Flanieren ist allemal bekömmlicher als schreien

Was könnte da besser passen als: Rilke Projekt II – In meinem wilden Herzen (2003) und gleich anschliessend Rilke Projekt IV – Weltenweiter Wanderer (2010)…

„Wer, wenn ich schriee…“ so der Anfang der ersten Duineser Elegie Rainer Maria Rilke. Wenn ich schon in der Nähe bin, dann will ich auch den Ort sehen, an dem Rilke diesen Gedichtzyklus begonnen hat. Das Schloss Duino liegt wenige Kilometer nördlich von Triest. Seinerzeit im Besitz der Familie von Thurn und Taxis-Hohenlohe war Rilke dort im Jahr 1912 zu Gast. (Ich hätte gerne mal eine Liste der Gräfinnen und Industriellengattinnen, die Rilke zeitlebens den Aufenthalt auf Schlössern und in vornehmen Hotels ermöglichten. Irgendwas muss ich falsch gemacht haben)

Seit fast dreissig Jahren bewege ich die Frage, wie jemand auf einen solchen Gedichtanfang kommt. An der Steilküste vor dem Dorf Duino zieht sich der Sentiero Rilke entlang. So ist der tote Dichter trotz seines relativ kurzen Aufenthaltes zum Tourismusmäzen geworden. Rilke hier und da. Natürlich gibt auch die an solchen Orten übliche Einkehrstation mit schlechter Verköstigung und Nippes zu hohen Preisen. 

Als ich die ersten Schritte auf dem Sentiero Rilke gehe, knapp an der Kante der jäh abfallenden Felsen sehe ich den feinnervigen Poeten dahinschlendernd und bim Blick hinunter ins anbrandende Meer erschauernd. Vielleicht hat er sich den tiefen Sturz imaginiert. „Wer, wenn ich schriee…“ Entlang des holpersteinigen Weges sind noch immer die Reste der K.u.K. Habsburgischen Artilleriestellungen zu sehen. An manchen Stellen sind Ausblicke auf das in der Dunstferne liegende Schloss zu sehen. Jetzt in der Vorsaison sind nur wenige Flaneure unterwegs.

Nach zwei Dritteln der Strecke gibt es ein schönes Lehrbeispiel für den Unterschied zwischen italienischem und deutschem Verhalten. Im Internet fand ich den Hinweis, dass der Weg nicht mehr durchgängig zu begehen sei, weil dort ein privater Grundstückseigentümer den Durchgang versperrt. Ein Zaun und entsprechende Verbots- und Warnhinweise sind deutlich sichtbar und niemand beachtet sie. Gleichzeitig ist bereits ein neuer Trampelpfad zur Umgehung des lästigen Hindernisses entstanden. In Deutschland wäre der Zaun wahrscheinlich vielfach beschädigt, die Schilder bemalt oder zerschossen, aber umgehen würde das Verbot niemand.

Trotz des diesiggrau bedeckten Himmels kommt man ganz schön ins Schwitzen denn der Weg geht auf und ab und man muss gut auf das Geröll auf dem Boden aufpassen um nicht fehlzutreten. Nach etwa einer Stunde erreicht man das Schloss mit einem schönen Park, beides ist gegen entsprechenden Eintritt teilweise zugänglich. Ausserdem gibt in dem alten Gebäude davor eine Übernachtungsmöglichkeit. Vom Wandern und Rezitieren ermüdet bietet sich vor dem Rückweg eine kurze Pause an. Kurz, weil danach irgendwo neben der Strasse eine Osmizza wartet. Aufpassen werde ich allerdings und die Zeile aus der ersten Elegie beherzigen, „denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.“

    (Foto anklicken, mitwandern und ein Gedicht aufsagen – Prosecco gibts danach)

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16 Gedanken zu „Flanieren ist allemal bekömmlicher als schreien

  1. Der hat´s ja gut gehabt da, der Rilke. Obwohl Burgen und Schlösser im Winter doof zu beheizen sind, aber die Lage ist schon traumhaft. Ist denn überliefert, ob Rilke in dem Kiosk mal sein Bier gekauft hat?

