Sonntagskirchentournee

Die tageweise Samplerhorscherey hat manche Frage nach untergegangenen Bands aufgeworfen. Savage Rose aus Dänemark mit der ausserordentlichen Sängerin Anissette sind nach wie vor am Musizieren. Die Band hat eine enorme musikalische Bandbreite und ein nach wie vor starkes politisches Engegament.
Beim neuen Album schüttelt selbst mein Nachbar den Kopf, deshalb das vorletzte aus dem eigenen Archiv:
Savage Rose – Love and Freedom (2012)…

Gut ausgeschlafen. Heller Sonnenschein. Laune und Tatendrang bestens. Sonntags morgens anno domini 2010. Radfahren. Horsche und gugge. Der halbe Landkreis müsste in einer Tagesrundfahrt zu schaffen sein. Dem schnöden Leitungsdenken allerdings mindestens ein sinnstiftendes Ideal beigeben. Die Kirchen fotografieren. Taschenknipse am Lenker baumeln lassen und ab gehts.
Erstaunlich wie unterschiedlich selbst die Kirchen aussehen, die etwa gleichen Alters sind. In den meisten Orten fallen mir spätestens angesichts des Ortsschilds alte Geschichten ein. Ein dicker Erinenrungsfoliant als Folge mehrerer Schulwechsel und Doppelschuljahre. Hier wohnte doch… – frühere Mitschüler, heute namenlos. Die Häuser anderer unauffindbar. An wen man sich erinnert, wen man vergisst. Wer sagts einem. Verwinkelt windschief kleine Käffer, neuzeitlich aufgebläht mit strahlenden Neubaugeschwüren und Friedhofsbodendeckern im Vorgärtchen. In einem Dorf verfahre ich mich hoffnungslos.
Kneipen, die es noch immer gibt. Heute unvorstellbar eine Dorfwirtschaft „Festung Metz“ zu nennen. Dort fand anstelle von Latein der wesentlich spannendere Würfelunterricht statt. So gehen im Zuge der Taschengeldaufbesserung Schuljahre  verloren. Man kann nicht alles haben und dennoch hält das Leben unausgesetzt Gewinne bereit für den, der seine Sinne offen hält.
Ortschaften, wo an der Giebelwand Volkshaus statt Bürgerhaus zu lesen ist. Aus dem befestigten Feldweg ist ein schmales Asphaltband zwischen zwei Dörfern geworden. Entlastung für zunehmenden Individualverkehr. Infarktrisiko einkalkuliert. Hier sind wir nachts mit dem Käfer gefahren. Schleichweg und lauschige Einsamkeit.
In dieser Gegend erkenne ich überhaupt nichts mehr. Da drüben müsste doch eine Eisenbahnlinie gewesen sein. In einem Neubaugebiet der Sechzigerjahre der deplatzierte Sportplatz. Von hohen Bäumen umstanden. Kaum zu glauben, dass dies damals der Ortsrand gewesen sein soll.
Aber das Strassenschild bestätigt es. Und daneben in der Seitenstrasse. Genua dort, da stand dieser dämliche Alfa. Der wohnte Bürohorst mit der roten 1600er Giulia. Ein alter Mann, fast zehn Jahre älter als wir. Es war unsere Welt, unsere Lebenslust, unsere Träume und Abenteuer. Zugegeben die Schnittmenge hätte erheblich wachsen müssen für Perspektiven weiter als bis zur nächsten Strassenecke. Aber du warst so unsagbar schön. Fast zu schön für einen Neunzehnjährigen. Ich habe nicht geschnallt, dass du längst den uralten Alfasack auf dem Schirm hattest. Dein Glück hast du auch bei ihm nicht gefunden.
Und jetzt stehe ich vor dem Hoftor. Sonntags. Zu der Zeit wenn die Schafe aus den Kirchen zurücktrotten zu fettem Braten mit Fertigklössen. Aber hier ist niemand unterwegs. Es wird dein Haus sein inzwischen, denn nur dein Name steht auf der Klingel.
Das Ende war so bescheuert, wie ungewollte Abschiede nur sein können. Aber wenn ich an dich denke, alle Jahrzehnte lang einmal, dann steigen nur schöne Bilder in meinem Erinnerungskino auf. Ein verrückter Film. Dein Lachen aus tiefstem Herzen. Hast du dir das bewahren können? Ich habe dir im letzten Jahr die Abzüge der beiden einzigen Fotos geschickt, die ich von dir hatte. Mit einem Gruss und Glückwünschen für dich. Ich glaube, du kannst sie gut brauchen. Du hast mir nicht geantwortet und ich habe nicht darauf spekuliert.
Die grossen Geheimnisse des Lebens werden nicht mehr in den Tempeln, den Moscheen oder Kirchen verkündet. Die Mysterien finden Im Hauptbahnhof statt, auf den Landstrassen und überall dort, wo Menschen im Gespräch sind miteinander.

