Vielfalt aus Tradition

Zum Ausklang des Abends darfs gerne etwas lebhafter sein: Verschiedene Musikalartisten – Sin Alley – Red Hot Rockabilly 1955 – 1962 …

Fernsehabend in der Dunkelkammer. Welcome to Sarajevo. Ein halbdokumentarischer Film des Regisseurs Michael Winterbottom von 1997. Unbedingt empfehlenswert. Für mich jetzt ein vorläufiger Schlusspunkt meines langen Wochenendes beim 20. Internationalen Film-Festival in Sarajevo.
Sarajevo ist viel mehr und ich will die Stadt nicht auf ihre schrecklichen historischen Verwicklungen reduzieren. Nicht auf die Buchhandlung, in der ich das Buch „Zločini nad djecom Sarajeva u opsadi“ (Verbrechen an Kindern aus Sarajevo während der Belagerung) fand. Auf fast tausend Seiten werden akribisch die ermordeten Kinder in Texten und Fotografien dokumentiert. Ein Foto in diesem Buch hob mir spontan den Mageninhalt. Und ich habe bereits viele erschütternde Fotografien gesehen.
Sarajevo hat viele Gesichter. Die Stadt galt als die liberalste im untergegangenen Jugoslawien. Von den Städten in Südosteuropa, die ich bisher kennenlernen konnte, ist sie mit Sicherheit die kreativste und anregendste.
Mir ist es wichtig, die Menschen zu erwähnen, die auf ihre ganz eigene und sehr mutige Art versucht haben sich während der Belagerung von 1992 bis 1996 ihre Menschlichkeit zu bewahren. Bekannt ist der Cellist Vedran Smajlović, der zum Gedenken an 22 von bosnischen Serben ermorderte Bewohner der Stadt 22 Konzerte gab. Eins davon in der ausgebrannten Bibliothek.
Wir essen abends wieder bei der Frau, mit der wir bereits im letzten Jahr ins Gespräch kamen. Ihr winziges Restaurant „To be or not to be“ in der Altstadt liess sie während der Belagerung geöffnet wann es immer es möglich war. Auf dem Schild strich sie das „or not“ aus – „To be to be“, ein Motto ungebrochenen Überlebenswillens.
Allenfalls Fussballfans erinnern sich vielleicht an noch Predrag Pašić vom FK Sarajevo. Er spielte schon für den VfB Stuttgart und 1860 München. Während der Belagerung der Stadt baute er eine multiethnische Fussballmannschaft für Kinder auf und trainierte sie unter teilweise unvorstellbaren Bedingungen.
Menschlichkeit üben und vorleben auch wenn sich das soziale Umfeld als entmenschte Hölle offenbart. Jeder kann mit seinen Möglichkeiten dazu beitragen, dass die Welt trotz aller Widrigkeiten lebenswert bleibt.
In Sarajevo begegnen sich angeblich Orient und Okzident. Prächtige Bürgerbauten werden in der Altstadt (Ferhadija) durch ein Basarviertel abgelöst. Dort steht die grosse Moschee. Quer gegenüber die 500 Jahre alte Synagoge der sephardischen Juden, die im 15. Jahrhundert vor der spanischen Reconquista geflohen sind und hier Aufnahme fanden. Einen Steinwurf entfernt findet man die katholische Kathedrale neben einem altehrwürdigen Han und der stilvoll restaurierten Karawanserai.
Alles hat seinen Platz in dieser Stadt. Die zahlreichen gemütlichen Kneipen sind abends voll besetzt. Kost und Logis sind durchweg günstig. Und wer die bosnische Küche probieren möchte, kann aus einer breiten Palette wählen vom schnellen Burek an der Ecke bis zum elaborierten Menu in einem feineren Restaurant.
Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch und die Verdienste lächerlich niedrig. Ein Job im Büro bringt etwa 300 Euro monatlich ein. Das wirkt sich ungünstig aus auf die Nebengeldflüsse. Die internationalen „Friedensverträge“ und die gegenseitigen Taktierereien der ethnischen Gruppen blockieren einen möglichen Fortschritt schon im Ansatz.
Derzeit sind schätzungsweise 80% der Bevölkerung Moslems. Da fliesst reichlich Geld aus der Türkei und Saudi Arabien.. Missionsgeld der erzreaktionären saudischen Wahabiten einerseits, die Türken andererseits schicken ihre Kinder, besonders die Mädchen, hier zur Schule. Die Türkei ist nahe und in Sarajevo darf man sich die Köpfe je nach Weltbild und Herzenslust zuwickeln.
Jetzt habe ich doch viel mehr geschrieben als ich eigentlich wollte. Ich hoffe, dass die folgenden Fotografien einigen Besuchern, Lesern oder Guggern Lust auf eine sehenwerte Stadt machen.

