Rauschend scharfe Diskussionen

Jahrzehnte alt, nur kurzfristig haltbar und dennoch für mich noch immer erste Sahne. Deshalb alle vier original Alben
der Reihe nach. Cream: Fresh Cream (1966), Disraeli Gears (1967), Wheels of Fire (1968), Goodbye (1969).
Remastered, weils so schön zum Thema passt…

Erscheint ein neues Produkt am Markt werden den anvisierten Konsumenten die üblichen Köder gleich dazu
ausgeworfen. Einfacher, besser, schneller oder billiger, die Liste lässt sich beliebig verlängern. Alles gemäss
der alten Erkenntnis, dass der Köder dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler. Man darf annehmen,
dass es nicht wenige Produzenten gibt, die statt ihrem eigenen ein fremdes Produkt vorziehen und kaufen.

Mir fällt seit Jahren auf, dass neue Produkte ganz eigene neue Diskussionsanlässe schaffen. Viel Gesprächsstoff.
Gut zur Ablenkung von den wirklich wichtigen Problemen. Dabei weiss jeder vernünftige Mensch, dass selbst in
der Natur eierlegende Wollmilchsäue nicht vorkommen. Dass die auch bei technischen Produkten nicht vorkommen,
kann den Produzenten nur Recht und teuer sein, denn so wird eine gewisse Unzufriedenheit stets wach gehalten.
Der notwendige Hunger auf den nächsten Köder.

Seit es digitale Kameras gibt, gehen globalisert die Debatten um das sogenannte Rauschen. Das sind
Pixelfehler, die beim fotografieren unter bestimmten Umständen entstehen. Und bei entsprechender Vergrösserung
einer Fotografie können diese mehr oder weniger grossen störenden Farbflecke in den dunkleren Partien des
Bildes den ästhetischen Genuss erheblich stören. Die mehr oder weniger sachlichen Diskussionen schaffen
Hunger. Auf diese Weise haben die Kamerahersteller und die Programmierer der digitalen Entwicklungssoftware
alle Hände voll zu tun. Neue Produkte. Die alten Köder. Das Bildrauschen wird sich auf absehbare Zeit zumindest
ebenso wenig beseitigen lassen wie aus dem Wohnzimmer mit einer Stereoanlage ein Konzertsaal werden wird.

Statt dieser weitgehend unsinnigen Argumentiererei könnte man die Zeit nutzen und sich darin üben andere,
bessere Fotos zu machen. Zumindest wenn ich mir manche Fotos dieser Diskussionshelden ansehe.

Wenn ich mir ältere Fotobücher der Klassiker der Fotografie unter technischen Gesichtspunkten ansehe,
stelle ich fest, dass die meisten Fotografien schlichtweg „miserabel“ sind. Solche Fotos würden heute nicht
publiziert werden. Und dennoch sind unzählige Ikonen der Fotografie darunter. Zu Ikonen der Fotografie sind
sie wegen ihres Inhaltes geworden. Und nicht wegen ihrer technischen Perfektion. In unserer schönen sich
ständig erneuernden Welt scheint die Form wichtiger zu sein als die Inhalte. Manche Menschen wären
bestimmt glücklich, überhaupt eine Kamera zu haben.

fotografiert mit Olympus E-30

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8 Gedanken zu „Rauschend scharfe Diskussionen

  1. Jaja, von Leuten, denen die Form wichtiger ist als der Inhalt kann ich ein Lied singen:

    – „Das Bild ist nicht übel, aber der Junge ist nicht in der Mitte, das Flugobjekt auch nicht, also zuviel Himmel obendrüber = Bildschnitt mangelhaft.“ So in etwa.

