Ach wie gut ist umständlich

Einem vielversprechenden Hinweis des geschätzten Herrn Zeilentigers folgend und sofort für gut befunden: Alexandra Lehmler – Jazz, Baby! (2014)…

Das Wort umständlich hat einen durchweg negativen Beigeschmack. Aufforderungen wie „Jetzt komm doch endlich zur Sache“ oder die abfällige Bemerkung „das ist vielleicht umständlich“ zeigen den Wertewandel eines Wortes an. Was anno dazumal ein Qualitätsmerkmal gewesen ist, gibt heutzutage Anlass zu Ungeduld und gerunzelten Stirnfalten. Dabei meint das Wort umständlich nichts anderes als auch die Umstände eines zur Rede stehenden Themas zu berücksichtigen. In unserer schönen Leistungszeit der Geldwerte, in denen Zeit kostbar geworden ist, ist das Wort umständlich ins Negative verkehrt worden.
Gründ- und umständlicher Bericht von denen römisch-kayserlichen wie auch ottomannischen Gross-Bothschafften, wodurch der Friede oder Stillstand zwischen dem aller-durchleuchtigst-grossmächtigst- und unüberwindlichstem römischen Kayser Leopoldo primo und dem Sultan Mustafa Han III. den 26. Januarii, 1699 zu Carlowiz in Sirmien auf 25. Jahr geschlossen und darauff auch denen respective Höffen zu Wienn und Constantinopel bestätiget worden“ (Wien, 1702).
Bekannter ist sicherlich Edgar Allan Poes „Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym aus Nantucket.“ (Ungezählte Ausgaben seit 1838) Ebenfalls aus unwirtlichen Gegenden ist Christoph Johann Tramplers „
Umständliche Beschreibung des Grönländischen Wallfischfangs / ingleichen von den Ursachen und Eigenschaften des Nordlichts, in freundschaftlichen Briefen auf Verlangen guter Freunde herausgegeben“. (Leipzig, 1771). Da erfährt man doch gleich den Grund der Publikation.
Selbst schmalere Bändchen wie die „Wahrhaffte und umständliche Nachricht von dem Wäysen=Hause/ und übrigen Anstalten Zu Glaucha vor Halle“ von August Hermann Francke (Glaucha vor Halle, 1708) oder die lediglich 24 Seiten umfassende Umständliche Beschreibung des Heiligen Grabes zu Görlitz (Görlitz, 1870) wollten so umfassend wie möglich informieren. Und dies ist die wahrlich
umständliche Titelei einer umständlichen Unterrichtung aus dem Jahr 1695..

Auf langen, verregneten Autobahnfahrten lässt sich trefflich über derlei Umwertungen nachdenken.
Ein Gedanke zum Wort umständlich sollte die Einleitung abgeben zu dem Bericht meiner Kurzreise in ein südlich gelegenes Nachbarbundesland. Jetzt ist die Einleitung doch zu umständlich geworden für die moderne Bloggerei, Untersuchungen zufolge werden in Blogs kurz und knackig getrimmte Texte ganz klar bevorzugt – und auch eben gelesen.
Aus diesem Grunde wird das Eigentliche nachgeliefert werden. So sind die modernen Zeiten. Man kann eben nicht alles haben wenn es alleweil schnell gehen soll.

Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich dennoch ein wohlgefülltes Wochenende.
(Fotos anklicken und den lichtgebilderten Vorgeschmack vergrössern)

Advertisements

29 Gedanken zu „Ach wie gut ist umständlich

  1. Umstände halber genieße ich ihren Text und bin zufrieden dabei. Bringen Sie doch Langsamkeit in diese hetzigen Zeiten.
    Und eines tue ich nun heute Abend garantiert…so ein Bier mir zu Gemüter führen…es läuft mir das Wasser im Munde zusammen bei diesem Foto.
    Denkopfvollerblütenhabendesprudelige Grüße, Ihre Arabella

    Gefällt mir

    • Aha, meine liebe Frau Arabella – die Umstände sind Schuld daran, dass Sie den Text geniessen und dabei zufrieden sein können. Und ich dachte es seien die Fotografien oder wenigstens der Text. Die Umstände, so so – nein, sagen Sie nichts /// welche Umstände waren das denn? 😉
      Ein freundliches Prost rufe ich Ihnen zu und einen sonnigen Tag wünsche ich Ihnen, Ihr Herr Ärmel

      Gefällt 1 Person

  2. Ich muss gestehen, ich bin auch einer von den bloggern, die kurz und knackig getrimmte Texte ganz klar bevorzugen – beim Schreiben und meist auch beim Lesen. Aber diesmal hat mich die Überschrift einfach angesprochen und dann hat mich die ganze Abhandlung umständlich interessiert – also dem Umstand verdankend, dass hier ein Wort in seinem Bedeutungswandel erläutert wurde.
    Wörter und ihre Herkunft sind eine faszinierende Geschichte – und tatsächlich denke ich auch oft darüber nach, woher einWort seine heutige und auch seine ursprüngliche Bedeutung hat.
    Manchmal kommt man selbst drauf, aber oft braucht man auch die Hilfe anderer.
    So gab es gerade heute in unserer Tageszeitung einen Artikel über den „Wonnemonat“ Mai.
    Die Erklärung der Entstehung dieser Bezeichnung hat mich dann sehr überrascht.
    Ich gehe mal davon aus, dass man das im Bembelland längst weiß, deshalb will ich erst mal schweigen.

