Johanna mit Tiefgang

Ein Hörbuch am Abend: Uwe Johnson – Versuch einen Vater zu finden (1980). Ein genialer Vorleser seines eigenen Werkes war er und deutsche Geschichte zwischen 1888 und 1914 so hervorragend literarisch gestaltet, kenne ich von keinem anderen Autor. Das ist eine deutliche Empfehlung…

„Nicht: So war es, sondern: So könnte es gewesen sein, manchmal auch: Möchte es doch so gewesen sein.“ (Uwe Johnson, Versuch einen Vater zu finden).
Die Au übt seit je ihre Anziehung auf mich aus. Vom Nachbardorf setzt der Fährmann seit Ewigkeiten über den Altrhein auf die Nonnenaue. Genaugenommen heisst nur der mittlere Teil so. Das Nordende ist die Rabeninsel, die keine Insel ist, und das Südende wird mit Langenau bezeichnet. Am Ende der Langenau befindet sich der Steindamm mit zwei Öffnungen, durch die der grosse Strom mit Getöse in den verbliebenen Altrhein einfliesst.
Als Kind sind mir einige ganz seltene Sonntagsausflüge erinnerlich. Es ging „uff die Nonnenau (ohne e) zu de Dannde“, zur grossherzigen Tante, die den Kindern gerne etwas zusteckte. Die betrieb eine Ausflugswirtschaft. Dort gabs leckeren Kuchen und von den Eltern eine Menge Ermahnungen. „Wennde kleggerst kannsde was erlewe“, oder „Bass´ bloss uff am Wasser sonst gibts was noch dezu.“ Womit jeweils der rückwärtige Teil der Lederhose gemeint war.
Später in den stark gefühlten, jedoch lediglich halbstarken Jahren war unser verlassenes Refugium die Rabeninsel. Dermassen von Stechmücken bevölkert, kam dort kaum ein Erwachsener aus freien Stücken hin. Das ideale Übungsgelände also zur Bewusstseinserweiterung. Und wirklich, irgendwann wurden bei ernsthaft betriebener Übung sogar die Rheinschnaken zu Freunden, ihr sirren wurde zur Musik und ihr Flug im Sonnenlicht gestaltete sich zu klitzekleinen flimmernden Regenbögen. Das ist so lange her.
Jetzt gehe ich auf der Aue gerne horsche und gugge. Oder ich nutze die Gelegenheit und fotografiere Störche wie anfangs der Woche. Sitze am Rheinufer und schaue in den Fluss. Oder ich lasse mir Geschichten von Sonntagsausflügen längst vergangener Zeiten erzählen.
Es ist noch immer der gleiche Landwirtschaftsweg, der sich ungefähr sechs bis acht Kilometer über die Insel zieht. Gleich hinter dem Steindamm befindet sich heute eine Landmetzgerei. Soll angeblich die beste Fleischwurst im ganzen Landkreis haben. Das war früher ebenfalls eine Gastwirtschaft mit ganzjährigem Betrieb. Und ebenfalls Verwandschaft der Ärmelfamilie.
Von den Altvorderen ist mir die folgende Geschichte im Gedächtnis. Wenn sonntags die Bäckerei aufgeräumt und gereinigt war gabs den Braten zum Mittagessen. Die Bäckerburschen und die Hausmädchen hatten nachmittags frei. Die Eltern mit den Kindern schwangen sich auf ihre Fahrräder. Und los gings bis zur Fähre und anschliessend zur Tante auf die Au zu Kaffee und Kuchen.
Nach der stärkenden Ruhepause fuhr man gemütlich über den holprigen Feldweg bis zum Steindamm und besah das Schauspiel des wilden Wassers. Die Zeit war vorgeschritten und man kam rechtzeitig in der Wirtschaft an. Ein Bembel Äppler für die Erwachsenen, für die Kinder gabs Saft. Eine Platte hausgemachter Wurst und Handkäs´ mit Musik gaben die Kraft für den Rückweg auf dem Rheindamm nach Hause. Die Kinder sind abends wahrscheinlich todmüde ins Bett gefallen, denn die Fahrt dauerte damals viel länger. Eine Gangschaltung für Fahrräder hatte damals nur die Frankfurter Manufaktur Adler im Programm.

Gestern fuhr ich die gleiche Strecke. Die Verwandschaften bewirtschaften ihre Lokale schon seit vielen Jahren nicht mehr. Dass auf der Au ordentlich was los sein würde war mir schon klar. Dennoch traute ich meinen Augen schon an der Fähre nicht. Normalerweise stehen dort sonntags zehn bis fünfzehn Passagiere, die übergesetzt sein möchten. Manchmal vielleicht auch das Fahrzeug eines Anliegers. Auf der Aue verlaufen sich die Ausflügler dann rasch.
Ich stellte mich in die Schlange. Johanna, die gelbe alte Altrheinfähre war unablässig im Einsatz. Der Diesel stampfte drahtseilgesichert hin und her zwischen dem Dorf und der Rheinaue. Einige Wartende maulen, weil sie zehn Minuten warten müssen. .

Sonnenbebrillt, survivalgetunt und helmbewehrt gings am anderen Ufer los. Die Luft voll Ungeduld, weil nicht alle so konnten wie sie wollten. Eine Frau fuhr kreuz und quer und fiel mir dann vor mein Rad. Als ich ihr aufhelfen wollte, zischte sie mich feindselig an. Schliesslich kam ihr Begleiter und massregelte sie streng. Immerhin schaffte er es, das gebein der Frau aus dem Fahrradrahmen zu entknoten.
Über dem Weg, den man selbst an Wochenenden fast alleine begehen kann, lag die Staubwolke der himmelfahrenden Horden. Wo die Wiesen bis an Fluss reichen, lagerten Menschen. Statt der Bierkästen hatten einige Grüppchen enorme Krawallausrüstungen transportiert. Niemand scheint sich zu stören an der Lautstärke und dem Durcheinander der Musiken.

