Hauptstück auf der Strasse

Herrn Pappenheimers nachmitternächtlicher Hinweis zauberte einen zusätzlichen Stern am Klanghimmel über dem  Ärmelhaus: Mdou Moctar – Akounak Tedalat Taha Tazoughai (2015). Schönen Dank Herr Pappenheimer für dieses Klangei in meinen Lautsprechern..

Nachdem die verschiedenen Autoverleiher in Sachen Kleintransporter und Reiseziel abgewinkt hatten, mussten die eigenen kreativen Reserven angezapft werden. Das Glück als allerletzte Möglichkeit schliesse ich zwar fast nie aus, aber es gab noch die vorletzte Möglichkeit. Die bestand im Kauf einer alten Lastkarre, die, falls sie denn auch die Rückfahrt überstanden haben würde, im Bembelland wieder hätte verkauft werden sollen.
Inzwischen hatte es sich nämlich ergeben, dass es tatsächlich einen Hin- und Rücktransport geben würde.

Die alten WG-Zeiten sind lange vergangen und bei Kleinbussen kenne ich mich nicht mehr aus. Wo sind sie alle geblieben, die Renault Estafette, Fiat 238, Citroen H, Opel Blitz, Peugeot J7, Romeo F12 und die spritschluckenden VW-Busse? Ich bin zögerlich bei der Markterkundung und ziehe einen neuen Beitrag im Blog vor. Und dort beschrieb ich auch meine Schwierigkeiten hinsichtlich der Autoverleiher.

Ein daraufhin folgender Kommentar war ebenso schlicht wie ergreifend. „Ja, gerne Herr Ärmel, ich würde mitfahren. Ich bin aber frühestens Anfang/ Mitte Oktober dazu in der Lage. We stay in touch.“ Der kam von Herrn M., den ich vor kurzem in seiner Stadt verpasst hatte. Ein persönliches Treffen und Kennenlernen stand ohnehin zur Rede. Warum also nicht auf diese Weise?“

Ein wenig verwirrt war ich trotz des überaus freundlichen Angebotes. Ich selbst neige zu derlei Abenteuern, aber sollte noch jemand ebenso wagemutig sein. Mit einem völlig Unbekannten einige Tage im Ungewissen unterwegs sein. Wir wechselten einige Mails und meine Unsicherheit schwand dahin. Herr M. beschrieb sich als einen unkomplizierten Menschen und dafür halte ich mich auch. Da kann eigentlich nichts schief gehen.

Sonntags morgens läutete der kurze Hinweis. „Ich werde gegen 11:30 Uhr ankommen.“ Wir begrüssten uns herzlich, tranken einen Kaffee und rauchten eine Zichte. Keine Fremdheit war zu spüren. Kurze und exakte Absprachen schätze ich sehr. Wir packten seine alte ‚Lady‘ (sie hat immerhin 7,4861 Erdumrundungen auf dem Tacho) und fuhren los. Anfangs klärten wir beiläufig einige Grundsätzlichkeiten und fanden dann schnell unsere Themen. Unser Gespräch wurde sehr rasch persönlich. In der kleinen Fahrerkabine des weissen Transporters kann man sich nicht entgehen.

Nach einigen Fahrerwechseln und dreiundzwanzig Stunden erreichten wir die Hauptstadt des Schwarzen Berges. Herr M. suchte als erstes das nächste Kaffeehaus auf. In den folgenden zwei Tagen waren fleissige Hände gefragt. Da wir terminlich unter Druck standen, packte Herr M. klaglos mit an und erbot sich überdies, für die gute Frau Waas noch ein Elchmöbel zusammenzuschrauben. Abends speisten wir entsprechend.

