum wir Substantive gross schreiben und wie dies mit unserer materialistischen Denk- und Lebensweise zusammenhängt. Substantive werden durchgehend klein geschrieben.
Mit der Grossschreibung der Substantive „bekamen objekte und einrichtungen, das statische in unserer welt, das seiende, ihre bevorzugung […] die verben verkümmerten. prozesse, verhaltensweisen, vorgänge, die dynamik der welt standen unter der beschwichtigung der sprachlichen vernachlässigung. zu lieben war nur ein vorfeld der ehe, sich freuen nur das flüchtige gegenüber dem glück, das der staat seinen untertanen versprach. und in rom und bangkok zu sein, hat heute mehr zu sagen als zu reisen, zu schauen und zu geniessen. die wege, die erlebnisse, das „wie“ einer reise, tritt gegenüber dem triumph zurück, am ziel zu sein. objekte besetzen, orte belegen spiegelt das umkippen der verhaltenswelt in eine dingwelt. das machen und erfahren verkümmern gegenüber dem vorzeigen von besitz, der eine ansammlung von dingwörtern mit sich brachte. jetzt steht die welt voll von unrat und bürokratien. sachen stellt man in museen und begafft sie. institutionen blähen sich auf zur nutzlosigkeit der selbstbehauptung.“
Überdies ist der Text Einladung und Aufforderung gleichermassen mehr zu gehen. Schon Nietzsche erkannte, dass ihm die besten Gedanken beim Gehen gekommen sind. „ich schreibe substantive wieder klein, aber das reicht sicher nicht, man muss wohl wieder beginnen zu gehen.“   
 
 
Otl Aicher: Gehen durch die Wüste. Fischer, Frankfurt / Main. 1982, Ln., 180 Seiten.
 
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10 Gedanken zu „Fremdgugge II

  1. Sie machen einem das Wüstengehbuch aber ordentlich schmackhaft, Herr Ärmel. Außerordentlich schmackhaft. „Das Umkippen der Verhaltenswelt in eine Dingwelt…“, ist eine dermaßen verblüffend einfach einleuchtende Definition, man möchte vor Staunen nur den Kopf schütteln. Wir leben in einer Dingwelt, unser Verhalten scheint zweitrangig, zumindest für die meisten, zum Glücke längst nicht für alle. Was mögen da noch für Erkenntnisse aufploppen, beim Mitdurchdiewüstegehen. Vielen, vielen Dank für's Fremdguggelassen und Neugierigmachen. Fetzt! Ich grüße mit Zartsonnenaufblitzgrüßen, Ihre Frau Knobloch mit rundem Knie.

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  2. Womit Sie, verehrte Frau Knobloch – Häschenstellung hin oder her – so falsch wahrscheinlich garnicht mal liegen.
    btw: ich erhielt heute Morgen eine Mail von einer Dame namens F. Höschen-Müller. Wenn ich die nun telefonisch kontaktiere, wie soll ich sie ansprechen: Höschen (mit zusammengezogenem sch) oder Hös-chen (wie Dessous). Was raten Sie mir als Kennerin diffizilbiedermeierlicher Vornehmheiten?

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  3. Ein Grosser war er für mich vor allem in seiner Menschlichkeit. Sodann, dass er das Ergebnis seines Schaffens an der Nützlichkeit für die Menschen ausrichtete. Was ihn für mich weiterhin wichtig macht, ist der Bogen, den er spannte vom Design hin zur Philosophie. (Wilhelm von Ockham. Das Risiko modern zu denken beispielsweise)
    „Wie er war“ als Lehrer an der HfG in Ulm, als Kollege oder als privater Mensch kann ich nicht beurteilen, weil ich ihn leider nie persönlich kennenlernte. Ist die Frage dahingehend zufriedenstellend beantwortet?
    Mitternächtlichschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • Oh, ich war einfach neugierig auf die vermeintlich persönliche Begegnung… 🙂 Habe mich neulich mit einer Frau unterhalten, die OA noch als Studentin an der HfG in Ulm erlebt hat. Sie sprach mit fast so etwas wie Ehrfurcht von ihm.

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