Siebenundsechzig mal Schweiz

Alte Ausgrabungen allemal: Rick Wakeman – Journey to the Centre of the Earth (1974), Alan Parsons Project – Tales of Mystery & Imagination (1976) und Rush – Feedback (2004)…

Ich stelle mir vor, dass es in der Schweiz Gebiete geben möchte, die heissen etwa Aargauer Deutschland oder Neufchâteler Deutschland. Gibt es aber nicht. Warum man umgekehrt in Deutschland bestimmte Hügelansammlungen mit dem Beinamen Schweiz belegen musste, kann mir noch immer niemand beantworten. Fränkische Schweiz, Holsteinische Schweiz. Die pommersche Schweiz hat sich historisch erledigt. In Deutschland gibt es die Schweiz als Landschaftsbezeichnung sage und schreibe siebenundsechzig Mal. Dass es in der ehemaligen deutschen Kolonie Kiautschou eine Tsingtauer Schweiz gab verwundert also kaum. Bereits Theodor Fontane witzelte in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ über die aufkommende Schweizeritis. Er kannte neben der märkischen Schweiz die klitzekleine ruppiner Schweiz. Überhaupt gibt es weltweit Schweizen.
Und hier nun die Rheinhessische Schweiz. Bisher waren in meinem Verständnis das rheinhessische Hügelland und die rheinhessische Schweiz austauschbare Begriffe. Weit gefehlt. Geologisch und morphologisch bestehen offensichtlich manche Unterschiede, die mir als Laien unersichtlich bleiben. Das Wetter am frühen Morgen verheisst bestes Licht. Lediglich die frostigen Temperaturen könnten das Vergnügen einschränken.
Ich fahre zuerst in die Eremitage, denn heute findet der grosse Bücherflohmarkt wie an fast jedem ersten Samstag im Monat wieder statt. Einen niegelnagelneuen grossen Wechselsack in originaler Verpackung hätte ich bei den Büchern fotografischen Inhalts nicht erwartet. Bei der Preisanfrage sehen mich grosse Augen zurückfragend an. Als ich den Zweck erkläre, hätte ich gerne den kleinen Denkfilm hinter der Stirnwand gesehen, aber für einen bin ich nicht kleinlich und überrede mich leicht zu drei weiteren Talern für die Einladung bei Fontane zu Tisch. Das passt zu den übrigen Büchern im Regal. Über der Freude lasse ich zur Freude anderer Sucher dann die zwei Erstausgaben stehen, die unter Freunden sehr teuer und gesucht sind.

Was mir an der Bodengestalt in Rheinhessen seit je gefiel, sind die grossen Mulden in der Landschaft. Und fast immer lugt aus deisen Senken ein Kirchturm heraus. Und auf den Hügeln stehen die Windräder aufrecht. In früheren Jahren als ich noch sehr häufig in Rheinhessen unterwegs gewesen bin, gabs noch keine stromerzeugenden Windräder. Heute lockern diese Riesen die monokulturelle landwirtschaftliche Nutzung etwas auf. In vielen kleinen Dörfern gibt es die Reste von Schlössern, naja, Schlösschen oder prächtiges Stadtpalais beschreibt es treffender.
Mir wird bewusst, dass ich zum ersten Mal in Wendelsheim bin. Einen Rundgang mache ich trotz des eiskalten Windes, der durch die Gassen weht. Der Geburtsort von Friedrich Christian Laukhard (1757-1822). Seine Autobiografie gibt eindrücklich Auskunft über den Wechsel vom feudalen ins bürgerliche Zeitalter. Überdies konnte Laukhard lebendig, mitreissend und manchmal bissig humorvoll beschreiben. Schon von daher lohnt ein Blick in Leben und Schicksale.

„Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha unterstützt, ihre Wohnung in der Königsgrätzerstrasse. Und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz schwermütig zu werden. Und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und ausser dem Teezeug auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleinen Scheiben geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte Effi, während sie das Piano schloss: „Rücke heran, Roswitha. Leiste mir Gesellschaft.“ (Th. Fontane, Effi Briest). Ich schliesse den Bericht und trolle mich küchenwärts.

