Tage im März III

In der Mittagspause ganz austrophil: Wolfgang Ambros – Der Watzmann ruft (1974)…

XI. Auf der Fahrt von Long Melford nach Southwold versuchte ich, W,G. Sebalds Wanderroute zu rekapitulieren. Wie gesagt, hatte ich das Buch nicht dabei und die gestrige Begegnung im Black Lion durchkreuzte das Erinnerungsgefüge unablässig.  Zuerst blitzte beim Frühstück eben jene Küstenstadt am deutschen Ozean auf. Die vielleicht neunzigminütige Fahrt führt meistenteils durch Marschland. Ehemals war hier alles bewaldet. Nach der fast gänzlichen Rodung teilten wenige Sehrgrossgrundbesitzer das Land unter sich auf, solange die Landwirtschaft sich rentierte und die Jagd Spass machte. Das ist lange vorbei.
Ich fuhr direkt runter an den Strand, wo „oberhalb der Promenade, in dem der sogenannte Sailors´ Reading Room untergebracht ist, eine gemeinützige Einrichtung, die, seit die Seeleute am Aussterben sind, in erster Linie als eine Art maritimes Museum dient, in dem alles mögliche mit der See und dem Seeleben in Verbindung Stehende zusammengetragen und aufgehoben wird. An den Wänden hängen Barometer und Navigationsinstrumente, Galionsfiguren und Schiffsmodelle in Glaskästen und Flaschen. Auf den Tischen liegen alte Register der Hafenmeisterei, verschiedene nautische Zeitschriften…“ Dies alleine hatte schon genügt, um mich am Haken zu haben. Schönen Dank Herr Sebald.

XII. Sebald beschreibt weiterhin, dass er bereits zuvor öfter in diesem kleinen, so aus der Zeit geratenen Gebäude gewesen war und was er bei seinem jetzigen Besuch vorfand. Ich verstehe nichts von der Seefahrt und so blätterte ich  interessiert in den Logbüchern, den Zeitschriften und schaute mir alles genau an. „Besser als sonst irrgendwo“, schreibt Sebald, „kann man hier lesen, Briefe schreiben, seinen Gedanken nachhängen oder, während der langen Winterszeit, einfach hinausschauen auf die stürmische, über die Promenade hereinbrechende See.“ Ich machte mir Notizen und nahm einige Fotos auf.
Müde von der kurzen Nacht, setzte ich mich in einen der Lehnstühle und nickte ein. Als ich erwachte, wusste ich zuerst garnicht, wo ich war. Ich blieb noch zwei weitere Stunden allein, denn „Besucher kommen allenfalls ein paar während der Ferienzeit, und die wenigen, die kommen, gehen, nachdem sie sich mit der für solche Ferienbesucher bezeichnenden Vertsändnislosigkeit kurz umgesehen haben, in der Regel gleich wieder hinaus.“ Da ich mit dem Kraftfahrzeug unterwegs und überdies für Wanderungen über nasse Wiesen nicht vorbereitet war, beschloss ich, weiter in nördlicher Richtung zu fahren.

XIII. Ich fuhr an der Küste entlang nach Lowestoft. Dort war tatsächlich, wie schon Sebald schrieb „nichts vorzufinden als Spielsalons, Bingohallen, Betting Shops, Videoläden, Pubs, aus deren dunklen Türöffnungen es nach saurem Bier roch, Billigmärkte und zweifelhafte Bed&Breakfast Etablissements.“ Dabei hatte Lowestoft viel bessere Zeiten gesehen. Die Stadt hatte zu ihrer „Glanzzeit nicht nur einen der bedeutendsten Fischereihäfen (Heringe!), sondern auch ein über die Grenzen des Landes hinaus als most salbrious gepriesenes Seebad.“ Von der über vierhundert Meter weit in die Nordsee hinausragenden Seebrücke war nichts mehr übrig. Ich schaute mich nur kurz um. Sebald, der oft mit einem leicht melancholischen Unterton geschrieben hat, blieb bei seinen Anmerkungen zu Lowestoft erstaunlich neutral. Ich startete den Volvo und fuhr weiter in Richtung Norwich.

