Gedankennetzgefühle

Das abendliche Klingeln bringt Freude. Die wilden Zeiten von Johnny Rotten sind lange vorbei. Den aufrichtigen Zorn in seinen Texten hat sich John Lydon jedoch erhalten: Public Image Ltd. – What the World Needs Now (2015)…

Die Nachricht kommt per Handfessel kurz und knapp: B.K. ist gestorben. Mein Grundschulkamerad. Sofort fallen mir die abgebrochenen Brillenbügel ein, die mir unsere vielen Kämpfchen auf dem Schulhof einbrachten. Den Termin zur Beerdigung notiere ich im Kalender. Dabei habe ich mich im Tag geirrt, wie ich nach der Beerdigung erfahre.

Die neue Kamera kaufe ich im Fachgeschäft. Vorderhand etwas teurer aber dafür gibts hinterher eine satte Gutschrift. Einzulösen nach meiner Rückkehr vom Schwarzen Berg. Vorfreude bei der Vorlage des entsprechenden Papiers. Der Verkäufer druckst herum, redet von Überweisung. Ich warte zwei Wochen auf die Gutschrift, um dann zu erfahren, dass inzwischen das Insolvenzverfahren eröffnet worden sei. Der Inhaber verwaltet derzeit das rechtzeitig zur Seite geraffte Vermögen. Auch sein letztes Hemd wird keine Taschen haben. Das Netz der materiellen Welt, in dem wir alle zappeln, jeder auf seine Weise.

Morgens über die Rheinbrücke vom Bembelland nach Worms. Sofort sprühen die sanften Fontänen aus dem Springbrunnen der Erinnerung. Untrennbar mit einigen Menschen verbunden. Alles lange her und doch aufbewahrt. Auf der B9 zwischen Worms und Mainz zeigt die Ampel rot.
Ich stehe hinter einem Morgan. Verwunderlich, wie schnell die Erinnerungsfilme wechseln. Und da gegenüber eine Entenparade. Für die jüngeren Leser: so nannte man liebevoll vor Zeiten ein ebenso sparsames wie merk-würdiges Automobil von Citroën. Im vergangenen Jahre habe ich doch tatsächlich nochmals nach Enten recherchiert. Bei genauerem Hinsehen ist es fast unheimlich, wie die Dingwelt unser Gefühlsleben beeinflussen kann.

Auf arte einen Dokumentarfilm über Vespas gesehen. Sehr informativ und zudem lustig. Und sofort setzt im Kopf die Bilderflut ein, wie das wohl wäre, der Herr Ärmel auf dem Roller, das Geraffel hinterm Beinschild verstaut und irgendwo unterwegs in paradiesischen Landschaften. Irrwitz, wo ist deine Bremse.

Spontane Gefühlswallungen, scheinbar immer mit einem mehr oder weniger starken Bezug zur Warenwelt. Es scheint, wir sind alle lebenslänglich darin verhaftet. Zum Glück gibt es aber doch die Ausnahmen. Musik beispielsweise.
I met a German girl in England who was going to school in France. Da erinnere ich mich an ein Konzert genau jener Zeit wie in dem Film. Noch heute überkommt mich spontan gute Laune und die Beine kommen in Bewegung. 

Was das alles mit den Fotografien zu tun hat? Ich weiss es nicht, aber vielleicht bringen sie eine Hafterleichterung. Oder ein Foto anklicken, die Galerie geniessen, gross gugge und sich kurzfristig am Freigang erfreuen.

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26 Gedanken zu „Gedankennetzgefühle

  1. Yeah, yeah, yeah, Herr Ärmel, das geht ja heute Schlag auf Schlag bei Ihnen. Und ach und ja, das Lied der Pleitegeier über Fachgeschäften. Hier hat soeben auch der Fotoladen geschlossen, nun bete ich, dass es noch meinen Lieblingsladen in Lüchow gibt, wenn ich dort in eineinhalb Woche einfliege …
    klasse Bilder! Und Vespa … davon träume ich auch … und Züge und Begegnungen, wenn wir uns denn erkennen würden- lach und wech und jetzt ist auch wieder die Sonne zurück …
    herzlichst
    Ulli

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  2. Vielleicht fliegt mir bald wieder ein Auto zu – ich komme nämlich ins Träumen angesichts der Fotos!
    Soso, der Brillenbügelkampfhahn vom Grundschulhof ist gestorben. Saß er vor oder hinter Ihnen? Daneben sicher nicht. Außerdem waren Ihre Hausaufgaben stets zur vollsten Zufriedenheit der Lehrpersonen angefertigt, mit Extragrafiken und so.
    Schade, dass Sie die Reden bei der Trauerfeier verpasst haben.
    Gruß von der Aprilhexe

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    • Ich hoffe, Sie hatten dabei nicht das letzte Bild im Sinn. Aprilhexenautomobilflüge gegen stabile Baumstämme sind überaus unerfreulich.
      Der Grunschulkamerad sass in einer anderen Bankreihe hinter der Klapptischplatte mit dem Tintenfässchen.
      Zur Zufriedenheit des lehramtlich bestätigten Abrichtpersonals hinsichtlich der Ärmelschen Hausaufgabenerledigung schweige ich an dieser Stelle vornehm.
      Ausserdem sind die meisten von mir mitangehörten Trauerreden unterdurchnittlich wenn nicht miserabel und unangemessen gewesen.
      Nachmittäglichsonnige Grüsse vom Fährmaster

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  3. Ha, der weiße Raum, den kenn ich doch.
    Wie wärs mit einer Ape, da passt das Gerödel in den Stauraum?
    Ansonsten wollt ich mir mal eine Charleston Ente kaufen, ist aber ein VW Polo geworden, der Polo der eigentlich ein Audi war. Audi 50. Mann, bin ich schon so alt?
    Das mit den Autos ist einerseits überbewertet, die Geschichte des Autos ist ja weniger als 1 ms in der Zeitgeschichte. Andererseits, ein Morgan 4/4 ist ein geiles (entsorrygung) Gefährt, auch wenn ich eher auf modernere Interpretationen oben offener Gefährte assimiliert bin.
    Und sonst? Selig – Du fährst zu schnell.

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  4. Ape? Biene statt Wespe? Vielleicht garnicht die schlechteste Idee 😉
    Bei der Überbewertung des Automobils an sich kann ich gut zustimmen. Fällt mir aber auch leicht, dem Fuhrpark, der meine Garagen schon belagerte. Morgans sind schon was ganz besonderes, z.B. im +8 quer durch die Alpen Pässe hoch- und runterjagen – wenn man jüngeren Alters ist.
    Tja, wie bin wohl auf den Kubus in der Innenstadt gekommen? Schönen Dank für den Hinweis!

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