Im verkannten Osten

Die Geräusche der grossen Stadt ersetzen die Musik…

Manche Gegenden einer Stadt sieht man selten, einige Viertel vielleicht nie. Wenn man ohne Kraftfahrzeug oder Fahrrad unterwegs ist und die Wege zu Fuss zu weit werden freut man sich über die Tageskarten der öffentlichen Verkehrsmittel. Relativ günstig, erlauben sie ausgedehnte Stadtrundfahrten mit beliebig vielen Zwischenstopps.
Ich war schon lange nicht mehr im Osten der Stadt. Derzeitiger Mittelpunkt ist die EZB. Der gläserne himmelwärts aufstrebende Schrägzahn erhebt sich aus den denkmalgeschützten Grossmarkthalle. Mit dem Neubau der EZB wurde das Ostend aufgewertet. Die übliche Spekulation. Altbausanierung. Einträgliche Mietpreissteigerungen.
Der Ostbahnhof am Danziger Platz ist noch immer dem Zerfall anheimgegeben. Die Gleisanlangen werden derzeit instandgesetzt. Mit der anstehenden baulichen Neugestaltung wird die alte Silhouette endgültig zerstört worden sein.
Weiter im Osten liegt der Stadtteil Riederwald. Hier ist die eigentliche Heimat der Adlerträger, der launischen Diva, der Eintracht Frankfurt. Ein traditionelles Arbeiterviertel. Schöne Architektur im Stil der Neuen Sachlichkeit. Eher beiläufig entdecke ich die grosse Uhr an der Klinkerfassade. Eine Schule. Ich betrete das Erdgeschoss und staune über den guten Erhaltungszustand der alten Details.
Vom Riederwald gehts nach Bornheim. Die Ernst May Siedlung ist nach dem Stadtplaner benannt, der in den 1920er Jahren durch die Konzeption moderner Wohnungen zu erschwinglichen Preisen der Wohnungsnot im urbanen Raum Abhilfe schaffen wollte. Das Modell der Frankfurter Küche verdrängte die Wohnküche und zergliederte das Familienleben nachhaltig.
Der Unterschied der angesagten Ernst May Siedlung zu den Gebäuden im Riederwald ist auffällig. Hier gibt es sogar eine Kirche im passenden Stil. Sie wird zur Zeit renoviert, da macht es nichts, dass der Jugend unbedingt mit aufs Bild will. „Ey, ich vor der Kirche, ist doch super. Können Sie in der Bildzeitung zeigen.“ Auf dem Weg zurück mache ich noch einen Abstecher zum Hauptfriedhof. Er zählt zu den grössten städtischen Friedhöfen Deutschlands mit 64 Kilometern Wege. Immer wieder erstaunlich, wer hier begarben worden ist in den letzten zweihundert Jahren. Da ich das Gemeinschaftsgrab der Opfer der Zeppelinkatastrophe 1937 in Lakehurst nicht finde, statte ich Herrn Schopenhauer einen kurzen Besuch ab.
Das bringt mich auf die Idee für eine kleine Tour im Westen der Stadt.
Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

(Foto anklicken und mitgugge)

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30 Gedanken zu „Im verkannten Osten

  1. Den Brunnenspruch kenne ich von Ominkel mit anderem Wortlaut: Trocken Brot macht Wangenrot. Ich liebe es bis heute, von Frischbrot die Knusperkruste abzuknabbern mitohnenüschte dazu.
    Danke für den Spaziergang, auf dem Friedhof könnte man wohl Tage zubringen. Herzliche Samstagsvormittagsgrüße aus dem Florallabor, Ihre Frau Knobloch, wie stets zugeneigt.

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      • Lieber Herr Ärmel, ich wünsche Ihnen einen Schönstsonntag in Ihrer Herzensstadt und sende tausend Sonnenstrahlen per Luftschiff, auf daß Sie Ihre Pupillen nochmal mit viel strahlenden Augenblicken betanken. Herzliche Grüße aus Nichtschnippischlippisch, Ihre Frau Knobloch, zugeneigt wie stets.

