Das Summen der Nachtbeleuchtung

Später vor der Nachtruhe noch einige Geschichten aus der Inselstrasse von Arno Schmidt selbst vorgelesen. Aber jetzt dies&das von Santana und ganz besonders diese Scheibe: Caravanserai (1972)…

I
Ich komme von draussen zurück in die Stube. Nicht wegen der mürbkalten Luft, die nach Schnee riecht. Nein, draussen steht die blaue viereckige Tonne für das Wiederverwendbare. Die soll morgen Mittag plangemäss geleert werden. Ich atme die kalte Luft tief ein und denke darüber, was ich keinesfalls wiederaufbereitet wissen möchte in der Geschichte der Menschheit.

II
Ich möchte nicht mit Desideraten im Terminkalender ins feuchte Erdloch entsorgt werden. An ihren Lügen werdet ihr sie erkennen. Der alte Horniggel, der mit der langen Pfeife runter bis fast an den Riemen, der ihm die Hose zusammenhielt. Der hat mir das zugeraunt als ich grösser wurde: Auf dem Grab eines Lügners wächst nur Unkraut. Ich halte wenig von unwissenschaftlicher Mystik und habs trotzdem überprüft vielfach seitdem. Der Alte, vor dem wir Kinder immer Angst hatten, er hatte Recht behalten über seinen Schrecken hinaus.

III
Ich unterhalte mich mit einer Nachbarin über deren Enkel. Hinzu kommt Erich von gegenüber. Wir sind anders heute, wir? Auf jeden Fall. Ich entsinne mich, wenn früher die Alten zusammenstanden, haben sie meist gelästert über die Kinder. Und wenn jemand erfreuliches zu berichten hatte, gabs später zuhause meist Ärger. Die Müller Lisbeth erzählte, dass ihre Tochter Claudia wieder eine Eins geschrieben hätte in Deutsch. Und du? Das ist lange her.
Mir fiel bei unserem Plausch die Geschichte mit der Birke wieder ein. Die Hundertjährige hinten im Garten. Die Kinder schafften und werkelten an ihrem Baumhaus. Dabei brachen sie einen oberschenkelstarken Ast ab. Dies geschah, als der Mond gerade hoch stand. Wir hatten an die Bruchstelle einen Eimer gehängt, der nun alle Stunde geleert werden musste von dem ausgetretenen Wasser. Seitdem waren den Kindern Bäume als Lebenwesen vertraut.

IV
Einer meiner Dauerlieblingsmaler ist Jan Peter Tripp. (Sein Vater F.J. Tripp war ein bekannter Illustrator, z.B. von Büchern wie Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer). Jan Peter Tripp gilt als einer der wichtigsten Vetreter des neuen Realismus. Acrylbilder, die aussehen wie fotografiert. „Ich male nicht was ich sehe. Ich male was ich nicht sehe.“ Dieses Motto erinnert an den bekannten Satz von Paul Klee: „Kunst soll nicht zeigen was ist, sondern das Unsichtbare sichtbar machen.“ So einfach und gleichermassen verwirrend wie sein Motto sind seine Bilder. Sujets aus dem Alltag. Nebensachen vielfach.
Ich glaube nicht an Zufälle. Tripps Schulkamerad war W.G. Sebald, mein bevorzugter Schriftsteller um die Jahrtausendwende. Beider Künstler Werke beeindrucken Leser oder Betrachter auf sonderbare Weise. Und sei es, dass man immer wieder zurückkehrt um nur in ihrer Gegenwart zu verweilen. Einen Satz zu lesen auf einer beiläufig aufgeschlagenen Seite oder einen raschen Blick zu werfen auf eines der faszinierenden Bilder. Stärkung für einen Tag.
Einmal war ich im Elsass unterwegs. Ich hatte gerade die Vorlesungsreihe von Sebald gelesen, „Luftkrieg und Literatur“. Darin ist ein Essay zu Andersch, der einen Skandal entfachte. In einem Bücherköfferchen waren „Die Kehrseite der Dinge“ und „Die Aufzählung der Schwierigkeiten“, zwei Werkverzeichnisse der Arbeiten von Jan Peter Tripp. Ich wusste damals noch nicht, dass er in Mittelbergheim im Elsass lebt und arbeitet. Ich hätte ihn gesucht und gebeten, mir die beiden Bücher zu signieren.

