Tagauf Tagab

Sommer und Herbst scheinen sich zu vermählen. Blauhimmel und sieben Sonnenschwestern im Verein mit vorsichtig sich färbenden Blättern. Es ist zu prächtig. Von Bear Family Records, der grandiosen Plattenfirma ist eine famose Box im Briefkasten gelandet. Fünfzehn Scheiben klingende Musikgeschichte, die einen eigenen Beitrag verdient hätte. Verschiedene Musikalartisten: Street Corner Symphonies. The Complete Story of Doo Wop 1939 – 1963…

Der frühmorgendliche Blick vom Winzballkönchen der Dunkelkammer. Nebelverhangen kündigt sich der Herbst an. Aber durch den Dunst kann man die Schönheit des erwachenden Tages bereits erahnen. Links hinter der schwarzgoldenen Silhouette der Bergkette steigt die Sonne über die albanischen Gipfel. Rechts verzieht sich die blasse Gelbglatze des vollen Mondes hinter dem Rumlja Gebirge in die Adria abwärts.
Die Stadt ist noch still um halb sieben Uhr morgens. Ich rette mir meine Gesundheit auf dem Zebrastreifen durch einen kühnen Sprung zur Seite. Der Fahrer hat wichtigeres zu erledigen mit seiner elektronischen Handfessel als auf Fussgänger zu achten. Zum Frühstück auf gut gebuttertem, knusprig frischem Brot besteht die frische gekochte Schwarzwälderkirschkonfitüre ihre Geschmacksprobe.
Ich kann die ewigen Plastiktüten auf dem Schwarzen Berg nur mehr schlecht ab. Selbst kleinste Einkäufe werden es in einer Plastiktüte über die Theke gereicht. Mein ständig wiederholter Satz, ich brauche keine Tüte, ruft regelmässig Unverständnis hervor.
Volker Pispers ist mein liebster Kabarettist. Sein 2014er Programm geht mir seit Tagen nicht aus dem Kopf. Ich kann von Jahr zu Jahr weniger über seine Darbietung lachen. Der Mann ist einfach zu gut. Der trifft den Nerv so exakt, dass mir zunehmend das Lachen im Hals stecken bleibt.
Auf dem Weg zum Markt zweimal gerade noch Fussgängern ausweichen. Manche Menschen scheinen aus schierer Dumpfheit auf ihrem Trampeltrott zu bestehen. Wem ist damit geholfen. Nein, vielen Dank, ich habe schon eine Tüte. Unverständnis wie gehabt. Die Frau mit den Kartoffeln will sich garnicht einkriegen vor Lachen, sie kanns nicht glauben. Ein neues Erlebnis. Im Obergeschoss des Marktes will ich noch rasch sehen, ob es passende Sportschuhe gibt. Es gibt Modelle in grellleuchtenden Farben, Markentreter, die aussehen wie Kopien.
Dabei gibt es inzwischen doch gar keine Markenkopien mehr. Klar, wer für die dazu erklärten Originale ein Vielfaches zahlen möchte, der darf das gerne tun. Für die Hersteller ist es wichtig an den Märkten präsent zu sein. Was zählt dabei Original oder Kopie. Hauptsache marktpräsent sein.
Regale mit UrbanCityCasualTretern, aber keine passenden Schuhe für den schnellen Lauf. Bequem muss die Bekleidung sein, dann spürt man die sozialen Fesseln weniger.
Und die Menschen bezahlen in den Boutiquen viel Geld für zerrissene Hosen. So weit sind wir bereits mit den Vorübungen zur neuen Armut. Die Kinder dieser Leute werden so schon auf den zukünftigen Anblick des zerlumpten Mittelschichtsproletariats trainiert. Konsumhamsterchen bleib´ in deinem Rädchen.
Die neuesten Massnahmen zur Belebung des Arbeitsmarktes werden positiv aufgenommen. Wahrscheinlich von den Arbeitsplatzbesitzern, die nun noch weniger für den Rohstoff Arbeitskraft bezahlen müssen. Und die Entsorgung verbrauchter Arbeitskräfte ist weiter erleichtert worden, die bezahlen sowieso die Anderen. Damit lästige Fragen dazu unterbleiben, schnell noch die Nachricht vom Ebolahund nachreichen. Weil das doch so wichtig ist. Hundeliebhaber starten umgehend eine Protestaktion im Internet. Wen interessiert da noch die Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Dann doch lieber einmal die BILD-Dung: der Glücksatlas zeigt, wo Deutschlands glücklichste Menschen wohnen. Jetzt braucht mir bloss noch einer zu sagen, dass die Renten sicher seien.
Ich gehe noch eine Standreihe weiter dorthin, wo es die frischeste Petersilie gibt. Als ich die Markthalle verlasse ruft mir Kartoffelfrau winkend entgegen: Keine Tüte! Das herzhaft schallende Lachen aus dem zahnlosen Mund rettet mir den Tag.

