Offene Türen bieten Möglichkeiten

Türen zuschlagen liegt mir nicht. Diese Türen haben mir bereits als Jungärmel den Blick in die musikalische Welt eröffnet:
The Doors – die gesammelten Werke einmal nach meiner persönlichen Bestenliste durchgehört. Laut, versteht sich…

Einerseits stand mir der Sinn nach Heide. Quer durch Deutschland ziehen sich Heidegebiete. Kleine Gebiete gibts auch im südlichen Bembelland. Vor vielen Millionen Jahren war hier ein Meer. Davon sind sandige Restflächen ebenso geblieben wie einige Dünen aus den Sanden von Rhein und Main. Hier in der Gegend gibt es zwei Orte mit dem Namen Griesheim. Gries bedeutet in diesem Kontext auch Sand. Auf diesen trockenen, wasserdurchlässigen Böden gedeihen unter anderem die beliebten südbembelländischen Spargel sehr gut.
Ganz im Süden Hessens gibt es ein neueres Heidegebiet. Dafür haben die Besatzer zu Übungszwecken mit ihren Panzerfahrten gesorgt. Nach ihrem Abzug und aus Geldmangel der Kommunen überliess man das Gebiet sich selbst. Landschaftspfleger und -schützer sorgen dafür, dass diese seltene Landschaftsform erhalten bleibt. Bei der Planung stellte ich fest, dass mir der Weg dahin zu weit ist.

Aus Gründen gymnastischer Übung soll ich jeden Tag eine Stunde Fahrrad fahren. Da in dieser Woche einige Stunden aus Witterungsgründen bereits ausgefallen sind und heute mindestens sieben Sonnen am Himmel standen, entschied ich mich für die Schwanheimer Düne. Das Gebiet liegt am Rand von Frankfurt.
Ausserdem habe ich erfahren, dass mit den Gewissensberuhigungsgeldern der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens der Mainwanderweg von der Mainspitze bis nach Frankfurt fast vollständig ausgebaut ist. Prima. Die Entfernung passt auch, knapp über siebzig Kilometer hin und zurück sind gut machbar.

In der sterbenden Autostadt erinnert die Skulptur eines Leinereiters an einen seit langem ausgestorbenen Beruf. Der Weg lässt sich gut befahren, es sind ausser angenehm wenigen Hundeausführern kaum Menschen unterwegs. Endlich kann ich die Mönchhofkapelle von 1685 einmal aus der Nähe sehen. Sie steht auf den Mauern einer bereits im 12. Jahrhundert erwähnten kleinen Kirche, die für die Arbeiter des nahen Klosters erbaut worden ist. Bis vor wenigen Jahren hatten Industriebetriebe auf fast zehn Kilometern den Zugang zum Fluss für sich beansprucht.
Zwischen Kelsterbach und Schwanheim, einem Vorort von Frankfurt, ist die Landschaft von Autobahnen und Schnellstrassen völlig zerschnitten. Am anderen Ufer befindet sich der Chemiegigant Novartis (früher Hoechst) und auf dieser Seite liegt der Flughafen. Die Wege sind jedoch ziemlich gut ausgeschildert.

In der Schwanheimer Düne spürt man die Klimaänderung merklich. Statt der kühlen, frischen Brise des Morgens wird es windstill und trockenheiss. Die startenden und landenden Flugzeuge sind der Nähe wegen gut zu sehen, aber man hört sie nicht.
Ich gehe zu Fuss durch die sandige Landschaft. Die reifen Brombeeren schmecken köstlich. Und die Mirabellen leuchten rot aus den Bäumen und geben das Dessert bei meinem Rundgang. Ich verspürte Durst. Da fiel mir zum Glück das LiLu in Niederrad ein, das ich auch seit langem schon einmal besuchen wollte.

Das Licht- und Luftbad wurde 1900 auf einer Halbinsel errichtet, um der arbeitenden Bevölkerung der Stadt eine Oase der Erholung zu schaffen. Das wurde wie so vieles in Frankfurt durch private Spenden ermöglicht. Das Lilu war die letzte öffentliche Badeanstalt in Deutschland, in der sich die jüdische Bevölkerung noch bis 1938 ein wenig entspannen und ausruhen konnte.
Die lang ausgedehnten Wiesenflächen sind noch ziemlich leer. Ein grosser Apfelwein sorgt für die dringend benötigte Flüssigkeitszufuhr. Die Restauration ist sehr originell in einem ausgedienten Ponton untergebracht. Von hier aus ist die berühmte Skyline der Stadt kaum zu sehen. Mehr Ruhe bietet ein originelles Hausboot in einem Seitenkanal.
Nach einer Pause mache ich mich auf den gegenwindigen Rückweg. Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig das Rhein-Main-Gebiet entgegen alles landläufigen Vorurteile doch ist.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine feine Woche.

(Foto anklicken und gross gugge)

 

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30 Gedanken zu „Offene Türen bieten Möglichkeiten

  1. Schön, Ihnen gewissermaßen hinterherradeln zu dürfen. Solche HeideLandschaften mag ich – in Ihren Worten, in Ihren Bildern, in eigener Anschauung. Im Mainzer Sand, genauer dahinter, war ich auch erstaunt angesichts der Vielzahl an Früchten. Angesichts der direkt vorbeifahrenden Autobahn hatte ich mich mit dem Genuss dann aber doch zurückgehalten.
    Ihnen immer gute Ertüchtigung!

