Idyllenwarnung

Soviel Peter Hammill gehört, dass mir am Ende keiner seiner Texte mehr passend genug erschien. Überdies streifte der Text von André Heller schon während meiner wochenendlichen Erkundungfen mehrfach meine Gedanken und Empfindungen noch vor dem Finden dieses Gebäudes und seiner Räume. Die Wahrheit in Hellers Text erfasste ich intuitiv schon als Kind und in vielen Situationen habe ich exakt diesen Eindruck.
Von Peter Hammill oder seiner Gruppe Van der Graaf wird dann demnächst ein Beitrag folgen.

Emigrantenlied  (André Heller)

Misstraue der Idylle.
Sie ist ein Mörderstück,
Und schlägst du dich auf ihre Seite
Schlägt sie dich zurück.

Drum machs dir nicht behaglich
Glaub´ nicht an einen Ort.
Denn wo du heut´ dein Dach dir deckst
Jagt man dich morgen fort.

Und wisse um die Trauer
Sei deine Prüfung wert.
Der Mensch ist das, was er verliert
und was ihn deshalb schert.

(Foto anklicken zeigt die hieniedene Vergänglichkeit von äusserer Pracht und Schönheit)

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62 Gedanken zu „Idyllenwarnung

  1. Beeindruckende Serie und ein schönes sowie passendes Gedicht dazu.
    Danke fürs Zeigen.
    Bild Nr. 7, da fällt auf die geordneten Ziegel und auch die zerschlagenen.
    Bild Nr. 2, was da wohl steht? Irgendwas mit Hammer und Sichel.

    Zu Andre Heller kann ich nur etwas Harmonie beisteuern, das Stück kannte ich nicht, in Verbindung mit seinem Garten tun sich dann aber doch Fragen auf:
    http://autopict.wordpress.com/2013/10/11/11-10-2013-come-with-me/
    Eine Gute Nacht an den schwarzen Berg.

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    • Bild 2: Die Tafel stammt vom 2.5.1963. Gedacht wird darauf eines Ereignisses (?) am 27. März 1940. Später sind noch die Jahreszahlen 1940 und 1944 erwähnt.
      Bild 7: Das sind die aufgestapelten Holzlättchen des Parkettbodens.
      Ebenfalls eine gute Nacht…

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    • Ich hoffe, ich habe mich nicht verschimmelt in den Räumen.
      Ich kenne Heller als Künstler seit bald vierzig Jahren. Trotz aller Hin&Hergerissenheiten halte ich ihn auch für ziemlich authentisch mit dem, was er dem Publikum präsentiert.
      Nachtdunkle Grüsse vom Schwarzen Berg

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  2. mir fiel spontan dieses Gedicht von ihm zu Ihren Bildern ein, Sie kennen es sicher….

    MEIN LIEBSTES, TU DIE SCHATTEN FORT

    Mein Liebstes,
    tu die Schatten fort,
    die in den Zimmern liegen.
    Das sind die Häute,
    die wir trugen
    in den verlornen Siegen.

    Ich hör dem Spott der Drossel zu.
    Er gilt belognen Lügnern,
    verlorenen Verlierern
    und betrogenen Betrügern.

    Da sind wohl
    du und ich gemeint
    und alle unsre Tage,
    die nicht gegebne Antwort
    und die nie gestellte Frage.

    Mein Liebstes,
    tu die Schatten fort,
    die in den Zimmern liegen.
    Das sind die Häute,
    die wir trugen
    in den verlornen Siegen.

    André Heller

    mitvomflugverkehrgewecktenfrühmorgendlichen Grüßen
    Karin

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      • Die Vergänglichkeit der Dinge, die auf Ihren Fotos ihre Faszination, um nicht zu sagen traurige Schönheit entwickeln, und beide Texte vom Heller, Ihren kannte ich im übrigen noch nicht, die den Verlust, das immer auf der Hut sein müssen und die Unbehausheit poetisch umsetzen, beschäftigen mich weiter. Ja, man muß aufpassen bei seinen Texten und deren Doppelsinn..

        Herzlichegrüßevomeslärmtimmernochwirhabenleiderwestwindgebeutelten Dach in Hanau

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        • Oweh – Einflugschneisenwetter ist schrecklich. (Ich bin die letzten Male auch zwischen Kahl und Hanau nach Bembeltown eingeflogen…)
          Langsamwolkenverziehendeaufheiterndhoffnungsvolle Grüsse vom Schwarzen Berg

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  3. Bei allem augenscheinlichen Verfall, der Besiedlungsprozess der Natur ist in vollem Gange, man hört es geradezu wuchern. Das erste Bild mag ich besonders. Den Kontrast durch das verhüllte Fenster, die Wärme, die es in den vermeintlich kühlen, feuchten Raum ausstrahlt. Schade, dass Du bei Hamill nicht fündig geworden bist…

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  4. Guten Morgen Herr Ärmel, ich bin erstaunt, was das Grün des Schimmels in mir auslöst.
    Dieses morbide Haus ist für mich voller Charme, vielleicht weil dieses Gebäude durch Ihre Bilder zum Leben erwacht oder wahrhaftig manchen Häusern eine Seele innewohnt.
    Septembergeniessende Grüße, Ihre Arabella

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  5. Outing, als völlig unwissend: Weder Heller noch Hammill sind mir ein Begriff. Aber ich erkenne hinter all dem Schimmel und Moder immer noch den Glanz und die Schönheit.
    Wunderbar aussagekräftige Bilder die durch das Gedicht noch eindrucksvoller daherkommen.
    Vielen Dank!

