Langlesung trotz Glühweinköpfen

Sowieso. Eine dreihundertsechsundsechzigtagelange Vorlesung hat etwas ganz besonderes. Finde ich. Rostock: eine Stadt liest. In diesem Jahr wäre der von mir geschätzte Schriftsteller Uwe Johnson (Johnson, wie man das schreibt, nicht Tschonnsen) achzig Jahre alt geworden. Sein Opus Magnum „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ spielt vom Montag, dem 21. August 1967 bis zum 20. August 1968. Vier Bände, 1981 Seiten.
Aus diesem grandiosen Werk wird nun für jeden Tag das entsprechende Kapitel vorgelesen. Wer mithören (oder nachhören) möchte, kann auf der Webseite des Projektes links im Menu beim Kalender mit dem 20. August beginnen…

Der Advent steht vor der Tür. Aus der Zeit der Besinnung und ruhigen Einkehr wird wie in jedem Jahr ein unsäglicher Konsumrummel werden. Weihnachtsmärkten wird ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Kommunen bescheinigt. Der traditionelle sechstägige Herbstmarkt einer Gemeinde, erhaben über dem Main gelegen, hinterliess der Stadtreinigung fünfundvierzig Tonnen Abfall. Fünfundvierzig Tonnen.
In Frankfurt ziehen sich die Buden und Verschläge der weihnachtlichen Vermarktung schon hoch bis zur Hauptwache hin. Den letzten Weihnachtsmarkt habe ich vor dem Hamburger Rathaus erlitten vor fünf Jahren. Als Gast macht man von seinem Gastrecht schwerlich Gebrauch. Heisse, stark gesüsste alkoholhaltige Gülle zur Bekämpfung des guten Geschmacks.
Auf dem Friedhof sitze ich und warte auf die Ansprache des Uniformierten mit dem gespaltenen Lätzchen vorm Kehlkopf. Der Vater eines Freundes liegt im Sarg. Irgendwo las ich einmal davon, wieviel Bäume sinnlos für Särge gefällt werden jedes Jahr, weil die Verstorbenen nach der Zeremonie verbrannt werden. Wiederverwendbare Särge, als Geschäftsidee wären sie noch zu erfinden. Überhaupt das Geschäft mit den Beerdigungen. Die Preisliste der Leistungen erinnert an den Kauf des neuen Personenkraftwagens mit dem Extraausstattungsschild in der Frontscheibe. Wer kann der kann.
Nachdem ich einige Filme von Leni Riefenstahl gesehen hatte, auch die aus dem Giftschrank der deutschen Geschichte, bewunderte ich den jeweiligen Gebrauch des Weitwinkelobjektivs. So wurden meines Wissens vorher die kurzen Brennweiten noch nicht als Mittel der Gestaltung verwendet. In der Folge hielt ich die Frau in dieser Hinsicht für innovativ. Für einen Betroffenen hatte Riefenstahls Arbeitsweise fatale Folgen. Man lernt doch immer noch dazu. Dem betroffenen Mann werde ich demnächst einen eigenen Beitrag widmen.
Räume, in denen man vorwiegend mit Büchern zu tun hat, sollten bleiverglast sein, die Scheibchen in dezentem Blau und Gelb geblasen.

(Foto anklicken und den Mainzer Dom betreten)

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44 Gedanken zu „Langlesung trotz Glühweinköpfen

  1. Sehr morbider Engel.
    Aktuell überlege ich einen Abend Hamburger Weihnachtsmärkte zu fotografieren, u.a. den am Rathaus, den in Ottensen und den auf der Fleetinsel, mit den beleuchteten Seglern im Fleet, denn jenseits des ganzen Kommerzes find ich die Motive schon kuschelig irgendwie.
    Und zur stark gesüßten alkoholhaltigen Gülle auf dem Santa Pauli Weihnachtsmarkt frag mal den Pappenheimer *g*. Mit den richtigen Leuten kann sowas durchaus Spaß machen 😉