    Außerdem fällt mir gerade auf, zwei Doofe, ein Gedanke, über dämliche Verbote hab ich auch gerade eben sinniert…:)

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  2. Flanieren ist bekömmlicher als schreien – das passt zum Zeitgeist. Ich habe die letzte Sendung der ZDF-Anstalt gesehen und anschließend war mir eher nach schreien. No Friedensbewegung at all. Scheinbar fehlt die Stasi als Koordinator neuer Krefelder Appelle. Medien als 4.Gewalt entpuppen sich auch mehr und mehr als Humbug.Der Schlaf der Vernunft. Guttenberg sei Dank, dass wir keine Armee haben!

    Warum Rilke soviele adlige Ladies um den Finger wickeln konnte? Spielhagen lesen hilft da weiter. Aber der ist heute vergessen.
    Wenn die Ehen ohne Liebe arrangiert wurden und der pflichtschuldige Stammhalter erzeugt war, dann zog sich der Herr „von“ in die Welt der Getreidepreise, des Jagens und der Spieltische zurück, wenn er nicht nebenberuflich noch als Offz zum Manöver musste. Madame lag brach. Frauen als kommunikatives Geschlecht lechzen nach Geschwätz und Komplimenten, das hatte Rilke im Übermaß drauf. Massenweise Briefe voller Nichtigkeiten und egomanischer Jammerei – DAS zog.( Nichts ist langweiliger als derlei veröffentlichte Briefwechsel zu lesen. Es passiert einfach nichts. Die Welt bleibt draußen. Jeder Fleck auf der Manchette wird tiefgründiger ausgeleuchtet als ein heraufziehender Kolonial- oder Weltkrieg.) Bei Besuchen war er der Mann, der nicht von der bevorstehenden Ernte sprach, sondern von dem Abendrot über dem Acker und den Kopftüchern der Bäuerinnen, die die schneewittchenhafte Pracht der Haare kaschierten, während bereits die Nachtigall anhub zum Abschieds-Choral des Tageslichts … Süßholzraspelei kombiniert mit Promiklatsch aus der Künstlerszene bis zum Abwinken. Also eigentlich ein ganz einfaches Erfolgsrezept.

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    • Es gelingt den Fans ja kaum den Gutzkow im Zeitlicht zu halten – und dann erst Spielhagen…
      Deine Reminiszens zu Rilke gefällt mir gut. Du hast natürlich recht, er hat die Marktlücke erkannt und weidlich ausgenutzt. Wenn ich nur daran denke, wem er seine mittleren und späteren Werke zugeeignet hat.
      Und auch was die Briefwechsel mit Frauen betrifft kann ich nur zustimmen. In Gänze unlesbar. Ich hatte mal diese alte 2-bändige Ausgabe und habe nicht mal einen Band durchgekriegt. Besonders durchtrieben fand ich die Briefe an seine Frau Clara Westhoff. Er war in meinen Augen ein ausgebuffter Schwadronierer.
      Ich sollte nochmals „1913“ lesen – aber wann…??

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      • Gutzkow ist doch viiiiiiel langweiliger und verworrener als Spielhagen! Spielahagen ist ein Fontane der mit Spannung schreibt. Gutzkow ist ein Rilke, dem keine Verse einfallen.

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          • Alles. Aber antiquarisch kaufen. Der Hinstorffverlag hat „Sturmflut“ und „Platt Land“ in den 1990ern neuaufgelegt, aber zumindest „Sturmflut“ stark gekürzt. Werkverstümmlung. Es heiß „Zum Zeitvertreib“ sei dem selben Ardenneskandal geschuldet wie Fontanes „Effi Briest“. Naja „Zum Zeitvertreib“ ist ja nur einer seiner „kleinen“ Romane.

            Gutskow Rilke – stimmt, der Vergleich hinkt. Ich hätte lieber Goethe einsetzen sollen: Die Ritter vom Geiste als eine Art Lebensenzyklopädie a la Faust aber eben ohne Hexameter/Alexandriner/Trichinen und Neutronenscheiß der Antikeimitatoren.

