Es geht rund im Advent

Kaum Zeit, kaum Musse, kaum Musik. Viele Buchstabenbeschäftigungen. Aber jetzt beim Schreiben für diesen Beitrag (mit einem Dank an den freundlichen Herrn Riffmaster): Françoise Hardy – Le Danger (1996)…

Zum merken würdiges geschieht in der diesmaligen Adventszeit. Einerseits gerate ich mit meinem Projekt in zeitlichen Verzug. Das ist mir unangenehm und nervt, weil mich andere, in die Zukunft weisende Gedanken zu beschäftigen beginnen. Und andererseits kommt eins zum andern.
Ich betrete einen Gebrauchtkrempelladen. Sehe dort in einem stabilen Karton ein komplettes Meyers Neues Lexikon aus den 1990er Jahren. Das üppige Leinen der Einbände wurde von Markus Lüpertz entworfen. Beiläufig und eher nebenbei frage ich die Verkäuferin, was das Lexikon denn koste. Befremdet (was ist das: Läggsikonn?) schaut sie nach der Kiste und fragt, ob ich „alle Bücher“ kaufen wolle. Ich bejahe und sie sagt, ei gut fünf Euro für den ganzen Karton. Schon im Rausgehen will ich meinen Kauf bereuen, weil ich in die Konsumfalle getappt bin. Ich bin mit Lexika aus zwei Jahrhunderten bestens versorgt. Auf dem Weg ins Dunkelkammerasühl beschliesse ich, das Lexikon zu verschenken.
Ich werde auf Raphael Fellmer aufmerksam, der mit Frau und zwei kleinen Kindern in das Abenteuer aufgebrochen ist, fürderhin ohne Geld zu leben. Das gelingt der jungen Familie und passt als Zukunftsaspekt, denn einige ernstzunehmende Wirtschaftswissenschaftler reden schon öffentlich davon, dass spätestens in der Mitte dieses Jahrhunderts die Hälfte der Geschäfte auf Tauschbasis abgewickelt werden. Und begründen dies nachvollziehbar.
Die ersten zarten Keime treiben schon aus. Fahrgemeinschaften, car-sharing, Fellmer hat ein Projekt des food-sharing angestossen, Kleidertausch, Möbeltausch. Fähigkeiten gegen Fähigkeiten. Es tut sich einiges. Wirtschaftswunderkinder, die das weichgespülte Gerede verlogener Politiker vom endlosen Wachstum seit Jahren satt haben, schauen freudig gespannt in die Zukunft. Keine Zeit für Depressionen also.

Einige Tage später treffe ich einen freundlichen Menschen, wir kommen beim Reden auch auf Lexika zu sprechen und ich biete mein Geschenk an. Zwei Tage später bekomme ich selbst ein Angebot. Von 1957 bis 1962 sechs komplette Jahrgänge der in der DDR erschienenen Fotozeitschrift „Fotografie.“ Das Porto jedoch geht zu meinen Lasten. Aber gerne, und ich danke herzlichst für das aufmerksame Lesen auch der Kommentare in diesem Blog. Zum Inhalt der Zeitschriften werde ich mich äusseren wenn die Zeit zur Verfügung steht. Die Geschichte vom Ahnenpass und der goldenen Uhr vom Ururgrossvater hebe ich mir ebenfalls für später auf.
Gegen das mystifizieren und abheben helfen die Gespräche mit Freunden und Bekannten. Dabei stellt sich heraus, dass denen auch ähnliche Erlebnisse widerfahren sind oder gelegentlich passieren. Es gibt also noch immer Menschlichkeit. Und nicht nur weil Advent ist.