V
Auf der Suche nach Papieren bin ich auf zwei Listen gestossen. Leicht vergilbtes und etwas mitgenommenes Papier. Format A4. Auf der einen Liste stehen die Hotels, in denen ich irgendwann schon einmal übernachtet habe. Die Fülle überrascht mich. Die zweite Liste ist weitaus interessanter. Noch viel mehr Daten, genauer, ein und eine halbe Seite eng beschrieben mit Erlebnissen in Deutschland und anderen Ländern, die mich sehr beeindruckten. Maximal fünf Worte je Erlebnis. Aus allen liessen sich kleine Skizzen schreiben. Aufgefallen ist mir bei der Durchsicht, dass ich zu vielen dieser Begebenheiten keine Fotografien habe.

                               (Eine weitere Fotografie aus der Serie „Jeder ist seines eigenen Glückes Maler)

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55 Gedanken zu „Das Summen der Nachtbeleuchtung

  1. Früher wollte ich nie Stichworte oder Fotos machen.
    Immer dachte ich, das Gedächtnis müsste mir reichen.
    Seit ich Fotos mache, merke ich, wie viel ich verpasste.
    Wenn ich noch Stichworte mache, kann ich der Schaukelinhaberin erzählen…

    Wer wohnt auf einer Lilafarm mit so herrlichem Boden davor?

    Heutisteindurcheinandertagverwirrte Grüße, ich brauche jetzt einen Schlummertrunk.
    Ihre Arabella

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  2. Seit Jahren, nein seit Jahrzehnten schreibe ich Erlebnisse in meine Notizbücher und immer gibt es Zeichnungen dazu.
    Maximal zwei Seiten pro Erlebnistext und Skizze. Je größer die Skizze, desto weniger Text, je mehr Text, desto kleiner die Skizze. Klar. Und immer wieder überrascht es mich, wenn ich ab und zu in den alten, teilweise leicht bis mittelschwer ramponierten Notizbüchern lese.
    Nicht nur einmal ist es mir passiert, dass ich bei manchen Eintragungen auch nach Jahren noch für einen kurzen Moment innehalte und denke: “Huch.” Und: “Wow.”
    Wie schön, dass ich dadurch an so manches wieder erinnert werde.
    LG von Rosie

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    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Für mich klingt er wie Solidarität. Ich kenne dieses Huch und Wow bei Ansicht der ebenfalls seit Jahrzehnten notierten Erlebnisse und Gedanken. Leider habe ich die ganz alten irgendwann wie Thomas Mann dem Feuer übergeben.
      Morgendlichkaltklare Grüsse aus dem blauhimmlischen Bembelland

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  3. Irgendwie bewundere ich ja diesen Bauern und dessen Familie ob ihres Eigensinns und Mutes. Lila…der letzte Versuch…ein Aussiedlerhof……wer kennt schon die Geschichte, die dahinter steckt.
    Ihre Geschichten, wie alles immer irgendwie zusammenhängt, sich wiederfindet im Gekreuze der Gedanken, des Tuns mag ich auch sehr und vermutlich würde keine Liste ausreichen, um das alles zu notieren, was an Ereignissen, Gedanken uns mal beschäftigt hat und was leider, vielleicht auch zum Glück , dem Vergessen anheim gefallen ist. Warum man was oder auch nicht getan hat, später oft ein Rätsel.

    Mit guten Wünschen zu weiterem Erinnerungskruschen in Gegenständen und im Kopf bin ich mit einem frischen Morgengruß

    Karin

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    • Ihr Kommentar ist mit seinem Lob ein Sonnenstrahl am Himmel – ich danke Ihnen dafür!
      Genau, das wüsste ich gerne; diese Geschichte hinter der optischen Gestaltung des Aussiedlerhofes.
      Morgendlichkaltklare Grüsse aus dem blauhimmlischen Bembelland

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    • Uiuiui – meine liebe Frau Karin, welch ein Link. Ich muss doch was arbeiten und nun dieser weit überarbeitete Seite zu W.G. Sebald.
      Lesen Sie „zur Strafe“ jetzt bitte dies http://www.wgsebald.de/anatomie.html und kaufen Sie sich anschliessend das ganze Buch (-> Die Ringe des Saturn).
      Dann werde ich meine Geschichte dazu erzählen….
      Morgendlichkaltklare Grüsse aus dem blauhimmlischen Bembelland (aber mit heissen Ohren jetzt)

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  4. ….und ich habe mir Zornesfalten des Angetrauten zugezogen, weil ich mir diese beiden Link-Artikel an seinem Laserdrucker ausgedruckt habe, um sie den Büchern beizufügen….beide….der Angetraute und der Drucker sind alte Herren und benötigen Zeit für Frondienste -:)))
    Die Ringe habe ich seit ihrem Erscheinungsjahr 1995 in der Anderen Biblothek, muß nur die Erinnerung auffrischen und Ihre demnächstige Geschichte wandert dann zusätzlich in das Buch.

