Unversehens kommt die Liebe – Verschossen!!!

Schlechte Nachrichten: Harry Rowohlt (1945-2015) ist zu grösseren Reisen aufgebrochen. Deshalb heute Abend aus Dankbarkeit und zur Erinnerung: Harry Rowohlt liest die schweinischsten Stellen aus dem Alten Testament. Und gleich danach: Harry Rowohlt & Gregor Gysi lesen aus dem unzensierten Briefwechsel zwischen Karl Marx und Friedrich Engels. Mensch, Herr Rowohlt, n büsschen Whisky weniger und wir hätten jetzt noch alle mehr davon. Dennoch: R.I.P.!!!…

Glück muss man haben. Und dann hats Peng gemacht. Ich bin verschossen!. Ich liebe Katzen. Also, nicht diese Stubentiger, die geschäftehalber in Plastikkästen scharren und Türrahmen ankratzen. Die schnurren, wenn sie Cäsars Döschenfutter sehen. Und auch nicht diese nassen Katzen auf finsteren Vorstadtstrassen in den verrufenen Vierteln abends nach elf Uhr unterwegs sind mit billigen Versprechungen für teures Geld.
Ich liebe die Katzen, die im Halbdunkel zuhause sind. Die dich beobachten, wie du respektvoll den ihnen geziemenden Abstand wahrst. Die mit den seidig glänzenden, rauen Fellen, die man nicht streichelt. Bei ihrem Anblick wärmt sich dein schneller pulsierendes Blut, die Nackenhaare sträuben sich merklich. Dein Mark stockt sekundenlang wenn dich eine dieser Katzen anschnurrt. Wenn sie ihren Kopf strecken zu einem donnernden Fauchen, ob es dir entgegen oder himmelwärts strebt, du sinkst auf die Knie und willst vergehen in Ehrfurcht vor dieser anmutigen Kraft und gewaltigen Schönheit.

Woher das rühren mag bei mir, diese seltsame Liebe? Mit einem erinnerlichen Fingerschnippen stelle ich mir den Urbeginn vors Auge. (Das fotografische Bild befindet sich in irgendeinem Ärmelarchiv). Als Kleinärmel mit den Eltern am Bodensee. Wir stehen an einem Geländer, das vor unversehenem Wassersturz bewahren soll und lassen die Blicke schweifen. Und da schritt sie vorüber. Die schönste Katze, die ich in meinem jungen Leben bis dahin sah.
Ein prächtiger Gepard wandelte in gemessen Schritten majestätisch vorbei. Die staunenden Blicke der Menschen auf der Promenade registrierte er, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er war sich seines Daseins bewusst. Er war nicht Rilkes Panther. Die senkrechtdürre Fortsetzung der Stöckelabsätze hingegen, die das edle Tier am Lederband zu führen schien, konnte ihren kleinen Kopf in keiner Richtung stillhalten.

Ob mein zwölfzylindriges Jaguar Coupé eine Spätfolge dieser ersten Begegnung gewesen ist, darüber dürfen andere spekulieren. Sicher ist, dass ich mir den Traum von einer 650er Panther Einzylinder verkniff, nachdem Kumpel Charly G. mit eben jenem legendären Motorrad durch einen betrunkenen PKW-Fahrer zu Tode kam. Ich zog ohnehin die rassig eigenwilligen Italienerinnen vor. Signorina Ducati oder Signora Moto Guzzi.