(Wer nicht schwindelfrei ist, sollte das Foto nicht anklicken)

Im Schleudergang ins neue Jahr

Im Schleudergang ins neue Jahr

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59 Gedanken zu „Es geht rund im Advent

  1. An die von Ihnen genannte Zeitschrift erinnere ich mich, verfüge aber nicht über noch vorhandene Exemplare.
    Fotografie war ein beliebtes Hobby in der DDR.
    Bei dem Besuch einer Freundin schauten wir vor kurzem alte Fotos.
    Eins war sehr besonders, mehrfach.
    Der Vater der Freundin war Orchideenzüchter und Hobbyfotograf.
    In der DDR gab es eine geheim gehaltene Stelle an der seltene Orchdeen wuchsen. Nur hohe Funktionär dürften „zum Schutz der seltenen Pflanzen“ diese dort auch bewundern.
    Irgendwie ist der Vater der Freundin auch dorthin gekommen und hat ein Foto der Orchideen gemacht. Heimlich.
    Wieder einmal waren wir erstaunt und verwundert über die DDR und ihre Eigenarten.
    Was wird die Zukunft bringen?
    Tauschhandel?
    Wir werden sehen.
    Ihnen wünsche ich Zeit Ihr Projekt erfolgreich fortzusetzen.
    Liebe Grüße, Ihre Arabella

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  2. Muahaha, ich stelle mir gerade vor was wohl passiert, wenn man heutzutage den Leuten so ein Geschenk anbietet. Man sollte eine Umfrage machen und das auswerten.

    2% halten sich für oberschlau und sind selber ein Lexikon
    7% lehnen ab weil zu wenig bunte Bilder drin sind.
    14% würden es nehmen, aber nur wenn das schicke Regal dazugehört und alles frei Haus geliefert wird.
    27% lehnen ab weil sie die Handlung schon auf der ersten Seite nicht verstehen.
    und die restlichen 50% finden Wikipedia völlig ausreichend und außerdem vieeel aktüller *fg*.

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  3. Sieht der Herr Ärmel ein Lexikon, dann knickt er gleich ein. Kann ich verstehen, ich werde auch immer ganz zittrig bei deren Anblick. Trotz Wikipedia. Obwohl, die könnte man sich zumindest mal ausdrucken 🙂
    Universallexika bedienten bei mir früher so einen unstillbaren Wissensdurst, unstillbar vor allem deshalb, weil mit dem Wissen das Nichtwissen doppelt proportional ansteigt, man kann eben auch das Nichtwissen viel besser überblicken.
    Aber kaum sind die Lexika weg, da kommen wieder mehrere Jahrgänge antiquarischer Zeitschriften …. ich hab schon den Geruch in der Nase, wenn ich nur „antiquarisch“ buchstabieren tue.
    Egal, es gibt Schlimmeres, als Bücher zu sammeln, der kommende Erbe füllt den nächsten Altpapiercontainer oder macht ein bisschen Spass bei Ebay, wir kaufen uns ein Billy Regal bei Ikea und fühlen uns wohl in all dem bedruckten kram, was will man mehr 🙂

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    • Stimmt, ich bin eingeknickt.
      Und dein Argument hinsichtlich der Erben macht mir tatsächlich Sorgen. Ich bin kein Nach-mir-die-Sintflut-Typ und möchte dem entsprechend eigentlich nichts hinterlassen, womit meine Nachkommen nur Arbeit haben…

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      • Dann bleibt eben nur der Tausch, vor allem dann, wenn das Geben seliger ist als das Nehmen. Win-win nennt man das im Neusprech.
        Im Grunde funktioniert das auf geistiger Ebene gar nicht anders – man tauscht sich aus. Ist doch in der Tat Sinn und Zweck der menschlichen Kommunikation und funktioniert im Grund genommen schon sehr sehr lange.
        Es gibt Gespräche, Begegnungen, an die erinnert man sich ganz intensiv, da hat ein Austausch stattgefunden. Und keiner hat hinterher noch 2,50 € pro Idee verlangt.

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  4. Ja, diese bizarre Vorstellung vom unbegrenzten ökonomischen Wachstum. Da fällt einem doch eigentlich nur Krebs ein und was der mit einem macht …

    Wenn Sie offen für mehr Mehrbändiges haben, ich hätte da auch noch was zu verschenken. Aus dem Bereich Geschichte.