    Von dergestaltiger Bestrafung kann ich nie genug bekommen -:))))

    Nun bin ich aber brav , aber keinesfalls reuig und lasse Sie weiter arbeiten…..

    Gefällt 2 Personen

  5. Das Weinen der Bäume, wassereimerfüllend bisweilen, warum wissen so viele Menschen darum nicht? Weils ihnen nicht vermittelt wird. Und so kann ich mich heute erneut freuen, nicht verwundert zu sein, bei einem geschätzten Blogschreiber etwas über ihn selbst zu lesen. Bei Frau Coupar war es der Mut, bei Ihnen Baumwissenweitergabe, hach, ich freue mich murmeligkringelig darob.
    Das lila Gehöft, es juckt mich im Klingelknopfdrückfinger…Warum und vor allem warum so exzessiv? Vielleicht hat ja Madame Lila einen heimlichen Verehrer, der nur auf ihr Erscheinen wartet? Fragen über Fragen.
    Ihre wiedergefundene Erlebnisaufschreibliste mit gleichzeitiger Erwähnung lückenhafter Bebilderung, da könnte das eine doch das andere unterbewußt ersetzt haben. Unbedingt aufheben und vielleicht sogar ein paar Anekdötchen mit der geneigten Leserschaft teilen. So wie hier die Elsassische Buchköfferchengeschichte. Danke dafür und überhaupt, mit den herzlichsten Grüßen, Ihre Frau Knobloch, zugetan wie stets.

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    • Stimmt ja, darauf bin ich noch garnicht gekommen – Sie habe völlich Recht… Der Landmann lebt nicht weit entfertn von der Frau Lila…
      Die Frau muss umgehend informiert werden… bevor es vielleicht zu spät sein wird.
      Mittäglichzweifünftelsonnige Grüsse aus dem beschwingten Bembelland

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      • Sie kann das bis dato nicht gelesen haben, die hätte doch aufgequiekt in ihrer Lilaliebe! Ich ertappe mich bei Vorstellungsgeschmunzel.
        Ihnen sey ein bonfortionöses Wochenende mit viel zugetanen Begegnungen gewünscht von Ihrer Frau Knobloch, ebendes seiend.

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  6. Dennoch führwahr in all seiner Tragweite.
    Und ich meine, diese ungewöhnlich angemalten Häuser schon mal gesehen zu haben. Möglich ist alles.
    Wenn da diese Fahne anbei hängt, denke ich mir Sachen unter den Mänteln des Schweigens. Wer weiß.
    Gruß von vor dem alten Hinkelgeremms (unser alter Hühnerstall)

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  7. Bei diesem Schlandfahnenpatriotismus werd ich ja schnell mal misstrauisch, aber vielleicht ists auch nur ein Handballfan (irgend eine WM ist immer). Ansonsten ist die Farbgebung eher unverdächtig, aber jetzt wo ich das Bild sehe verstehe ich auch endlich die lila Kommentare *g*.

    Möglicherweise befinden sich lila Kühe in den Stallungen? Oder dort wohnt der Li-La-Launebär :D.

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    • Vielleicht die Deutsche Meisterschaft „Unser schönster Bauernhof“ *ggg*

      Unfair von dir fand ich das Wort Li-La-Launebär. Als ich das lesend zur Kenntnis nahm, war mein Mund gerade frisch äpplerbefüllt.
      Komm doch bei Gelegenheit mal vorbei und wische meinen Bildschirm wieder klar, btte…

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  8. herrjeh und ich kann Ihre Bikder nicht sehen, so labe ich mich denn an Ihren Worten, denn ich muss ja dankbar sein, wenn ich überhaupt zu Ihnen vordringen kann. Es ist ein unlösbarer Datendschungel mir im Weg und das ist nicht schön, noch weniger schön ist, dass bislang kein noch so Spezialist helfen konnte …
    so, und nun lese ich weiter rückwärts, habe ja wohl so einiges verpasst.

    herzliche Abendgrüsse vom Schneewehenberg Ulli

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  9. Was alles zu entdecken ist, wenn die Augen wach und offen sind … Eine Lila-Ranch. Wo sind die dazugehörigen Kühe?
    Ich „höre“ Ihnen immer gerne zu, lieber Herr Ärmel. Ein schönes Wochenende für Sie. Ihre Frau Coupar

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    • Liebe Frau Coupar, so spät schauen Sie rein. Wie schöne. Sie haben so eine ganz bestimmte Art, Komplimente zu machen ~~~
      Auch ich wünsche Ihnen ein gediegen feines Wochenende, Ihr Herr Ärmel

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  10. Pingback: Nichtbilder | normalverteilt

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