Einerseits die inneren Bilder beim Fotografieren

Ammigruppe, die zwar einen alten Hit von Neil Young gut covert aber dennoch wegen mangelnder Originalität nicht ins Ärmelarchiv versetzt werden wird: einziehen wird: Built to Spill…

Als Schüler macht man sich darüber keine Gedanken. Hinter der Lehrkraft sieht man die Tafel. Den Lebensweg hinter dem Lehrer sieht man nicht. (Wenn im Folgenden von Lehrern die Rede ist, schliesst das Lehrerinnen keinesfalls aus).
Andererseits ist der Blick auf die Objekte gerichtet.
Das Einerseits, das was beim Fotografieren hinter der Kamera geschieht, erachte ich als das Wichtigere. Während ich die spontane kleine Skulpturenserie aufnehme, sehe ich eine Szene (Foto1), die einen Schwall Erinnerungen auslöst. Erinnerungen an ehemalige Lehrer, die mithalfen, dass die Schulbank derart drückte, dass noch heute…
Fünfzehn Jahre alt. Klassenfahrt. Der Lehrer und seine Gattin begleiten den Trupp. Seine Kantenvisage drückt nur annähernd seine herzkalte Brutalität aus. Nachts unschuldig starker Verkehr zwischen Buben- und Mädchenzimmern. Ich werde beim Zimmerwechsel erwischt. Was er mir entgegen zischte erinnere ich nicht; den leichten Würgegriff, mit dem er mich vor Heizkörper zog hingegen gut. Noch besser allerdings den festen Stoss gegen die Rippen des Heizkörpers, bei dem mir sofort die Luft wegblieb und ich leicht in die Knie ging. Das verdächtigte Mädchen, wie hätte es den Gegenbeweis antreten können, wurde von der Lehrersgattin behandelt. Aburteilung und Misshandlung.
Angefangen hatte es bereits im ersten Schuljahr. Fräulein Blank. Fräulein für eine Maschine, bei deren physischer Erscheinung jedes kleine Schulkind sofort zusammenzuckt. Was das Fräulein Blank besser beherrschte als sich selbst war das Blankziehen des Einmeterlineals rechts über der Tafel. Bei „Fehlverhalten“ das Kommando:Tritt vor! Das Ritual war immer das Gleiche. Rechte Hand auf der vordersten Bank auflegen. (Die Schüler der ersten Bank weichen angstvoll zurück – trotz der fast täglichen Gewöhnung). Schlag mit der Breitseite auf die kleine Handoberfläche. Wer zuckte hatte verloren. Zur Strafe für Fehlverhalten während der Bestrafung gabs einen weiteren Schlag. Wer lachte oder Grimassen zog während der Misshandlung, bekam gleich noch einen Hieb mit der Schmalseite des Lineals. Besser nicht vor Schmerzen schreien, sonst würde sie den Strafkatalog öffnen. Schreiben war nicht mehr möglich am Schlagtag, ergo keine Hausarbeiten. Jetzt war man den Eltern ausgeliefert. Also doch, irgendwie was hinknüllen. Bei der Heftkontrolle war bei Feststellung „schlechter Schrift“ eine Strafe fällig. Ich erinne mich nicht an gebrochene Finger. In der vierten Klasse hielts einer nicht mehr aus. Der kleinste und zarteste. Im Schulhof zu langsam, in der Klasse zu naiv. Man fand ihn zuhause im Keller am eigenen Gürtel hängen.
Das grausige Fräulein fand in der fünften Klasse seine männliche Fortsetzung im Gymnasium. Oberlehrer. Ein 1892 in Preussen eingeführter Titel für sechsemestrig erfolgreich abgeschlossenes Studium mit behördlicher Erlaubnis zu nachfolgender Schülerabrichtung an Realgymnasien.
Mein Klassenlehrer, der grösste Schreihals meiner Schullaufbahn, Keinen habe ich erlebt, der seine immerflache Aktentasche mit einem solch lauten Knall auf dem Pult aufschlagen konnte, dass alle Schulkinder zusammenfuhren. Er hat nie einen Schüler geschlagen. Aber sein beleidigendes Geschrei traf ins Herz, dass selbst der dumpfste Klassenkamerad in sich zusammenfiel. Einmal stand er so vor einem Mädchen, das etwas nicht gleich verstanden hatte. Die kleine Viola D. wurde leichenblass und beugte sich plötzlich ruckartig nach vorn. Der erste Mensch, den ich kotzen gesehen habe.
Man muss sich vergegenwärtigen zu welcher Zeit diese Menschen ausgebildet worden sind. Die studierten Mitter der 1930er Jahre. Die hatten gelernt wie man aussortiert, die Edlen von den Untermenschen. „Ihr nichtswürdigen Untermenschen“, wie oft mag ich diesen Ausdruck wohl gehört haben in der Sexta und Quinta.
Alles im Leben ist steigerungsfähig. Die jüngeren unserer Lehrer hatten vor oder während des Zweiten Weltkriegs studiert. Vielleicht sogar Kriegshandlungen erlebt oder an Kriegsverbrechen beteiligt. Ein Krieg lässt keinen Menschen seelisch unbeteiligt.
Da war der Herr Reitzel. Aufstehen!Hinsetzen!Aufstehen!Hinsetzen!Aufstehen!Hinsetzen! Das Maschinengewehrgeratter wirkte in seiner Sprache weiter. Und der Zynismus in seinem ganzen Habitus. Menschenverachtung und Hass Schneidig Brust raus und Stechschritt. Aufstehen!Hinsetzen! „Na, Ärmel machst du wieder das Arbeiterdenkmal!“ Beim langsamengen Tanz auf der Klassenfastnachtsparty. „Beim Tanzen so langsam wie in der Stunde.“ Nie vergesse ich seine angewiderte Grimasse dabei.
Was ich ihr getan haben könnte. „Die suchst sich in jeder Klasse einen aus.“ Ich weiss es ebenso wenig wie später Befragte. „Solange du hier an der Schule bist, werde ich dafür sorgen, dass du sie wieder verlässt.“ So sprach die völlig vertrocknete Mittdreissigerin. Sie schaffte es nach zwei Jahren. Die Studienrätin und Gattin eines Künstlers. Der musste noch warten, bis er das Stipendium zum Studienaufenthalt in Italien erhielt. Finanziert von der Bundesrepublik Deutschland.
Und dann der sanfte Lateinlehrer. Vorname:Clemens. Bei der Rückgabe der Klassenarbeiten ging er durch die Bankreihen. Schon damals erinnerte er mich an den Kaplan Kindlein aus den Lausbubengeschichten. Irgendwie verlogen und hintenrum. „Wie heisse ich mit Vornamen?“ „Clemens.“ Und dabei schämte sich schon mancher Schüler, denn damals sprach man Erwachsene, selbst die aus dem Freundeskreis der Familie mit Herr oder Frau an. „Nun?“ Dies war die Aufforderung, grammatisch exakt zu sprechen. „Clemens, clementis – sanft, mild, nachsichtig.“ „Genau, und deshalb habe ich dir unverdientermassen noch eine Fünf gegeben.“
Bis auf ein Mal ging das immer gut für das brutale Weichei. Der Mitschüler mit den conterganverkürzten vier Fingern an der rechten Hand, immer mit rotem Kopf; ein schlechter Fussballspieler, den keiner beim Klassenspiel in der Mannschaft haben wollte – aber Einserschüler, der er war, musste Clemens diese Frage beantworten. Eine Klassenarbeit verhauen in  seinem jungen Leben. Nach dem Unterricht auf dem Heimweg an einer Obstwiese stellte er sein Rad ab. Soweit sehe ich das Bild vor mir. Wie er sich erhängte, da bleibt mein Blick zurück dunkel.
Mit manchen ehemaligen Mitschülern habe ich in der Vergangenheit über diese und viele ähnliche Vorfälle gesprochen. Das meiste hatten sie vergessen. Den Fischer mit seinen heckenschützenmässigen Ohrfeigen. Die Schnelligkeit seiner Vorhand und Rückhand hätten ihn beim Tischtennis brillieren lassen. Den begnadeten Chorsänger.
Manche hatten ebenso wie ich fast nichts vergessen von der Gewaltätigkeit, der Kälte und dem Zynismus in jenen Jahrn. Die meisten Ehemaligen hingegen habens hingenommen. Haben sich mit ihren Erniedrigungen arrangiert für den kommenden Lebensweg. Nach oben buckeln oder den Arsch hinhalten und nach unten treten. Wie heisst es auf Deutsch so schön: Er hat drei Leute unter sich. Und wenns nur der Vorkehrer der Putzkolonne ist. Ich hatte körperlich kaum etwas zu ertragen in der Schule. Das wurde andernorts erledigt.. „Na ja, weisst du, das war halt damals so.“ Es ist so einfach die Masse zu beruhigen auch angesichts sinnloser Gewalt.
Nicht vergessen sind selbstredend die wenigen Persönlichkeiten, die wirklich aus Überzeugung ihre besten Kräfte für die Schüler mobilisierten, die auch den Langsamsten oder Schwierigsten ihre Chancen geben wollten.
(Foto anklicken und der Galerie des Schreckens gross in  die Augen schauen).

