Unnötig, das Glaubhafte zu glauben

Ruhig ists draussen und in der Dunkelkammer: Billie Holiday – Songs For Distingué Lovers (1957)

Drei Frauen, ein Mann. Teilweise kennen sie sich von früher. Begegnen sich wieder nach einigen Jahren.
Zwei Grafikerinnen, ein Grafiker und eine Bewegungstherapeutin. Eine der Grafikerinnen gewinnt 1931
die Bronzemedaille bei den Europameisterschaften im Freistilschwimmen. Nach der Wiederbegegnung
arbeitet sie erneut als Grafikerin. Zusammen gründen sie grafisches Atelier in Budaliget, einem Vorort von
Budapest. Ihre vormals antisemitschen Ansichten hat sie abgelegt und überwunden. Kein einfaches
Unterfangen
Ende der 1930er Jahre in Mitteleuropa. Ihre drei Freunde sind Juden. In Ungarn kommen
die Pfeilkreuzler
auf, die später die braunen Hunnen bei ihrer Judenjagd tatkräftig und logistisch
unterstützen werden.
Weil selbst nicht bedrängt, managt Gitta Mallasz inzwischen die Geschäfte des
gemeinsamen Ateliers
mit Kunden und Behörden.
In ihrer freien Zeit bewegen sie die ewigen Fragen nach dem Sinn des Lebens. Am 25.6.1943 haben sie
dabei ein ausserordentliches Erlebnis. In den folgenden siebzehn Monaten protokolliert Gitta Mallasz diese
einzigartigen Erlebnisse, in deren Folge sie etwa hundert jüdischen Menschen das Leben retten. Ihre drei
Freunde werden 1944 deportiert, die beiden Frauen nach Ravensbrück. Keiner von ihnen kehrt zurück.
Gitta Mallasz arbeitete nach dem Krieg neben anderem als Bühnenbildnerin und wanderte 1960 nach
Frankreich aus wo sie wieder als Grafikerin arbeitete.
Die geretteten Protokolle ihrer gemeinsamen Erlebnisse wurden erstmals 1976 in Frankreich publiziert.

Einer Einladung folgend besuchte ich 1990 das Idriart Festival in Budapest. (Idriart = Institute for the
Development of Intercultural Relations through the Arts). Lernte dabei einen Bekannten von Gitta Mallasz

kennen und kam dann an die Aufzeichnungen, die mittlerweile auch in deutscher Sprache publiziert
worden waren. Der Inhalt bewegte mich. Verstörend ist das wohl treffendere Wort. Einige Sätze
begleiten
mich seit der ersten Lektüre auf meinen Wegen.
Vier Beispiele:
„Beginne deine Arbeit, als hättest du sie noch nie getan.“
„Verbessere nicht das Schlechte – stärke das Gute.“
„Angst ist die Zuflucht der Schwachen.“
„Empfange das Leiden als einen Boten des Himmels, doch lass ihn weiterziehen, wenn er scheiden will.“

Ein Buch, in dem ich seitdem von Zeit zu Zeit immer wieder lese. Dabei halte ich mich an das Motto, das
dem Text vorangestellt ist: „Dieses Buch ist ein Dokument. Es ist weder Dichtung noch Journalismus,

sondern ein getreuer Bericht von Geschehnissen, die sich während der Jahre 1943 und 1944 in Ungarn
ereigneten. Der Leser muss es nehmen, wie es ist. Oder sein lassen.“

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13 Gedanken zu „Unnötig, das Glaubhafte zu glauben

  1. Nicht vergangen, verweht, vergessen……..Es geht mich an, besonders bilde ich mir Nähe ein zu diesen Geschichten in Prag, in Worms, überhaupt an bestimmten „alten“ Orten…In Ungarn war ich noch nicht. Da wäre es auch so. Erspürt ein wenig in Wien und Bratislava.
    Verstörend, ja.
    Den Satz „Angst ist die Zuflucht der Schwachen“ will ich nicht so verstehen. Wenn die Starken keine Angst kennen würden, wären sie nicht mehr am Leben, denke ich.
    Gruß aus der Nähe der alten Stadt

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      • Stimmt, ich kenne einige „Starke“ ohne jede Angst und Emphatie, reine Psychopathen, und die Restängste, die sie wohl doch haben, lassen sie so über Leichen gehen. Habe da länger dran rumgedacht…
        Nochmals Gruß aus krasser Maihitze