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      • Sowas… Da muss ich doch mal mit dem Blindenhund sprechen 😉
        Die sind mitten auf dem Danziger Platz, kann man selber n bisschen Gärtnern oder gegärtnertes genießen …. Ich finde das ein sehr schönes Projekt – gerade in der Gegend 🙂

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        • Das klingt toll. Ich muss es übersehen haben, oder besser: ich habe in diese Richtung garnicht so recht hingeschaut.
          Umsovieler Danke für Ihren Hinweis 😉

          Kinoromantischbilderabegefülltenachtgrüsse aus der lebendigsten Stadt am Main

          (ich hatte Sie früher zurückerwartet aus der merkwürdigen schweizer Stadt)

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          • Das reelle Leben außerhalb dieses Blogs hatte mich unschön im Griff … 😦

            Ich wohnte mal im Ostend, ich hätte mir die „Gärten“ damals schon gewünscht. Der Ostbahnhof hat soviel Charme, es ist schade, dass man den selten sieht 🙂

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            • Ich habe mal bei einer Firma in der Ostendstrasse gearbeitet 😉
              (lange her) – Schade, dass das reelle (oder das reale???) leben Sie so im Griff hatte,,,
              Kinobilderromatischerfüllte Abendgrüsse aus der lebendigsten Stadt am Main

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              • Ich habe ja gedacht, dass ich Sie am Freitag im Alex im Skyline Plaza gesichtet haben könnte.

                Reele und reale Leben … Passiert 🙂 Was einen nicht umbringt und so 🙂

                Frankfurt ist eine der schönsten Sonnenaufgang und Sonnenuntergangsstädte, finden Sie nicht auch? 🙂

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                • Am Freitag bin ich nachmittags gegen 14:00 in einem Lieferwagen dran vorbeigefahren – knapp daneben ist auch vorbei (schade).
                  Für die Sonnenaufuntergänge könnte ich Sie jetzt grad mal drücken.
                  Vorgestern auf der Autobahn Richtung Südenhabe ich jemandem erzählt: am Morgen meines 24. Geburtstages bin ich morgens um 6:30 nach dem Westkreuz über die Brücke Richtung Flughafen gefahren. Ich gugge nach links und sehe die Sonne hinter der damals noch bescheideneren Skyline hochkommen. Da ist mir die Stadt ins Herz gefahren und seitdem drin geblieben….
                  Schnellbettwärtstrollende Grüsse aus der lebendigsten Stadt am Main (bevors das Herz ergreift)

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  2. Danke für den Hinweis, das Bild, die Zueignung. Wenn es so etwas geben darf wie ein Grabranking nimmt dort Schopenhauer bei mir einen guten dritten Platz ein, Grund genug, ihn zu besuchen.
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

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  3. Verehrter Herr Ärmel, ich habe etwas zu einem Bild gepostet, weiß aber nicht, ob es Sie erreicht hat….
    das war aber eher der Nordosten, den Sie durchstreift haben, der andere fehlt noch…ich lasse nicht locker -:)))

    lieber Gruß von mir an Sie

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    • Yepp – vielen Dank für den Kommentar – und jetzt gerade eben noch die Paparazzi Ausstellung in der Schirn – grandifamos…
      Museumseindrückeerfülltnachmittägliche Grüsse aus der lebendigsten Stadt am Main

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  4. Dann liegt die Heimat der einträchtigen Adlerträger ja nicht weit von denen mit dem anderen Adler. War in Frankfurt aber scheinbar nie so ein großes Problem oder?
    Die angedeutete Haifischflosse ist jedenfalls ein super Symbol für die EZB *fg*

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    • Stimmt, der Bornheimer FSV ist nicht weit weg. Ich bin ja nicht so der Kenner der Szenen wie du, aber meines Wissens spielen die recht friedlich nebeneinander her.
      Genau, die Haifischflosse passt (es ist jetzt der vierte Standort der EZB in FfM. Sie nutzen die Infrastruktur und das Ganze drumherum und zahlen keinen Pfennig dafür an die Stadt)

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  5. Über die EZB, die Aufwertung des Viertels und die Sorgen der alteingesessenen Mieter sah ich letztens etwas im TV. Heute war der Bruder da und wir diskutierten über die Explosion des Wohnungsmarktes in der Heldenstadt. Was uns beide wunderte, war, wie das möglich ist, verdienen die Leute doch eigentlich viel zu wenig. Hier immerhin irgendetwas zwischen 15 und 20% Erwerbslose, und da sind die Niedriglohnverdiener noch gar nicht mal dabei. Scheint uns alles wie eine riesige Blase. Leben auf pump. Amerikanische Verhältnisse. Wie das endet, weiß man ja

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    • Dass in der Bembelstadt der ganze Wohnungsmarkt noch immer funktioniert, erstaunt mich jedes Mal aufs Neue.
      Wer da im letzten Moment immer weider mal die Luft aus der Bläse lässt ist mir ein Rätsel. Aber dass dann gleich wieder leicht aufgeblasen wird, kann jeder sehen und spüren…
      Wie es endet weiss man – aber wann…

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