Damals in einer anderen Zeit

Wiederentdeckt: Jethro Tull – Crest of a Knave (1987)…

Jethro Tull war eine der Bands, die begleitete meine Jugendzeit. Nach wenigen Tönen schon erkennbar, unverwechselbar durch die Stimme des Sängers und das Spiel seiner Querflöte. In den unseligen Synthiepopzeiten der 1980er Jahre sprangen Jethro Tull für meinen Geschmack auf den falschen Zug. Jahre später erst wurde ich mit ihren Alben der zweiten Hälfte jener Jahre bekannt. Eines davon ist Crest of Knave. Und darauf ist das Lied Budapest zu hören.

Rückblickend mutet es geradezu wunderlich an, dass so unwahrscheinlich viele Menschen auf einer Schaukel zu sitzen schienen, die sich nur noch nach vorn und oben bewegen konnte. Aus den eckigen Ältaren sakraler Bauwerke sollten runde Tische werden, an denen neuer Wirklichkeiten verhandelt werden sollten. Menschen versammelten sich daran, die bis dahin gleiche Räume nicht geteilt hatten.
Eine kleine Gruppe machte sich auf den Weg, um an einer Kulturkonferenz teilzunehmen, die in jener hoffnungslichten Zeit stattfinden sollte. Einer der Veranstalter der Tagung war ein Geisteswissenschaftler, dessen Werke nur in anderen Ländern unter einem Pseudonym veröffentlicht werden konnten.
Die Mitglieder der Gruppe hörten Vorträge, genossen musikalische Darbietungen und sammelten neue Erfahrungen und Erkenntnisse in den angebotenen Kurzkursen. In den Pausen erkundete man die Stadt, ruhte am Ufer des Flusses in der Sonne oder traf sich in Cafés zu Gesprächen. Ein Besucher stöberte in den Antiquariaten der Altstadt und wurde hier und da fündig.
Einmal fand er eine kleine Sammlung von Grimms Märchen. Ein an sich unscheinbares, oft gelesenes Buch, das er für kleines Geld erwarb. Das Besondere daran waren sowohl die ungewöhnliche Auswahl der Märchen als auch der Stil der farbigen Illustrationen. In einem Café ging das Buch von Hand zu Hand und einer Teilnehmer zeigte auf den von Kinderhand geschriebenen Namen.
Wisst ihr, dass auch der Wissenschaftler, der uns bisher eigentlich nur unter seinem Pseudonym bekannt war ebenso heisst? Kein Wunder meinte ein anderer, dieser Name entspricht doch in etwa unseren Michael Müllers, fast ein Allerweltsname. Kurzum wurde der Beschluss gefasst, bei nächster Gelegenheit das schmale Bändchen dem älteren Herrn zu zeigen.
Er nahm das Buch und blätterte spontan zur hinteren Umschlagseite, sah den Namen und flüsterte mehr als er es sagte, dies sei sein Buch. Er habe es verloren auf der Flucht, als die deutsche Wehrmacht sein Land besetzt habe. Ob er es sich wohl ausleihen dürfe für einen Tag. Der Käufer war verblüfft ob dieser Frage, fasste sich schnell und sagte, er könne es nicht verleihen, denn es sei doch nicht sein Buch. Er gebe es gerne dem Eigentümer zurück.

Am Ende der Konferenz standen die Veranstalter auf der Bühne und brachten ihre Freude über das gute Gelingen zum Ausdruck. Auch der Wissenschaftler sprach und wünschte allen Teilnehmern eine gute Zukunft für die jetzt anbrechende, neue Zeit. Er selbst habe sie, denn, und dabei hob er sein Märchenbuch in die Höhe, für ihn sei mit der Wiederauffindung dieses Buches der Krieg vorbei.
Diese Zukunft, die jetzt auch schon wieder vom Staub der Vergangenheit überzogen und Gegenwart geworden ist, hat uns eines Besseren belehrt.

. .

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55 Gedanken zu „Damals in einer anderen Zeit

  1. Wunderbar, lieber Herr Ärmel. Schön, dass das Buch seinen wahren Besitzer wiedergefunden hat.

    Unsre liebe Arabella gäb sicher auch was für diesen Schatz.

    Einen schönen Tag und Grüße aus dem heute windigen und wettertechnisch recht unentschlossenen Oberschwaben.

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  2. Sicher hatte er vorher schon Frieden geschlossen mit den Erinnerungen. Das Buch half sie endgültig abzuschließen.
    Könnte jedes Buch dies, wäre unsere Welt ein besserer Ort. (oder vielleicht auch nicht, weil es gut ist, dass es Besonderes gibt – alles ist möglich;-) )
    Ich habe diese Geschichte sehr gern gelesen und grüße aus dem schneeigen Sachsen Ihre Arabella

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  3. Du alter Oldfield! Du plagierst dich selbst? Wenn ich bloß den alten Post wiederfände….
    Aber Namen von Vorbesitzern in alten Büchern oder gar Randnotizen…. das hat was. Besonders, wenn man deutsche Bücher irgendwo auf dem Balkan oder im tiefsten Russland auftreibt….