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        • Angst oder Furcht sind relativ austauschbar. Umso stärker, reicher, schönes, berühmter oder was auch immer umso grössere Ängste oder Befürchtungen vor Machtverlust, Diebstahl, Publikumsabwendung oder weiss der Geier was. Nee, der Satz hat was – für mich jedenfalls und ich gehe fast ein Vierteljahrhundert damit um…
          30gradige Grüsse vom Schwarzen Berg und ausgelaugt (davon mehr im Blog…)

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  2. Ich empfehle die steirischen STS mit dem Song „und es ist schön da“ …
    und den Dok-Film “ am Ende kommen die Touristen“, der ein Zivi-Jahr in Auschwitz um 2000 herum sehr realistisch auf den Punkt bringt.
    ich kann deine Betroffenheit nachvollziehen, nach vielen Ostldienstreisen und Gedenkstättenfahrten.
    Mir ging/geht es genauso.
    Zugleich plagt mich jedoch die Sorge vor diesem inflationären Totgeschmeiße mit Fakten aus jener Zeit. Weil Überdosis gesellschaftlich zu Übersättigung führt – erst wird noch Betroffenheit geheuchelt und dann ist sie ganz weg. Geschichte kann nicht rückwärts repariert werden. Und die alt-68erischen, selbsternannten nachträglichen Widerstandskämpfer des akademischen Kaders der FU Berlin(West) habe ich 1992-95 (als ich mit ihnen in Berührung kam) als ziemlich widerwärtig wahrgenommen. Dieses Gespreize und Gebrüste mit den peinlichen Fragen an die Eltern „Warum sie damals nichts getan haben…“ belegt nur Instinktlosigkeit und Unfähigkeit für historisches Einfühlungsvermögen. Ich hatte auch Großeltern und Onkels der sogenannten „bösen“ Generation und zwar aller Schattierungen der Gesinnung – aber ich habe anders gefragt und eben auch andere Antworten erhalten als die oft kolportierten.
    Man kennt heute fast ausschließlich die Erzählungen überlebender KZ-Häftlinge und diejenigen verbohrter Altnazis – das Heer der Mitläufer kommt nicht vor. Es hat keine öffentliche Chance sich zu erklären und damit die Zeit verstehbar zu machen. „Verstehbar“ soll NICHT heißen: „entschuldbar!“ Ich will nichts verniedlichen.
    Mit der DDR-Vergangenheit geht das ähnlich schief – es gibt allem Anschein nach in der Mainstreamwahrnehmung der Medien nur noch Stasi und Opfer. Auch hier wird der Alltag außen vor gelassen.

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    • Vielen Dank für den Hinweis und den erhellenden Kommentar überhaupt – ich bin schon auf der Suche nach der Dokumentation.
      Was die DDR Vergangenheit betrifft, weisst du ja bereits, welche Wege ich da beschreite. Und mir werden stets aufs Neue die Augen geöffnet.

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  3. In der deutschsprachigen Wikipedia ist die Dame nicht aufgeführt, nur in der englischen, französischen und polnischen Sprache sind Artikel verfügbar. Das was ich von ihr sonst gefunden habe macht streckenweise einen sehr esoterischen Eindruck und das schreckt immer ab, mich näher damit zu befassen.

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    • Nur zwei Anmerkungen. Exoterisch – esoterisch, das Offenbare hier und das Verborgene dort sind die zwei Seiten einer Medaille. Die Geschäftemacherei mit dem Offensichtlichen, der Warenwelt zum Beispiel, kennen wir zur Genüge. Die Raffschacherei mit den esoterischen Wahrheiten, Baghwan, Sekten, die Kirchen, lilagewandete Faselköppe, Saientolotschie und wie sie alle heissen machen viel kaputt. Selbst denken ist angesagt und es geht, ich stehe dafür.
      Was Frau Mallasz betrifft, wurde halt kein Film drüber gedreht wie über Herrn Schindler. Der hat im Elend gehaust noch lange nach dem Krieg in Frankfurt gegenüber dem Bahnhof. Eine Plakette an dem Haus wurde nach dem Erfolg des Films „Schindlers Liste“ angebracht. Und natürlich ein ellenlanger in der Wikipedia.
      Menschen sind an ihren Handlungen zu erkennen —

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