Knieschoner und mehr für Fahrradfahrer

Bei vielen Neil Young Fans unbeliebt, bei mir nicht, im Gegenteil: Neil Young – Re-ac-tor (1981)…

Als Buben haben wir uns lustig gemacht über die älteren Männer, die mit den Fersen auf den Pedalen ihre Fahrräder vorwärts trieben. Die Fusspitzen dabei nach aussen gestellt versteht sich. Damals hatten wir noch keinen Physikunterricht in der Schule und wussten nicht um die bedeutende Tiefenwirkung dieser Pedaltechnik.
Überhaupt waren wir damals froh, alleine einen Platten beheben zu können. Einen geflickten Schlauch wieder zu montieren und das Rad einzubauen ohne einen neuerlichen Schaden zu verursachen. Wer mit Schraubenziehern den Deckmantel hebelt, muss wissen, was er tut. Die Höhe des Sattels, die Breite des Lenkers, der Vorteil einer gepflegten Kette. Keine Ahnung – ist das wichtig?
Als ich meine Motorräder verkauft hatte, um mich Fahrrädern zuzuwenden, las ich auch einige Bücher zum Thema. Eines davon kaufte ich eher aus Spass. Wegen des Titels vielleicht. Mag sein, denn die Schulzeit lag weit zurück und die Physik wurde nie meine intimere Freundin.
Formeln sind in dem Buch und einiges an Theorie. Der Autor ist von Hause aus Physiker und betrachtet das Zusammenwirken von Mensch und Fahrrad aus genau diesem Blickwinkel.

Ich habe dennoch einen enormen Gewinn aus dem Buch bezogen. Ich überwand meine Vorurteile, liess die Formeln und theoretischen Textteile beiseite und lass lediglich das, was mir sofort einleuchtend war, das Praktische.
Und nahm sogleich das Werkzeug zur Hand. Das Ergebnis war ein neues Fahrrad. Also nicht ein neu gekauftes Rad. Aber, als ich nach der Vermessung und der passgenauen Einstellung auf meine Körpergrösse mein Rad bestieg und zu einer Proberunde losfuhr, meinte ich wirklich, auf einem anderen Fahrrad zu sitzen.
Es gibt zwar noch die alten Männer auf Fahrrädern, aber die rasen mittlerweile elektromotorgetrieben durchs Gelände. Inzwischen weiss ich aber natürlich, dass die älteren Männer mit den Schrägfüssen auf den Pedalen etwa zehn Prozent ihrer Tretenergie dazu verwenden durch falsche Hebelwirkung ihre Kniegelenke zu ruinieren.
Halswirbelsäulen, Schultergelenke, Sehnen und anderes nehmen dem Radler kostbare Energie beim Radeln. Statt Fahrspass zu haben wird die Kraft verbraucht, um Schmerzen, Verspannungen und Gelenkabnutzungen zu erzeugen. Vielfahrer mit dauerhaften Beschwerden sind seit dem neueren Fahrradboom keine Seltenheit. Das kann man verhindern.

Das Buch ist ein Kracher auch ohne dass der interessierte Radfahrer ein Physiker sein muss. Ich empfehle hiermit:
Michael Gressmann – Fahrradphysik und Biomechanik. Technik, Formeln, Gesetze. (Verschiedene Ausgaben in verschiedenen Verlagen. Oder gebraucht, z.B. bei booklooker.de)

19 Gedanken zu „Knieschoner und mehr für Fahrradfahrer

    • Herzlich Willkommen und vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Gegen Velo-Solex? habe ich ganz und überhauptnichts – gerade das Gegenteil ist der Fall.
      Ich erinnere mich nur zu gerne an die alten Zeiten und den grossen Vergaser aus Frankreich, damit war die famoseste Solexraserei garantiert bei Vollspass 🙂

      Schöne Grüsse aus dem vergnügten Bembelland

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    • Stimmt, mittlerweile achten auch engagierte Fahrradhändler auf diese Aspekte der Einstellung.
      Meine Ausgabe ds vorgestellten Buches ist von 1990. Damals kam Fahrradfahren gerade erst wieder so richtig in Mode.
      Zum Glück hat sich da einiges getan inzwischen.
      Pfingstschöne Grüsse aus dem Bembelland