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80 Gedanken zu „Einerseits die inneren Bilder beim Fotografieren

    • In einem irischen Volkslied heisst es: what´s gone is gone, what´s done is done and what´s lost is done and gone forever…..
      Wer diese Schulzeiten hinter sich brachte, hatte zwei Möglichkeiten.
      Entweder runterschlucken und nicht nachdenken. Oder das Erlebte zur konstruktiven Stärke machen. Ich habe mich für den durchaus unangenehmeren zweiten Weg entschieden. Denn entgegen des Volksliedverses habe ich erfahren: irgendwas bleibt immer…
      Ich sende Ihnen expresszepplinig einen eisgekühlten Limoncello, Ihr Herr Ärmel

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      • Das bewährte Einenachtdrüberschlafenprinzip hat sich mal wieder bewährt, mein lieber Herr Ärmel. Das Grauen, was hier gestern so unverhofft in die Pupillen sprang und mich sprachlos machte, es ist gebändigt und Gedankensicheln, scharf und sensibel zugleich; schnitten es in verdenkbare Teile. Vom doppelten Trigger im Text, von dem Sie nichts ahnen können, nehme ich bewußt Abstand. Es bleibt beim Schulthema. Zunächst jedoch möchte ich Ihnen meinen Respekt zollen, sich mit derartigen Themen auseinanderzusetzen. Weil Vergessen zwar der bequemere Weg, doch nicht der bessere ist. Nun zum Glück meiner späteren Geburt. Grausamkeiten wie diese, ich kenne sie schlichtweg nicht. Klar gab es Arschlochlehrer, die uns nach Ihrem Bilde formen wollten. Selbst stalinistisch beeinflußte Altkommunisten waren dabei. Auch die schon in anderen Kommentaren erwähnten Sportlehrer hatten in meiner Schule ihren Platz. Doch nie, nie erlebte ich körperliche Züchtigung. Auch keine Repressalien unter uns Schülern. Im Gegenteil, hatte einer Bockmist gebaut, hielt der Rest der Bande zu ihm und auferlegte Strafen wurden von allen gemeinsam getragen. Auch hatten wir einen starken Elternverband. Ich glaube hätte Mama Löwenherz auch nur den Anflug eines Übergriffes auf uns Botten mitbekommen, sie hätte den betrefflichen Lehrkörper in der Luft zerfetzt. Nervig waren für uns vor allem die eifrigen vom Sozialismus überzeugten Junglehrer, treue Parteibücklinge, die schon mal denunzierten. Doch auch hier wieder das nicht selbstverständliche Glück, daß es nie jemanden wirklich schlimm traf. Das gefürchtete Bautzen und seine leider wahren Horrorgeschichten waren uns doch sehr nah.
        Lieber Herr Ärmel, Pardöngsche für diesen ellenlangen Kommentar. Die Schubladen, die mit dem Öffnen der Ihrigen auch bei mir herauskrawummsten, sie sind randvoll. Von Dresden muß ich wohl gesondert berichten, da gab es dann doch Übergriffe, denen wir Junggören auf unsere eigene überhebliche Art begegneten. Gutenmorgengrüße, Ihre Frau Knobloch, immer zugetan, auch wenn die Augen überquellen.