Auf den Wiesen waren keine Störche zu sehen. Die werden jedoch inzwischen wieder ihr Futter suchen.
Nächste Woche werde ich am Steindamm vorbeischauen. Die Wildwasserfahrer müssten nach dem fallenden Pegelstand wieder ihre Eskimorollen üben. Und ich werde in der Landmetzgerei einen Ring Fleischwurst kaufen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein entspannendes Wochenende.

                                                             (Foto anklicken ermöglicht Grossguggerei)

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23 Gedanken zu „Johanna mit Tiefgang

  1. Ach Herr Ärmel, mir ist vor solchen Menschenmengen Bange.
    Wo sind die Zeiten, in denen Einzelfotos (mit Schleife) möglich waren?
    Wenn dann noch die behelmte Fahrradzischschlange den Weg kreuzt, ist es für mich höchste Zeit umzukehren. Höchstens bei den Wasserdrehern verweilte ich noch ein Weilchen…
    Vordemgrillabendhungrige Grüße, Ihre Arabella

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  2. Sonntagsausflüge, Rabeninsel, Nonnenaue, allein diese Worte beflügeln! Mein Germansfirstsupersuperwort ist aber das von den „Krawallausrüstungen“ – wenn ich mir das vorstelle, all die Protzcoolmusik an lichten Wiesenflussgestaden, wo sonst der Salatstorch stakst…
    Warum häufeln sich die Menschen so gern, so laut, so rauchig, wischig und lichtungsgestrüpppinkelnd?
    Gruß von der Abendkommentatorin

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  3. Ungläubiges Kopfschütteln und aufwellende Unbehagengänsehaut auch hier. An solchen Tagen wünsche ich mir kolossalen Starkregen um derlei Unbill zu verhindern. Wie sah wohl die Au des Abends aus? Oder legen die städtischen Heinzelmännchen wie hier in der kurstädtischen Provinz Extraschichten ein, um die Konsumhinterlassenschaften zu entsorgen?
    Fröstelnde Grüße, nicht nur sophienächtigen Ursprungs, die Ihre, morgenvogelgesangerquickt.
    Und zugeneigt, versteht sich.

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    • Och, alles halb so schlimm, hochwertgeschätzte Frau Knobloch, gestern war schon wieder Ruhe.
      Bis auf die Kunden der Landmetzgerei.
      Die Störche zeigten sich bereits wieder in gewohnter Weise. Neues davon im neuesten Beitrag.
      Nichtminderzugeneigtallerherzlichste Grüsse aus dem beschwingten Bembelland sendet Ihnen wie gewohnt, Ihr Herr Ärmel

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        • Und, waren Sie draussen zur Ernüchterung der masslos überreizten Sinne…
          Störche klappern erts am späteren nachmittag. Die wissen sich zu benehmen im gegensatz zu Flugzeugen, die bereits morgens um halb sechs Uhrs über Dach röhren

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          • Der zuwohliggehenden Eselin brach das Eis unterm Wildgetanze. Eine Komplettzerlegung brach Sonntags über mich herein. Ist mir noch nie passiert, da wird man alt wie ’ne Kuh, ähem Eselin und lernt immer noch neue Seiten an sich kennen. Ich recherchiere noch, wie es dazu kommen konnte, ich hoffe nicht das jemand mit irgendwelchen Substanzen rumexperimentierte.
            Wiederauferstandene Grüße, die Ihre, flatterherzig zugeneigt.

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  4. Sieht aus wie hier, wenn die Hafenfähren gestopft voll sind mit Menschen und Fahrrädern, die sich irgendwo absetzen lassen um der Großstadt zu entgehen. Ich würde ganz sicher auch lieber mit dem Radl in irgendwelchen Auen radeln statt an einer Hauptverkehrsstraße. Und ich hoffe nicht, dass mich beim nächsten Schönwetterfotoausflug der Knoblochsche Starkregen erwischt *gg* (ich werfe meine Konsumhinterlassenschaften immer brav in die dafür vorgesehenen Behälter!)

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    • Ein Feinstknoblochscher Starkregen vertreibt flugs die Pillepalleausflügler und Dröhnsaufkumpane. Bereinigung der Landschaft, kwasi, mein werter Herr Zaphod. Danach das Licht, bedenken Sie doch, was das für Motive ergibt…
      Herzliche Grüße in den Wochenanfang, ihre Frau Knobloch, regendurchtanzt.

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  5. Immer schwierig, die vielen Menschen an beengten schönen (?) Stellen. Irgendwie gehört man aber eben auch dazu, und wenn man dann eine neue Strecke entdeckt, die noch nicht bekannt ist, dann ist das schön.
    Eine Beschäftigung vor der Tour kann lohnenswert sein, aber manchmal sind überall zu viele Menschen, gerade an solchen Tagen.
    🙂

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    • Wenn ich so drüber nachdenke, sinds nicht mal die vielen Menschen. Wie sagen, sind wir selbst schliesslich auch ein Teil davon.
      Was mich eher unangenehm berührt, ist das Verhalten vieler Menschen. Diese unselige Mischung aus Ignoranz und Lautstärke.

      Neue Touren zu entdecken ist natürlich toll. Manchmal reicht es schon, die richtige Uhrzeit zu wählen. Allerfrühest morgens beispielsweise… (Für Lichtbildner ohnehin eine sehr gute Zeit 😉 )

      Gefällt 1 Person

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