    Werde mich heute erst mal schlau machen, über die beiden Herren, von denen hier die Rede ist.

    Einen schönen Tag und nichtganzsofrühmorgendlichwiesonstige Grüße,
    Silvia Meerbothe

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  6. das sind wunderbare Fotos der Vergänglichkeit, lieber Herr Ärmel, das Grün des Schimmels wächst wie eine Pflanze an den Wänden herab und spricht von neuem Leben, das entsteht, wenn altes geht …

    es passen Worte und Bilder aufs Feinste zusammen und singen zusammen ein neues Lied

    herzliche Grüsse vom wolkenverhangenden Hochtal
    Ulli

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  7. Der morbide Charme….
    Herr Ärmel schimmelt sich doch nicht an, Gottogottchen.
    Meine Neigungen gehen eher in Richtung Frau Pluhar, die berichtet, noch und weiter mit Heller befreundet zu sein. Warum auch nicht=mein Motto. Es gibt halt nichts,das es nicht gibt. Oder so.
    Die Farben auf Ihren Fotos, ein schwer vorstellbarer Wahnsinn. Sie auch diese Faszination am Vergänglichen?
    Gruß von hier

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    • „…Es gibt halt nichts,das es nicht gibt. Oder so.“ So isses, da habe ich auch keinen Zusatz mehr 😉
      Einen gewissen Sinn für hinsterbende Untergänge ist in meiner Kindheit verankert.
      Grüsse vom wiederhellerwerdenden schwarzbergianischen Himmel

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  8. Pingback: Diplomatische Vergangenheiten | Herr Ärmel: Fotografie und Text

  9. Meine Pupillen streifen durch die Räume, nehmen Einzelheiten in sich auf bis ich die Augen schließe. Dann erst sehe ich richtig und schaue mich aufgeregt weiter um. Mein Rocksaum raschelt, als würde er über den Boden streifen. In den Schimmelgeruch mischen sich Tabakduft und Schwaden von schwerem Blumenodeur. Ich höre leise Musik, ein Piano und kokettes Damenlachen. Wer war hier einst? Wohlbetuchte Händler, die Empfänge gaben? Der Parkettboden knarrt sachte, leise klimpert Kristallgehänge am Kronleuchter, das Licht diffundiert, die schweren Vorhänge machen es ihm schwer, durch die Fenster hereinzudringen. Ich halte plötzlich ein Glas in der Hand, nippe und schmecke süßen Wein. In mein Magichnichtdenken schiebt sich die Erkenntnis, daß hier nichts passender wäre. Es schwindelt mich, ich suche mich drehend nach Hilfe um, einem starken Arm. Und breche doch nur krachend ein, um mich ein Stück tiefer am Boden der Realität wiederzufinden…

    Danke, lieber Herr Ärmel, mir ist jetzt tatsächlich ein wenig schwindelig geworden. Was für Bildgewalt.

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    • Ich hatte Sie bereits vermisst, ma chère Madame de Knobloch… Da waren Sie also die ganze Zeit. RiffRaffTraumballzeit… Ich war derweil in der Umgebung unterwegs und dort werden Sie auch die entscheidende Information zu dem Gebäude finden, im aktuellen Post nämlich.
      Wäre ich zugegen gewesen, meinen Arm hätten Sie nicht entbehren müssen. Avec mes salutations très cordiales – votre M. Aermél

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      • Eine frühere russische Botschaft also, kein Händlerdomizil. Die Kopfkinobilder passen. Nun, bloß gut, daß ich nicht auch noch von den Speisen probierte, Kaviar mag ich überhaupt nicht. Das wäre ein noch harscheres Erwachen gewesen. Da hätte mir der unentbehrte Arm auch noch ein Spucktuch reichen müssen.
        Müdäugiglächelnde Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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        • Wenn Sie mir die kleine Anmerkung gestatten möchten: diplomatische Auslandsvertretungen sind immer auch Händlerdomizile. Und was da alles gehandelt wird. Ihrer Phantasie müssen Sie jetzt keine Kandare anlegen…
          Ihr Herr Ärmel… (vom Schwarzen Berg noch die nächsten Tage)

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          • Meine Phantasie ist geradewegs von da gen Südwesten an den Schwarzkieselstrand durchgebrannt. Und ich frage mich kopfkratzend, warum ich auf derley glattem Boden in meinem Tagtraum nicht ausgeglitten bin. Passiert mir doch dies öfter auf Diplomatieparkett.
            Feinfreundliche Grüße, wie stets, Ihre Frau Knobloch.

