Nichts neues – wie immer alles im Fluss

Ein Konzert, bei dem ich gerne dabeigewesen wäre. Wenn eine Band einen Klassiker Jahrzehnte später nochmals komplett auf der Bühne spielt, stehen die Chancen für ein positives Ergebnis 50:50. Die wirklichen Profis erkennt man an den 50 superklasse Prozent: The Rolling Stones – Sticky Fingers Live. Das Konzert kommt über den Hörer wie eine angenehme wegfetzende Welle…

Faulkner hatte irgendwie doch Recht mit seinem Bonmot, das mir mein Abreisskalender vor einigen Wochen präsentierte. „Die Vergangenheit ist nie tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“ Wer genau hinschaut, kann für sich selbst Beispiele finden.

Auf einem Gartenfest begegnete mir ein Gast, dem ich Jahre nicht mehr begegnet bin. Wir begrüssten uns. Merkwürdig anders als früher. Wir hatten damals immer zwei, drei auflockernde Sprüche drauf. Später am Abend erst erfuhr ich von anderer Seite, warum nur trockenes Wortholz aus dem Gast hervorbrach. Demenz, Tendenz rasch zunehmend. Ein anderer Gast war garnicht erst erschienen. Der klimatischen Verhältnisse wegen zusammengeklappt.
Und sie sind nur wenige Jahre älter als ich. Wohin wird meine Reise gehen?

Ich kam spät abends nach Hause. Hörte ein merkwürdig rhythmisches Geräusch. Mmfff mmfff mmfff. Das musste hinten irgendwo im Garten sein. Mmfff mmffff. Ich sah nichts. Alles lag im Dunkel. Mmfff. Das Licht der Strassenlampe fiel nicht in die Ecke, aus der das Geräusch zu kommen schien. Mmff. Mist, keine Taschenlampe. Aaahh, die elektronische Handfessel ist ja gleichzeitig auch eine Lampe. Mmfff mmfff mmfff. Etwa zwei Meter vor mir hatten zwei Igel Geschäfte. Revierkampf, Hochzeit oder was auch immer. Mmfff. Von meiner Beleuchtung liessen sie sich nicht beeindrucken. Mmfff mmfff. Erinnerungen stiegen auf. Mmfff. Der eine Igel war selbst hier im Blog schon einmal Thema. Er hatte also überlebt seit damals. Mmfff mmfff mmfff, der stumme Igel sucht das Weite. Wohin wird er getrippelt sein? Der Zurückgebliebene mmfffte nicht mehr.

Elio Fiorrucci († 20.7.2015) hats hinter sich gebracht. Zwanzig andere werden in seine Fussstapfen treten wollen. Das wird bei Dieter Moebius († 20.7.2015) kaum möglich sein. Der Mann war ein ausserordentlich innovativer Musiker. Vielleicht haben es hierzulande dehalb so wenige Menschen bemerkt. Im Ausland jedenfalls hatte er einen hervorragenden Ruf. Seine Musik wird weiterhin erklingen und das Wasser fliesst den Rhein hinunter.

Die Nacht war zu kurz. Der Tag floss zäh dahin. Termine und Gespräche. Die schwere körperliche Arbeit zwischendurch machte Freude, forderte jedoch ihren Tribut in längeren Verschnaufzeiten. Viel ist geschehen in den letzten Wochen. Die Bilder der Erinnerung daran formen fliessend sich zu Gedanken, die Gefühle klären und erkennbar machen.