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  4. Muss das ein Moment gewesen sein !! Wenn ich´s mir nur vorstelle, kommen mir schon die Tränen.
    Ich teile Ihre Meinung, dass die Zeiten des immer nur Voranschreitens und des immer nur besser Werdens zu Ende gegangen sind. Vor allem um den (sozialen)Frieden sieht es schlecht aus. Realistischerweise müsste man wohl sagen, dass ein goldenes Zeitalter in Europa zu Ende geht …. Ich bin aber Optimistin und denke, dass die Entwicklung vielleicht nur gestoppt ist und irgendwann weitergeht ….
    Ein sehr schöner, bewegender Text. Ich fürchte fast, das Foto steht dafür, dass der Weg hinunter in die Dunkelheit führt …

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  5. 100 Punkte von mir zur musikalischen Ansage. Und ja, „Budapest“ ist einer der besten Songs von Jethro Tull aus ihrer Nachsiebzigerzeit.
    Eine interessante und schöne Begebenheit, die Sie anschließend schildern!
    Schneenasse Grüße aus einem Wartezimmer

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  6. Fast unglaubliche Zufälle und trotzdem kommen sie immer wieder vor. Erinnert mich an einen (gemeinsamen) Bekannten, der die Vergangenheit seines alten Kutters erforschen will und im Familienalbum seines besten Freundes ein 50 Jahre altes Foto des Schiffes gefunden hat.

    Und Tull, nun ja, hab ich auch mal gehört. Damals, in einer anderen Zeit. Bis sie „Too Old to Rock ’n’ Roll: Too Young to Die“ veröffentlichten und ich nur dachte: Ja, stimmt.
    (Stand Up und Benefit höre ich aber auch heute noch ganz gerne)

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  7. Eiiii, Guuuuude wie….Herr Nachbar…

    Jethro Tull….schwärm…ein Teil meiner Jugend…. 🙂

    Und dann noch diese berührende Geschichte, die mir Tränchen in die Augen trieb.

    liebe Grüsse aus unserer ebenfalls sonnigen heimlichen Landeshauptstadt.

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  8. Ich hinterlege müdäugig noch einen besonders warmlieben Gruß an dieser Stelle. Es gibt Wunder auf dieser Welt, besonders für die, die Wunder noch als solche erkennen. Ihnen sich wundernd und staunaugig Respekt zollen und sie vor allem stilldankend hinnehmen. Nur eine Menschengruppe hat noch mehr Respekt verdient: Diejenigen, die diese kleinen Wunder des Lebens als großes Ganzes erkennen und sie freigiebig teilen. Auf welchem Wege und wie oft, das ist völlig egal. Es gibt nicht genügend Wunder, nie…

    Herzlich zugeneigte Grüße, Ihnen noch tausend Wunder wünschend, Ihre Frau Knobloch, abersowasvonsiewissenschon.

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    • Ich hoffe, Ihnen war eine ebenso mahrfreie wie erquickende Nachtruhe vergönnt.
      Und Ihr Kommentar, meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch, ist natürlich wieder ein Kracher. Wie immer. Und wie immer zugeneigt, grüsse ich Sie herzlich und wünsche einen sonnigen Tag, inwändig wie himmlisch, Ihr Herr Ärmel (aus dem Bembelland)

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      • Krachendklasse Geschichten verdienen Kracherkommentare, mein lieber Verärmeltster. Für heute wünschen ich Ihnen famose Momente und das passende Sehmannwetter für Ausflüge mit Ihrem neuen Liebchen. Mögen Sie tausend Pupillenküsschen von ihr bekommen.
        Allerherzlichst zugeneigt, Ihre Frau Knobloch, Bruder Märzen entgegenfiebernd.

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        • Sehmannswetter war heute schon, meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch, allein das Liebchen war etwas zickig heute als ich in Kommunkation mit ihm treten wollte.
          Gemeinsam mit Ihnen (welcher reizender Gedanke) dem Märzen entgegen zu fiebern, das ist mir allerliebst.
          Ich sende allerherzlichste Grüsse gen Lippperlandien, Ihr Herr Ärmel (und sowas von zugeneigt)

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          • Oha, zickiges Liebchen bei Nahetreterey? Will es kokettieren? Will es erobert werden? Wie wäre es mit Floralverführung, mein lieber Herr Ärmel. Ich kenne kein Liebchen, was da nicht wimpernflatterig würde. Oder linsenzwinkerig…

            Mich deucht, der Februar will sich im besten Lichte erinnerlicht wissen, so blaut der Himmel und strahlt die Sonne. Hoffentlich bei Ihnen auch. Ich wünsche es Ihnen von Herzen. Gegen den kalten Ostwind sende ich Ihnen umgehend eine Silbersilbenstola und natürlich Herzenswärme.
            Schönstsamstagsgrüße, stets die Ihre.