Donnerstags morgens starteten wir zurück in Richtung Lummerland. Der Bus war bereits am Vortag gepackt worden. Es regnete zum Abschied. Wir fuhren die Küstenstrasse hoch nach Dubrovnic. Inzwischen schien die Sonne bei sommerlichen Temperaturen. Hundert Kilometer weiter im Norden beginnt die Autobahn. Wir passierten die vielen Grenzen anstandslos.
Einzig der österreichische Zöllner leuchtete kurz in den Wagen und wünschte eine gute Weiterfahrt. Nach abermals dreiundzwanzig Stunden, abgeschafft und reichlich müde, erreichten wir die Lummerländer Garage. Schnell die Kartons und Möbelteile verstauen, denn der Herr M. hatte noch einige hundert Kilometer vor sich. Ich war erleichtert, als ich einige Stunden die sehnlich erwartete Kurznachricht erhielt: „Gut angekommen.“

Mich haben auf der kurzen Reise mit Herrn M., sein offenes und grosszügiges Wesen und die sehr persönlichen Gespräche so sehr berührt, dass daneben die vielen kleinen Ereignisse, die sich bei einer solchen Aktion ergeben, fast schon verblassen. Sie sind klein gegenüber der menschlichen Begegnung.

Der durchschnittliche Leser von Reiseberichten erwartet dagegen gewöhnlich gerade von den Sensationen einer Reise, den Zwischenfälle und vom Ausserordentlichen zu erfahren.
Das hatten schon die Verleger der frühesten Reisebeschreibungen bald spitz. Denn damit liessen sich die Auflagen steigern. So kam es, dass in frühen Berichten der hispanischen Konquistadoren und der europäischen Handelsherren bald der Topos des Menschenfressers in keinem Werk mehr fehlen durfte. Es gibt allerdings bis heute keine verlässliche historische Quelle über Kannibalismus im aussereuropäischen Raum.
Dementsprechend herrscht in unserer Zeit der Topos des Nichttouristen. Davon zeugen in den modernen Reiseführern die ‚Insidertipps‘ und besonders für deutsche Touristen ist offensichtlich wichtig, irgendwo auf der Welt gewesen zu sein und etwas erlebt zu haben, ‚wo keine Touristen‘ anwesend waren.

Herr M., ich danke Ihnen auch hier im Blog von Herzen für alles, was Sie für mich und mit mir getan haben.

                                                        (Fotos? Ganz wenige, so aus Gewohnheit)

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48 Gedanken zu „Hauptstück auf der Strasse

  1. So müsste das Fahrzeug nun 7,5661 Erdumkreisungen hinter sich haben zuzüglich einiger Kilometer die ich gerade nicht kenne. Sofern Sie von einem üblich gerundeten Erdumfang ausgehen. Aufgrund ihrer Fahrtrichtung könnte man auch die Polvariante zugrunde legen 😉
    Ich bin beeindruckt ob solcher Menschen, ganz ehrlich. Und ihre kurze Skepsis ob des Vorhabens passt sehr gut in das Gesamtbild. Gut dass Sie dem Kannibalismus entkommen sind, sonst hätte ich den erneuten Musiktipp nicht lesen können… Klasse Bericht, Sie sollten mehr reisen, wir alle sollten mehr reisen. Schöne Grüße, auch an Herrn M.

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  2. Wow. Alle Achtung. Und keine festgekrallten Orientalen auf dem Dach?

    (Kannibalismus: Den dieses Phänomen leugnenden Essay aus einem SPIEGEL der 90er Jahre kenn‘ ich auch. Aber: Neuguinea…Schrumpfkopfkult…Zulus in Südafrika(rituelles Feindhirnundherzessen) und last not least Bokassas Anwandlung der Dissidentenentsorgung in den 70ern… So ganz will sich mir das nicht, mit der ad acta Legung.)

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    • Genau, und Hägar und seine Leute trinken abends ihren Met aus den Schädeln der Besiegten. Oder so…
      Und die Kelten nicht zu vergessen mit ihren – ja welchen eigentlich? – Ritualen.

      (Den SPIEGEL habe ich den Neunzigerjahren schon nicht mehr gelesen, kenne besagten Artikel also nicht.)

      Abendschöne Grüsse aus dem ruhenden Bembelland

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  3. Ich finde es überaus beruhigend, dass es noch Menschen wie Herrn M. gibt. Einfach mal Mensch sein.