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    • Das kann schon sein mit dem Spass. Es liegt ja auch an mir, denn mir fehlt dieses ganz spezielle Spassgen…
      Btw.: wenn du Weihnachtsmärkte fotografieren gehst nachts, check mal vorher aus, welches interessante Standpunkte undgewöhnliche Perspektiven sein könnten. Wo du also z.B. von oben fotografieren kannst, so aus dem dritten oder vierten Stockwerk, so in der Höhe. Kirchtürme und dann mit Fernrohr und solche sachen…

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  2. Meiner Ansicht nach ist Bestatter der einzig zukunftsstabile Beruf und die Friedhofsgrundstücke liegen quadratmeterpreislich auf direkter Augenhöhe mit den Appartmentpreisen der Nordseeinseln.

    Herr Ärmel, beziehen Sie Ihren Hut aus dem selben Atelier wie Pan Tau?

    Frühmorgendliche Grüsse
    Sk

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    • Tja, wenn man die reihe genau durchdenkt – Arzt, Apotheker, Pfarrer, Totengräber – dann ist der letztgenannte Beruf mit Sicherheit der mit den stabilsten Zukunftsaussichten 😉
      Meinen Hut? Also diesen habe ich in einem Oxfamladen bezogen…
      Morgendlichfrühstückserwartende Grüsse aus dem hervorragenden Bembelland

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  3. …das zweite Foto zeigt feine Prismenbrecheffekte, schön…

    …über die Bestatterei las ich neulich mal, was das für eine unsägliche Geschäftemacherei ist, da schlägt es dem Sarg fast den Boden aus! Und ich kann bestätigen, dass so eine Veranstaltung, samt Lesung durch Geistliche und etwas Musik vom Band durchaus so viel kosten kann wie ein neuer Fiat500, mit dem ja wohl James Bond im neuen Filmle durch Rom jetten will *lach*

    …Brechreize verursachen allerdings sogenannte Weihnachtsmärkte im Namen Jesu Christu, die schon im November überall beginnen und nur dazu dienen, noch mehr kaufkräftige Schweizer ins Ländle zu locken, und überall das Innere der Kesselstadt extrem menschenverstopfen, sodass ich am Abend kaum mehr nach Hause kommen kann…

    hab einen schönen Tag!

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    • Der Bruder eines Freundes starb in der Eifel. Sollte eine Seebestattung werden. Überführung der Urne mit den Resten im Kraftfahrzeug nach Kiel lt. Kostenvoranschlag etwa 3.500,00 Euro.
      Ich war mit meinem Freund bei einem örtlichen Unternehmer in Kiel. Frage wegen Überführung der Asche, Kosten etc…
      Der UNternehmer vor Ort klärte auf, dass es eine spezielle Postsendung für Urnen gäbe. Porto ca. 30,00 Euro.
      So werden Geschäfte gemacht.
      Wohlgefrühstücktaktive Morgengrüsse aus dem grauhimmlischen Bembelland

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  4. Ziehen Sie vor dem fantastischen Licht oder vor dem Tod den Hut, verehrter Herr Ärmel?
    Das Geschäft mit dem Tod läuft wahrscheinlich deshalb so gut, weil man sich auf diese Weise frei kaufen kann. Frei von allem was man versäumte, dem Lebendigen an Liebe zu schenken.
    Und, ja ich bin bekennende Weihnachtsmarktverächterin.
    Ich schaffe es locker, darum herumzulaufen und mich dafür zu Hause mit einer Tasse Tee zu belohnen. Außerdem fehlt meine Lieblingsnascherei Eis sowieso.
    Grauerhimmelaberfreiertagfreundliche Grüße, Ihre Arabella