XIV. Sebald (1944 – 2001) hatte eine Professur für Neuere Deutsche Literatur in Norwich. Norwich kannte ich aus einem Buch, dessen Titel und Inhalt ich längst vergessen hatte als die graue Stadt. Die deutsche „graue Stadt am Meer“ ist bekanntlich Husum, jene Stadt, in der Theodor Storm lebte und schrieb. Erinnerlich von einem Tag in Norwich sind mir lediglich zwei Erlebnisse.
In einem Tabakwarengeschäft, das laut der Affichen in den beiden kleinen Schaufenstern eine erhebliche Preisreduktion beim Pfeifenkauf versprach wegen der bevorstehenden Schliessung des Ladens. Dort kaufte ich drei Pfeifen. Zum Glück hatte der zuvorkommende Inhaber verschiedene Modelle von Peterson of Dublin, die ich sehr gerne mag.  Die lange Lesepfeife verhindert lästigen Rauch und Dampf vor den Buchseiten und die kleine Peterson ist eine Damenpfeife (Oh, this pipe will be an exquisite gift for your dearest spouse, Sir). Dass dieses Kleinod eher als kleines Zwischendurchpfeifchen (für mich selbst) gedacht war, behielt ich für mich.
Zwei Strassen weiter fand ich eine alte Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Dort konnten Menschen gebrauchte Gegenstände verkaufen. Die ganze Kirche war der Verkaufsraum. Ein stimmungsvolles Ambiente. Der aktuellen Webseite hingegen entnehme ich, dass auch daraus inzwischen eine kommerzielle Unternehmung geworden ist. Sehenswert ist der Ort dennoch allemal. Wir Heutigen meinen ja allzu gerne, dass Kirchenräume schon immer so genutzt worden wären, wie wir das heute kennen. Das Gestühl ist eine relativ neue Erfindung aus dem 14. Jahrhundert. Vorher stand oder lag man während der Zeremonien. Und in den Seitenschiffen wurde früher gehandelt, sogar Waren wurden zeitweise eingelagert, denn die Kirche war ein relativ sicherer Ort.

XV. Nach der Übernachtung in einem Bed&Breakfast (leider wurden die Eier wie weit verbreitet auf Kokosfett gebraten) war es Zeit für den Rückweg. Eine Pause legte ich am frühen Nachmittag in einem Kleinstädtchen ein, dessen Name mir entfallen ist. Ich suchte nach dem Tea Room, den es fast auf jeder High Street, der Hauptstrasse, in den Ortschaften gibt. Hier gab es offenbar keinen, dafür sah ich eine sonderbare metallene Skulptur auf dem kleinen Rasen neben dem Heimatmuseum. Ich liebe englische Heimatmuseen. Oft von ortsansässigen Pensionären unterhalten haben sie einen ganz eigenen Charme. Und immer ist Zeit für eine kleine Unterhaltung. Ich habe keines je verlassen, ohne etwas Wissenswertes geschenkt bekommen zu haben.
Bei meiner Begrüssung wurde ich von den alten Herrschaften natürlich sofort als Ausländer erkannt. Zwei ältere Damen und ein Herr. Drei Fragen gleichzeitig an mich, die ich höflich der Reihe nach beantwortete. Ich zeigte mit dem Finger nach draussen. Da draussen – und schon unterbrach mich der Herr, ja, das sind die Reste einer verirrten V1. Die war bestimmt auch London oder Cambridge bestimmt.
In Suffolk waren viele Flugplätze. Heute sind manche noch immer für die private Fliegerei im Betrieb. Während des Zweiten Weltkrieges wurden von hier aus viele Einsätze nach Deutschland geflogen. Der ältere Herr war Mitglied einer solchen Bomberstaffel. Und da mich der Luftkrieg schon damals interessierte hatte ich einen Gesprächspartner gefunden, der mir meine Fragen nur zu gerne beantwortete. Dieses Gespräch wurde von Seiten des Herrens so persönlich, auch so tief beeindruckend, dass es zur Schilderung eines eigenen längeren Posts bedürfte.
Im Fluge waren zwei Stunden vergangenen, der Tee war köstlich und für mich wurde es Zeit, denn ich wollte noch eine der Hovercrafts auf den Kontinent erwischen. Welcome on board, Ladies and Gentlemen. Please fasten your seat belt. Weder die Princess Anne noch die Princess Margret fliegen heute noch über den Kanal. Aber dazu fällt mir auch sofort die nächste Geschichte ein. Es ist immer wieder erstaunlich, was man erleben kann, wenn man offen ist für Begegnungen und Entdeckungen.
Wer den Abflug der Princess Margret wenigstens optisch erleben möchte: youtube.com/watch?v=hn4GiT0AE4g (mit www. davor)
Ich danke allen Besuchern, Lesern und Guggern für die Aufmerksamkeit.

