Fussgängerzonenblogger

Die Musikalartistinnen, die mein Leben begleiteten, wären einen eigenen Beitrag wert. Eine, die mir seit Jahren am nächsten ist, hat eine neue Scheibe vorgestellt. Sie ist jetzt fünfundsiebzig und die Texte sind engagierter und die Klänge rockiger als je zuvor: Buffy Sainte-Marie – Power in the Blood (2015)…

Zwei Wochen in einer fremden Stadt. Leben aus dem Koffer. Eine Gruppe von Männern, zusammengewürfelt zur Durchführung eines Projektes. Harte Arbeit, Zeitdruck, spontan Lösungen finden für unerwartet auftauchende Schwierigkeiten. Aber auch gemeinsame Abende beim Essen und Trinken. Gespräche über Privates und dies und das und viel, viel Lachen. Menschliche Nähe. Unschätzbar. Unersetzbar und erfolgreich am Ende.
Zwei Wochen am Puls einer fremden Stadt. An der gleichen Stelle einer Fussgängerzone. Die immer gleichen Ausblicke in drei Richtungen. Menschenströme. Es ist wie Stillstand; normalerweise bin ich einer dieser Menschen, wie auch sie im Fluss einer Fussgängerzone, die Konsumparade abschreitend. Jetzt stehe ich für einige Tage am Ufer. Ich erlebe den Unterschied intensiv. Was mag in einem Bettler vorgehen, der tagaus tagein dieses sonderbare Treiben an sich vorbeiziehen zieht.
Mich faszinieren Städte am frühen Morgen. Das Erwachen einer Stadt. LKWs in der Fussgängerzone. Berge von Kartons werden in Läden verfrachtet. Konsumprodukte, die den eigentlichen Mangel der Konsumenten nie beseitigen werden. Improvisierte Nachtlager in den Eingängen von Geschäften. Die ersten Angestellten huschen mit kurzen harten Schritten ihren Schreibttischen entgegen, ihre Träume in feinen Ledertaschen.
Die ersten Abfallsucher. Ein Leben vom Pfand in den Mund.
Polizisten umstellen eine der Rundbänke und kontrollieren Personalpapiere. Der Himmel hängt bleigrau über der Stadt. Eine Gruppe Südosteuropäer lebt auf der Strasse. Jetzt verteilt der Boss die Arbeitsplätze. Später sieht man sie bettelnd in der Fussgängerzone. Jeder hat sein eigenes Thema. Manche haben ein Schild vor sich stehen, andere kauern verrenkt in Büsserhaltungen.
Ab acht Uhr nehmen die Menschenmengen zu. Flüchtige Blicke von denen, die zur Arbeit eilen. Denen es noch besser geht. Noch. Einen Pappbecher schlechten Kaffees in der Hand. Der Kippensammler wird im öffentlichen Aschenbecher fündig und nimmt einen tiefen Zug. Das Leben nimmt Fahrt auf in der Stadt. Eine Frau bleibt mit dem Spitzabsatz in der Fuge zwischen den Platten hängen. Glatter Abriss. Hastig einen Sandwich fürs Büro aus der Aufbackbäckerei.
Mich überkommt die Vorstellung, all diese Menschen da draussen seien Blogger. Alle einander fremd. Alle ziehen Blicke auf sich, augenblicklang. Die Einsamkeit des Einzelnen verdünnt sich in der Masse und scheint sich aufzulösen. Und dann doch die Einsicht in den Unterschied. Hier präsentiert man sich auch geschminkt ungeschminkt. Die Brüche zwischen Kleidung und Bewegung, Blick und Auftreten, zwischen Schein und Sein sind nicht zu verbergen. Hier vor mir findet die Wirklichkeit statt.
Die Zeit wird knapp und beginnt zu fliegen. Aufdringliche Tauben allüberall suchen nach Resten. Kinder sieht man kaum in der Innenstadt. Die Uhr am Turm des amputierten Bahnhofs zeigt halb neun. Hamsterräder werden gedreht. Tagaus tagein.

