Die Tage werden wieder kürzer…

…und das schon mitten im Hochsommer. Und der Schnitter beginnt, die Erntekränze zu binden…

Erntelied             (Clemens Brentano)

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Er mäht das Korn, wenn’s Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Dass schneidend sie glänze,
Bald wird er dich schneiden,
Du musst es nur leiden;
Musst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Was heut noch frisch und blühend steht
Wird morgen schon hinweg gemäht,
Ihr edlen Narzissen,
Ihr süßen Melissen,
Ihr sehnenden Winden,
Ihr Leid-Hyazinthen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ohne Zahl,
Ihr sinket durch der Sense Stahl,
Weh Rosen, weh Lilien,
Weh krause Basilien!
Selbst euch Kaiserkronen
Wird er nicht verschonen;
Ihr müsst zum Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du himmelfarben Ehrenpreis,
Du Träumer, Mohn, rot, gelb und weiß,
Aurikeln, Ranunkeln,
Und Nelken, die funkeln,
Und Malven und Narden
Braucht nicht lang zu warten;
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du farbentrunkner Tulpenflor,
Du tausendschöner Floramor,
Ihr Blutes-Verwandten,
Ihr Glut-Amaranthen,
Ihr Veilchen, ihr stillen,
Ihr frommen Kamillen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Du stolzer, blauer Rittersporn,
Ihr Klapperrosen in dem Korn,
Ihr Röslein Adonis,
Ihr Siegel Salomonis,
Ihr blauen Cyanen,
Braucht ihn nicht zu mahnen.
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Lieb Denkeli, Vergissmeinnicht,
Er weiß schon, was dein Name spricht,
Dich seufzerumschwirrte
Brautkränzende Myrte,
Selbst euch Immortellen
Wird alle er fällen!
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Frühlings Schatz und Waffensaal
Ihr Kronen, Zepter ohne Zahl,
Ihr Schwerter und Pfeile,
Ihr Speere und Keile,
Ihr Helme und Fahnen
Unzähliger Ahnen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Des Maies Brautschmuck auf der Au,
Ihr Kränzlein reich von Perlentau,
Ihr Herzen umschlungen,
Ihr Flammen und Zungen,
Ihr Händlein in Schlingen
Von schimmernden Ringen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr samtnen Rosen-Miederlein,
Ihr seidnen Lilien-Schleierlein,
Ihr lockenden Glocken,
Ihr Schräubchen und Flocken,
Ihr Träubchen, ihr Becher,
Ihr Häubchen, ihr Fächer,
Musst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Herz, tröste dich, schon kömmt die Zeit,
Die von der Marter dich befreit,
Ihr Schlangen, ihr Drachen,
Ihr Zähne, ihr Rachen,
Ihr Nägel, ihr Kerzen,
Sinnbilder der Schmerzen,
Müsst in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O heimlich Weh halt dich bereit!
Bald nimmt man dir dein Trostgeschmeid,
Das duftende Sehnen
Der Kelche voll Tränen,
Das hoffende Ranken
Der kranken Gedanken
Muss in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr Bienlein ziehet aus dem Feld,
Man bricht euch ab das Honigzelt,
Die Bronnen der Wonnen,
Die Augen, die Sonnen,
Der Erdsterne Wunder,
Sie sinken jetzt unter,
All in den Erntekranz hinein,
Hüte dich schöns Blümelein!

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Den Kranz helft mir winden,
Die Garbe helft binden,
Kein Blümlein darf fehlen,
Jed‘ Körnlein wird zählen
Der Herr auf seiner Tenne rein,
Hüte dich schöns Blümelein!

Schneidige Musik auch im Ärmelasühl: Love Scultpure – Forms and Feelings (1969)
Allen Besuchern, Lesern und Guggern wünsche ich eine einträgliche Woche.

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24 Gedanken zu „Die Tage werden wieder kürzer…

  1. Na, Sie machen mir Mut, Herr Ärmel … Gestern bin ich auch erschrocken, als ich durch das Zugfenster die stoppeligen Äcker gesehen habe. Obwohl ich diese Jahreszeit sehr mag.

    Ein bisschen länger darf’s schon noch sein, oder?

    Herzliche Grüße aus dem Kessel

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  2. ja, man kann dieses Jahr wirklich den Eindruck haben, dass die Jahreszeiten durcheinander gekommen seien. Das ist auch in der in diesem Jahr viel zu trockenen Südeifel der Fall. Heute Nacht hat es zwar endlich mal wieder geregnet, aber die Bäche und Flüsse haben viel zu wenig Wasser

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  3. Herzlichen Dank für das wundervolle Lied, ich hatte es noch nie in voller Länge! Viele liebe Grüsse vom Rande der Republik, aus den südöstlichen, arg vertrockneten Provinzen nach Lummerbembelland!

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    • Gerne geschehen. Ich danke Ihnen für den freundlichen Kommentar.
      Eigentlich wollte ich vor einiger Zeit bereits wieder einmal ein Lied mit der passenden Fotografie präsentieren.
      Jetzt sind die Fotografien bereit und bald wirds soweit sein. Ich hoffe, Sie dann wieder begrüssen zu dürfen.
      Nachtschwarze Grüsse aus dem sanftmelodischen Bembelland

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  4. Lipperlandien vermeldet inzwischen Ausgeglichenheit, so jahreszeitentechnisch. Gestern ein wundervoller Durchathemtag mit Regengesprüh und Kühlluftholtemperaturen. Heute wieder Prachtblauhimmel und Sonnenstrahlgetanze. Im Morgentau barbeinig das Heu aufgedeckt, der Duft ließ mich schwindelig werden… Hochsommer, noch lange kein Herbst, der erste Schnitt ist der Beste und der Schnitter senst sich gerade erst ein.
    Danke für die blumige Lyrik, ich sang sie vorhin den Wicken vor, als ich die ersten Schoten in einen Kranz miteinflocht.
    Sommerlachgrüße, Ihre Frau Knobloch, margarithenbeblümt und natürlich wie stets herzvoll zugeneigt.

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    • Ich will Sie, meine Hochwertgeschätzte, nicht warten lassen und sende sogleich grauhimmlischsprühregnerische Grüsse aus dem Bembelland. Das richtige Wetter für eine Beerdigung. Und dahin werde ich mich jetzt gleich aufmachen, beanzugt jedoch ohne Efeu am Revers. Ihr Herr Ärmel, wohlgemut wie meist (und Ihnen zugeneigt sowieso) ~~~~

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