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        • Ich danke Ihnen, liebe Frau Knobloch, sehr Ihren ausführlichen Kommentar. Über den Doppeltrigger wüsste ich natürlich gerne mehr…
          Allenfalls zeigt mir Ihr Kommentar, dass ich wohl vorsichtig sein muss mit meinen Mitteilungen aus den Kinderleben mitten im buntblühenden westdeutschen Wirtschaftswachstumswunderland. Andererseits ist auch dies ein kleiner Teil der Geschichte unseres Landes
          Gutgefrühstücktlebensfrohe Morgengrüsse vom Schwarzen Berg

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          • Tudo bem, mein lieber Ärmelmann. Was drastischer Worte bedarf, kann nunmal nicht beschönsilbt werden aus Rücksicht auf Heileweltgänschen wie ich es manchmal bin. Augenwasser tut ja auch manchmal noth, um den Dreck rauszuspülen, der sich so pupillig festsetzt und den Blick verklebt. Schreiben Sie, wie es Sie aus Ihren Gehirnschubladen anspringt, nur so ist es glaubhaft. Mit Herzgrüßen, Ihre Frau Knobloch, über Vorteile von Schorf sinnierend.

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            • Mit den Augen ists ähnlich wie Autoscheiben oder Fenstern überhaupt – manchmal muss da Wasser drüber für klare und vor allem freie Sicht…
              Vormittagsonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  1. Wie grauenvoll. Nicht die wunderbaren Fotos, sondern solche Kindheits- und Jugenderinnerungen im Zusammenhang mit dem, was sich Schule schimpft.
    Auch ich erlebte diverse Typen von Lehrkräften, fast möchte man Leerkräfte schreiben, aber nicht in solch drastischer Form.
    Keine körperlichen Züchtigungen, aber die diversen seelischen Grausamkeiten waren auch einprägsam.
    Ganz übel ist mir ein Fräulein Stengl in Erinnerung, die sicherlich kreuzunglücklich war, denn sie kühlte ihr Mütchen an den Defensiven…

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    • In dem Beitrag wird von zwei tragischen Vorfällen berichtet. Die lebenslänglich seelischen Verkrüppelten, mit denen ich teilweise noch heute Kontakt habe, sind hier mit den sie betreffenden Beispielen nicht aufgeführt. Später vielleicht…
      Fairerweise muss ich hinzufügen, das auch wir Schüler Gewalt ausübten in der uns damals möglichen Art der Rache. Da wurden aus Opfern Täter. Für diejenigen, die seelisch misshandelten, mag das als gerechter Ausgleich durchgehen.
      Davongekommen sind die Schläger, die Mädchengrapscher und diejenigen, deren Peinigungen keine sichtbaren Folgen hatten. Haarausreisser, Kopfnussverteiler, Ohrenzieher und ähnliches Geschmeiss. Gegen die haben wir alle uns nie getraut die Faust zu erheben und zurückzuschlagen. Gegen deren stumpfe Gewalt hätten wir keine Chance gehabt. Egal wen es erwischt oder wie – keiner ist für sein Leben folgenlos davongekommen.
      Trotz alledem, oder gerade deshalb: Sonnigschönesommergrüsse vom Schwarzen Berg

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      • Na, solche Dinge kenne ich natürlich auch. Gehässigkeiten verbaler Art, Schubsen, Hänseln, Petzen, Sachen verstecken. Das erlebt wohl jede(r). Nur Markenklamotten“zwang“ gab es damals noch nicht. Wir hatten ja nüscht 😉

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        • „…Gehässigkeiten verbaler Art, Schubsen, Hänseln, Petzen, Sachen verstecken.“ Klar, auch das. Ich meinte jedoch die Schülergewalt gegen die Lehrer. Zwei Sack Zement in den Swimming-Pool kippen. Das Garanetor nach von aussen zumauern. „Im Namen einer Lehrerin“ ein kaltes Buffet für 50 Personen bestellen. Bei der Frau eines Lehrers anrufen um ihr mitzuteilen, dass ihr Mann gerade eben im Unterricht verstorben sei….. 😉 // die fantasielose Rache von ewig erniedrigten und gedemütigten Schülern…
          Ihrem Satz „Wir hatten ja nüscht “ entnehme ich, dass Sie elbeöstlich aufgewachsen sind. Darf ich darauf hinweisen, dass elbewestlich aufgewachsene Leute meines Alter auch kaum was hatten. Natürlich gabs Läden voller Schallplatten, aber die mussten auch bezahlt werden, wenn man sie haben wollte.
          Ich z.B. musste die Schuhe meiner Altvorderen aufgetragen. Anfangs waren sie zu gross später zu klein. Tolle Reaktionen in der Schule… (da fällt mir die Sache mit den Unterhosen ein…). Von wegen, alle hatten Jeans~~~
          Ich hatte mal Kollegen aus der vormaligen Deutschen Republik, die hatten Bilder im Kopf von uns Jugendlichen in den 1970er Jahren – himmelschreiend witzig. Da hatte das Westfernsehen wohl zu heftig zugeschlagen ~~~ Es gibt Dinge zwischen Hüben&Drüben, da wissen wir gegenseitig kaum was voneinander Und das bis heute. Deswegen bin ich ja an solchen gegenseitigen Austauschen derart interessiert.
          Abendschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  2. Ach, das klingt ja traurig schrecklich. Und ich dachte, wir hatten schlechte Lehrer, nach dem Krieg erst ausgebildet, sogenannte Neulehrer. Die verstanden manchmal von Pädagogik nicht all zu viel. Aber das Aussortieren, wie Du es nennst, hatten sie dafür nicht studiert.

