Durchblick im Morgengrauen

Im Morgengrauen kopfarbeitend geniesse ich die tiefe Stille. Keine Musik also…

Um halb drei nachts ist ein Lärm drunten auf der Strasse. Zwei jüngere Männer radebrechen deutsch zu laut für diese nächtliche Stunde. Der eine, rote Jacke, die Mütze nach hinten gedreht auf dem Kopf und eine Flasche in der Hand, geht gestikulierend auf die Wohnung zu. Sein Begleiter in unauffälliger Kleidung nimmt einen Schluck aus seiner Flasche und erwidert etwas unverständliches. Sie sind leise geworden.
Ich stehe am Fenster und beobachte die beiden jungen Männer. Der mit der roten Jacke geht auf das Gerüst am Nachbarhaus zu. Blickt sich um, der andere steht mit dem Rücken zu ihm und sondiert die Lage. Plötzlich bückt sich die Rotjacke über die unterste Sprosse des Gerüsts und sein Oberkörper verschwindet im Gebüsch vor dem Sockel des Hauses. Kramt rum und bringt etwas zum Vorschein was ich nicht genau erkennen kann.
Die Konstabler Wache ist eine Minute zu Fuss entfernt und jeder, der es wissen will, weiss welche Geschäfte da neben vielen anderen auch abgewickelt werden. Der Rote kauert am Boden hantierend. Sein Begleiter ist sichtbar unsicher.
Während der Begleiter nochmals die Flasche ansetzt, verschwindet der Rote erneut im Gebüsch, kommt wieder hervor und übergibt dem anderen etwas. Der verstaut es in seiner Jackentasche. Beide gehen locker in Richtung Konstabler Wache davon.
Mein bester Freund und Anwalt, Dr. Gonzo sagt immer, dass alle Verbrecher früher oder später an ihrer eigenen Dummheit scheitern. Entgegen der landläufigen Meinung gibt es doch das perfekte Verbrechen, aber nicht den perfekten Verbrecher.
Gestern Abend kam ich aus der U-Bahn an der Konsti und gehe auf die Wohnung zu. Auf dem Vorplatz sehe ich den Typen mit der Falschrummütze und der roten Jacke. Seinen Begleiter würde ich nicht mehr erkennen.
Der heutige Elektrobriefkasten ist inhaltsschwer. Ein Tubenlink zu einem Interview mit Hans-Jürgen Krysmanski. Bei Soziologen bin ich instinktiv vorsichtig. Andererseits bearbeitet der Mann ein Feld, das mich interessiert. Die Strukturen von Macht. Machtstrukturen und die Eliten, die sie steuern. Der Zusammenhang von Geld und Macht.
Das Interview lege ich jedem wachen Menschen ans Herz ( youtube.com/watch?v=1Gsu4EsS29U ) Die Zeit damit ist besser investiert als mit einem zerstreuenden Film (Vielen Dank Herr Svoboda für den Link! Dafür gibts extra-Kronkorken).
Auf seiner Webseite macht Krysmanski eines seiner Werke online zugänglich. Es handelt sich um die erste Auflage von 2004. Mittlerweile ist die 3. stark erweiterte und aktualisierte Auflage im Handel. Besonders spannend finde ich die Erklärung auf die Frage, wer die neuen Kriege führt, bzw. wie sie geführt werden und wer die Strippenzieher sind. Die Superreichen im dunklen Tuch. Die drehen die Mützen nicht nach hinten. Und rote Jacken tragen sie schon gar nicht.
Ein erstaunlicher Augenöffner am frühen Morgen. Und beileibe keine alten Hüte, die man zu kennen meint.

Meinen alten neuen Hut, ein glücklicher Zufallsfund zeigt das Minimalselfie.

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26 Gedanken zu „Durchblick im Morgengrauen

      • Sehr lieb, vielen Dank, das freut mich zu lesen. Bin immer noch still, weil ich mich ja um meinen langen Text, namens Roman, kümmere. Wegen der Ablenkung, Du weißt. Soll ja fertig werden, zumindest irgendwann. Und gut soll er auch noch werden. Um Babys muss man sich kümmern. Viel Spaß Dir beim Hören des Interviews. Herzliche Grüße an den besonderen Menschen in der Stadt am Main. 🙂

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  1. Herr Ärmel, mit dem Hut erinnern Sie eher an Herrn Heisenberg alias Walther White. Die gute alte Konstabler. Ich erinnere mich immer wieder gerne an das alte Technolied Konstablerwache 2000 „ich geb dir korrekter“.