(Zum Rundgang Foto anklicken)

 

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38 Gedanken zu „Vielfalt aus Tradition

  1. Das Gute und das Böse vereint in einer Stadt.
    Mir schmeckt die vortreffliche Torte nicht, nachdem ich Ihre Worte las.
    Auch beim Anblick der verhüllenden Mode wird mir übel.
    Guten Morgen, verehrter Herr Ärmel.
    Da ich jetzt in die Pilze gehe, freue ich mich auf Wald, freies Feld, frische Luft und reiche Beute.
    Genießen Sie Ihren Tag.Ihre Arabella

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  2. Menschlichkeit üben und vorleben auch wenn sich das soziale Umfeld als entmenschte Hölle offenbart. Jeder kann mit seinen Möglichkeiten dazu beitragen, dass die Welt trotz aller Widrigkeiten lebenswert bleibt.
    Was für ein Satz. Man sollte ihn sich auf die Stirn tätowieren. Irgendwie so.
    Und für mich sehe ich es so, dass wenn ein friedliches Zusammenleben dort möglich ist, in dieser doch sehr einladenden Stadt mit tragischer Geschichte, wenn das „Andersein“ toleriert wird, dann freu ich mich darüber. „Andersein“ als wir es für richtig empfinden, muss nicht unweigerlich falsch sein. to be to be…

    Herzliche Grüße, mit Dank für diesen guten Bericht, samt wirklich schöner Bilder – aus dem überraschend sonnigem Norden, Mia 🙂

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    • Rechtfeinen Dank für das Anspornkompliment.
      Die Stadt und ihre Atmosphäre verbunden mit dem Wissen um ihre Geschichte kann schon dazu motivieren, die eigenen Toleranzgrenzen auszuloten. Ich war auch überrascht, wie eng manche Scheuklappen sind und den weiten Blick beengen.
      Hochsommerlichsonnigemorgengrüsse vom Schwarzen Berg

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      • So ist es. Wenn ich auch weiß, wie schwierig es manchmal ist, andere Lebens und Glücklichseinformen zu akzeptieren. Sie dazu auch immer mal den Blog von der lieben primamuslima. Sie gibt einen so schönen Einblick in ein Leben mit verhülltem Haupte 🙂
        Und bitte ein wenig hochsommerliche Temperaturen gen Norden schicken 😀

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        • Vielen Dank für den Hinweis. Der Blog scheint „geschützt“ zu sein…
          Eine hochsommerliche Temperaturladung ist bereits expressig unterwegs 🙂
          Hochsommerlichsonnigemorgenvorfrühstücksgrüsse vom Schwarzen Berg

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      • Sind Ihre Grußworte grundsätzlich eigentlich ironisch oder nach dem Prinzip des Wunschdenkens zu verstehen? Das kann doch einfach nicht sein, dass bei Ihnen ständig Hochsommer herrscht, oder?
        Sommerwieerebenistnachfrühstückbergblickgrüße

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        • Weder noch – als ich meine Eintragungen in den Blog begann stand einleitend das Wetter, da wo heute ein musikalischer Hinweis einleitend steht.
          Der Hinweis auf das Wetter ging so unter. Da ich jedoch sowohl beim Kommentieren anderen Bloggern als auch den Kommentatoren in meinem Blog einen Gruss senden wollte, schaute bzw. schaue ich aus dem Fenster und sende so einen Wettergruss.
          Der entspricht also der jeweiligen wahren Wetterlage. Im Winter können das vom Schwarzen Berg aus durchaus zweimonatelange Regengrüsse sein.
          Heute werden 32° vorhergesagt – das bedeutet eine wochendliche Fahrt runter an den Strand 😉
          Hochsommerfröhlichunironische Grüsse vom Schwarzen Berg

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    • Die Erde ist rund, genauer eine Kugel, naja fast wenn man von den beiden Polabflachungen absieht.
      Um diese Rundheit zu erkennen, deutlicher zu sehen und am Ende vielleicht sogar ein wenig besser zu verstehen ist ein vielfacettenreicher Rundschliff notwendig. Darum bemühe ich mich.
      Ausserdem, die Erde eindimensional, als flache Scheibe gar beschreiben? Bin ich Priester, Politiker, Wachstumsfanatiker, Menschenaufwiegler? – – –