(Foto anklicken – hilft beim Aufwachen)

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52 Gedanken zu „Tagauf Tagab

  1. Lieber Herr Ärmel, es ist schwierig den eigenen Wünschen zu entsagen. Sportschuhe taugen nur, wenn sie gut gefedert sind, du es wiederum gibt es nur bei Markenwchuhen. Diese Westen natürlich in Billiglohnländern hergestellt. Aber niemand weiß dad besser als sie.

    Meine Kartoffeln kommen im althergebrachten Sack vom Bauernhof auf dem die Schaukelinhaberin ihre Tagesmutti hat. Die Letzten waren sogar gratis, weil ich im Gegenzug Äpfel lieferte.
    Es lebe das gute, alte Tauschgeschäft, wir gelernten DDR – Bürger kennen uns damit noch aus.
    Fastsommerlichedochoktoberlichtstreuende Grüße, Ihre Arabella

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  2. „Und die Menschen bezahlen in den Boutiquen viel Geld für zerrissene Hosen. So weit sind wir bereits mit den Vorübungen zur neuen Armut. Die Kinder dieser Leute werden so schon auf den zukünftigen Anblick des zerlumpten Mittelschichtsproletariats trainiert. Konsumhamsterchen bleib´ in deinem Rädchen.“

    Triefend zynisch, aber sehr wahr und bestens formuliert, lieber Herr Ärmel.Hinzufügen könnte man noch unter welchen menschenverachtenden Arbeitsbedingungen die Löcher im Stoff für die Hosen erzeugt werden.

    Aber ihre Fotos gefallen mir immer noch besser. Dieses schimmernde Haus hinter dem Nebel. Großartig, die Darstellung der Schönheit von „eigentlich“ häßlichen Dingen. Ich bin ja der Überzeugung, dass fast alles schön sein kann, aus dem richtigen Blickwinkel, im richtigen Licht, mit einem offenen-Herzen-Auge hinter der Kamera ……. Ach, und der tiefe Horizont mit den reduzierten Formen von Mond und Bäumen …… hat was von einer japanischen Tuschezeichnung .

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  3. Ja, ich hab ihn auch immer in der Handtasche, den guten, alten Stoffbeutel. Wasch- und wiederverwendbar. Nur nicht mehr aus Dederon 😉 und auch kein Netz. Die konnte ich noch nie leiden.
    Zum Einkaufen gibt es zudem einen Korb aus Korb und eine große Klappkiste 😉

    Und den Herrn Pispers mag ich auch. Durfte ihn schon 2x live erleben und kann bestätigen, dass das Lachen lauthals im Halse stecken bleibt und zu einem bedenklichen Nicken mutiert. Ging mir auch bei Herrn Hildebrandt so. Schallendes Scheibenwischergelächter gab es nur, bevor das System auch „meines“ wurde…

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  4. Lieber Herr Ärmel, über den Konsumterror tauschten wir uns ja bereits elektropostalisch aus. Zum Folienwahn kann ich leider noch etwas aus dem eigenen Tagwerk berichten: Bei mir gibt es keine Folienverpackung. Und es geschieht, zum Glücke selten, aber doch, daß potenzielle Kunden abspringen, nur weil ich ihr Winzblümchenpräsent nicht bombastisch foliertumhüllt aufbausche. Die angebotene Naturpapierbastverpackung genügt ihnen nicht. Es ist zu Haareraufen…

    Das Spiegelmondbruderbild, ich liebe es. Es ist, als zwinkere er mir ein Versprechen zu, die nächste Nacht wieder Wache zu halten über die, die ihm ihre Bitte um Schutz angetragen.
    Liebe Grüße gen Schwarzberganien, Ihre Frau Knobloch, zugetan wie stets.