    – Inhaltslose Wälzer werden „wegen der Sprache“ hochgelobt;
    – leidenschaftslos hergeflüsterte Wim Wenders Filmdialoge werden gepriesen; (AUTSCH! ‚tschuldigung!)
    – Massenweise wird anglo-amerikanische Musik konsumiert ohne auf die Inhalte zu achten;

    Neulich (so vor einem Jahr ungefähr) saß die alte Peggy March in der NDR-Talkshow; irgendeine Nachwuchsträllerlerche aus Deutschland sang auf englisch was von ihrem Debutalbum und Mrs. March lobte:“ Du hast Talent und das beste ist: Dein Englisch stimmt sogar.“ Auf Nachfrage des Moderators: „Sie hören ja alle nicht, was für ein Zeuch da veröffentlicht wird, wenn in Deutschland englisch gesungen wird.“

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    • Dein Kommentar spricht mir aus dem Herzen und die Beispiele sind gut gewählt. Bei Wim Wenders kann ich nicht ganz folgen, Ich habe keine Kenntnis über Meinungen, dass seine Dialoge herausragend wären, bei ihm gehts vielleicht auch eher um die Bilder. Ein interessanter Aspekt allemal, der vielleicht lohnen würde, genauer hinzuhören.
      Hinsichtlich des gedankenlosen konsumierens anglo-amerikanischer Musik hat sich ja seinerzeit ein Artist im Zirkus obererbost von mir abgewendet.
      Alles kommt ans Tageslicht 😉

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  2. Meine Fotobände von Jan Saudek und Michel Sima werde ich mir nun mit neuen Augen anschauen, auch meine Fotoschwester mal nach diesem „Rauschen“ fragen.
    Heute ist Sommer hier, in den Nachrichten hörte ich von den unendlichen Regenfällen in Serbien, Sie berichteten auch. Ist es endlich trockenschön warm?

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    • In den neuen Fotobänden wirst du kaum rauschende Artefakte finden, das wäre kein gutes Zeichen, weder für den Verlag noch für den Fotografen. Bei der Reportagefotografie, wo es um andere Wichtigkeiten geht, nimmt es man es schon in Kauf, wenn Rauschen auftaucht. Dafür werden schliesslich auf den Fotos einmalige Situationen dargestellt.
      Noch immer aprilig hier auf dem Schwarzen Berg, aber ab nächster Woche solls dann stabil und sonnig sein bis zum Oktober ~~~~~

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  3. Über meine Gedanken zum Thema bist Du ja ein bisschen im Bilde. Die Aufnahme ist schön, keine Frage. Und, ja, ich würde mich glücklich schätzen, eine Kamera zu besitzen. Andererseits dürfte mich die Technik vermutlich überfordern. Also, vielleicht ist doch alles gut, so, wie es ist…

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    • „…ich würde mich glücklich schätzen, eine Kamera zu besitzen. Andererseits dürfte mich die Technik vermutlich überfordern.“
      Eine Kamera zu erwerben ist kein Problem. Ausser meiner ersten digitalen Kamera habe ich alle Gehäuse, Objektive und viel Zubehör gebraucht gekauft. Ich zehre somit parasitär von den Allesneuhabenmüssern. Einziger Wermutstropfen für mich: ich muss das Neueste (wäre ich wirklich scharf drauf) für eine gewisse Zeit entbehren. Mein Vorteil dabei: Von den Anfangsfehlern, die neuen Produkten heutzutage durchweg anhaften, bleibe ich verschont.
      Was nun die Technik betrifft, hängt es doch davon ab, inwieweit man sich mit einem Produkt verbindet. Wers nur haben „muss“, den trifft man mit seinen teilweise witzigen Fragen in allen Foren. Das fängt schon beim Lesen des Handbuchs an. Und wer lediglich auf gelegentliche Schnappknipsereien aus ist beschwert sich eher selten. Wenn ich dir irgendwie weiterhelfen kann, weisst du ja, wie du mich erreichen kannst.
      Abendschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  4. Rauschunterdrückung ist doof *gg*
    Ist das ein dicker Pixelfehler im Foto oder hat der Knabe da gerade etwas geworfen? Dann hat er auf jeden Fall ´ne gute Wurftechnik.

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