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29 Gedanken zu „Fussgängerzonenblogger

  1. Ich vergleiche die Menschenmassen der Stadt gerne mit einem Fischschwarm.Man gibt sich gegenseitig ein Gefühl der Sicherheit ohne jemals in Kontakt getreten zu sein. Als Herdenwesen sind wir so programiert und obwohl wir ein Bewußtsein besitzen wenden wir es dort kaum an, sondern bewegen uns fließend zu unseren Zielen, machen von uns selbst kaum gebrauch, bis die Aufgabe, deren wir ja raus gegangen sind, erledigt ist. Der Rest ist Hintergrundrauschen. Sehr schöner Beitrag Herr Ärmel – vielen Dank.

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    • Ein schöner Vergleich, Herr von Rosen. Vielen Dank dafür. Es bleibt nun die Frage, ob die Gebrauchsmenge des Bewusstseins in irgendeinem Verhältnis zur Lautstärke des Hintergrundrauschens stehen mag.
      Mittäglichschöne Grüsse aus dem sonnigen Bembelland

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  2. Sehr sehr starker Text, Herr Ärmel! Ja, und Sie sprechen mir aus der Seele: Je älter ich werde, umso deutlicher spüre ich, daß das einzige, wirklich unschätzbare Geschenk, das wir uns machen können, die menschliche Nähe ist. Sich zu begrüßen, miteinander arbeiten, lachen, reden, schweigen, essen, trinken, sich in die Augen sehen…und, wenns gut war, sich zum Abschied zu umarmen und sich freuen auf ein Wiedersehen, was bitte sollte wichtiger und kostbarer sein…und dabei kostet es nichts, gar nichts, außer bisserl Zeit, aber die verschenkt man doch dann gerne, nicht wahr! Viele liebe Grüsse von Ihrer Graugans

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  3. Ich mag diese dichten, feinen und klaren Beobachtungen. Durch keine Virtualität ist menschliche Nähe und Gesellschaft zu ersetzen. Ich teile Ihre Vorliebe für frühe Stadtmorgen. Der Geruch einer Stadt am Morgen unterscheidet sich von dem Geruch am Abend. Auch eine Beobachtung, die ich nicht müde werde beschreiben zu wollen. Weil jede Stadt anders riecht.
    Ich habe mich gern in ihren mitteilsamen Text mitnehmen und mir von ihm menschliche Momentaufnahmen zeigen lassen.
    Danke dafür und Gruß

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  4. Lieber Herr Ärmel, habe doch glatt in meinem Kommentar vergessen, daß dieses Bild der Oberkracher ist, einfach grandios! Und wenn ich Sie bitten dürfte: es hat sich leider ein kleines „e“ aus dem „Wiedersehen“ herausgeschlichen, wenn Sie´s vielleicht zurückschieben täten…herzlichen Dank!

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  5. Eindringlicher Text ! Wie eindringlich erkenne ich gerade daran, dass ich mir beim ersten Schauen gemerkt hatte, dass auf dem Bild eine Pestsäule zu sehen ist, obwohl es ein völlig anderes Denkmal ist. Aber der Text hat mich im Kopf in eine ganz bestimmte Fußgängerzone entführt und dort steht eben eine Pestsäule 🙂
    Die Brüche zwischen Sein und Schein …… kann man immer wieder beobachten. Am besten tut man das natürlich bei sich selbst, mit nicht immer angenehmen Erkentnissen

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  6. „auftauchende Schwierigkeiten“ – dieses Rätsel, woher die immer, aber wirklich immer, plötzlich herkommen!
    Menschliche Nähe ist unschätzbar. Reich, wer nicht Kreuzworträtsel lösend allein in seiner Bude hockt, sich vielleicht seine Wahlverwandtschaften und Freunde aussuchen konnte, liebste Familienmenschen um sich hat – all das, ein großes JA.
    Gruß von einer Homebistrohiermitleserin

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    • Ein herzhaftlicher Kommentar, liebe Frau Wildgans, fürwahr! (Mit Ausrufezeichen).
      Wer mag uns bloss die Schwierigkeiten senden? Ich weiss es nicht, nur deren Sinn ist mir bekannt.
      Mittäglichschöne Grüsse aus dem sonnigen Bembelland (mit Blick auf die Fähre)

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  7. Mit Ihrer Musikwahl gehe ich immer wieder gern konform…. Buffy Sainte-Marie’s „Starwalker“ und das wunderbare „The Big Ones Get Away“ sind auch in meiner eigenen Schreibe gern gehörte Klassiker.