(Foto anklicken und gross gugge)

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91 Gedanken zu „Siebenundsechzig mal Schweiz

  1. Nicht verzagen, Geographen fragen! Weil die Berge der Schweiz (der echten!) so malerisch aussehen bzw. solch schöne Landschaften sind, hat es sich bei deutschen Landschaftsbezeichnungen eingebürgert, „schöne“ bzw. pittoreske bergige Landschaften ebenfalls mit „Schweiz“ zu bezeichnen.
    Von der sonntäglichen Schreibtischarbeit grüßt die Schulmeisterin

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    • Verdammt, jetzt wusste ich mal was und Sie kommen mir zuvor 😀
      Na, Hauptsache der werte Herr Ärmel hat nun eine Erklärung für die „Schweizeritis“erhalten.
      Ich wünsche einen sonnigen Restnachmittag.

      Herzlichst,
      Ihre Silvia Meerbothe

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    • Marzahn? Aber doch nicht diese Zündi aus Marzahn? Frau Mahlzahn, Sie wollten mich hinters Licht führen, geben Sie es nur zu 😉
      Ich danke Ihnen für die umgehende Aufklärung. Ich wollte es ja nicht recht glauben mit den 67 deutschen Schweizen, habe aber beim recherchieren schnell herausgefunden, dass diese Benamungen die Schönheit der Landschaften mit der wirtschaftlichen Verwertbarkeit in Einklang bringen sollten.

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      • Nun, ich gebe mein inkognito auf!
        Klar wird heute der Name bei der wirtschaftlichen ‚Verwertung genutzt. Das touristische Kind muss doch eindeutig benannt werden können. Ursprünglich waren es aber die Romatiker die hier namensgebend wirkten um ihrer Ergriffenheit über diese Schönheit Ausdruck zu verleihen.
        Weiterhin schöne Grüße

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        • Stimmtstimmtstimmt – alles richtig. Caspar David Friedrich, obschon als Maler zu seiner Lebenszeit wirtschaftlich nicht sonderlich erfolgreich, erwies sich hinsichtlich der Schweiz als nachhaltiger. Darauf wird in Greifswald im pommerschen Landesmuseum(?) auch hingewiesen. Und dort habe ich auch den Kontext zu den Romantikern erstmals gelesen. Also noch dem offiziösen touristischen Marketing.
          Frau mahlzahn, es mir jedesmal erneut eine Freude, Ihre gschätzten Kommentare zu lesen.

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  2. Ein Ding, diese Schweize.

    Ein Freund verspottete mich einmal vor vielen Jahren als „Instetten, du Prinzipienreiter“. Ich fühlte mich ungerecht behandelt.

    Dieses Album von Alan Parsons hatte ich kürzlich aussortiert. Den Wakeman habe ich noch, mag aber anderes lieber von ihm, am meisten vermutlich „Live. On the Test“. Die Rush-Scheibe kenne ich nicht, das jüngste Studioalbum von ihnen im Regal ist wohl von 1985.

    Meine Grüße, erkältet – von einer Fahrt in die Schweiz. Die echte. Vom ‚heiligen Berg‘ in D. bei B. Sie werden es eventuell aufzulösen wissen.

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    • Den Hinweis auf diese Scheibe von Wakeman habe ich für alle Fälle notiert.
      Na, wenn man mich als Instetten benamen würde, wäre ich auch indigniert…
      Nö, zu D. bei B. fällt mir spontan garnichts ein. Wahrscheinlich denke ich wieder eine Ecke zu weit… E. bei L., tja dazu wüsste ich gleich etwas.
      Vor allem anderen aber wünsche ich Ihnen eine rasche gute Besserung. Einen heilsam heissen Äppler werden Sie nicht finden in der Stadt im Kessel.

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  3. Und an Sie, mein lieber Herr Ärmel:
    Die frostigen Fingerlein haben den Aufnahmen nicht geschadet, soweit ich das beurteilen kann 🙂