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    • Als kleiner Nachtrag zu deinem Kommentar hier einige Zitate aus „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“, Florian Illies, Fischer 2012.
      Und zum wiederholten Mal meinen Dank für den Hinweis auf dieses Buch seinerzeit.

      „…und da Rilke zeitlebens angewiesen war auf die Handlungsanweisungen reifer Damen, musste er offenbar zu okkulten Zwischenreichbewohnerinnen greifen, wenn die realen Mäzenatinnen und Geliebten ihm gerade keine Order zu erteilen wussten.“
      „Mit Leiden und Briefeschreiben gehen die Tage so dahin. Manchmal arbeitet Rilke weiter an seinen »Duineser Elegien«, immerhin die ersten 31 Verse der sechsten Elegie gelingen ihm, doch er wird einfach nicht fertig damit, lieber geht er in seinem weißen Anzug und seinem hellen Hut spazieren oder liest im Koran (um sofort danach ekstatische Gedichte auf Engel und Marias Himmelfahrt zu schreiben).“
      „Und die Stadt [gemeint ist Paris], auf dem Gipfel ihrer Manieriertheit und Dekadenz, verkörpert durch die Tanzexperimente um das »Ballets Russes« und Sergej Djagilew, zieht magisch jeden kultivierten Europäer an, vor allem die vier Überkultivierten mit den weißen Anzügen, also Hugo von Hofmannstahl, Julius Meier-Graefe, Rainer Maria Rilke und Harry Graf Kessler.“
      „Und wahrscheinlich spürt deshalb auch nur jemand wie Rilke bei den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres schon ihre künftige, sengende Vernichtungskraft. So klagt er also Anfang Februar in den Briefen an die Mama und die fernen Seelenfreundinnen, der Frühling bekomme ihm nicht: »Die Sonne war zu heftig, am Morgen um7 Uhr war sichtlich Februar, vier Stunden später, gegen 11, hätte man sich rein im August glauben können.« Sie werde doch sicher verstehen, so schreibt er an Sidonie Nádherný, dass es »unerträglich« sei, wenn die Sonne so steche. Am 19. Februar reist er fluchtartig ab.“
      „Sidonie verlässt panikartig Paris, Clara, beschäftigungslos, flieht zurück nach München, und Rilke, irgendwie erleichtert, dass er wieder aus der Distanz lieben kann, nimmt sie beide an die Hand, mit Briefen, mit Worten, mit Tröstungen, das kann er.“
      „Es ist also Juli, alle erholen sich, Rilke hat das Ägypten-Fieber, ein bisschen Geld und nichts zu tun. Man könnte es folglich »naheliegend« nennen, dass er im August ein paar Tage Urlaub an der See machen will. Aber »Urlaub« klingt für jemanden, der sich tagtäglich vor allen, seinen Mäzenatinnen und seinen Über-Ichs, für seinen gepflegten Müßiggang rechtfertigen muss, wie ein böses Wort.“
      „In Heiligendamm auf der Hotelterrasse streift in diesen Tagen Rainer Maria Rilke langsam die dunkelgrauen Handschuhe ab und ergreift schlaff die Hand von Helene von Nostitz, die neben ihm einen Mokka trinkt. Sie schaut in seine Augen, seine milden, tiefblauen Augen, deren Tiefe die Damen immer den Rest seines Gesichtes vergessen ließen.“
      „Er gedenke, so schreibt er hastig an Helene von Nostitz, in spätestens einer halben Stunde wieder abzureisen. Als ihr der Boy im Zimmer den Brief überreicht, streitet sie gerade mit ihrem Mann darüber, warum sie diesen Dichter eingeladen habe. Sie liest Rilkes Lamento, kleidet sich schnell an und eilt zu ihm, findet ihn im Kurhaus in seinem weißen Sommeranzug, aber vor allem: »grau und ausgelöscht«.“