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    • Ich hatte ja Zeitzeugeninterviews mit einigen damals so genannten Neulehrern. Da hatte sich die junge Demokratische Republik was feines ausgedacht. Das funktionierte auch einige Jahre. Die meisten deutschen Lehrer waren vorher ja im NS-Lehrerbund. Da musste man als Lehrer nicht mal verpflichtend drin sein. Interessant, dass da wesentlich mehr Lehrerinnen als Lehrer Mitglied waren. Bei bestimmten ehemaligen Organisationen hat die junge Demokratische Republik genau drauf geachtet, zum Beispiel bei den Lehrern.
      Im Gegensatz zu den Angehörigen der vormals medizinischen Organisationen. Ärzte wurden nämlich dringend gebraucht in der Demokratischen Republik. Und die Professoren für die Medizinstudenten…

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  3. Wie sehr hat ein Mensch sich verloren,um so zu sein?
    Es fällt mir schwer das einzuordnen.
    Der Hass, der all dem zugrunde liegt, woher kommt er?
    Einem erlebten Krieg entkommt man nicht.
    Was ist dann die Begründung derer,die nicht im Krieg waren und sich so verächtlich verhalten?
    Es ist ein trauriger,nachdenklicher Tag heute.
    Verehrter Herr Ärmel,Sie geben viel,indem Sie berichten.Ich vermute, es kostet Sie immer noch viel.
    Meine Hochachtung ist Ihnen gewiss.
    Ihre Ute

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  4. Wer war denn die Ammigruppe?
    EIn Cover von Neil Young, da fällt mir nur Radiohead bzw. Thom Yorke ein, allerdings nie veröffentlicht.
    Und dieses Cover (After the goldrush) mag ich sehr.

    Ansonsten bittere Geschichte. Da kann ich nur sagen, Gnade der späten Geburt. Wobei, die Mittel haben sich verändert, der Mensch an sich ist nicht zwingend besser oder schlechter geworden.
    Schönegedankenfindender Abend.

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  5. Im Licht dieser Erinnerungen gewinnen die Skulpturen eine ganz neue Dimension, die auch fotografisch eindrucksvoll belegt ist. Ich danke sehr fürs Teilen und sende nachdenkliche und gute Grüße aus Nordwest.

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  6. Sollte man sich nun Pink Floyds Wall mal wieder antun? Um Skulpturen und Schultraumata zusammenzubringen?
    Mein Beileid zu DIESEM Schulalltag, ein Rest DIESER Lehrerhaltung blieb uns im Osten vor allem unter Sportlehrern erhalten, Neulehrer hin oder her, … Arschlöcher unter Lehrern gab es dann erst an der EOS zu Hauf, die schlugen zwar nicht, aber gaben so den Psycho-Stalinisten, dass man sie wunderbar hassen konnte. Umso dämlicher finde ich den Brauch bei Klassentreffen, einen Rundgang durch die Schule einzuplanen: Wer braucht denn sowatt! Andererseits fällt mir da noch der Danzer ein „Nur der Hass bringt noch was, hassen macht auch viel mehr Spass…“, die fiesen Konsorten werden nämlich steinalt und tauchen heutzutage immernoch bei Klassentreffen auf, während die netten schon unter der Erde sind.

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    • Klassentreffen sind überaus aufschlussreich. Bei unseren kamen keine Lehrer. Ich meine eher sowas wie das Zitat von Lindenberg „…die Bonnies & Clydes von früher, die heut´ Beamte sind. Und Fritz der Cowboy wurde nur Manager bei der Müllabfuhr…“
      Sportlehrer? Genau, da fällt mir das Wehrmachtsarschloch Becker ein: wie der in der Quinta die Nichtschwimmer ins Becken warf oder wenns drei, vier auf einmal waren, von Mitschülern ins Becken stossen liess. So züchtet man den Nachwuchs… Auch ihn haben längst die Würmer zernagt. *g*

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      • Lindenberg: …und da hat ihm Freddy die Fresse poliert, seine Nerven waren zu strapaziert.“ Dieses Lied hat mich kurzzeitig zum Fan werden lassen, hielt aber nicht an, musikalisch war mir uns Udo denn doch zu rumplig.
        Heute bin ich mittlerweile unsicher, ob unsere EOS Lehrer wirklich sooo schlecht – oder eher meine pubertäre Abneigung zu heftig war.

        Außerdem kann man inzwischen ja deinen Ausgangsbeitrag ins glatte Gegenteil verkehern.
        -„Magst du jetzt mal endlich auspacken?“
        -„Magst du jetzt mal aufpassen?“
        -„Magst du mitschreiben?“
        -„Wer ist hier das Arschloch, wir hatten vereinbart, dass du Joachim zu mir sagst!“
        -„Du hast das Stück nicht verstanden, aber du kommst immerhin wieder regelmäßiger zum Unterricht, deshalb geb ich dir zum Ansporn eine 3, immerhin ist das Blatt ja voll geworden.“(Nach 3 Stunden Klausur.)

        Der Pendel schlug extrem zurück; vom Altnazi-Ping zum Althippie-Pong, und die megaalberne Diskussion um das 13te Schuljahr erst….