    Herzlichgewärmte Grüße vom Bewerbungstisch,
    Ihre Silvia Meerbothe

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  4. Als gebürtiges „rhoihessisch Mädsche“ weiß ich überdies zu sagen, dass die Rheinhessische Schweiz eine Teillandschaft der naturräumlichen Haupteinheit 227 (ja, so etwas gibt es!) Rheinhessisches Tafel- und Hügelland ist. Geologisch und daher auch geomorphologisch gesehen, ist sie der Teil, der nicht mehr im Mainzer Becken liegt.
    Für die Wissbegierigen unter der geneigten L,eserschaft: Das Ganze erklärt sich aus der Entstehung des Oberrheingrabens. Flankert von Gebirgen ist hier eine lange, schmale Erdscholle zwischen Mainz-Bingen im Norden und Basel im Süden eingebrochen. Dabei war das Mainzer Becken von einem Meer überflutet und wurde mit feinem Material wieder aufgefüllt. Im Bereich der Rheinhessischen Schweiz sind Gesteine des Randgebirges.
    Sooo, genug des Klugscheißens für heute!
    Wünsche eine schöne, sonnige Februarwoche zu haben!

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  5. Es gibt da auch noch den alten Beruf des Schweizer. Das war auf den größeren Landgütern der angestellte Melker (der Kühe). Vielleicht ist das ja auch eine Erklärung für den Namen. Ausser dem Hügelland gab es dort vielleicht einfach viel Milchwirtschaft. Die Gegend um Maastricht nennt sich glaube ich auch Schweiz.

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  6. Ich durfte als Ackerdame mehrerley Pässe erwerben, unter anderem den eines Schweizers. Das schoß mir als erstes durchs Hirn, ich war ab da geprüfter Schweizer (Ja, da hat noch keiner auf die weibliche Form bestanden!), ergo Melker. Später im Westen lernte ich so viele „Schweizgegenden“ kennen, doch habe ich nie drüber nachgedacht, woher wohl diese Benamsung kommt, ich kannte bis dato nur die Sächsische Variante. Dass es so viele sind, das wußte ich nicht und mal wieder bleibt eines im Knoblochkopfe verankert: Bloggen bildet! So, jetzt himmlische Blauhimmelbilder gucken…
    Graubisorangestreifigeabendlichtgrüße, immer die Ihre, zugeneigt wie stets.

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    • Hihi, den habe ich auch. Den Schweizerpass. Sozusagen.
      Und einmal bin ich von Sachsen an die Ostsee geradelt. Mit Kind vorne druff und Zelt und Gedöhns auf dem Gepäckträger. Das war 1988 oder so. Vielleicht auch 1987. Da lachte ich, als ich von der Mecklenburger Schweiz las. Das Lachen verging mir gründlich, als ich da durch radelte. Zwar nur 0,5% Steigung oder so, aber nicht enden wollend, und natürlich Gegenwind. Und das Kind vorne druff und das Gedöhns (ich sag nur Leinenzelt!) hinten druff und natürlich: KEINE Gangschaltung

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      • Meine liebe Frau Inch, Sie sehen mich angemessen beeindruckt! Mit Kind und Leinenzeltkegel per Rad anne Ostsee, Respekt. Mein Floravelo ist ja auch ungangschaltig, ich grüße nachwadenschmerzig in die Vergangenheit. Und natürlich sozusagenschweizerisch verbunden. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

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      • Da fällt mir die holsteinische Schweiz und meine Fahrradtour in Jungärmeljahren ein. Ach wie töricht. Nach drei Tagen Dauerregen, ununterbrochenem Gegenwind aus dauernd wechselnden Richtungen und stetig Bergauffahrt habe ich mein Rad in den Zug gepackt. Zurück ins Bembelland und dann mit der Karre nach Südfrankreich in die Sonne, an den Strand.
        Seitdem habe ich ein merkwürdiges Verhältnis zu dem Land zwischen den Meeren…

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  7. Ich hätte auch auf die Melker und ihre Hervorbringungen getippt: Käse – wie aus der (richtigen) Schweiz; aber witzigerweise könnte es den romantischen Wanderern im 19. Jahrhundert auch in den Sinn gekommen sein, die vorgefundenen Eingeborenen besonders bodenständig stur und völlig unbeleckt von den politischen Zeitläufen angetroffen zu haben. Stur wie die Schweizer! Die kämpfen hier sogar gegen die Eisenbahn!

    Nebenbei: Alan Parsons, Wakeman i.O. – aber Rush??? Nervt dich der Sänger nicht? Ungeniesbar.

