Vorwochenendgedanken

Einkaufsmeilenparadies

Die Welt musikalisch durchstreifen. Ich glaube dass es mittlerweile genug Wüstenelektrogitarristen gibt. Die Scheibe ist abwechslungsreich, gut hörbar, fand jedoch den Weg in die Dunkelkammer vielleicht zu spät: Anansy Cissé – Mali Overdrive (2014). Mehr Freude hat mir heute diese Scheibe bereitet: Calaita – Calaita Flamenco Son (2014)…

Im Verlag der Eremiten-Presse erschien, übersetzt von Cyrus Atabay der Gedichtband „Von der Notwendigkeit des Unnützen“ von Abul Ala Al-Ma´arri (*973 – †1057). Das Bändchen ist schmal der Inhalt enthält jedoch Schwergewichte in wenigen Zeilen. Bei manchen Versen fällt es schwer sich vorzustellen, dass diese Gedichte vor tausend Jahren geschrieben worden sind.
Seine Lebenserfahrung hat Abul Ala ebenso schleicht wie elegant in Versen gefasst, die als nüchterne Bilanz ergeben, dass sich seit seiner Zeit bis zu uns Heutigen nicht allzuviel verändert hat.
Erkenntlich zum Beispiel an diesem Vierzeiler:

>Muslime rasen, Christen straucheln,
Juden irren, Magier mogeln;
wir Sterbliche sind zwei Schulen zuzuordnen:
Scheinheilige Schurken oder fromme Narren.<

Oder diese trockene Erkenntnis in sieben Zeilen:

>Schmähsucht hat die Welt so entstellt,
dass wetteifernde Sekten sich gegenseitig
die Botschaften verdrehen;
wäre nicht Hass
dem Menschen angeboren,
könnten Kirchen und Moscheen
nachbarschaftlich beieinander stehen.<

Silben werden zu Worten gefügt. Wehe, in unserer ebenso hochkommunikativen wie kleinlichen Streitzeit, wenn beim Gebrauch einzelne Lettern ihren Ort wechseln oder sich gar verflüchtigen. Es scheint, dass Missverständnisse mittlerweile oft gewollt sind, vielleicht gar provoziert und gebraucht werden auf den Inividualisierungsbaustellen aufstrebender Zeitgenossen.
Und das Rad dreht sich zunehmend schneller.
Multitasking schallt dabei als neue Offenbarung von den Kanzeln der Unternehmensverräter ebenso wie es von den Konsumgüterproduzenten hergebetet wird zur Steigerung des Verkaufs meist vom Wesentlichen ablenkender Produkte.
Von meinem Grossvater lernte ich einen sinnreichen Satz, der zwar in meine Kinderwelt noch nicht erkenntnisleuchtete, andererseits im Lauf meines Lebens zunehmend an Gewicht gewann. Wann immer ich mich mit zwei fundamentalen Verrichtungen gleichzeitig beschäftigte; lesen und malen, basteln und essen, spielen und trinken oderoder .. sprach der Grossvater den Satz: wer zwei Sachen gleichzeitig macht, macht keine richtig.
Er war kein beileibe kein Philosoph und üppig gefüllte Teller oder französische Chansons waren ihm allemal näher als die Strenge des Zen. Aber er muss in seinem gesunden Kern etwas vernommen haben von der Hinwendung, der Konzentration, die man an eine Verrichtung verwendet und die dadurch eine Würdigung erfährt..

Leistung – Leitung
Suppe – Sippe
verreist – vereist
Grundregel – Grunzregel
absenden – absensen
Fussel – Fusel
reagieren – regieren
genau – Genua
Suchverhalten – Suchtverhalten
Fachmann – Flachmann
Schwätzer – Schätzer
speisen – speien
Druckpresse – Dreckpresse
beliebt – beleibt
Sinnflut – Sintflut
Verteidigung – Vereidigung
Heimweg – Heimweh
…..~~~~~

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49 Gedanken zu „Vorwochenendgedanken

  1. Ein vielschichtiger Text, der mich spontan an Achtsamkeit, Geduld und Hingabe denken lässt.
    Danke für die Gedichte, so alt wie wahr … und ich mag Ihre „Wortliste“. Lieben Gruss.

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    • Das Kompliment gebührt nicht mir. Die „Wortliste“ ist in den letzten drei Monaten entstanden durch aufmerksames Lesen in weitverzweigten Bloggerwelten. Tipp- und / oder Schreibfehler schein sich zu häufen trotz aller Rechtschreibkorrekturprogramme.
      Vorwochenendmittäglichsommersonnenheisse Grüsse vom Schwarzen Berg

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  2. Calaita, da geht einem ja richtig das Herz auf … 🙂

    Und Ihren Großvater, den mag ich, glaub‘ ich, auch ganz gern. Das heißt, zumindest seine berichtete Weisheit.

    Und machen Sie sich keine großen Sorgen, Multitasking kämpft allerweil schon Rückzugsgefechte. Zumindest bei denen, die Geld verdienen müssen. 🙂

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  3. Abul Ala gefällt mir auch gut. Zwar ist es ja einigermaßen deprimierend, dass die Religionskonflikte in den letzten 1000 Jahren insgesamt nicht besser geworden sind. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass zu den größten Übeln der Menschheit der Nationalismus und die Religionen gehören. Aber das nur unter uns *hüstel* sieht ja sonst keiner ….