        Einen hab ich noch, einen hab ich noch:

        Schüler 1 ist motiviert,
        Schüler 2 ist gelangweilt,
        Schüler 3 ist unglücklich verliebt
        Schüler 4-5 und 6 haben gegenwärtig den Scheidungsklaps = erhohte Renitenz
        Schüler 8-9-10 haben LRS
        Schüler 11-12-13-14 haben ADHS
        Schüler 15 und 16 haben ein Drogenproblem
        Schüler 17 hat Epilepsie
        Schüler 18 schwänzt mal wieder und klaut vermutlich gerade
        Schüler 19 ist eigentlich ganz normal, hat aber eine voll frustrierte Mutter, die sich am Leben rächen will, indem sie den nächsten Aufstand im Elternabend plant…

        …und der Klassenlehrer dieser Inklusionsklasse darf — ! —sich freuen, dass er nur 19 Schüler hat — ! —und „leistungsdifferenziert“ unterrichten.

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        • Sehr gut geschrieben – sowohl die Umkehrung in Teil 1 als auch der Präsenzzustand (Istzustand?) in Teil 2. Und was die letzten beiden Zeilen betrifft, kenne ich das auch aus Erzählungen von Freunden…
          Mittäglichsonnigzikadenschnarzendfröhliche Grüsse vom Schwarzen Berg

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  7. Das hat mich jetzt doch sehr schockiert, zumal wir beide vom Alter ja nicht sehr weit auseinanderliegen. Denn die Geschichten über solche Art von Lehrern kenne ich nur von meinem Vater, die Schläge mit dem Lineal oder Rohrstock, dass man zu Hause keinen Trost sondern eher Nachschlag bekam, auch meine Mutter hat das noch erlebt. Jetzt habe ich mal gegoogelt und festgestellt, dass die Prügelstrafe an den Schulen erst Anfang der 70er abgeschafft wurde. Außer in Bayern, da hinken sie ja immer zehn Jahre hinterher *fg*

    Hab ich nur Glück gehabt? Ich bin in Hamburg und Hessen zur Schule gegangen, ich kannte solche Lehrer nicht. Ich hatte langweilige und engagierte, nette und weniger nette, Choleriker und Schlafmützen, autoritäre Schreihälse und Weicheier die im Unterricht völlig untergegangen sind, aber so krasse Beispiele wie Du sie hier anführst sind mir erspart geblieben.
    An prügelnde Lehrer habe ich null Erinnerung. Hätte auch schwerwiegende Folgen gehabt, denn mein alter Herr hatte ganz genaue Vorstellungen davon was ein Lehrer darf und was nicht, manche Menschen lernen ja durchs Leben. Für mich ist es geradezu unfassbar, dass andere Eltern so etwas hingenommen haben.

    Mein unschuldiger Ausflug ins Mädchenzimmer auf der ersten Klassenreise hatte ebenfalls keine Folgen soweit ich mich erinnere, allerdings war ich da auch erst 7 oder 8 *gg*

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  8. Herr Ärmel, ich hätte Sie viel jünger eingeschätzt. Vor einigen Monaten kam ein Bericht im Fernsehen wo Menschen um die 70 Jahre aus ihrem Leben erzählten und wie sie von Eltern und Lehrern geschlagen wurden. Der Bericht kam mit Absicht spät abends, da er sehr erschütternd war. Da war das Beispiel einer Frau. Anfang 20, bereits verlobt, aber bis zur Hochzeit noch bei den Eltern wohnend. Die wurde von ihrer Mutter geschlagen, da sie dem Vater nicht etwas bringen wollte. Das war, so wie Ihre Beschreibungen, aus heutiger Sicht unvorstellbar. Ich hatte vor einigen Wochen mit meiner Tante über meine Oma (ihre Mutter) gesprochen. Beiläufig erwähnte meine Tante, dass meine Oma eine „sehr lockere Hand“ hatte und die Art und Weise wie sie es aussprach ließ Schlimmes erahnen. Ich kannte nur die liebe Oma. Mein Vater (ihr Bruder) hatte es nie so explizit erwähnt, wenngleich auch er andeutete, dass es früher anders zuging.
    Was hat zum Umdenken geführt? Die Gesetze alleine werden es nicht gewesen sein. Vor einigen Jahren hatte ich einen Beitrag über Gewalt zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund gelesen. Dort machten sich die Jugendlichen mit Migrationshintergrund über die Verweichlichten ohne Migrationshintergrund lustig. Sie (Mit) hätten schon zuhause so viele Schläge bekommen, dass ihnen einige mehr oder weniger auch nichts mehr ausmachen. Die (Ohne) hingegen halten nichts aus. Klang sehr erschreckend.

    Lieber Herr Ärmel, vielen Dank für diesen aufwühlenden Beitrag.

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    • „…ich hätte Sie viel jünger eingeschätzt“ – Sehr geehrter Herr Guinness, ich weiss nicht, welche Zahlen Ihnen da so vorschweben. Und ich bin mir sicher, jünger zu sein, als Sie vermuten.
      Zum Thema: ich bin davon überzeugt, dass die ganzen „neuen Krankheiten“ wie z.B. Neurodermitis, Essstörungen etc.auch nur Folgen von Familienkonstellationen und abstruser Erziehung sind.
      Was früher vorwiegend körperlich brutal abgewickelt wurde, findet heute auf der seelischen Ebene statt. Fehlender (fester zeitlicher) Rhythmus im Familienleben und Jahresablauf und verlässliche Konsequenz (nicht zu verwechseln mit Härte und Unnachgiebigkeit) führen auf kindliche Abwege. Wo mit Zweijährigen über das Essen stundenlange Verhandlungen geführt werden, wo Kleinkinder vor dem TV abgesetzt werden, wo Tablets, Handys und sonstige Ablenkungsscheixxe die elterliche Beschäftigung und freigiebige Zuwendung ersetzen sollen… was ist daran weniger kindungerecht als früher?
      Ich könnte heute um manches Kinderschicksal weinen, wenn ich irgendwo sehe, wie Kinder da behandelt werden. In Geschäften, in Konsumtempeln oder sonstwo….