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  1. Ich verstehe überhaupt nicht, warum so viele Leute falsch Fahrrad fahren und wie oben beschrieben die eigenenGelenke schädigen.
    Die häufigsten Fehler, die ich beobachte, wenn ich auf unserem Radweg (der Maare-Mosel-Radweg geht grade mal 100 m an unserem Haus vorbei) unterwegs bin, sind zu tief eingestellte Sättel und das Fahren im falschen Gang. – und manchmal werden beide Fehler dann auch noch kombiniert.
    Und oft genug kommt dann noch das Fahren ohne Schutzhelm als nächster Fehler hinzu.
    Mit einem richtig eingestellten Rad macht das Fahren doch wirklich viel mehr Spaß.

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    • Den meisten Leuten sagts keiner und niemand zeigt ihnen, wie es auch anders gehen könnte.
      Obwohl sich inzwischen viel getan hat.
      Das mit dem zu niedrigen Sattel sehe ich genauso. Ich denke mir, dass es für Leute angenehmer ist beim Bremsen und Absteigen. Sie fühlen sich sicherer mit einem niedrigeren Sattel.
      Das Argument mit dem Helm teile ich auf der rationalen Ebene, ich habe auch einen, den ich nicht aufsetze.
      Helm, aberwitzige Schaltungen, Federung, Scheibenbremsen und Elektroantriebe halte ich, pauschal gesagt, für schlimme Fehlentwicklungen, die nur dem Konsum dienen.
      Gerade ältere Menschen düsen mit inzwischen Geschwindigkeiten durchs Land, die im Verhältnis zu ihrer Reaktionsfähtigkeit geradezu absurd ist.
      Ausserdem verliert das Fahrrad durch diesen scheinbar praktischen Schnickschnack seinen allergrössten Vorteil: immer und in fast jedem Gelände einsatzbereit zu sein.
      Für mich das Fahrrad einer der besten Maschinen, die Menschen erfunden haben.

      Schönegleichlosradelnde Grüsse aus dem lebendigen Bembelland

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      • Ggefällt mir – allerdings mit der Einschränkung, dass ich den Helm NICHT für eine schlimme Entwicklung haltenkann.
        Ich selbst hatte einen Sturz – der keineswegs durch absurde Geschwindigkeit entstand. Wenn ich da keinen Helm getragen hätte, wäre das damals sicher nicht so glimpflich verlaufen.
        Für Elektrounterstützung habe ich immerhin Verständnis zumindest hier ind er doch recht hügeligen Eifellandschaft. Noch brauche ich das nicht, aber ich möchte nicht ausschließen, dass mein nächstes Fahrrad ein E-bike sein könnte.
        Schöne selbsttretende Radlergrüße

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        • Zustimmung – der Helm kann ja nichts dafür, dass manche Radler meinen, nun alles bis zum Letzten riskieren zu können.
          Und auch bei der Elektrounterstützung kommts drauf an, wer das Rad bewegt und mit welchem Bewusstsein.
          Ich bin skeptisch der Geschwindigkeit gegenüber mit der manche älteren Verkehrsteilnehmer unterwegs sind. Aber ich wiederhole mich.
          Samstagmorgendliche Grüsse aus dem frühsportlichen Bembelland

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  2. Die Elektrifizierung an sich bringt das Problem mit sich, dass die Fahrzeuge zu schnell für ihre Eigenlautstärke sind. Soll heißen: man sieht und hört sie nicht und schon sind sie da, gerade in größeren Städten problematisch. Naja. Es wird nicht zu bremsen sein.
    Freitagfriedliche Feierabendgrüße aus dem manuellmechanischen wilden Süden.