(Foto anklicken und scheinheiligenfrei Heiligenscheine gugge).

Advertisements

44 Gedanken zu „Sonntagskirchentournee

      • Nein, Sie haben nicht geklingelt. Was ich schade finde. Natürlich kann man auf die Nase fallen mit erneuter Kontaktaufnahme, aber da liegen doch Jahre Lebenserfahrung dazwischen. Ich hätte geklingelt und genau das gesagt, was Sie jetzt hier mit uns teilen. Wozu? Um Dinge auszusprechen, die einen immer mal wieder als gute Erinnerung im Sinne bleiben. Nun, da ist wohl jeder anders.
        Danke für die Bilder, es ploppten Erinnerungen an Brandenburg auf. Drei Häuser, fünf Spitzbuben, ein dreibeiniger Hund, aber mittels drin immer ein Kirchleyn. Und stets offen.
        Blauhimmeligsonnenstrahlige Grüße, Ihre Frau Knobloch, zugeneigt.

        Gefällt mir

        • „..da ist wohl jeder anders…“ – in der Tat kann man mit vergangenen Situationen unterschiedlich umgehen. Und gerade die Jahre, die inzwischen vergangen sein mögen, sind eine sehr wacklige Brücke. Ich habe mir meine guten Erinnerungen bewahrt, ich sehe auch heute noch wundervolle Schönheit und höre das volle Lachen…
          Das alles hat sich in diesem speziellen Fall natürlicherweise verändert, ein „auf die Nase fallen“ wäre mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit garantiert gewesen.
          Mit anderen Erinnerungen in anderen Kontexten mag sich das ganz anders darstellen, da würde ich mich sicherlich auch anders verhalten.
          Sommersonnemittäglichheisse Grüsse vom Schwarzen Berg sendet, Ihr Herr Ärmel

          Gefällt mir

          • Ich hatte bisher Glück. Alle wackeligen Brücken überschritt ich trockenen Fußes und hüpftanzend. Der Lieblieblingsfamosgeselle ist ein Jugendschwarm, zu dem ich flatterigkurzentschlossen nach siebzehn Jahren Schweigen Kontakt aufnahm. Meiner ersten Langgroßliebe bin ich Trauzeugin, weil wir es schafften, nach schlimmen Schmutzwäschewaschen uns dennoch wieder in die Augen zu blicken und Freunde für’s Leben wurden. Und selbst mit dem Schwarzhaarigschiefnasigschönem gelang nach Jahren ein klärendes Gespräch. Huch, ich komme in’s Plappern, Pardöngsche…
            Spätsommerzurückkehrende Grüße, wie stets, Ihre Frau Knobloch.

            Gefällt mir

            • Ei, moi lieb Fraa Knowweloch, isch hab doch aach en Haufe annere Beispiele in moim Lewe, grad wie Sie aach….
              mehr will isch dodezu hierunnjetzt gaanedd saache.
              Ich geh jetzt emol bei die Mimmi iwwer die Gass un stoppmer e Stick Pizza inn de Hals
              Alla bis später dann, macheSes gut, Ihne Ihrn Herr Ärmel

              Gefällt mir

                • Unwidderstehlisch? Ei dess hawwe die annern Beispiele iwwer misch aach gesaacht, nach Jahre noch, ei bis heit wenn ich rescht iwwerleesch´.
                  (Ei jetzt verbabbel isch misch glatt noch) Isch will doch bei die Mimmi. niwwer iwwer die Gass´

                  Gefällt mir

                    • Des kenneSe aach ruisch glaawe Fraa Knowweloch, und wennSe wolle aach iwwer Ihne Ihrn Herd naachele, gell
                      Summersunnnochmittächlischheisse Griess vom Schwarzen Berg send´ isch Ihnen middm Zebbelihn – Ihne Ihrn Herr Ärmel (leider vumm Schwazze Bersch mit em Mordsäpplerdorscht)

                      Gefällt mir

                    • Warum iwwern Herd naachele? In moiner Gärnmenschliste sinn Sie eh schunn festgetackert. Also aa der Glaawe an Ihre Famosfetzigkeit.

                      Beim Dorscht kann ich leider nicht helfen, mich deucht, je näher die Septemberreise, umso heftiger das Zahngetropfe. Ihnen jetzt meinen Kamillentee anzubieten, nein, das verkneife ich mir.
                      Undorschdische, awwer herzlischste Griess, Ihre Kätt.