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  9. Jetzt verstehe ich!
    Weiters ohne Worte, zumal ich sowohl von der Kind-Seite als auch von der Kollegenseite einige Sadistenmenschen kennenlernen musste- und wenn ich zu meinen Referendarinnen sagte, Hauptsache wäre die Liebe zu den Kindern, kam immer das von Studienseminarsleuten übernommene Kopfschütteln und Augen verdrehen (für Beamte sind gänzlich andere Dinge unbedingt zu beachten)….Kinderleid vorprogrammiert.

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    • …wenn alle Ehrgeizigen SuperpädagogInnen wissend undprofessionell dazu nickten, wenn ein Obergescheiter Bettelheims Spruch „Liebe allein genügt nicht“ zitierte und ich laut und vernehmlich sagte: DOCH!
      Was glaubst Du, was dann los war!

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  10. Wie brutal. Welche Gemeinheiten. „Das Weiße Band“ fand ich ungeheuer beeindruckend und „gut“, aber nach Ihrem Text glaube ich auch, dass Sie ihn sich sparen können. Und ja, dass Sie heute auf ganz andere Weise um Kinderschicksale weinen möchten, das verstehe ich auch. Nebenbei, denen in Ihrer Galerie schaue ich nicht gern in die kalten Augen.

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    • Den Inhalt des Films kenne ich oberflächlich, habe wohl auch Szenen daraus gesehen (Vorschau? S-W Film?).
      Er spielt zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Und genau beginnt die Schwierigkeit. Wir können uns maximal drei Generationen zurückerinnern und schon da nur in Bruchstücken (wann z.B. wurde Ihr Urgrossvater geboren, wie war er als Schüler in der Schule, wo hat er gelernt, was machte er während des Krieges, wie lernte er seine Frau kennen, wann machte er seinen Führerschein… da gehts schon los).
      Was ich damit sagen will ist, dass wir schon die Kinderzeit unserer Eltern kaum nachimpfinden können. Wissen können wir schon, aus Familienaufzeichungen, Archiven, Geschichtsbüchern etc…
      Aber um zu verstehen braucht es mehr als blosses Faktenwissen. Und für Gespräche ist es meist zu spät. Und auch sie haben ihre Haken und Ösen wie uns die Oral History aufschlussreich belehren kann.
      Vorwochenendsonnige Grüsse vom Schwarzen Berg

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  11. Den Film solltest du dir nicht entgehen lassen. Er ist ein wirkliches Highlight. (Obwohl mir auch auffiel, dass da ein dicker Drehbuchschnitzer enthalten ist.) Sozusagen das düstere Gegenstück zur idyllischen Ehm Welk Verfilmung „die Heiden von Kummerow“ aus den 60ern. Es geht eigentlich gar nicht so sehr um die Haupthandlung, sondern um das seltsame „Miteinander“ der Personen. Wurde hier in meiner Ecke gedreht, weil es hier noch ein paar Dörfer ohne Asphaltstraßen gibt.

    Kinderzeiten vergangener Generationen nachempfinden können – geht durchaus:
    Ich glaube fest, dass Lindenberg die unterdrückten Ideale seines Vaters lebt, genauso wie Ilja Richter die beider Elternteile – um so zu leben wie die beiden muss man aber ein großes Stück Familiengeschichte geschluckt haben.
    André Heller – auch so ein Fall, der in seiner eigenen Zeitkapsel lebt, gemeinsam mit dem Lesestoff seiner Großonkel und – tanten.

    Ich verstehe langsam, auch durch deinen Beitrag oben, warum die 68er west diesen seltsamen nachträglichen Widerstandskampf erzeugten, ja erzeugen mussten – weil sie der alte Restezustand des NS-Systems noch so heftig umgab.
    Im Osten gabs den Spruch: Lieber Gott schicks 5. Reich, das 4. ist dem 3. gleich. Braun = Rot.
    Aber die Familien hielten in der Mehrzahl (in recht passiver Form) dagegen. Mehr war auch in der NS Zeit nicht gegangen. Dadurch entstand so ein automatisches Verstehen: Es ist vernünftig KEINE Flugblätter zu erzeugen oder zu verteilen. Es ist vernünftig abzuwarten bis das System von alleine krachen geht. „Wenn dich die Grenztruppen mustern sollten, wirst du eventuell schießen müssen, wenn einer abhaut. Ob du absichtlich daneben schießen wirst — ??? —- Kannst du das schon langfristig vorhersagen? Der Wehrmachtssoldat stand vor ähnlichem Problem.“ Uns kam das Verständnis für die Altvorderen somit nicht abhanden.

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    • Ich habe den Film inzwischen gesehen. Beeindruckend einerseits. Bekannt andererseits.
      Bekannt sind die historischen Tatsachen. Einen dicken Drehbuchschnitzer habe ich nicht bemerkt. Beeindruckend die Bilder, die Schauspieler und das Licht.
      Was mir weniger gefiel, war die Auswahl der Protagonisten: Baron, Arzt, Pfarrer, Verwalter und Lehrer. Zu wenig Volks war da am Agieren. Trotz der zweieinhalb Stunden Spielzeit.
      Klar ist der Film ein Gegenstück zu Ehm Welk. Die „Heiden“ habe ich als Kind im TV gesehen (da existieren noch heute Filmzitate im Erinnerungsarsenal).