(Fotos sind anklickbar, wie stets)

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23 Gedanken zu „Tage im März III

  1. Aha! Dann wünsche ich das auch. Selbst ohne zu wissen, wann genau der gewesen ist. Sie werden sowieso nicht älter, nur wissender, mein lieber Herr Ärmel 🙂

    Es war wieder eine Freude zu lesen.
    Vielen Dank.

    Herzlichst,
    Ihre Silvia Meerbothe

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    • Also, das war damals vor mehr als fünfzehn Jahren…
      Ihre Wünsche nehme ich natürlich auch jetzt noch gerne entgegen, genau wie Ihre Feinstkomplimente 😉
      Fürhlingshaftegegenabendgrüsse aus dem spriessenden Bembelland

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  2. Damit hast Du mich mal wieder eine halbe Stunde auf diesen Videokanal gelockt *gr* aber mit dem Ding wäre ich auch gerne mal gefahren, muss infernalisch gewesen sein der Lärm. Der Spritverbrauch wahrscheinlich auch *g*
    Diese verflixte Insel reizt mich schon sehr lange, Cornwall und sowat, Burgen und alte englische Dörfer, da gibt es so viel zu entdecken, außerdem mag ich dieses schrullige Inselvolk, ich würde sogar Haggis essen und Kokosfetteier. It’s nur leider too expensive my dear, allein schon die Anreise….
    Und auf Leihwagen mit dem Lenkrad auf der falschen Seite bin ich auch nicht so scharf, obwohl das bei dem Verkehr wohl sinnvoll ist. *g*

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    • Da man in England durchweg zivilisiert fährt, ist Linkssteuerung kein Problem. (Mein erster Morgan hatte ja Rechtssteuerung, das war ein Heidenspass auf der Insel). Einzig in brenzligen Situationen, da ist unser Fluchtreflex nach rechts, und das sollte man auf der Insel vermeiden.
      Mir ist in England niemand abfällig begegnet wegen meiner Herkunft. So wie in den Heimatmuseen waren die meisten Menschen an mir interessiert und als ich meine Englandliebe rausgelassen habe, ist man mir überaus höflich und zuvorkommend begegnet.
      Ich war allerdings nie im tiefen Eastend in London oder am STrand von Weymouth im Sommer.
      Als Einstieg und dass man nicht gleich abhebt, sind Kent und Sussex genau richtig.
      Norfolk und Suffolk gefallen mir persönlich besser als Cornwall. Auch die Mitte und der Norden sind klasse. Was ich gerne bereisen möchte ist Wales, allein der schnöde Mammon. Und einmal mit dem Flying Scotsman (Erster Klasse versteht sich) von London nach Edinburg. Und pberhaupt Schottland, da war auch einmal, aber nur kurz..)
      Die Baronin Thatcher hat dafür gesorgt, dass Oliver Twist wieder Wirklichkeit geworden ist. Ich bin nicht sicher auf welchem Platz in der Liga, aber Engländer gehören zu den ärmsten Menschen in Europa.
      England – Hach