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    • Was sich verkaufen lässt, wird nicht zu bremsen sein in unserer schönen Wachstumsgesellschaft.
      Es wird bestenfalls von einem anderen, schöneren, bunteren und schnelleren Konsumprodukt überholt.
      Samstagmorgendliche Grüsse aus dem frühsportlichen Bembelland

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  3. Ich bin nicht gut auf manche Radlerarten zu sprechen.
    1) Den Bundesstrassenrennradler, der meint, trotz parallel zur Strasse verlaufender asphaltierter Trasse auf einer viel befahrenen Überlandstrasse möglichst noch im Pulk und in Dreierreihen auftreten zu müssen.
    2) Der Vorfahrtsignorierer, der meint, wer auf dem Rad sitzt, hebt rechts vor links auf, was hat mich der schon Nerven gekostet, ich neige dazu, ein Ave Maria zu beten, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, da sind ganze Rudel davon unterwegs.
    3) Der Roteampelignorierer, ähnlich gefährliche Spezies, das gilt nicht für das Zweirad, hatte schon etliche Schockbremsungen.
    4) Der Was- brauch-ich Licht-Fahrer, ganz geil am Wintermorgen, oft aber mit Helm.
    5) Der Fußgängervomwegrunterklingler und Belehrer. Ja, da hat man noch schwächere Verkehrsteilnehmer. Man kann laufen, wie man will, es ist nie recht. Besonders berüchtigt ist der Bodensee, den kann man als Fussgänger vergessen.
    Es gibt bestimmt noch ein paar mehr merkwürdige Zeitgenossen, die die Strassen so bevölkern.
    Interessant allemal, wie sich das Fahrrad vom Fortbewegungsmittel zum Statussymbol entwickelt.
    Aber: Trotz aller Schelte hier ist das Fahrrad die bessere Alternative. Es stinkt nicht, hat keine Hupe und keinen Turbolader, keinen Doppelauspuff und macht vor allem keinen Lärm wie ein krankes Motorrad am Sonntagmittag auf der Alb. Auch nicht das Elektrorad.

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    • Da sehe ich vieles genau so. Das Statussymbol und die Hackordnung.
      Übrigens sagt die deutsche StVO, dass eine Gruppe ab 15 Radfahrern wie ein Fahrzeug zu behandeln sind, heisst, dass sie im Pulk eine ganze Fahrbahn einnehmen dürfen. Überdies, wenn der erste über die Ampel fährt, dürfen alle anderen folgen ungeachtet, ob die Ampel inzwischen auf rot steht…

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  4. Vielen Dank für diesen Buchtipp … ich gestehe mal wieder freimütig, dass ich ein solches Buch vermutlich nie im Leben angefasst, geschweige denn aufgeschlagen hätte … Physik war mir in der Schulzeit immer ein Buch mit sieben Siegeln …

    Aber bei meiner nächsten Radltour (wann immer das sein wird), werde ich mal auf bestimmte Dinge achten … Und zu schnell werde ich ganz sicher nicht fahren, denn ich bevorzuge dann doch eher das gemütliche Tempo …

    Und hinsichtlich des Fahradhelmes zeigt sich wieder mal, dass Vernungt und tatsächliches Handeln helegentlich arg unterscheiden … wissend um die Schutzfunktion des Helmes würde ich dennoch nie einen aufsetzen … ich käme mir albern vor … Aber eigentlich bin ich albern, weil ich keinen aufsetze ….

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  5. Danke für den (angekündigten) Tipp. Vieles, ich erwähnte es bereist, habe ich ja gelernt, als ich selber Rennen fuhr. Und später das Kind. Rahmengröße, Lenker und Sitzposition… die meisten glauben, das sei Blödsinn. Leider verkaufen auch viele Radhändler nach diesem Motto. Mutti oder Vati kauft ein Fahrrad. Egal. Maximal stellen die die SattelHÖHE ein. Das wars. Erst wenn man sie gezielt mit Fragen bombardiert, fangen sie an zu agieren. Einmal brachte ich einen älteren Radladenbestitzer zum Wahnsinn, als ich nach dem Radstand fragte. Er schnauzte mich an, dass ICH ja wohl sicher nicht wüsste, was das überhaupt ist. Ich erklärte es ihm, wohl wissend, dass er das eigentlich weiß. Erklärte es und ging ohne Rad. Einem Verkäufer, dem ich erst beweisen muss, dass ich weiß, was ich will und was davon verstehe, kaufe ich nix ab. Gut, beim neuen Rad habe ich genauso verfahren. Hatte einfach keine Lust auf all dieses beweisen müssen, und dann auch noch als Frau.
    Das Buch sollte daher in jedem Radladen stehen. FÜR DIE KUNDEN!

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