      „Es ist Rilke, als wandele er zwischen riesigen Stelzen umher. Bäume, die den Blick in die Höhe reißen, weg von den irdischen Vermoosungen und Baumstrünken. Er lehnt sich an einen Stamm, atmet durch. Helene von Nostitz schaut ihn aufmunternd an, doch er sieht nur das blaue Meer, das zwischen den Buchenstämmen leuchtet, dann und wann eine winzige Schaumkrone, sonst nur blau, blau, blau. Später, als er wieder nüchtern ist, setzt er sich hin und schreibt an Lou Andreas-Salomé: »Dieses hier ist das älteste Seebad Deutschlands, sympathisch durch seinen Wald am Meer, durch seine fast ganz auf den Landadel der Umgebung eingeschränkte Klientel.«“
      „Für Rilke, diesen das zarte Unglück so leidenschaftlich Liebenden, diesen Hohepriester der Unaussprechlichkeit, wäre wahrscheinlich auch das Paradies nur ein »brauchbarer Ort«.“
      „Rilkes unruhiger und aufwändiger Lebensstil fußte auf permanenten Zuwendungen eines Kreises potenter Damen – um sie bei Laune zu halten, baute er zu jeder von ihnen einen intensiven Briefverkehr auf, täglich versandte er mehrere seiner taubenblauen Briefe in die Schlösser und Hotels Mitteleuropas. Er wirbt um Geld, um Verständnis, um Zuneigung, um eine Ehefrau. Aber natürlich schreckt er auch davor zurück – nicht vor dem Geld, nicht vor dem Verständnis oder der Zuneigung, das nahm er alles gerne. Nur vor der Frau. Es war ihm lieber, er hielt sie brieflich auf zärtliche Distanz. Darin wurde er deutscher Meister.“
      „Die »bald Liebenden«! Das ist der Zustand, den Rilke am zweitmeisten genießt. Am meisten schätzt er den Zustand der »einmal geliebt Habenden«. Weil er sich dann nicht mehr anstrengen muss und nur noch Briefe schreiben darf. Den Zustand dazwischen, den man gemeinhin Gegenwart nennt, Liebe, Ungewissheit, den schätzt er nicht, der überfordert ihn.“
      „Am nächsten Tag […] geht also Rilke mit Lou, der Frau, die ihn in hohem Alter entjungferte und die nun wieder zu seinem Mutterersatz geworden ist, erst zu seiner Mutter Phia, die in München lebt, und dann weiter zu Clara und Ruth, seiner vergessenen Frau und seiner vergessenen Tochter, hilft ihnen ein wenig bei der Einrichtung ihrer neuen Wohnung in der Trogerstraße 50. Anschließend steigen Lou Andreas-Salomé und Rilke in den Zug, um ins Gebirge zu fahren, und sie analyisert seine Träume. Sie sprechen mit tiefem Ernst über die symbolischen Unterschiede zwischen einem Phallus und einem Obelisken.“
      „Rilke sitzt in Paris und denkt verstört an den Sommer und Herbst in Deutschland. Wie er unruhig hin und her reiste zwischen all seinen Frauen und Übermüttern, zwischen Clara, der Noch-Ehefrau, seinen Ex-Geliebten Sidonie und Lou, seiner Sommerliebe Ellen Delp, seiner Mutter, seinen ihm in Bewunderung erlegenen Damen Cassirer, von Nostitz und von Thurn und Taxis. Alles offen halten, keinen eindeutigen Weg gehen,…“
      —–

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  3. Ja, Dottore Manica, Sie haben mir eine hochinteressante, bewegende kleine Reise verschafft! Überhaupt: Das Flanieren.
    Der Rilkekiosk ist der Hammer.
    Im Goldenen Gässchen in Prag wäre das eine Kafkabude.
    Und ich dachte an eine frühere Freundin, die jedes Jahr in den Todesort von Walter Benjamin reiste.
    Nachdem sie dann ein paar Kinder aus einem afrikanischen Land adoptiert hatte, hörte sie damit auf.
    Es gibt Prioritäten, Ihre scheint das zu sein, was Sie hier so anschaulich präsentieren.
    Gruß vom Rheinradeln, an dem ich nicht teilnahm,dem ich aber eine herrliche Ruhe vor dem Haus verdanke

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    • Schönen Dank für den Hinweis, dem ich selbstredend sofort gefolgt bin. Ich habe auch einen Kommentar dazu abgegeben, aber Tante Guurgel hatte natürlich wieder mal Schluckbeschwerden…

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