    Aber Herr Ärmel, das war jetzt ein sehr nüchterner „Abschied“ vom schwarzen Berg….? Irgendwie ist „alles einpacken“ ja doch was anderes als „mit Koffer nach Bembelland fahren“ … oder steht weiterhin ein Koffer am schwarzen Berg? 🙂

    UND was für Musik lief denn in den 23 Stunden im Auto? 🙂

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  4. Es ist eine richtig herzerfrischende Vorstellung wie Sie und Herr M., zwei einander vor dieser Reise so gut wie unbekannte Menschen, in der kleinen Fahrerkabine eines weißen Transporters durch den wilden Balkan reisen und dabei Männergespräche führen 🙂 Und dass der gute Herr M. auch noch schnell ein Elchmöbel schrauben wollte und wohl auch hat, erhebt in schon fast in den Stand eines Heiligen. Ich weiß das, weil ich vorvoriges Wochenende bei so einer Aktion zugeschaut habe und mir bei jedem Trumm, das da angeschraubt wurde gedacht habe, dass ich es sicher falsch herum montiert hätte 🙂

    Der Ort mit der Brücke kommt mir total bekannt vor, wo ist denn das ?

    Mit freundlichsten Grüßen an den erfolgreichen Heimkehrer ❤

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    • Herzerfrischend klingt gut – dann hatten Sie eine gute Zeit während des Lesens. Das erfreut und so soll das ja auch sein.

      Zum Elchmöbel und dem Zusammenbau müsste sich besser der Herr M. äussern 😉

      Die Brücke führt nach Dobrovnic, das dahinter in der Bucht zu sehen ist.

      Herzliche Abendgrüsse aus dem ozrictenacelnden Bembelland ❤

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  5. Lieber Herr Ärmel, ich werde unseren kleinen Ausflug immer als etwas ganz „Besonderes“ in mir tragen. Niemals habe ich im Vorfeld unserer Planung einen Zweifel bei ihnen gespürt, ob ich auch wirklich kommen werde. Ihr Vertrauen in meine Person, war neben den vielen wunderbaren Eindrücken unserer Reise, vielleicht das größte Geschenk.
    Dafür danke ich ihnen.
    Aus Leipzig sende ich tief verbundene Grüße ins Lummerland,
    ihr Herr M.

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  6. Lieber Herr Ärmel, irgendwo haben Sie mal von einem grad entwischten Küchenherd geschrieben, sie meinten wohl einen E- Herd, oder? Wir hätten nämlich, wenn´s wär´, einen Gasherd zum Abgeben, vierflammig, den könnten Sie gerne haben! Liebe Grüsse!

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    • Ach, vererhte Frau Graugans, Sie sindne Gute. Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Angebot mit einer geziemenden Verboygung.
      Gerade heute, nach etlichen Schwierigkeiten mit dem Verkäufer, hat er mir meinen Wunschherd mit Backofen bringen lassen. Hurra!

      Und jetzt gehts zum „legendären“ Klassentreffen mit einigen verrückten Ideen. Und mit einer Ärmelschen Musikliste versteht sich für die nächsten zehn Stunden. Mal sehen, ob die Buben und Mädchen von damals bis zum letzten Titel durchhalten werden.
      (Die Playlist würde Ihnen sicherlich gefallen…)
      Nachmittäglichbestgelaunte Grüsse aus dem jugendlichen Bembelland

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  7. Na, die Geschichte dieser Road Show ist ja nun wirklich mehr als ungewöhnlich … fast wäre ich geneigt zu schreiben: „Wenn einem soviel Gutes widerfährt, ist das schon einen Asbach Uralt wert“ … ganz sicherlich gibt es eine Vielzahl anderer Getränke, die Ihnen da als passender in den Sinn kommen.

    Auf jeden Fall will ich hier mal ein fröhlich-freundlichen „Welcome home“ zurufen … mir scheint, ein neuer Lebensabschnitt beginnt … und dazu wünsche ich gutes Gelingen !

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    • „It´s good to be back home“ – so sprach damals im 1978er Jahr Charles Bukowski bei seiner einzigen Lesung in Deutschland…
      (Die Schallplatte von Zweitausendeins steht auch noch hier. Und der Dual Plattenspieler steht meinem Schreibtisch gegenüber – irgendwas bleibt immer, es geht nie alles verloren).

      Ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Gruss.

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    • Oh, Sie sind unversehrt aus jenen dunklen Gegenden zurückgekehrt.
      Ich freue mich.
      Sie sehen mir meine Neugier nach, wie anders Ihre Reise wohl gewesen sein mag?

      Abendschöne Grüsse aus dem bettwärts ziehenden Bembelland

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