    Liebe Grüsse aus’m Ruhrgebeat, wo die Menschenströme in den vielen Fussgängerzonen nicht enden wollen…

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  8. Trefflich beobachtet und sehmännisch in Wortbildern abgelichtet, mein lieber Herr Ärmel. Den Vergleich mit den Bloggern finde ich faszinierend. Man kann ihn weiterspinnen:

    Je länger man hinsieht, desto typischer die Zuordnungen, fast stereotypisch schon alsbald. Und doch reicht ein kleiner Fingerzeig, eine Wortmeldung um dieses Gefüge zu erschüttern. Was passiert, wenn man dem Kippensammler eine ganze Zichte anbietet oder mal da kommentiert, wo man sich nicht traute, wer weiß warum.
    Da können sich Tore öffnen oder Abgründe. Bloggen ist ein Abbild dessen, was wirklich passiert und ich nehme mir am liebsten das gute, horizonterweiternde und sichfindende Begegnen an. Da sind Freundschaften draus geworden. Mein Kippensammler heißt übrigens Jürgen.

    Herzvoll zugetane Grüße nach Bembelanien, Ihre Frau Knobloch, dämmerungsfriedseelig.

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    • Diese Daerguggerei ist das Sehmannslos, meine liebe Frau Knobloch. Und ein Ende ist derzeit nicht abzusehen. So gesehen ist alles im Lot und noch immer genügend Faden Wasser unter dem Kiel.
      Allerherzlichste Grüsse aus dem allzeitumsichtigen Bembelland, Ihr Herr Ärmel (sehenden Auges zugeneigt)

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  9. Hmmm…
    das kommt mir so vor, als wärst du mitten im morgendlichen Treiben der Kesselstadt gewesen, denn gerade so, wie du es hier aufgeschrieben hast, erlebe ich die City immer, wenn ich in der Frühe eintrudele…

    Und das Foto am Anfang ist die Engelssäule mitten auf dem großen Schlossplatz…

    Stimmt’s?!

    Dankeschön für den tollen Musiktipp – schon ihre frühere Musik war sehr beeindruckend!

    Dir noch einen schönen Abend wünsche, liebe Frühlingsgrüße vom Lu

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    • So oder zumindest so ähnlich würde man zu früher Stunde fast jede Innenstadt erleben, meine ich. Diese Säule, deren obenstehende Dame von König Alfons dem Viertel-vorZölften vor nicht langer Zeit erst wieder befetsigt worden ist damit sie keine Passanten von oben anspringen kann, diese Säule dürfte es nur in der Kesselstadt geben. Jedenfalls soviel ich weiss 😉
      Einen ebenso feinen Abend dir gewünscht vom Herrn Ärmel

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  10. Das kleine Wörtchen „noch“, das da erst im Satz und dann alleine steht am Anfang des vorletzten Abschnitts, mögen Sie mir das erläutern? (Ich verstecke mich schon mal. Ich vermute, ich könnte Angst bekommen. Sie können es ja nur zart andeuten!?)
    Gruß von einer noch Lebenden

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    • Noch lebendige Wildgänse mag ich am liebsten. Da mag ich auch gerne erläutern und andeuten 😉
      Die da vorübereilen geschwinden Schritts, denen gehts NOCH besser als denen, die in den Eingängen übernachten. Jedenfalls jetzt NOCH. An diesem Morgen NOCH. Wer weiss wie lange NOCH. Zuerst werden die Wohnungen langsam kleiner in Richtung Hartz IV bis dann garkeine Wohnung mehr da ist. Es gibt immer mehr Menschen, die auf der Strasse leben müssen.

      Jetzt kommen Sie schon raus, wieso haben Sie sich versteckt, um aller Gänse willen?
      Gruss von der Fähre mit dem Fragezeichen auf der Backbordwand

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