Abends lag ich am Rheinufer. Einen gespritzten Äppler zum Tagesausklang. Schiffe schwammen vorbei.
Den alten Zollhafen in Mainz haben die Spekulanten übernommen. Projektieren für die, die sichs anschliessend leisten können, am Wasser wohnen zu wollen. Abends nach den Überstunden und dem Ausgelaugtsein.
Als ich vor Jahren dort eine Portraitserie mit Prinzessin Li Si machte, hatte im Hafenbecken gegenüber Das Binnenschiff „Palermo“ festgemacht. Meine innere Stimme rief mir zu: „drück den Auslöser.“ Ich unterliess es.
Kurze Zeit später war ich bei der Uraufführung des damals aktuellen Films von Wim Wenders „Palermo Shooting“ im Beisein des Regisseurs. In der Eröffnungssequenz des Streifens fuhr die „Palermo“ auf dem Rhein entlang.
Nichts vergeht wirklich. Die Leiden nicht und auch nicht die Freuden. Etwas bleibt immer. Für das Gepäck unserer Lebensreise. Unauslöschlich.
Und das Vergangene kehrt zurück zu seiner Zeit.

(Foto anklicken und die Galerie öffnet sich)

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32 Gedanken zu „Nichts neues – wie immer alles im Fluss

  1. Die feuchte Hitze drück jegliche Regung nieder. Im Garten sehnen die Blumen sich nach Abendkühle, träumen den Wolken nach, die dann sich im Rhein spiegelnd wiederkehren.
    Ihre Bilder sind das Beste an diesem Tag. Jedes einzelne eine Traumreise.
    Ermattete Grüße aus dem heißen Freistaat, Ihre Arabella

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    • Sie klingen schweissleidend.
      Ich plane gerade meine Reise in wärmere Gefilde.
      Wie ich höre, sinds auf dem Schwarzen Berg derzeit stabile Übervierziggrade tagsüber. Aber nachts kühlts dann ab auf erquickende Temperaturen um 38° 🙂

      Lockerflockige Grüsse aus dem sommerlichwarmen Bembelland

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  2. Ich kann nicht gut pragmatisch und eh ist das eigentlich ein doofes Wort für das, was ich Ihnen hier ans Herz legen will. Aber (Und jetzt vernehmen Sie bitte lebensbejahendes Gefiedel aus’m Hintergrund!): Das war eine Igelhochzeit, dessem Ende Sie Zeuge sein durften. Revierkämpfe klingen nicht mmmmfffig, ich erspare Ihnen hier den Versuch, deren Klangbilder tastaturig nachzuklacken. Ihnen und mir…

    Nichts bleibt wirklich und nichts vergeht ganz. Denn das Vergangene bleibt beständig in seiner eigenen Zeit.

    Und jetzt mache ich ’ne Arschbombe in Ihre Bilder hinein, also so pupillenarschbombig, versteht sich. Pardöngsche, wenn das jetzt gleich mächtig gewaltig spritzt, aber das tut gerade irgendwie not…
    Röckeraffende Anlaufgrüße, die Ihre, jipppiehjehend ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

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    • Ich bin platt – mmfff – ich dachte ja sowas auch irgendwie, aber weil ich doch demnächst mein Noviziat antreten möchte und die Gelübde.. na, da wollte ich keine unreinen Gedanken mir gestatten… (hihihi)
      Sie sind mir eine, meine hochwertgeschätztreine Frau Knobloch, sowas hier zu schreiben (hihihi)-
      Jetzt aber ab ins Bilderarchiv, Ihren „Sprung“ will doch sehen, noch habe ich ja keine Gelübde abgelegt, Hach hach
      Lautmusikende Grüsse aus dem lebensfrohen Bembelland sende ich Ihnen, Ihr Herr Ärmel (auch von hinter dicken Mauern zugeneigt)

      (Mist, dass ich da nachts nicht früher… /// uiuiui //// diese sündigen Worte lassen sich ja garnicht mehr wegradieren….)

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      • Unreine Gedanken? Wegen der Igelhochzeit? Oder wegen der Arschbombe? Ich versichere Ihnen, beides geschieht auf höchster Reinlichkeitsstufe! Igel sind reinlicher als ihr Ruf und so ein Schneewittchenarsch nach Famosplatschwasserklatsch… Na gut, ich will ja nicht Ihre vornoviziatische Planung zerbomben.