    Grüße ins Herz von Europa

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  2. Lieber Herr Ärmel, daß letztendlich dieser Hut Sie fand, ist wiedermal der beste Beweis für die Gelassenheit, die man in mancherley Hinsicht an den Tag legen söllte. Manche Dinge brauchen ihre Zeit.
    Und danke für den Link, auch an Herrn Svoboda, er wird verfolgt werden. Also der Link, nicht Herr Svoboda. Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch, hortensienkränzchenwickelnd.

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  3. Ihre selfies sind aber schon sehr speziell, speziell gelungen meine ich natürlich. Enthüllend und verbergend. Die letzten, die man hier gesehen hat zB durch das zerbrochene Glas waren auch speziell.

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  4. Die Strukturen der Macht, auch im Kleinsten spürbar. Ich lese dazu gerne Arno Gruen.
    Darüber diskutieren will ich nicht, da leider von Grund auf Angstschisserin.
    Diesen beiden radebrechenden möchte ich nicht gern begegnen, aber zugeschaut und vermutet hätte ich auch. Wobei ich dachte, Sie hätten am nächsten Morgen auch den Oberkörper ins berüstete Gebüsch gesteckt infolge Neugier.-
    Gruß aus dem Weintanklastergetümmel von denen an der Mosel

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  5. Es ist mir schmerzlich bewusst, wie krank diese Welt ist.
    Meine Vogel Strauß Methode ist nicht die Beste, ich weiß. Im Moment jedoch fällt mir nichts klügeren ein.
    Ihre Hüte dagegen mag ich sehr und auch Ihre Art sich (nicht) zu zeigen.
    Ich grüße herzlichst, Ihre Arabella

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  6. Nettes Selfie.
    Interessanter Text. Den link hab ich mal quergelesen, ich gebe zu ich verstehe nicht alles, warum auch immer. Aber mich hat der Titel interessiert. Und in der Mitte, die Sache mit dem Geld. Dies ist ein Stück weit auch dadurch belegt, dass über diesen ‚Umweg‘ Familien die Macht erhalten, siehe Kennedy und Bush. Die Ex-Präsidenten haben ja lebenslang Macht in Form von Infozugang und Umsetzen in Geld.
    Vorgestern auf meiner Laufrunde gingen mir die Gedanken durch den Sinn, diese Frage diese Tage, droht die „Kriegsgefahr“, dieser sog. WW3. Nachrichten schauen ist ja derzeit bis hin zum Wetter spaßbefreit. Nun: zusammen mit der Erkenntnis dass Russland bezüglich der Ukraine bereits eine neue Kriegsform wählte, alles von langer Hand, zT auch subtil vorbereitet, zeigt, dass ein Krieg, wie wir ihn vor Augen haben, zwar möglich ist, aber nur als Teilaspekt. Die USA wurden die letzten Tage tätig, auch ohne UN Beschluss. Der Südpol schmilzt und es droht Völkerwanderung bzw. setzt latent schon ein. Zur Macht Chinas hab ich noch nichts gesagt. Vielleicht sind wir schon im WW3, aber merken es noch nicht. Man muss sich nur mal klar machen, dass der Nabel der Welt nicht da ist wo unsereiner sitzt, sondern das ist überall und zur selben Zeit.
    Die Zeiten ändern sich.

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      • Vielen Dank. (Die letzten Worte meiner Deutschlehrerin meiner Werke gegenüber waren übirgens verstärkt negativ, sodass ich mich schreibtechnisch Jahrzehnte zurückgehalten habe…. ) Und jetzt komm ich nochmal zurück zur Geisterstunde….
        „Normale Menschen“, das ist so ein Stichwort, das mich auch beschäftigt, aber was sind „Normale Menschen“ ?
        Vermutlich da wo die Masse ist, die verheizt wird, verheizt in Massenveranstaltungen, seien es Massenkonzerne oder Massenstädte oder oder oder, alles mit seinen Eigenheiten.
        Hier in D wird vor Fachkräfte- und Ingenieurmangel gewarnt und man solle doch studieren etc. Nun hat man hier flächendeckend diesen unsäglichen Bachel, also Bachelor eingeführt, der einem weismacht, man hätte studiert. In Wahrheit wird man ausgebildet für einen sehr speziellen Bedarf und steht dann am gedachten Band, oder in einem Großraumbüro. Wo ist der Unterschied zum Band als der Ford T gebaut wurde? Oder die stolzen Ausbildungsberufe ein paar Jahrzehnte später? Schönes Beispiel die frühkindliche Erziehung, was früher eine Ausbildung war, wird zum Studium und hat plötzlich neue Strahlkraft, mehr Geld verdient man aber nicht. Wenigstens gibt es Gewerkschaften, die man für Fairness kämpfen lässt. Auch für Inhalte? Auch für die vielen Berufe, die keine Verbände hinter sich haben? Ich schweife ab, Frau Deutschversteherin hatte doch recht… Am Ende wird einem durch die bessere Ausbildung sprich Studium etwas suggeriert was vielleicht nie zutrifft. Man geht den ’normalen‘ Weg (Familie, Auto, Haus statt Wein, Weib, Gesang) und sitzt dann in der Falle. Der Verschuldungsfalle, der Konsumfalle, der Versagensfalle. Da auszubrechen? Geht nahezu nicht. Das muss früher passieren, während des Studierens. Aber Studieren bedeutet heute Assimilieren. Spätestens jetzt ist man normal und wird gebraucht, damit es anderen besser geht….

