Diplomatische Vergangenheiten

Der erste Regen seit vier Wochen, ein schweres Gewitter geht über der Dunkelkammer nieder. Nach der gestrig schweren Musik kommt der beschwingte Einstieg aus Senegal: Orchestra Baobab – Made in Dakar (2007)…

Das Städtchen gefällt mir gut. Eingebettet in einen kleinen Talkessel. Übersichtlich wenige Strassen und meist zweigeschossig geduckte Häuser. Wenige Läden und zahlreiche Cafés für gefähr 15000 Einwohnende. Sitz des Landesoberklosters und einiger Sehenswürdigkeiten.
Die frühere Hauptstadt zieht heute mehr Touristen an als die derzeitige Hauptstadt. Aus der Stimmung im Städtchen, der beschaulichen Ruhe; dem vordergründigen Eindruck, dass hier die Zeit irgendwie stehen geblieben sein muss, erwächst die romantische Vorstellung wie es wohl wäre, hier zu leben.
Wie mag es sich gelebt haben in dieser relativen Abgeschiedenheit von Europa vor einhundert Jahren. Die Frage erhebt sich angesichts der Häuser, an deren Stirnwänden oxidierende Messingtafeln auf ehemalige Botschaften hinweisen.
Südosteuropa geriet im Lauf des späten 19. Jahrhunderts zunehmend in den Fokus der europäischen Grossmächte und ihrer jeweiligen Absichten. Auf dem Schwarze Berg (Crna Gora) befand sich der regierende Fürst Nikola mit seinen eigenen Wünschen zwischen all diesen internationalen Interessensphären.  Aufgrund vielfältiger Verhandlungen wurde Nikola I. König und sein Land vom 28. August 1910 bis zum 28. November 1918 ein Königreich.
Mit seiner Gattin Milena Vukotić hatte Nikola neun Töchter und drei Söhne. Die Töchter hatte er überaus geschickt verheiratet und war dadurch mit vielen Herrscherhäusern verwandt und verbandelt. Tochter Elena wurde die noch heute verehrte nachmalige Königin von Italien und Militza war am russischen Hof verheiratet. Zwei Beispiele nur, die jedoch zeigen, dass man in Cetinje diplomatisch präsent sein musste am Beginn des 20. Jahrhunderts.

Einige Merkwürdigkeiten, die mir auffallen mögen die Fotografien erläutern. So fiel mir erstmalig die frühere Verteilung der diplomatischen Vertretungen in der Stadt auf. (Mit dem Foto des Stadtplans wird das nachvollziehbar).
Der Begriff Operettenstaat klingt zwar etwas abfällig, aber ein erkundender Stadrundgang lässt kaum einen anderen Schluss zu. Zuerst der Königspalast am ehemals zentralen Platz. Es handelt sich um ein gediegenes Landhaus, für einen Engländer wäre es beileibe kein stately home. Auf dem Vorplatz gegenüber befindet die serbische und nebenan die bulgarische Botschaft. Die zwei entscheidenden südosteuropäischen Mächte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auffällig die unauffällig schlichte Architektur der beiden Gebäude.
Etwa fünfhundert Meter hinter dem königlichen Palast und schon am damaligen Ortsausgang befindet sich das prächtige Gebäude des englischen Botschafters. Auf dem kurzen Weg zwischen diesen beiden Gebäuden liegt das bescheidene Haus der kaiserlichen Gesandtschaft.
Dieser Strasse nach Norden folgend und der englischen Botschaft quasi gegenüber liegt die französische Botschaft. Die (für mich) schönste der internationalen Vertretungen in damals modernster Architektur. Feinste Jugenstilfayancen zieren das Gebäude. Es gibt da den Schnack, dass dieses Gebäude eigentlich als neue Botschaft in Kairo bestimmt gewesen sei. Irren ist menschlich.
Noch ein Stück weiter an dieser Strasse entlang liegt in einem Park die italienische Gesandschaft in einem repräsentativen Gebäude. Die Strasse wurde inzwischen zu einer mondänen Allee mit vierspuriger Fahrbahnführung. Irgendwie unverhältnismässig gross, geradezu grossspurig, noch heute von den alten niedrigen Häusern  beidseitig gesäumt. Abgelegen in Seitenstrasse und nicht an dieser Magistrale befinden sich die österreichisch-ungarische sowie die russische Botschaft. Wenn man mit der europäischen Geschichte zwischen 1880 und 1914 ein wenig vertraut ist, befeuert schon der Lageplan der damaligen diplomatischen Vertretungen die Phantasie aufs Lebhafteste. Aber das ist lange her. Heute werden die Gebäude meist von staatlichen Institutionen genutzt.
Das königliche Theater ist gut erhalten und steht in merkwürdigem Kontrast zu den beiden Männern an der transportablen Kreissäge, die für geringen Lohn das Holz der Haushalte der Stadt für den kommenden Winter zerkleinern.
Einzig eine der ehemaligen diplomatischen Vertretungen steht leer und verfällt langsam. Besucher, Leser und Gugger haben bereits das Innere der
russischen Botschaft (letztes Fotografie) kennengelernt.

(Foto anklicken und schon beginnt der Stadtrundgang)

 

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12 Gedanken zu „Diplomatische Vergangenheiten

  1. was für ein Kontrast ..und würde uns nicht etwas fehlen, wenn wir nicht die anderen Bilder der russischen Botschaft vor Augen hätten ….egal ob Botschaft, Patrizier- oder Adelshaus…..die Gegensätze sind es, die uns zum Nachdenken bringen und Menschen wie Sie, die uns die Augen öffnen…… Charme des Verfalls versus vorzeigbare Aufgeräumtheit und Ordnung….
    ich bin gern als meist stiller Gast hier und lerne sehr viel…..dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, lieber Herr Ärmel

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  2. Den Stadtplan habe ich an meinem bescheidenen Bildschirm nicht ausreichend groß fürs Studium bekommen, aber den Straßen bin ich über Ihren Bildern gern gefolgt. Beschwingt von der Musik aus dem anderen Kontinent. Abendmusikgrüße zu Camel

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    • Camel – die alten etwa, mit Peter Bardens an den Tasten???
      Sie könnten das Foto kopieren und in einem Bildprogramm vergrössert darstellen. Dazu wurde der Plan vorbereitet…
      Mitternächtlichregnenddochsommerlichwarme Grüsse vom Schwarzen Berg

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        • Vergrössern hilft beim gross gugge – da kenne ich mich aus 😉 (also gerne geschehen)
          Andererseits: bei Camel stelle ich fest, dass das erste Album nicht mehr im Archiv ist. Das zweite Album Mirage (1974) hat hier überlebt.
          Mal nachhören, was mein Nachbar mit seinem unergründlichen Archiv zu Bardens Camel sagt…
          Sonnenfreudigfrühnachmittägliche Grüsse vom Schwarzen Berg

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  3. Phantasiebefeuerungen, in der Tat, mitsamt der Holzmachmänner und Gerätschaften.
    Operettenstaat, mondäne Alleen, Jugendstilfayancen – diese Worte sprangen mich besonders gewaltig an. Subjektive Sicht der Dinge. Danke, in manchen Momenten wird mir das sehr lebendig jetzt, angefeuert durch Ihre hervorragende Bild-Textdarstellungsreportage!
    Gruß aus dem Septemberweinland

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  4. Oh ja, das ist sehr schön. Ich bin nun schon ganz aufgeregt und gespannt, was die Kinder erzählen werden. Gestern fuhr ich sie zum Bus, der sie erst einmal nach Belgrad bringt.

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