    Herzliche Grüße
    Werner

    Gefällt 1 Person

    • Ich liege, wie meist, auch hier wieder irgendwo zwischen den Sesseln.
      Manche Blogger können offensichtlich keine längeren Texte so schreiben, dass man beim Lesen bleibt. Dort bevorzuge ich auch kürzere Formen. Und auch, wenn sich verschiedene kurze Szenen die Hand geben; da bleibt die Spannung hoch.

      Die Ausführung mancher Themen verlangt jedoch sowohl der Verständlichkeit als auch der Klarheit der Gedankenführung wegen einen längeren Text.
      Ob es sich dabei um ein wissenschaftliches Traktat, den Bericht eines Fussballspiels, ein persönlich sehr intensiv empfundenes Erlebnis oder die Erläuterung eines komplexen Vorganges handelt, spielt dabei kene Rolle.

      Zum Wonnemonat ist mir lediglich die Erklärung im Grommschen Wörterbuch erinnerlich. Aber Sie haben mich dazu angeregt mein immerzu verschwindendes Wissen zu aktualisieren.
      Dafür danke ich Ihnen und sende sonnige Grüsse aus dem allzeit wissensdurstigen Bembelland

      Gefällt 2 Personen

  3. ‚Genuss für Leib und Seele‘, das Motto stimmt. Das dürfte der Ammersee sein? Sehr schön.
    Dabei belass ich es heute mal und gehe zu hiesigen kulinarischen Hefezopfgenüssen über!
    Schönes Weekend!

    Gefällt mir

    • Bei mir können Sie getrost davon einundausgehen, dass nur das zu sehen ist, was ich selbst durch die Kamera gesehen habe.
      Ich entwickle meine digital fotografierten RAW-Fotos in Lightroom und dort mache ich bloss das, was ich früher auch in der analogen Dunkelkammer gemacht habe. Insofern hat sich ausser der technischen Weiterentwicklung nicht allzu viel verändert.

      Um solche Vernebelungen zu sehen, muss man allerdings ziemlich früh aufstehen und obendrein auch noch Glück mit dem Licht und dem Ort haben 😉

      Samstagnachmittäglichsonnige Grüsse aus dem stillen Bembelland

      Gefällt mir

      • Ach, ich weiß, aber ich und Morgenlicht sind ziemlich unvereinbar. In Abendlicht dagegen bin ich groß ! Ich warte jetzt darauf, dass ich irgendwann genug davon habe und beschließe im Halbschlaf auf Fotopirsch zu gehen 🙂

        Gefällt mir

  4. Wunderbar, was man aus einem Wörtchen kreieren kann und an bücherwurmigen Schätzen entdeckt und was frau außerdem im Geiste weiterspinnt , wie umständlich es vor 58 Jahren z. B. war ohne Telefon, Handy, Auto sich trotzdem mit dem damals gebotenen Abstand liebend zu verbandeln -:))) und als die Ehe geschlossen war, hat es dann bis zu den anderen Umständen wieder 9 Jahre gedauert -:)))
    It’s springtime…..da springen auch die Erinnerungen im Kopf herum.

    Die Gegend um den Ammersee kenne ich nicht persönlich nur von den begeisterten Schilderungen der Freunde, ich freue mich schon auf die weiteren Fotos und mein Favorit ist auch das mit dem Nebelschleier.
    Wunderschöne Tage wünsche ich Ihnen, lieber Herr Ärmel, mit Kultur-und Landschaftsfutter satt.

    Das Bembelland hatte Sonne für uns, nur für die Eintracht nicht, die hat 1:0 gegen Bremen verloren….

    mit fröhlichem Gruß
    Karin

    Gefällt 1 Person

  5. Das freut mich ungemein, dass Ihnen das Album zusagt. Dann kann ich musikalisch auch mal etwas zurückgeben. Eine schöne Kulturgeschichte der Umständlichkeit haben Sie da angeführt, hehe. Und die Fotos … Aber dazu habe ich ja schon geschrieben. Sonntagmittagsgrüße aus dem Kessel

    Gefällt 1 Person

    • Herzlich Willkommen und schönen Dank für Ihren Kommentar.
      Ihre Bitte wurde und wird weiterhin erfüllt werden – auf diesem Blog jedenfalls.
      Morgendlichmaisonnige Grüsse aus dem umtriebigen Bembelland

      Gefällt mir

  6. Oh, ich sehe, Herr Ärmel, sie sind ein echter Kenner. Andechs. Dessen wohlbekömmliches „Lagerbier Hell“ ist nunmehr seit Jahren ein absolutes „Muss“ zu jeder Feier. Und zum Glück bleibt immer noch so viel übrig, dass ich zwischen den „Feiern“ nicht verdurste.

    Leipzig – Bayreuth. Meine absolute Meditationsstrecke. Ich bin manchmal gerne allein auf der Straße und hänge dabei meinen Gedanken nach. Das Auto findet nunmehr den Weg allein dorthin, bis – man, der kann aber auch nerven – der Navi meint: „in 2000 den rechten Fahrstreifen nehmen, dann folgen…..“.

    Vorfreudigehochsommergrüße, Menachem

    Gefällt mir

    • Wie jetzt? Hochsommer? Ich lese wohl nicht richtig. Hier herrscht noch immer der grimmig verräterische April.
      Prost mit einem vortuellen Andechser 😉
      Nachmitternächtliche Grüsse aus dem dahindämmernden Bembelland

      Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s