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  3. Der Innenhof auf dem vorletzten Foto ähnelt sehr einem solchen in Salzburg.
    Wichtigster Satz für mich:
    Jeder kann mit seinen Möglichkeiten dazu beitragen, dass die Welt trotz aller Widrigkeiten lebenswert bleibt.
    Gruß aus dem Vorherbstland

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  4. Genau diese Vielfalt ist es, die das Leben ausmacht. Ob unsere Spezies dieses „to be to be“ irgendwann verinnerlichen wird? Sieht gerade wieder überhaupt nicht danach aus. Die Hoffnung hängt an jedem Einzelnen, der tut, was er kann.

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    • Genau dieses Buch zog mir in der Buchhandlung den Teppich unter den Füssen weg…
      Warum „man das tat“ mit den Kindern?
      Wenn eine Bevölkerung ausgerottet werden soll, „muss das mit Stumpf und Stiel getan“ werden. Wer bei den Kindern anfängt, handelt planvoll, so wird kein Nachwuchs mehr entstehen.
      Sie bemerken an meiner Wortwahl, meine aufkochende Scheisswut und die Hilflosigkeit gegen Unmenschen weltweit: Militärs, Investmentbanker, Wachstumsprediger, und scheinheilige Kanonensegner in Frauenkleidern…
      (ich fahr jetzt runter an den Strand…)

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  5. Danke für Ihren unvoreingenommenen Blick – Ihre Blicke – auf diese Stadt! Und Ihre Erzählungen vom Menschengeschlecht, die mich sehr anrührten. Und Sie dürften mit einer Einschätzung ganz recht gehabt haben: Ich wäre ja nie auf die Idee gekommen, nach Sarajevo zu reisen, aber nach Ihrem Bericht rückt es weit, weit nach oben unter meinen Reisewünschen. Danke auch dafür, Herr Ärmel.

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  6. Die Welt scheint gerade so unendlich klein zu werden, was bei wachen Sinnen noch anzusteuernde Ziele angeht. Zwischen Wut und Ohnmacht den Neugier-Blick zu öffnen für Sarajewo, ausgerechnet, ist toll und tut gut. Dank und Gruß!

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  7. Ihre Worte ließen den Blick trübe werden, doch mit getrübtem Blick sieht man die Feinheiten nicht. Im Sinn bleibt das eigene Lebensmotto, im kleinen eigenen Umfeld menschlich zu sein. Auf den Bildern suchte ich erst ständig nach Kriegsschäden. Erst nach und nach fanden die Pupillen die schönen Motive. Die Kleider sind hinreissend und waren da etwa in dem Jazzclub Corbijns Waitsbilder ausgestellt? Und überhaupt, wie bunt und vielfältig eine Gesellschaft werden kann, wenn man Sein und sein lassen verinnerlicht. Lust auf diese Stadt haben Sie allemal gemacht, lieber Herr Ärmel. Ohne das Grauen außen vor zu lassen. Danke für’s mitnehmen. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

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    • Hatten Sie auch nur für einen Moment vergessen, dass im Ärmeluniversum immer mindestens zwei Seiten aufgezeigt werden – silbenwortsatzgewebt ebenso wie lichtgebildet – also kann es nicht nur Krieg und Zerstörung geben in jener Wunderstadt ~~~
      Ich reiche Ihnen geziehmend meinen Arm für beliebige weitere Stadtbesuche…
      Mit allerherzlichstenmontäglichsonnigfröhlichen Grüssen, Ihr Herr Ärmel (vom Schwarzen Berg)

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      • Vergessen hatte ich dieses nicht, doch des Gefühlspendels Ausschlag ist bei Ihnen oftmals sehr heftig. Lallebabbeln liegt Ihnen nicht und das ist gut so. Immer wieder gerne nehme ich Ihren Arm an, sie sind wahrlich voller Wunder, Ihre Wege. Dankende Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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        • Klarklar, ein Pendelchen schwingt hin&her, ein Pendel dagegen durchaus hhiiiin & hheeerr . . ~~~
          Wie sollten meine Weg wunderlos sein – das jedes Leben ist wunderbar, man muss nur hinschauen… ich meine, natürlich, sich rundumschauen
          Zugeneigt grüssend, Ihr Herr Ärmel (vom Schwarzen Berg)

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