      Deinen Glauben an die Möglichkeit des Nachempfindens vergangener Generationen will ich dir gerne lassen, ich sehe das allerdings anders: wir können uns Vorstellungen machen über menschliche Befindlichkeiten vergangener Zeiten, aber Ängste, Hunger, Kälte oder Freude empfinden wie die mehrere Generationen vor uns lebenden Menschen das können wir nicht. Wie empfand man um 1900 den frühen Tod des eigenen Kindes? Mit Trauer – aber wie wirkte sie in die Empfindungen? Wie bei uns Heutigen?
      Die Empfindungen der Landbevölkerung beim ersten Stadtbesuch, der Lärm. die Geschwindigkeit, das Durcheinander, die nächtliche Beleuchtung der öffentlichen Räume – wie gingen diese Menschen mit der rasanten technischen Entwicklung um in seelischer Hinsicht?
      Es scheint auf den ersten Blick einfach, zu sagen, ja die waren ebenso verunsichert wie wir Heutigen mit der digitalen Revolution. Aber so einfach ist es nicht—

      Jede Entwicklung hat ihre Zeit, ihre eigene Dynamik und ihre eigenen Dimensionen mitsamt der darin verwobenen Menschen. Wir können die Befindlichkeiten bestenfalls unserer eigenen Zeitgenossen nachempfinden – und selbst da: Mit allem, was dir da sicher erscheinen mag kommst du und lebst du auf dem Schwarzen Berg. Tauchst ein in die Kultur für ein Jahr und lernst die Menschen etwas kennen und sprichst mit ihnen. Und du wirst festellen, dass deiner Nachempfindungsfähigkeit Grenzen gesetzt sind, die unmöglich zu überschreiten sind. Verstandesmässig sieht das selbstredend ganz anders aus.

      Was du mir in diesem Zusammenhang mit dem Ausleben von Elternidealen bei Lindenberg, Richter oder Heller sagen willst, hat sich mir nicht erschlossen. Das eine Thema zielt auf ein zurückgerichtetes Nachempfinden, das andere um eine Art von verspäteter Verwirklichung von Vergangenem…

      @ alle Kommentatoren ein Tipp im Bezug auf „Das weisse Band“: eine der letzten Arbeiten Uwe Johnsons, der Fragment gebliebene „Versuch einen Vater zu finden“ spielt in der Zeit zwischen 1888 und 1918. Darin wird im Gegensatz zum Film nicht allein das soziale Leben eines kleinen Dorfes beschrieben, sondern der gesamte historische und gesellschaftliche Kontext miteinbezogen. Und dies auf sehr anschauliche Weise. Gibts bei Suhrkamp als Taschenbuch und auch als Hörbuch von Uwe Johnson selbst gelesen. Ein wirklich vergnüglicher literarischer Geschichtsunterricht

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      • Drehbuchschnitzer: Die Auflösung der Verbrechen durch den nun erblindeten halbtoten Dorftrottel ist wenig überzeugend; außerdem verhält sich der Gutsherren-Sohn nach der Rückkehr vom Genesungsurlaub falsch. Er begiebt sich arglos wieder unter seine Peiniger. Entweder existiert da ein Directors-Cut, indem Szenen erklären, warum das KEIN Schnitzer im Drehbuch ist oder es ist einer.

        Heller, Lindenberg, Richter: Um die Ideale deiner Eltern zu übernehmen und ihre nicht verwirklichten Träume auszuleben musst du sie vomBauchgefühl her verstanden haben: Die Ideale und die Eltern. Du kannst nicht Eltern anklagen/mit peinlichen Fragen in die Enge treiben und gleichzeitig ihre Ideale übernehmen und ausleben.

        Lindenberg: Gustav/Hermine LPs und gaaaanz viel Hollaendersongs auf vielen seiner anderen Platten
        Heller: Mutterliedplatte, Lesestoffe des 19./frühen 20.Jahrhunderts immerwieder in Songs und Texten erwähnt bzw. zitiert
        Richter: lebte den Humor der 20er Jahre in den 70ern in „Disco“-Sketchen aus, kein Schwein lacht, aber ihm gefällts.

        Zu deinen Beispielen der Nichtnachvollziehbarkeit: Hunger, Frost, Tod der Kinder – das stimmt, da geb ich dir recht;
        beim Thema erster Ausflug in die große Stadt: Da fällt mir Tegel 1989 ein; als ich mit Begrüßungsgeld bei „Wilson & Vogt“ im Plattenladen stand: Kulturschock total! Ich glaubte immer, ich wüsste, wonach ich unbeiirt gucken würde, wenn ich mal in einem westlichen Plattenladen stünde – — dann wurde das wahr und ich glaube, ich wusste in dem Moment nicht einmal mehr, wer die Beatles waren, da kann ich nachvollziehen, wie es Oma und Opa 1928 ging, als sie (vom Dorf im Sudetenland) die Hochzeitsreise nach Wien unternahmen.

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        • Das habe ich nicht als Schnitzer gesehen. Für mich sogar durchaus plausibel: der „Behinderte“ ist der einzige, der seine Umgebung richtig wahrnimmt oder den „Durchblick“ hat.

          Diesem Lindenberg/Heller/Richter Ding stehe ich eher kritisch gegenüber. Ich würde gerade das Gegenteil behaupten: Die Projektion der Eltern wird von den Kindern unbewusst ausgelebt, Beispiele sind Legion. Deine Beispiele setzen voraus, dass Kinder bewusst die Unerfülltheiten ihrer Eltern ausleben. Da ist mir kein Mensch vorgekommen bisher, der das von sich in Wort oder Schrift bezeugt hätte. Bis dahin bleibt das für mich eine Spekulation.