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      • Muddern fliegt morgen das dritte Mal nach Schottland, ist natürlich unglaublich praktisch wenn man da Freunde hat die einen auch noch in der Gegend herumfahren. Vielleicht hätte ich ihr meine Kompaktknipse mitgeben sollen, aber ich bin auch schon so neidisch genug…

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  3. Wunderschön, ich habe mich gerne mit auf die Reise nehmen lassen. Ein Gedanke besticht allerdings alle anderen: Pfeife, ja Pfeife passt mir gut zu Ihnen.
    Vogelgezwitschermorgengrüße

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  4. Watzmann und Sebold und Ihre feine fortgeschriebene Geschichte brachten mich wieder zu den auch guten Verreisegeschichten vom Ö-Länder Christoph Ransmayr. Mein hausklebiges Nichtreisenwollen erlaubt mir auf diese Weise ein gewisses unartiges Herumkommen in Feingeschirrwelten, bei ungewöhnlichen Menschen Gast zu sein und mich an deren Besonderheiten zu laben!
    Gruß von unter den Hochbirken der Rheinhessenhügel

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    • Haken Sie sich gerne unter, liebe Frau Wildgans, gehen Sie mit auf weitere Reisen. Einen schöneren Ansporn als Ihr Kommentar kanns ja kaum geben.
      Nachmittäglichnieselregnerische Grüsse aus dem grauen bembelland

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  5. Sehr interessanter Dreiteiler, mein lieber Schreibfreund,
    ein Bericht wie aus fernen Gestaden und Landen für mich,
    denn weder bin ich im aktuellen England bewandert (war immer noch nie dort,
    nicht mal in London, und habe schon Zeilentigers Bericht dbzgl. sehr genossen;
    vllt sollte ich ja doch irgendwann mal den Sprung auf die Insel wagen…),
    noch, und erst recht, was frühere Jahrhunderte angeht *lächel*
    Aber genial verfasst, da gibt’s nix! *Chapeau*
    Herzliche Nachmittagsgrüße aus dem inzwischen
    diesigen Ländle…

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    • Ich danke dir für das Kompliment. Eine kleine Verführung wirds noch geben in den nächsten Tagen. Mehr verrate ich jetzt nicht….
      Die Insel sollte man schon einmal besucht haben…
      Nachmittäglichnieselregnerische Grüsse aus dem feierabendlichen Bembelland

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  6. Ein herzliches Dankeschön für diese ganz besondere „Tage im März“ Trilogie, die ich ich mir ganz sicher noch öfters durchlesen werde. Ich bewundere Ihre spezielle Form der Erinnerung und die vermutlich damit verbundene Form der Formulierungskünste (eine Gabe, die mir in dieser Intensiität nicht gegeben ist).

    Und nachdem ich ein erklärter Freund der britischen Insel bin, sind mir all die Hinweise, Fotos und links ganz besonders wichtig und als ehemaliger Pfeifen-Raucher fand ich die „alten“ Pfeifen“ Fotos besonders erbaulich.

    Man kann ja über das Internet schimpfen wie man will … aber Begegnungen dieser Art sind halt nur über dieses „neue“ Medium möglich …

    Also: ich wiederhole mein herzliches Dankeschön !

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    • Sehr geehrter Herr Riffmaster, zuviel des Lobes.
      Ich schreibe, wie es mir aus der Erinnerung aufsteigt, gefiltert im Herzen und gereinigt im Hirn. Vielleicht sollte ich dann und wann, um Sie zu unterhalten, noch einige Aventuren aus England beschreiben.
      Ich habe dazu zwar keine Fotos aber immerhin verführerische Links. *ggg*
      Abendschöne Grüsse aus dem Bembelland

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