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  8. Auch die teutonische Karfunkelfee steuert gern eine kleine Schweiz bei: Die Sieker Schweiz in Bielefeld. Der Berg selbst wird von den Bielefeldern liebevoll als ‚Rütli‘ bezeichnet.
    Hatten Sie die Sieker-Schweiz auch mit zu den 67 gezählt?
    Sonst wären es schon 68…Schweizen.
    Dazu ‚Return to Tunguska‘, von Alan Parsons Project, schwyzerunterbebergelt und teutoverzwergelt.

    Waldsonnige Grüße
    von der Karfunkelfee

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  9. Mönsch, Herr Ärmel, so viele Kommentare. Da muss man aufpassen, dass man beim Runterscrollen nicht den Faden verliert. Läse man alle Kommentare, täte man das sowieso…
    Äh, was wollte ich jetzt schreiben?

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  10. Worte wie läse, liest man heute so selten, dass ich nach Verfassen des Kommentars erst noch mal nachdenken musste. Eigentlich verlasse ich mich ja immer auf das Bild des Geschriebenen. Sieht es gut aus, ist es richtig. Sah gut aus. Trotzdem, läse, Konjunktiv II, sagt bzw schreibt man das heute noch? Sind Deutschlehrer hier? Oder frage ich die verwandten Deutschlehrer? Wenn ich dran denke. Denn dächte ich immer an allse, was ich fragen möchte, wäre ich schlauer.
    Schönen Start in die Neue Woche. Und: So lange Du noch in Deutschland bist, ist Leipzig gar nicht so weit entfernt.

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  11. Hügellandschaft * See = Mööönsch dat sieht ja aus wie inne Schweiz hier und päng, schon haste den Namen weg *g*
    Hatte ich ja vor nem Jahr schon drüber sinniert als ich in der fränkischsten aller Schweizen weilte. Die Rheinhessische Schweiz kannte ich noch gar nicht bzw. kene ich noch immer nicht, weil man hier keine Foto sehen kann, aber das hole ich später nach.

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    • Ist klein, aber durchaus sehenswert. Steht ab sofort auf meiner Liste.
      Vielleicht will mich ein eingeborener Wegweiser führen bei Gelegenheit und mit Witz und Wissen.
      Kann allerdings dauern denke ich mir, denn die Landflucht scheint hoch zu sein.
      Daher kommen die Menschen schon seit hundert Jahren zu uns herüber über den grossen Strom…

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      • Das erste Foto gefällt mir ausnehmend gut, beim letzten etwas mehr Schnee, etwas weniger Windkraftanlagen und dafür ein paar Wampas oder Tauntauns, dann erinnert das tatsächlich an Hoth *g*.
        So wirklich hügelig wirkt die Gegend jetzt nicht, aber das ist in der SH-Schwyz nicht anders. Die Fränkische hingegen..

        Bei Rush geht es mir ähnlich wie bludgeon, den Sänger finde ich unerträglich. Alan Parsons erinnert mich dafür an chillige Teepartys mit Kerzenschein und Räucherstäbchen, als sich das Wort „chillig“ noch nicht im Sprachschatz der langhaarigen Konsumenten befand.
        Den könnte ich tatsächlich mal wieder auflegen.

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        • Wampas, Tauntauns und Hoth??? Also, die Eingeborenen dort sprechen ein durchaus auch für Auswärtige verständliches Idiom. *ggg*
          Sobald die klimatischen Bedingungen erträglicher sind, werde ich andere Fotografien von dort präsentieren können, auf denen mehr Schweiz zu sehen sein wird.

          Auf den Sänger von Rush muss ich mal mehr achten. Ich finde, dass er eine diese Durchschnittsstimmen hat, die man oft bei diesem Musikstil hört. Mich hat sie zumindest nicht gestört, aber ich habe auch bloss zwei Alben.
          Stimmt stimmt, Räucherstäbchen und Kerzenschein und schwüle Atmosphären und dann die frühen Elektroniker dazu, da gabs ja auch einie deutsche Bands – Mythos, Wallenstein etc…

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  12. Die Rheinhessische Schweiz mit Trullis, Geistermühlen, Teufelsrutsche, der Durchdenbachfahrstelle (Furt in Nieder-Wiesen), mit Sanfttälern und Wildwuchswaldstücken, drinnen versteckte Zugänge zu alten Quecksilberstollen, ist mir ans Herz gewachsen.
    Gruß vom Dreigegendeneck (Wonnegau-Rheinhessen-Rheinhessische Schweiz)

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