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      • Fein! Und wir werden nicht die Einzigen sein, denen es beim Anblick oder dem Betreten solcher Gebäude und Anlagen so oder ähnlich ergehen mag…
        Mittäglichseltsamaprilwettrigdochsommerlichwarme Grüsse vom Schwarzen Berg

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  10. Hinreißende Bilder! Ich hätte mich glatt darin verlieren können.
    Immer noch ist die alte Herrlichkeit spürbar – und dennoch: so schön auch das Vergehen…

    Herzliche Grüße aus nördlicheren Gefilden, in denen der goldene Herbst noch so gar nicht einsetzen will.

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    • Ich war alleine, deshalb war aus Sicherheitsgründen sowohl das Keller- als auch das Dachgeschoss tabu.
      Vielleicht ergibt sich da noch eine Möglichkeit, denn ich liebe schon um meiner Phantasie willen solche Örtlichkeiten.
      Abendabgekühlte Grüsse vom Schwarzen Berg

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  11. Die Idylle fand ich schon immer trügerisch … Danke für die Zeilen.
    Die Bilder sind toll. Die Pracht ist noch zu sehen. Danke auch dafür. Lieben Gruss. Ihre Frau Coupar

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  12. „Taschenspieler tauschen geschickt/Freiheiten gegen Plunder./Was sie heute nicht halten,/wird morgen nichtmalmehr versprochen…““ (Der Zauberer ist tot; Heller 78) Mein Lieblingsvers von ihm.

    Interessante Bruchbude; schade dass so schön altehrwürdige Architektur so verkommt. Was mag das früher mal gewesen sein? Habe in diesem Sommer ebenfalls Fotos vom Verfall gemacht und zwar in meiner ehemaligen Kaserne. Wirklich schade, dass die Geschichte nur Rache am Gebäude nahm und nicht am ehemaligen Führungspersonal. Aber es war ein schönes Gefühl in der Bude zu stehen, in der man einst als Zwischenhund und EK die Tage zählte …. und in der ehemaligen Waffenkammer prangt ein Grafitti mit dem copyright „Idiotencrew“, leider nicht von mir. Leider werden in absehbarer Zeit lauter Eigentums-und Ferienwohnungen daraus, weil die Ostseenähe zur Investitions verführte.

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    • Die Beantwortung folgt im aktuellen Beitrag auf diesem Blog.
      Ich mags sehr, wenn meine Beiträge Geschichten bei den Besuchern, Lesern oder Guggern anfachen…
      Mitternächtlichregnenddochsommerlichwarme Grüsse vom Schwarzen Berg

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  13. Hat dies auf marga auwald rebloggt und kommentierte:
    Schimmel kann schön sein

    Idylle als kurze Pause nützen,
    im Nebel weit blicken
    mit Tränen Abschiede tanzen,
    zu zerplatzten Illusionen beglückwünschen,
    Schmerz für Selbstgespräche nutzen,
    Falten streicheln.

    Begegnen wir den Dingen mit Offenheit und Mut, dann wird alles möglich.

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      • Danke. Dieses Mal war es schwierig wie nie, die Worte zu finden. Zeitweise war es ein ganzer Text, dann Fragmente, wieder anderes… Irgendwann musste ich stoppen und den Versuch, den Eindruck, den die Bilder bei mir hinterlassen, zu beschreiben, stehen lassen.
        Jedenfalls ist es eine Erleichterung, die ich wiederum schon gar nicht in Worten ausdrücken kann. Prämittagsgrüße von hier zu Ihnen

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          • Ich fürchte, der Werdeprozess hat sie nach und nach in das unergründliche Reich zurückgeführt, das immerhin nicht Vergessen heißt.
            Da ich aber nicht umhin komme zu bemerken, dass Sie mich gleich mit zwei Beiträgen ordentlich angerührt haben, lasse ich mich auch davon inspirieren, weiterhin nach Worten zu fischen. Ob für mich, Sie oder andere, werde ich sehen, wenn ich das Netz einhole. Kugelbauchigedankesgrüße

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  14. Begeistert ! Hab ich doch in Vorstadt ein Gebäude unweit entdeckt. Abgebrannt vor Jahren, eingezäunt zwar, aber du siehst, wie die Natur es sich zurück holt. Riesige Bäume ragen hervor. Unbedingt, unbedingt muss ich mir da mal Zutritt verschaffen für ein paar Aufnahmen. Und die Beelitzer Heilstätten. Sie werden dir auch garantiert gefallen 🙂
    Herzliche Grüße aus viel viel Sonne heute, Mia

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