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            • Steine gabs, riesengrosse Steine, meine liebe Frau Knobloch, um nicht zu sagen Felsen. Ein ganzes Felsenmeer. Sie werden alles sehen zu seiner Zeit.
              Das Liebchen wurde ganz vergnügt bei dem Anblick udn wurde hippelig und hochaktiv…
              Stola und Herzenswärme hebe ich mir (herzlichst dankend) gut auf, denn nach der heutigen Wandereröffnungslauferey ists inwändig feinwarm. Nur für die angestrengten Glieder werde ich später die Sauna anheizen. Wenn Sie also auch, ich meine nach Ihrer anstregenden Woche…
              Schönstsamstagsgrüsse auch von mir, Ihrem Herrn Ärmel (selbst beim krummgehen zugeneigt)

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              • Ein Felsenliebchen! Fetzt!
                Bis später, Sie erkennen mein Saunabeisein am Kribbeln unterschulterblatterig, linksseits herzwölbrichtwärts versteht sich…

                Floratelierenteilende Grüße, immer die Ihre, fußmüde und handwehig doch kwietschvergnügt zugetan.

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                • Sie sind garnicht gekommen – – urst! – – woher wussten Sie denn schon wieder, dass der Saunagang verschoben worden ist?
                  Spätabendliche Grüsse (mit drei ???), Ihr Herr Ärmel (zum wundern zu alt, zum staunen noch jung genug)

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                  • Wenn Sie es zulassen, kann ich Sie das Wundern wieder lehren, mein liebster Herr Ärmel: Sie werden nämlich Ihr buntduftiges Wunder erleben, wenn Sie eines Tages das Floratelier betreten!

                    Die besten Sonntagsgrüße aus dem strahlenden Lieblichlipperland, Ihre Frau Knobloch, sonnenlächelzwinkerig zugeneigt.

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                    • Aah, welch ein prächtiges Angebot: ich kanns natürlich zulassen (und zugeknöpft bis zur Halskrause versteht sich). Und Wunder erleben – immer wieder liebend gerne.
                      Herzlichdankend grüsse ich aus dem sonnigen Bembelland, Ihr Herr Ärmel (aber sowas von auch…)

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                    • … dann grüße ich eben genau jetzt nochmals schulterblattbogenwärts kribbelnd, mein lieber Herr Ärmel.
                      Ihre ebenso sowasvonige Frau Knobloch, gleich bohnenschnippelig, aber nie schnippisch zugeneigt.

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  9. Das Bild – mindestens so Geschichten tragend wie das Märchenbuch.
    Wundersam manchmal, dass tatsächlich das zu einem zurückkehrt, was zu ihm gehört.

    Beste Grüße aus der Silbenkemenate,
    (in der Grimms Märchenbuch von 1973 noch gehütet wird)
    Silbia

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  10. Was für eine Geschichte!
    Vor fast 40 Jahren sassen wir bei einer Jause in einer Kneipe in Kärnten, der Tisch war eng besetzt. Ich erinnere mich an einen Lehrer aus Wien, der solche Geschichten gesammelt hat. Und ein paar hat er erzählt. Seither liebe ich sie, Viele gibt es nicht, und vor allem nicht solche.

    Dafür darfst du dir ganz beruhigt ein oder zwei herzhafte Schulterklopfer geben, tut immer gut, von mir auch noch den einen oder andern.

    Geben ist doch viel seliger als Nehmen :-)!

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  11. Es geht so’n bisi um die Wahrscheinlichkeit. Dieses Ereignis hätte niemals nicht passieren dürfen.

    Nicht, dass ich plötzlich anfangen würde, an die Eucharistie zu glauben, oder sonst so’n Kram – bestenfalls werd ich noch ein halbwegs brauchbarer Neuplatoniker, aber dass so etwas passiert, das ist auch mit bedingter Wahrscheinlichkeit nur noch viel unglaublicher.

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  12. Booah, da fällt mir eine solche Episode ein, viel kleiner zwar, aber dennoch ebenso unwahrscheinlich:

    Als Kinder bastelten wir Papierschwalben. Gut gefaltet mit dem rechten Rohstoff hatten die einen tollen Gleitflug.
    Ganz arg stolz zeigte ich meinem Vater so eine Schwalbe und fragte ihn, was ich damit treffen soll. Er deutete auf die sechzigerjahre Wetterstation. Und genau zwischen der Wand und dem nierenförmigen Wetterding blieb die Schwalbe stecken.

    Sehe ich heute noch vor mir.

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  13. gerade summe ich so meine lieblingstulls vor mich hin, gedankenhängend in 1980 bei einem tull-concert…. und dann lese ich weiter und finde mich plötzlich in dieser sooooo anrührenden geschichte.
    wunderbar 🙂

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  14. „für ihn sei mit der Wiederauffindung dieses Buches der Krieg vorbei“. Für andere ging und geht er weiter. Die Beendigung des Krieges – eine höchst subjektive Angelegenheit. Merkwürdig, aber wahr.

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