          Das kann ich gut verstehen, ich 1983 zum ersten Mal in den Staaten. Der Gastgeber gab mir den Schlüssel zu seinem Spielzeug: 1971er Caddi Fleetwood Eldorado Cabrio umgebaut mit Big-Block-Engine. Ich, raus auf die Strasse, den linken Arm raushängen lassen und ab Richtung Sonnenuntergang. Später runter zu seiner Bootsgarage, elektrisches Tor ferngesteuert hoch und vorm abendlichen Barbeque noch schnell ne kleine Spritztour auf dem Rock River, Illinois, USofA… Das werden wir beide vielleicht ähnlich erlebt haben…
          Da fällt mir der Verwandtenbesuch aus der DDR eines Freundes bei uns im Kaff ein. Aber das ist eine andere Geschichte…

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  12. Erstmal wieder ein herzliches Dankeschön für diese intensiven Beitrag, den ich wieder mal in der Kategorie „Spurensuche“ oder „Wie wurden was wir sind“ verbuche.

    Mir sind solche alten Schulgeschichte mehr als gut bekannt. Da hatte ich z.B. so einen Religionslehrer, der mir mal so eine Ohrfeige verpasste, dass ich in die Ecke flog … am Sonntag war ich dann wieder „unter ihm“ Ministrant und wir feiertem die Hl. Messe … Man kann auch Leute aus der Kirche prügeln *ggg* … und sich anschließend über die Zahl der Kirchenaustritte wundern.

    Der Rektor der damalige Volksschule schlug sehr gerne mit so einem harten Vierkantstock (Stichwort: Bettina Wegner „Sind so kleine Hände“), der eigentlich als Lineal für die Tafel gedacht war … und alte Nazis hatten wir auch mehr als genug …

    Rückblickend braucht man sich also nicht wundern, dass irgendwie die „Halbstarken“ ihre Runden drehten und später dann Teile der Studentenschaft jene „Pädagogik“, die eindeutig sadistische Züge hatte attackierte … und auch die anti-autoritäre Erziehung kommt ja nicht von ungefähr.

    Besonders wertvoll fande ich Deine Gedanken zu den Narben, die ein solcher Erziehungsstil hinterlässt. Wer diese leugnet, hat – nun ja – hat jenen auch schmerzlichen Weg der Reflexion noch gar angetreten: eigentlich schade, denn dieser Weg führt eben auch zu neuen Perspektiven für das eigene Leben.

    Und ja, der Film „Das weiße Band“ war für mich eminent wichtig … auch wenn er an die Substanz gehen kann.

    Letzter Gedanken: Dein erstes Bild mit den „Liebenden“ im Hintergrund ist für mich sehr bewegend … zeigt es doch, dass Begriffe wie Nähe, Zärtlichkeit, Vertrautheit und ja auch Liebe wichtige Elemente sind, um solch prägenden Erfahrungen der eher grausamen Art, überwinden zu helfen.

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    • Vielen Dank, Herr Riffmaster, für den wie immer erhellenden Kommentar. Und ja, „Das weisse Band“ werde ich mir nach den verschiedenen Kommentaren dazu nun doch ansehen.
      Die schlimmste Waffe meiner Erfahrung nach gegen Kinder sind die kalte Herzlosigkeit, fehlende Empathie und das Desinteresse an der gedeihlichen Entwicklung des jungen Menschen zu der Persönlichkeit hin, zu der sich entwickeln könnte.
      Samstäglichsiebensonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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  13. Nachtrag: Meine Frau hat neulich ein Buch von Ingrid Müller-Münch mit dem Titel „Die geprügelte Generation – Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen“ (Klett-Cotta Verlag, 2012) gelesen.Da gibt es auch ein eigenes Kapitel über prügelnde und sadistische“ Lehrer. Das Buch hat meiner Frau ganz schön zugesetzt und die ist normalerweise hart ihm nehmen. Ich werde mich wohl mit dem Thema nach meinem Urlaub intensiver beschäftigen, ich glaub im Augenblick pack ich das nicht. Zu dem Thema hat die Autorin auch eine eigene website erstellt: http://gepruegelte-generation.de/

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      • Meine Italien-Rundreise kann ich auch vortrefflich damit verbinden, gewichtige Urlaubslektüre zu verdauen. Momentan lse ich gerade die Autobiographie von Pete Townshend und da fand ich dann auf Seite 20 eine Erinnerung von ihm an seine Schulzeit, die von einer konsequenten Rohrstock-Erziehung geprägt war:

        „Einmal war ich so gedemütigt und verletzt, dass ich mich bei meinen Eltern beklagte. Sie sprachen mit der Schulleiterin, deren Reaktion bestand darin, mich ab da besonders grausam zu behandeln. Nun durfte ich tagsüber nicht mal mehr auf die Toilette, und manchmal machte ich mir auf dem langen Heimweg in die Hose, weil ich mir nicht mehr zu helfen wusste. Da ich Angst vor noch härteren Strafen hatte, erzählte ich meinen Eltern zu Hause kein Wort mehr …“

        Man sieht, die „schwarze Pädagogik“ war nicht nur auf Deutschland beschränkt und man wundert sich nicht mehr, warum später dann dieser Pete Townshend so zornige Musik schreiben konnte, vermutlich musste …. talkin´ bout my generation …

        Grüße aus dem sommerlichen Rom …

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        • England ist ja bekannt für seine harschen Erziehungsmethoden. Mir fällt die „Wand“ ein und der Film dazu samt dem Fliessband mit der Hackfleischmaschine am Ende: we don´t need no education…
          Vom Schwarzen Berg sende ich ganz herzliche Grüsse ins sommerliche Rom!

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  14. Lieber Herr Ärmel, jetzt klicke ich gleich und lande als erstes auf diesen Beitrag, den ich mehrmals gelesen habe und dann einfach nichts dazu sagen konnte. Ich als später Geborene kenne dies in so ausgeprägter Form in der Schule nicht. Den Gefällt-mir-Knopf, den ich gleich drücke ist Ihrem Mut und Ihrer menschlichen Zugewandtheit, die trotz allem sehr spürbar ist, gewidmet. Danke fürs Erzählen. Ihre Frau Coupar

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