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    • Folienverpackungen sind in der Tat auch so ein leidiges Thema ^^ aarghh
      Ich glaube nicht, dass der Mond Ihnen das verspricht. Ich sehe ihn aufmerksam gugge, dass Sie auch ja tieferholsam Ihre Nachtruhe haben werden…
      Frühherbstnachmittäglich27°warmesonnengrüsse vom Schwarzen Berg

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  5. zuerst: das mondfoto ist auch für mich MAGISCH ! ♥ und ich liebe ihre fotos sowieso 🙂
    und dann: ihr text füttert meine sehle und meinen kopf. ich bin so froh, dass es menschen gibt, wie sie.
    in dem dorf meiner wohnwahl ist das tauschen auch wieder sehr angesagt. das beruhigt mich oft. wir könnten im notfall auch autark!
    und diese tütengeschichte gibt es auch hier. wo man hinsagt ‚danke, keine tüte‘ wedelt einem unverständnis entgegen.
    das verstehe ich wiederum nicht.
    darum werden meine seifen konsequent in papier verpackt.
    und meine hosen zerreiße ich mir immer noch selber!
    ♥lichst kerstin

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  6. Na ab und an scheinen die Überdemgroßenteichlebenden doch auf dem richtigen Weg zu sein. Ein Verbot dieser Plastikverschwendung wäre doch auch hier im alten Europa angesagt. Wenn man sich so manch Bilder von Weltmeeren anschaut….

    Ansonsten erfreue Dich Deiner schönen morgendlichen Stimmungsumgebung des Himmels, wenn ich an die schon wieder seit Tagen anhaltende dauergraue Suppe hier denke 😦

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  7. Meine Herrn, ich komm kaum nach. Da klich ich mich durch österreichische Netznachrichten um über Musik-Auffrisch-Nerds spannendes zu lesen, denen der alte Cash nicht gefällt. Schau mir nebenbei optimistische Aufwachhimmel an und lerne einen neuen Kabarettisten kennen, der sogar im nächsten Jahr meinen Dunstkreis tangiert. Gefährliches Autofahren hier basiert in der Regel auf spontanen Bremsmanövern wegen dauernder Blitzattacken. Und schon sind wir bei Sportklamotten aus Weitwegland, unter welchem Namen sie verkauft werden? Spielt keine Rolle. Nur so viel: meine Sportschuhe: Marken aus Bekommichheimwehland, Sportoberkleidung: markenfrei aus Dawillichauchmalhinland.
    Von Tüten bin ich hier weitestgehen verschont. Meist eine werbebedruckte Baumwolltasche dabei.
    So, nun bin ich wieder im Schnellschnellmodus angekommen, über den ich an anderer Stelle diese Tage auch kommentiert habe.
    Zur Feier des Tages werde ich mich jetzt mal den flüssigen 40% widmen und noch auf Extra3 im TV warten.
    🙂

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  8. Lachen Sie mit und bleiben Sie Ihrer Plastiktütenverweigerung weiter treu! Mir imponiert das. Hier in D stehen ja nur Trägheit und Gewohnheit gegen den Plastenwahn, eine wirkliche Leistung ist es hingegen nicht zu sagen „Nein danke, eine Tüte brauche ich nicht.“
    Ihre „Vorübungen zur neuen Armut“ sind beklemmend formuliert. Der Konsumismus ist hier in der Kesselstadt übrigens gerade ein heißes Eisen, weil innert zehn Tage zwei gewaltige, nagelneue Einkaufszentren mit Riesenbrimborium eröffnet wurde. Beschämenderweise hat eine zentrale Haltestelle – ein Knotenpunkt der Stadt – ihren zweiten Namensbestandteil „Stadtmitte“ abgeben müssen für den Namen des einen Konsumtempels. Und die Eröffnung des anderen verlockte heute offenbar Abertausende zum Shoppingfest und in den Straßenbahnen trafen die Plastiktütenhorden auf die Bier-und-Trachten-Massen vom sogenannten Wasen: Konsumterror gegen Konsumterror.

    Möge das Leben morgen freundlich zu Ihnen sein!

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    • Ich freue mich über Ihren guten Wunsch und bin mir sicher, dass das Leben heute gut zu mir sein wird.
      Ihnen das Beste in Bembelstadt – auch wenn sich der Besuch auf Messehallen beschränken wird.
      Was die Konsumtempel als letzte Beruhigungs- und Ablenkungsstätten von den wirklichen Wichtigkeiten auf der Welt betrifft, gewinne ich mittlerweile den Eindruck, dass nur Menschen dämlicher als Esel sein können. Sie halten sich selber die Karotten vors Geifermaul, denen sie dann nachrennen.
      Dennoch und gerade deshalb: Superbonfortionösblauhimmlischsonnenstrahlende Morgengrüsse vom Schwarzen Berg

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  9. lieber herr ärmel. ich habe die fotos, wie immer, mit großer begeisterung betrachtet und den text dazu mit ebensolcher gelesen. ich, das heißt das, was nach der frühschicht von mir noch schreiben kann. es wird zeit für schlaf und ganz bald für elektropostantwort. herzliche grüße und gute nacht.