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    • Aaah, Sie radeln mir hinterher. Ich bin auch gerade hinterher gewandert auf der Alb, lieber Zeilentiger.
      Schön ist das.
      Ich überlege mir derzeit eine Flussuferfahrt. Den Neckar z.B. kenne ich bestenfalls bruchstückhaft.

      Ihnen einen tüchtige Woche, Herr Ärmel

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  2. Oh, Herr Ärmel war am gleichen Ort – ich war während meines Bildungsurlaubes im Juni auch in den Schwanheimer Dünen. Das Licht- und Luftbad kenne ich noch, als die Gastronomie dort noch nicht in diesem hässlichen grauen Klotz untergrbracht war, sondern in einem alten kleinen Häuschen. Schön war es dort immer. Mein Lieblingsplatz war auf einer Bank am westlichen Zipfel, Sonnenuntergang gucken. 🙂
    Frühbewölkte Grüße aus der später sicher noch sonnigen Apfelweinhochburg. 🙂

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  3. Mir als Hinterwäldlerin war das LiLu unbekannt, wieder habe ich eine Wissenslücke dank Ihnen geschlossen.
    Ihre Foto ’s sind Abbilder des himmelblauen Sommers, das Haus Boot einer schwimmenden Idylle gleich.
    Ich danke und grüße freundlich.

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  4. What the fuck is a Leinereiter? Einen ehemaligen TÜP (Truppenübungsplatz) hat’s hier auch in der Nähe. Erst Wehrmacht, dann Russen, jetzt Brache. Und deshalb gab’s hier auch eine der wenigen erfolgreichen Bürgerinitiativen (FREIeHEIDe) mit langem Atem: 10 Jahre Protestmärsche (nicht nur zu Ostern) um die Bundeswehr zu vertreiben. Nu bleibt aber ein horrendes Blingängerproblem, für das niemand aufkommen will, weshalb die touristische Nutzung im Argen liegt. Pilzesuchen auf eigene Gefahr… noch ist niemand hochgegangen.

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  5. Von diesem ehemaligen Truppenübungsplatz und seinen unberechenbaren Blindgängern habe ich schon gehört.
    Leinereiter gingen auf dem Leinpfad, der ganz dicht am Flussufer entlang führte.
    Mehrere von ihnen wurden jeweils gebraucht, um mit ihren Seilen (Leinen) umd die Schiffe stromaufwärts zu ziehen.

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    • Es gab wohl verschiedene Berufsbezeichnungen (Vermutung, ohne jetzt gleich zu recherchieren. Ich habe schon genug mit ehemaligen Flugplatz zu tun, den mir jemand ins Nest gelegt hat) 😉
      Die Leinereiter mussten ja sehen, dass das zu ziehende Schiff nicht an Land gezogen worden ist

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  6. So, dank des Herrn Ärmels Ausflug zu Rade weiß ich nun auch, was ein Leinereiter ist. Ich kannte Treidler (die zogen die Schiffe aber zu Fuß, soweit mir bekannt), deren Kollegen waren mir bisher völlig unbekannt.

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  7. Tja, meine liebe Frau Inch: Frankfurt, Messestadt, Handel, Verkehr, da muss man die Nase vorn haben 🙂

    Ich habe gelernt, dass der Main bis ca. 1900 oft nicht tiefer als einen Meter gewesen ist. Seit damals wurde er viel tiefer geschürft.
    Die vermeintliche Leistung Karls des Grossen und seiner Mannen an der Frankenfurt sind mir dabei viel kleiner geworden.
    Aber vielleicht waren die Ritter damals alle wasserscheu…

    PS: Hier steht übrigens jederzeit ein bomfortionöses Fahrrad für liebe Gäste bereit ~~~

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  8. Leben am Fluss, irgendwie überall ähnlich. Schöne Fotos davon, würde ich mich wohlfühlen in der Ecke, nimmt man die Skyline weg könnte das eine oder andere auch hier in Hamburg entstanden sein. Dabei fällt mir ein, dass wir auch Dünen haben, in Bergedorf. Sollte ich mir vielleicht mal anschauen.

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      • Dazu meinte Herr Carl Zuckmayer: „An einem Strom geboren zu werden, im Bannkreis eines großen Flusses aufzuwachsen, ist ein besonderes Geschenk. Es sind die Ströme, die die Länder tragen und die Erde im Gleichgewicht halten, da sie die Meere miteinander verbinden und die Kommunikation der Weltteile herstellen. Im Stromland ist es…, wo die Völker sich ansiedeln, wo ihre Städte und Märkte, Tempel und Kirchen erstehen, wo ihre Handelswege und ihre Sprachen sich begegnen. Im Strome sein, heißt, in der Fülle des Lebens stehen.“ (Beitext zu einem wunderbaren Rheinfoto im Buch „Rheinhessen. Himmel und Erde“ Fotografiert von Robert Dieth und Iris Schröder mit Texten von Volker Gallé. Nünnerich-Asmus Verlag Mainz 2015)
        Obwohl: die Kommunikation der Weltteile läuft inzwischen ganz anders 🙂
        Gruß von der Rheinhessenrosine

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        • Ein klasse Kommentar – vielen dafür.
          Der Zuckmayer hatte schon tolle Sachen drauf. Ich finde, dass er unterschätzt wird.
          Nachmittäglichwochenausklingende Grüsse aus dem umtriebigen Bembelland

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