    Etwas schwer tue ich mir mit der Einteilung in scheinheilige Schurken und fromme Narren 🙂 Ich weiß gar nicht recht, was ich weniger bin scheinheilig oder fromm. Hm,….. also fromm auf keinen Fall, scheinheilig aber auch nicht ……. tja …

    Multitasking ist meines Wissens ohnehin schon von der Gehirnforschung als Unmöglichkeit entlarvt worden.Und derzeit ist ja Achtsamkeit in aller Munde. Finde ich eigentlich gut. Menschen wie Ihr Großvater wußten ohnehin immer schon vom Wert der Achtsamkeit und es gibt ja schon auch eine europäische Tradition in diese Richtung. Wenn sie auch (aus meiner Sicht „leider“) hauptsächlich im religiösen Kontext vorhanden ist.

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  4. Nationalismus und die auf Gewinn organisierten Religionsunternehmen jeglicher Ausrichtung sind die menschliche Pest.
    Abul Alas Gedichte begleiten mich nun schon einige Jahre. Und sie nehmen zu. An Schönheit und Gewicht. Scheinheilig bin ich nicht und kein Schurke; fromm – na ich weiss nicht recht und ein Narr… wie dem auch sei, wenn so richtig streng mit mir ins Gericht gehe mit meinen halsbrecherischen Vertrauensvorschüssen und den kleinen Halbwahrheiten aus reiner Freundlichkeit und nichts als Freundlichkeit. Dann finde ich mich gelegentlich doch wieder in dem Vierzeiler.
    Können Sie mir bitte auf die Denksprünge helfen: inwiefern gibt es eine europäische Tradition der Achtsamkeit mit besonderem Bezug zur Religion?
    Vorwochenendmittäglichsommersonnenheisse Grüsse vom Schwarzen Berg

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  5. Und wieder so ein Famoseintrag von Ihnen, der gleich mehrere Anregungen für die Grauzellchen enthält. Herrn Al-Ma´arri beaugenmerkte ich seit Ihrer letzthinigen Erwähnung. Der unnützignotwendige Gedichtband ist nun nach Ihrer erneuten Augendraufrichterey in die Gebrauchtsuchliste bei Booklooker eingepflegt. Die vorhandenen sprengen meine derzeitigen Möglichkeiten. Einen herzfeinen Dank dafür, lieber Herr Ärmel.
    Über das sich immer schneller drehende Rad, ach, was könnte man Klagelieder singen. Doch Klagen hat noch nie geholfen. Bei sich selbst anfangen schon. Innehalten, Zurücknehmen, Genügeseyn. Sich und anderen. Auch mal ein Kopfschütteln unhinterfragt im Raume stehen lassen. Manchen Mitmenschen nutzt das vielleicht, um den eingefahrenen Denkapperat wieder geschmeidig zu machen. Ein Satz des Herrn Papa, dem ich mich zwar oft trotzig entgegenstemmte und der mich dennoch stets begleiten wird ‚Kind, du mußt nicht auf jeder Hochzeit tanzen!‘, der wird mir immer besser zum Verständis. Verstand- Vorstand. Eigentlich~~~~
    Ich entsende herzliche Grüße, wie stets, die Ihre.

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  6. schleicht – schlecht

    Es gibt oberliebe Narrenherren, närrische Kerle…
    Das Foto gibt Rätsel auf, erinnert an eine Riesenpflanzensäule, zu deren Füßen Zwergmenschlein in Saugsumpftröglein hocken.
    Heute war ein wunderbar sanftluftiger Vorwochenendtag.
    Von unterm trächtigen Nussbaum grüßt die Weinfestnichthingeherin

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  7. was für ein grandioses Foto, Herr Ärmel …! das zuerst …

    dann gefällt mir ausnehmend die Zeile: scheinheilige Schurken und fromme Narren, das ist doch die Menschheit einmal wunderbar auf einen Punkt gebracht- und ja, da sehen wir es wieder einmal; es ändert sich nix … nur Einkaufscenter hat es vor 1000 Jahren SO noch nicht gegeben …

    ich wünsche ein schönes Wochenende auf dem schwarzen Berg
    herzlichst Ulli

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    • Ich danke für das anspornende Feinstkompliment mit einer geziemenden Verboygung.
      Und ja, leider: inhaltlich hat sich kaum was verändert und nutzt uns am Ende die Verformung des Ewigaussen? Dass wir nachts nicht mehr den Topf unterm Bett hervorziehen müssen und Schalterdruck die Dunkelheit bannt… ? …
      Sommermittäglichsonnenheisse Grüsse vom Schwarzen Berg in den Schwarzen Wald

      Gefällt 1 Person

  8. Da sind sie ja, die angekündigten weiteren Gedichte! Dass Al-Ma’arri bisher an mir vorübergegangen ist … (Da hätte ich gewisse Bücher aus meinem ‚Handapparat‘ besser auch mal gelesen, statt sie jungfräulich im Regal altern zu lassen.) Eine Lücke. Danke fürs Schließen dieser.

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