Als die alle verkauft worden waren aus Gründen, begann gerade eine Renaissance der Fahrräder. Mountain Bikes waren der neueste Schrei. Auch für Flachländer. In die halbdunkle, motorradleere Werkstatt kam neues Leben. Zuerst siedelte sich ein Löwe an. Kuwahara Lion. Eine überaus edle Katze war das. Die spätere Freilassung verkaufshalber an einen Freund kann noch heute Einschlafstörungen hervorrufen.
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Ich sprach hier und dort. Fragte oder suchte nach diesem oder jenem Teil. Ich wurde nicht fündig. Und als ich bereits am Verlassen des Geländes war, sah ich sie. Lieblos angebunden an einem Gebüsch, bewacht von einem offensichtlich mitleidslosen Wärter. Drahtkörbe am Rücken und verdreckt bis fast zur Unkenntlichkeit. Struppiges Fell, verklebt und wüst. Zum Erbarmen vernachlässigt war diese zersauste Katze, ein Luchsmädchen; zum Erbarmen. Ihre ursprüngliche Schönheit war bloss noch mit Fantasie zu erahnen.
Sicherlich weder in der Klasse von Löwe oder Tiger, aber immerhin ein Luchs. Obwohl ich lediglich mit halbem Interesse bei der Sache war, zog die Lüchsin meine Blicke auf sich. Naja, zum Schlachten vielleicht tauglich, dachte ich, und die Ersatzteilpreise für dreissig Jahre alte Mountainbikes schwirrten mir um den Kopf. Einsetzende Konjunktivbildung.
Der rohe Kerl begann zu schwafeln. Nervend. Und er log dabei. Das mag ich nicht. Er gurgelte Unsinn. Und ich schaute genauer hin. Begann die Schönheit des Luchses unter all dem Dreck zu sehen und weitere Qualitäten zu erahnen. Wusste auch bald um die Krankheiten. Heilbar sind die schon, dachte ich mir und fragte den Typen endlich: „Solln der Hirsch kosten?“ Die Antwort wäre eine Tracht Prügel wert gewesen.
Mein Gegenangebot jedoch auch, das sei nicht verschwiegen. Aber am Ende zählt allein, dass der Luchs gerettet worden ist. Das Fell glänzt wieder und er läuft jetzt sanft und leise in allen Gangarten wie in seinen besten Jahren.
Ich mag keine perlenbesetzten Halsbänder. Deshalb bekam meine Lüchsin (Lynx Lynx) eine verkehrsangepasste Stimme. Man höre im inneren Ohr die Hupe eines Citroen 2CV um zwei Oktaven erhöht. Einige Rollerfahrer und fussgehende Passanten sind bei der ersten Lummerländer Probefahrt bereits hurtig zur Seite und in Sicherheit gesprungen.

Das Ergebnis nach zwei Pflege- und Heiltagen ist auf den Fotografien zu sehen. Foto anklicken den Luchs bewundern. Nur schade, dass diese Schönheit mich sobald schon wieder verlassen werden wird.

 

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21 Gedanken zu „Unversehens kommt die Liebe – Verschossen!!!

  1. Nun könnte ich schlafen, wenn ich’s denn nun könnte.
    Dass Sie schreiben können ist bekannt, doch wie Sie Liebesbekenntnisse fabulieren, haut die stärkste Sächsin um. In meinen Träumen werden elegante Katzen zu Gast sein, sitzend vor der Schönsten aller Blumen, der Hortensie.
    Ob die dann wild auf ihrem Traumrad fahren…erzähl ich Ihnen.
    Liebe beflügelt…Gute Nacht.
    Glückliche Träume für Sie und mich.

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      • Ach so, dann darf ich folgern, dass hier eine Intensivstliebhaberbeschäftigung stattgefunden hat – und darf weiterhin mit Ihnen hoffen, dass sich das passende, dieser Tatsache fein Rechnung tragende Liebhaberweib findet; die Wege und Irrwege des Lebens tragen einem per Nichtzufall oder nachgeholfenem Zufall manchmal reines Glück zu. Also!
        Gruß von der Pegasuslilaradinhaberin

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        • Ein Liebhaberweib – feiner Ausdruck das – braucht nicht die Rechnung zu tragen, bezahlen reicht völlig aus.
          Sollte sich das nicht verwirklichen (was ich nicht glaube) könnte ich mir entsprechende zu Rheindammfahrten einladen und den Luchs als Leihrad zur Verfügung überlassen…

          (Nachts sind alle Pegasusse lila? Ein Wunder!)

          Beste iwwerrheinische Grüsse aus dem wohlgemuthen Bembelland

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  2. Schickes Fahrrad. Die senkrechtdürre Fortsetzung der Stöckelabsätze hätte mich allerdings noch weit mehr interessiert, das Ärmelarchiv sollte unbedingt danach durchsucht werden *g*.
    (den Lynx gibt es übrigens ab 70 Euro wenn man etwas googelt, aber wahrscheinlich nicht in so einem exzellenten Zustand)

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    • Der Luchs für 70 Taler war ein zerlegtes Gerät, das obendrein nicht komplett gewesen ist. Und wie immer bei solchen Gegenständen sind es die Kleinigkeiten, die den Preis machen.
      Ob die damalige Fortsetzung noch über die Erde stöckelt, ob sie vielleicht drei Zentner wiegt inzwischen, wer vermag das zu sagen.
      Sollte mir das Foto in die Finger kommen, will ich es gerne zeigen….

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  3. Da fehlt noch was: beim Restaurieren haste die ganze Zeit „one way wind“ von den Cats vor dich hin gesungen oder doch eher „cat scratch fever“? Oder sogar Geheimtipps wie „Black cats eyes“?

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    • Da eine Leidenschaft, wie es dieses Wort will, Leiden schafft, ist es wohl am Besten, sie in Worte und Bilder zu fassen, um ihrer Herr zu werden und wo möglich auch zu bleiben…
      Sonntagnachmittäglichgraue Grüsse aus dem sommererwartenden Bembelland

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