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  10. DIESE Doowop-Sammlung hab ich anfang des Jahres auch geplündert (= einzelne Songs legal downgeloadet beim Fastmonopolisten mit dem Kampfweibnamen)um mir ein paar eigenen Autobahn-Compis zu drechseln.

    Pispers Programm 2014 kenn ich/mag ich – aber z.Zt. würde ich mir, wenn es um Kabarettisten geht eher Uthoff und von Wagner auf beide Unterarme tätowieren lassen wollen. DIE toppt niemand.4 Sendungen der neuen „Anstalt“ und KEIN Hänger. Und das ZDF ist Gott sei dank nicht der NDR. Wären sie bei diesem, so hätten die beiden längst das Eva Herrman Schicksal inn Kauf nehmen müssen; spätestens als der Joffe von der ZEIT die beiden verklagt hat. Das stand übrigens in keinem unserer großen Leitmedien! Das musste man sich in mühevoll anderswo ergoogeln, nachdem erste Gerüchte bekannt wurden. Das ZDF nahm zwar die „anstößige Stelle“ aus der Mediathek, aber youtuhb rettete die Sequenz der Öffentlichkeit! Und Uthoff und Wagner nahmen in der letzten Sendung wirklich genial darauf Bezug — also Anstalt gucken – Anstalt gucken – Anstalt gucken!

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    • Uthoff, von Wagner? Nie gehört. Den Titel der Sendung habe ich schon mal irgendwie vernommen. Vielleicht sogar von dir. Aber ein Fastniefernsehgugger wie ich ….
      Ich werde mich bei Onkel Juhtjuhp mal umsehen.
      Dass man bei der Ammikrake auch was umsonst kriegen kann klingt fast unglaublich.
      Ich finde interessant, woher manche mir gut bekannten, eigentlich erst viel später „geschriebenen“ Stücke ihre Ursprünge haben.

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      • Man kriegt bei der Amikrake nix umsonst, „legal downgeloadet“ sollte heißen – ich hab lieber für eine Handvoll einzelner Songs bezahlt, als für die gesamte Reihe auf CDs, die dann nur rumstehen. Diese Spartenmäßige Aufräumerei (15 CDs Doowop, 15 CDs Rockebilly ….) hat eben auch ihre Eintönigkeitstücken: Ich mix dann lieber selber im Gööörd Ahlsen Style – „here’s an all american big Hit! ready to rock it!! Memoryhits from Doidshlanfoong europpäweit! Memoryhits on Di Äl Äff.“

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  11. Lieber Herr Ärmel, Ihren Konsumgedanken folge ich nickend. (Volker Pispers auch, aber eine halbe Stunde, und ich bin deprimiert, so recht hat er.)
    Ohne Tüte geht hier inzwischen ja, Jeans auch, aber wie lange ich suchen mußte nach einem, der Schuhe macht! Man muß schon ziemlich komisch werden, um aus diesem Wachstum-ohne-Ende-Dings auszusteigen. Es gibt viel zu tun …

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    • Und genau das ist der Punkt: man kommt sich nachgerade komisch vor. Dabei sinds doch eigentlich die Anederen, die sich komisch verhalten… Jaja, Pispers kann schon was ~~~
      Morgendlichkettensägennachbarnervende Grüsse vom Schwarzen Berg

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  12. Fühle mich ein, Herr werter Herr Ärmel.
    Die Tüten, die Bild-Dung (wirklich gutes Wortspiel).
    Ich weiß gar nicht, wie Sie diese, Ihren Artikel an mir vorbei schleusen könnten. Da fehlte mir wohl ein wenig Achtsamkeit.
    Doch nun bin ich ja wieder im Bild(e).

    Mit freundlichen Grüßen
    Silvia Meerbothe

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    • Sie haben offensichtlich einen Korsikakommentar in meinem alten Blog bei Tant Guurgel abgeben. Ich soll ihn nun genehmigen, kann das aber nicht, weill die alte zwar zahnlose aber aber überaus datengefrässige Tante Guurgel mich nicht mehr in meinen alten Blog lässt ^||^
      Deshalb bin ich ja hierher zu WP gezogen…
      Sie müsste n Ihren Kommentar unter dem 7.Juli 2012 über diesen Blog eintragen…

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