                      Gefällt mir

                    • Ich mags einfach, wie sie Deutsch&Dialekt durcheinanderwirbelschreiben… Laut gelesen ein Genuss für Ohren und Zwerchfell…
                      Vorwochenendmittäglichsommersonnenheisse Grüsse vom Schwarzen Berg sendet Ihnen, Ihr Herr Ärmel (wie stets)

                      Gefällt mir

                    • Durcheinanderwirbelschreiberey ist doch der einzige Acker-demiekurs, den ich je besuchte. Aber auch nur sporadisch. Zwerchfellvergenießung fetzt!
                      Freundlich zugeneigte Grüße, immer die Ihre.

                      Gefällt mir

  1. Ich lausche (eigentlich kann ich ja nur lesen, aber irgendwie trifft lauschen das Gefühlte besser) gerne Ihren Erinnerungen, lieber Herr Ärmel.
    Die Frage von Frau Knobloch tauchte auch bei mir auf … Einen schönen Abend. Ihre Frau Coupar

    Gefällt mir

  2. „Er hieß Dieter Mallinek und er sagt er wär Journalist, das war ein Klassetyp, der wusste immer gleich was Sache ist….“ So einer? Der mit dem Alfa?

    Gefällt mir

        • Wildgans? Frau Wildgans? Aaah, Sie sind neu hier: Herzlich Willkommen, Frau Wildgans.
          Ernsthaft – nix da mit Burlesken oder Narreteien. (Geschichten könnte ich Ihnen erzählen von Abenteuern auf der falschen Rheinseite, einige Jahrzehnte vergangen aber lebendig vorm inneren Auge… Worms un drummerum)
          Fastmitternächtlichruhige Grüsse vom Schwarzen Berg

          Gefällt mir

  3. Ach Herr Ärmel, erst muss ich Lächeln, dann überkommt mich ein kleines Bisschen Wehmut.
    Will sagen, Erinnerungen so geschrieben, dass sie mich berühren. Sehr schön. Auch die Bilder.

    LG Silvia Meerbothe

    Gefällt mir

      • Auch für Sie einen schönen, guten Morgen!

        Es ist nicht die Marke „schlimme“ Wehmut.
        Es ist wohl die Art, wie sie Ihre Erinnerungen beschreiben, die eine Saite zum klingen bringt, weil es mich an ähnliches erinnert.
        Es war nur ein Hauch und schon wieder vergangen.

        In meinem Garten zwitschert leider noch nichts. Will hoffen, meine Piepmätze sind gestern, im Regen nicht ertrunken.

        Wildwinkendebonnergrüße aus der Küche
        Silvia Meerbothe

        Gefällt mir

  4. Ein schöner Text. Nur eins vermisste ich: Schien Dir nicht alles etwas kleiner zu sein, als vor zig Jahren? Und ich hoffe, Du hast nicht geklingelt. So etwas kann Erinnerungen versauen 😉

    Gefällt mir

    • Durch die Neubaugiete in fast allen Orten kams mir flächenmässig grösser vor (vielleicht auch durch die lange Radtour 😉 )
      Aber du hast natürlich Recht: die innerörtlichen Gegebenheiten, die erhaltenen Gebäude wie Kirchen, Bauernhöfe und andere herausragende Gebäude kamen mir ziemlich klein vor im Vergleich mit früher…
      PS: (Hach, endlich eine Frau mit Lebenserfahrung: ich habe natürlich nicht geklingelt)

      Gefällt mir

    • Herzlich Willkommen und vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Mag sein, dass die Kirchen eine „gleiche Ausstrahlung“ haben. Die meisten entstammen der gleichen historischen Epoche und überdies verteilen sie sich aud em Gebiet eines Landkreises.
      Ich nehme eher die Verschiedenheiten wahr, denn mir sind diese Kirchen seit Jahrzehnten teilweise bekannt.
      Vielleicht sollte ich sie ein Mal distanziert wahrnehmen, um die jeweiligen Ausstrahlungen und gegebenenfalls deren Gleichartigkeit besser wahrnehmen zu können.
      Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

      Gefällt mir

  5. Vor solchen Klingelschildern habe ich auch schon gestanden, aber mir wär auch eher die Hand abgefallen als dass ich da gedrückt hätte. Und bei vielen Jugendlieben ist es sicher von Vorteil, wenn man die Erinnerung nicht auffrischt. Könnte schockierend werden *g*

    Gefällt mir

    • Ce qui est répété ne séduit plus oder wie schon die ollen Römer sagten (waren die jungen Römer stumm?): bis repetita non placent…
      Und ich halts mit dem irischen Refrain: Whats done is done and what´s gone is gone and what´s lost is done and gone forever…

      Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s