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  5. Lieber Herr Ärmel, mein Anstand verbietet mir, mich so über Bestatter auszukübeln, wie ich es tun müßte. Wohlgemerkt nicht alle, man neigt ja nur allzu schnell zu Verallgemeinerungen. Aber ich habe in meinen Tagwerk Dinge erfahren, die spotten jeder Beschreibung. Hartnäckig sein und hinterfragen fällt schwer im Angesicht des Kummers und der Trauer und das wird von manchem Zeitgenossen ausgenutzt. Ich versuche da immer, ein wenig zu vermitteln, was schwer genug ist.
    Zum Thema Weihnachstmarkt muß ich kein Wort verlieren, Konsumterror gilt es schlichtweg zu vermeiden.
    Ich grüße Sie herzlich zugetan, Ihre Frau Knobloch.

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  6. Hoffentlich haben Sie sich nicht den Hintern verkühlt beim wartenden Sitzen auf dem Gottesacker!
    Den ersten Platz der „Funeral Charts“ in England hält momentan das Pfeiflied aus dem „Leben des Brian“ inne. Welche Musik wurde dorten, wo Sie weilten, gespielt? Haben Sie sich auch schon welche ausgesucht?
    Gruß aus der Breitseite des Lebens

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    • Nö, nix verkühlt – da liegen Flachkissen auf den Stühlen.
      Das Gewimmer des elektrisch betriebenen sideboardgrossen Intrumentes habe ich zwar klanglichschaurig wahrgegenommen, allein die Melodie weckte keinerlei an eine mir kenntliche Tonfolge. Ich vermute der Tastendrücker improvisierte novemberstimmig.

      Ich habe die jungen Lebensjahre hinter mir gelassen, in denen ich mir derlei herbei fantasierte.
      Mir isses Wurst, was man veranstaltet. Ich habe zu viele Beerdingungen und die nachfolgenden Erbauseinandersetzungen miterlebt, um mich noch irgendwelchen Illusionen hinzugeben.
      Der letzte Wille – was ist das schon, wem gilt der noch als verpflichtend einem Menschen gegenüber, der sowieso den Löffel äähhh die Kontrolle abgegeben hat….
      Nachmittäglichtirilierende Grüsse aus dem swingenden Bembelland

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  7. Und, lieber Herr Ärmel, dass man einen Weihnachtsmarkt erleiden kann, gefällt mir auch sehr gut.
    Sie sollten beim Äppler bleiben, da wissen Sie was Sie im „Gerippten“ haben, gelle?

    Wiederbeisinnenundfröhlichindenabendwinkende Grüße
    Ihre Silvia Meerbothe

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  8. Hach, die Jahrestage… ich bin gerade mit dem ersten Monat durch, das ist mein aktuelles Großleseprojekt. Aus gegebenem Anlass, denn Monsieur ist einer der Dreihundertsechsundsechzig. Mit den Mutmaßungen bin ich ja nicht so warm geworden, aber die Jahrestage gefallen mir immer besser. Und nach der Lektüre des Johnsonschen Briefwechsels mit meiner Lieblingsphilosophin freue ich mich schon sehr auf Gräfin Seydlitz‘ Auftritt.

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    • Für Angelegenheiten wie G5 oder G6 empfehle ich gerne noch den „Versuch einen Vater zu finden“. Das kann man sich auch vorlesen lassen.
      Der Jakob ist in der Tat etwas sperrig, weil er ersten mit dem Ende beginnt und zweitens weiss man in den fünf Kapiteln nie so ganz genau wer da gerade redet… Da hat sich Herr Johnson etwas zu sehr ins Werk von Herrn Faulkner vertieft…
      Frühabendlichpläneschmiedende Grüsse aus dem einzigartigen Bembelland (ich werde wohl weiterhören Tag für Tag…)

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    • Lieber Zeilentiger, ich danke Ihnen für das schöne Kompliment, das jeden Fotografen erfreut: ansprechende Fotografien zu präsentieren…
      Fünfundvierzig Tonnen Papier und Plastik sind mir nicht vorstellbar als Menge auf einem öffentlichen Platz aufgeschichtet.
      Vormitternächtlichfotobändestudierende Grüsse aus dem einzigartigen Bembelland