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        • Erneut danke ich Ihnen für den trefflichen Kommentar.
          Normal ist, was dazu erklärt wird, sprich: was gerade gebraucht wird. Von denen, denen es es gut geht und noch besser gehen soll. Wachstum, Sie verstehen.
          Deutschlehrers Meinung ist sekundär, da er nur für das jeweilige Schuljahr gilt.
          Der B.A. stempelt die hoffnungsvollen Studenten zur Masse der dienstleistenden Befehlsausführer. Die M.A. dürfen sich wertvoller fühlen, am Ende sind sie genauso Normalos mit dem Unterschied, dass sie im Getriebe die Befehle zur B.A. Ebene weiterleiten und des leidlich besseren Gehaltes wegen. Alles wie gehabt, oder besser vielleicht, alles beim alten. Wie bei den alten Griechen, im Mittelalter. Mit dem Unterschied des schönen Scheins, elektrischem Licht und Klo in der Wohnung…
          Frühmorgendlichnachdenkliche Grüsse aus der endlich stillen Stadt

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  7. Lieber Herr Ärmel, dass ich Hüte sehr mag, das wissen Sie ja schon :-). Was ich aber auch an Ihnen mag ist, das sie mich auf Dinge aufmerksam machen, mit denen ich mich nicht soviel beschäftige oder beschäftigen will. Vielen Dank für den Link. Herzlichst. Ihre Frau Coupar

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    • Liebe Frau Coupar, Ihr Kompliment erfreut mich sehr – vielen Dank dafür. Es ist natürlich auch ein Ansporn,
      weiterhin interessante bzw. interessierende Themen zu publizieren…
      Nachmittäglichabgeschafftmatte Grüsse aus der betriebsamen Stadt

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  8. Da hätt‘ ich doch fast das Kind mit dem Bade….
    Der Link zum Interview war eher enttäuschend: Wieviel Gestammel erträgt der Mensch um 2 oder 3 Brosamen Wahrheit zu finden, die er auch vorher schon ahnt/bzw. wusste… hach diese alten überstudierten Proffs, unfähig sich mitzuteilen in einer Form, der man zuhören möchte…

    AAAAAABER der Auszug aus dem Buch: Ja schnalz noch mal! Wow! Ächz! Das muss im ganzen ran. Danke für den Hinweis.

    Im übrigen hat der „Stern“ von dieser Woche einen sehr interessanten Leitartikel zum Thema „Neuer kalter Krieg“ in dessen erstem Teil wie üblich russische Propaganda kritisiert wird, vermutlich um einige Leser zunächst abzuschrecken oder redaktionelle Kontrolleure, bevor in der zweiten Hälfte dann treffend Amerika- und EU-Kritik geäußert wird, die Bezug nimmt auf jenes unglückliche Assoziierungsvertragsprogramm auf das sich schon Gabriele Krone-Schmalz bezog, als sie der dümmlichen Staatspropaganda hierzulande in die Parade fuhr. Der Artikel insgesamt ist sehr lesenswert. ER bereitet DDR Dejavues am laufenden Band: Die vorsichtig verpackte Wahrheit ummantelt von Phrasensalat.

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    • Moinsen – das Interwiew war als Appetithäppchen gedacht, um dann den Link zum Buch zu klicken.
      Gut, dass du mich auf diesen Stoplerstein aufmerksam machst. Da muss ich beim nächsten Mal besser aufpassen und abstimmen…

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