        Herzliche Sauberfraugrüße, stets die Ihre, sündhaft gut gelaunt.

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    • „Nichts bleibt wirklich und nichts vergeht ganz. Denn das Vergangene bleibt beständig in seiner eigenen Zeit.“

      Ist das schön! Schön und wahr. Und tröstlich.

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  3. Also – ich muß es sagen, auch wenn es nicht ganz so vornehm ausgedrückt ist: Dieser Text ist einfach saugut! Ich habe ihn gerne ein paar Mal gelesen und Sie wissen, daß dies was heißt in der vorbeiflirrenden virtuellen Welt! Und diese leise Melancholie, ja, mit der kann ich was anfangen, die spüre ich auch…herzlichen Dank!
    Und was ich schon lang mal fragen wollte: Der „Äppler“, ist das ein Apfelwein oder das, was bei uns „Most“ heißt, den wir auch jedes Jahr mit großem Vergnügen ansetzen, wenn es genug Äpfel gibt? Was also gluckert im Bembel? Der Bembel ist schon jenes Kulturgut, das der etwas großzüngige aber wunderbare Heinz Schenk (aber da werden Sie wohl zu jung sein, um den Blauen Bock noch zu kennen, es wäre bildungsmäßig eher keine Lücke!) – an seine Gäste verteilte und woraus der „Äpplwoi“ in nicht versiegenden Strömen floss, oder, wie verhält sich das in Wirklichkeit? Ganz egal wie, ich werde mal im Herbst, sollte es denn Most geben, mein Krügerl heben und in die ärmelsche Bembellummerwelt hinauprosten! Viele liebe Grüsse

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    • Ihr Kommentar, liebe Frau Graugans gefällt mir richtig gut.
      Der Äppler ist eigentlich ein Modewort geworden. Puristen verwenden ihn abfällig für die Industrieplörre, auf deren Etikett dann Apfelwein steht.
      Ich verwende in den echten alten Beizen zur Bestellung natürlich das trefflichere Wort Äppelwoi. Im Bembel oder auch „en Gesprizde“. Dann weiss jeder, was gemeint ist. Siessgesprizde geht nicht. Das ist Frevel.

      Und was mein Alter betrifft, da habe ich den Vorgänger von Heinz Schenk noch gesehen, den Höpfner Otto.
      Der Blaue Bock war übrigens auch einmal in Lummerland zu Gast.

      Wenn Sie zu späteren Ihr Krügerl recht innig in meine Richtung heben, werde ich das sicherlich erspüren und dann aus dem Gerippte zurückprosten.
      Lautmusikende Grüsse aus dem lebensfrohen Bembelland (durstig, wie meist)

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    • Ich danke Ihnen gerne noch nachträglich, lieber Zeilentiger.
      Ich habe hervorragend geschlafen.
      Und wünsche Ihnen selbiges für die uns bevorstehende Nacht.

      Sonntagabendliche Grüsse aus dem (noch) wachen Bembelland

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  4. Schigges Gewässer 🙂
    Und danke für den Tipp mit den alten Herren, normal hätte ich die sicher nicht mehr bemerkt, lohnt sich aber schon wegen der unglaublich geilen Version von Can’t you hear me knocking. Den Rest kriegen sie ebenfalls locker hin, wenn man sein Leben lang nichts anderes macht als Musik beherrscht man das irgendwann im Schlaf. (Gerade läuft Moonlight Mile, war schon immer einer meiner Favs und Brown Sugar sowieso.)
    Der Stoff hat einfach eine andere Halbwertszeit als diese ganze moderne Unz Unz, woll? *g*

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    • Wir werden älter und vorsichtiger (ich will das Wort weise jetzt mal aussen vor lassen).
      Normalerweise hätte ich auf die Scheibe verzichtet.
      Aber die geht stellenweise besser ab als das Original. Can´t you hear me knocking war schon vor vierundvierzig Jahren
      eine Killernummer und sie ist es geblieben.

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