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  9. So viele Themen in diesem Text, ich bin sehr verwirrt.. Angefangen von der tägliche Lesung, mit der man rückwärts lesend die Zeit der Weihnachtsmärkte überstehen könnte, hin zur Geschäftemacherei von Bestattungen zu Leni Riefenstahl. Und das garniert mit diesen Detailfotos aus der Kirche, inbesondere die Nr. 3, der Knochenkarle mit dem lebendigen Licht wie ein Heiligenschein. Sehr sehr schön.
    Zu den Weihnachtsmärkten habe ich eine Art Hassliebe entwickelt, die großen sind in der Tat furchtbar, die kleinen können ganz nett sein, insbesondere da, wo man die Menschen und Vereine kennt, die an der Organisation und an den Warteschlangen zu heiß und fettig beteiligt sind. Man weiß dann auch welche Gülle trinkbar sein könnte (die mit Schuss). Ich bin da schon ein bekennender Glühweintrinker, aber heiß muss er sein! Menschen auf den Weihnachtsmärkten zu beobachten ist auch schön, die dann im Vorweihnachtlichen Entspannungsmodus das Glühweingläschen festhalten (2€ Pfand und Jahresmotiv, nimmt man mit nach Hause) bis die frierenden krakeelenden Kinder die Glühweindampfbarriere durchbrechen und den Entspannungsmodus jäh beenden.
    Da fällt mir ein, ich hab noch keinen im Keller….

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    • Na gut, wohlgewürzt heisser Äppler, da trinke ich allergernstens einen mit.
      Und den Einwurf mit den Kleinstweihnachtsmärkten kann ich annehmen. Hier in Lummerland gibts dann Neuigkeiten für mich: Tratsch-Matsch-Klatsch ///
      Und mit den thematischen Rundumschlägen hoffe ich nicht zu verwirren. Aber wenn das Tippeditappertasttaturgeklapper losgeht ~~~
      Graudämmrigsamstägliche Morgengrüsse aus dem noch verschlafenen Bembeland.

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  10. Also:

    Ich selber habe auch keine Familie „drüben“ gehabt, aber der Nachbarsjunge. Und der bekam immer wieder Ostpakete mit z.B. Ost-Comics. Mosaik oder Frösi (Fröhlich sein und Singen) und Holzspielzeug aus dem VEB ???

    Jahre später machte ich eine Klassenfahrt in die DDR nach Gotha. Wir waren einer der ersten erlaubten „Zonenbesuche“ mit einer Schulklasse. Unser Stasi-Bewacher stellte übrigens mit „Herr Hammer“ vor; er wurde promt von uns in „Sichel“ umgetauft.

    Ich habe daran sehr schöne Erinnerungen und dabei Thiringsch gelernt. Oh ja, das unterscheidet sich vom Sächsisch.

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    • Herzlich Willkommen Herr Karlsson.

      Ihre Erlebnisse klingen gut.
      Ich kenne das umgekehrt. Der Nachbarjunge hatte Verwandtschaft hinter der thüringischen Grenze in Sachsen. Die versuchten mehrere Jahre lang, Micky Maus Hefte nach dort zu bringen. Die wurden jedes Mal konfiziert.

      Ostberlin kannte ich bereits seit Jahren von Tagesbesuchen her, aber mein erster richtiger Besuch fand 1987 statt. In Thrüringen, genauer im katholischen Eichsfeld. Ich lernte eine mir völlig fremde Welt kennen eine ganze Woche lang.

      Sächsisch spreche ich bereits seit meiner Kindheit, der hiesigen Nachbarn wegen. Das war meine erste Fremdsprache sozusagen.

      Abendschöne Grüsse aus dem dämmrigen Bembelland

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