    Großartiges Foto. Ich hatte bei ihrer Ansage schon Höhenangst befürchtet. Das hat sich dann zum Glück nicht bewahrheitet.

    Einen schönen Grautag wünsche ich!

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  5. Guten Morgen Herr Zeilentiger, solche Verlockverführungen bereits am frühen Morgen – und schon ist ein sanftes Neugierglimmen angeblasen. wenn es sich zur züngelnden Flamme entfachen sollte, melde ich mich umgehend.
    Jedenfalls danke ich Ihnen so oder so für das offenherzige Angebot.
    Neben einem schönen Dank für den Gutwunsch sende ich morgenfrische Grüsse aus dem kalten Bembelland in den Kessel

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  6. Ein HAMMER-TROMMEL-Selfie, sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge, äh, ich meine von hinten durch die Trommel bis zu den Augen im Kopf oder so oder wie auch immer, vielleicht sogar schlimmer, auf jeden Fall gut, saugut!
    Amüsierte schwindelfreie Morgengrüße an dich von mir
    (hoffentlich haste inzwischen den wertvollen Denke-und-Gugge-und-Horsche-Kopf da samt Arme, Ärme, Armel wieder heraus bekommen?!)

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  7. Habe gerade bei SPIEGEL online gelesen, dass Jeb Bush sich in Stellung bringt, um Bush III zu werden; was leider auf Grund der Erfolglosigkeit Obamatschows gar nicht so aussichtslos zu sein scheint … vielleicht kommt also das Tauschzeitalter in Ruinen schneller als uns allen recht sein kann. Das Ukrainedebakel geht jedenfalls unvermindert weiter schief und dann noch ein weiterer unterbellichteter Texaner als „Marschl of de wörld“ obendrauf … Menschheit du hast es einfach nicht drauf…

    (Treffen sich 2 Welten, sagt die eine: „Ich hab Homo sapiens.“, antwortet die andere: „Hatte ich auch, das geht vorbei.“) Frohe Weihnachten.

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    • Dass es in dieser Alkoholikermischpoke noch einen gibt, habe ich heute der Tageszeitung entnommen. Noch schrecklicher, dass der eventuell nicht schlechte Chancen haben könnte. Mit Bestechung und Wahlfälscherei hat sie reichlich Erfahrung, diese Drecksippe.

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  8. So, nun ist’s passiert. Der treulose Befehlsleseknecht hat sich ja schon oft verweigert, aber daß er mir den liebsten aller Ärmelmännernneueintrag nicht anzeigt, daß schlägt der Waschmaschine ja wohl die Trommel raus! Nur sieben Stummmagsternchen bestätigen scheinbar das schlampige Arbeiten des Anzeigerüpels… Was lob‘ ich mir meine händisch zusammengeklöppelte Lieblinksliste!
    Möge uns die Menschlichkeit nie abhold werden und die zusammemführen, die sie leben. Damit die Bösartigkeit und Verachtung nicht überhand nehmen. Es ist schön zu lesen, wie einfach es doch oftmals ist.
    Aber achten Sie bitte auf den Schleudergang, bitte nur Feinwaschgang einlegen, wertvolle Stofflichkeiten müßen behutsam behandelt werden, das gemahnt Ihre Frau Knobloch, zutiefst zugetan.

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  9. Schreib ich halt noch mal, dass ich mich freue, dass Sie doch Zeit für einen Post gefunden haben. Und, cooles Foto, mein lieber Herr Ärmel. Außerdem freue ich mich, dass Sie Ihr „Schnäppchen“ so fein untergebracht haben. Diese Tauschgeschichten finde ich spannend. Hat vor der Erfindung des schnöden Mammon auch funktioniert.
    Den Riefenstahligen habe ich noch nicht richtig gesichtet. doch in Bälde.

    gleichmüdezubettschleichende Grüße ins magische Bembelland,
    Ihre Silvia Meerbothe

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