Flach weit oder von oben

Nach einer guten Doku der BBC zu der Produktion, schaue ich mir später den Film nochmals an, jetzt gleich aber das Album zur Wiedererinnerung: The Who – Quadrophenia (1973, 4CD Director´s Cut 2011)…

Die eine Seite sind individuelle Eigenheiten. Vom Kleinärmelkind wird zuverlässig berichtet, dass es ein ganzes Jahr lang sein Brot ausschliesslich mit Schweizer Käse belegt zu essen pflegte. Und unerklärlichweise von einem auf den anderen Tag Fleischwurst begehrte und Schweizer Käse als Brotbelag kategorisch ablehnte. Für ein solches Verhalten gab es kein nachahmbares Vorbild.

Ein anderes sind die Rhythmen eines Menschenlebens. Kreise, in denen sich eine Biografie entwickelt und fortschreitet. Da können äussere Faktoren durchaus bestimmende Faktoren liefern. Die erste, selbst initiierte Fussreise des zweijährigen Ärmelkindes fand mitten im Winter statt, ohne entsprechende Bekleidung versteht sich; lobend vermerkt seien dafür aber der Witterung angepasste Hausschuhe. Gelbbraun kariert, in Stiefelform mit einer dunkelbraun eloxierten Schnalle als Verschluss. Der Grund der Reise und auch das angesteuerte Ziel liegen verschüttet in einer Schlucht des Vergessens. Das Ziel der Wiederauffindung eines für einige Stunden abhanden gekommenen männlichen Kindes jedoch hat sich aufbewahrt in der Erinnerung. Es war eine Schulklasse der damaligen Lummerländer Grundschule. Zwei Strassen vom eigenen Kinderbettchen entfernt und somit im Radius des alten Ortskerns.
Bis heute unerklärlich ist mir der Humor der Lehrerin. Was mag sie bewogen haben, einem lange vor seiner offiziellen Einschulung befindlichen Kleinkind Gastrecht einzuräumen für einige Stunden in ihrem Schulsaal. Als Grund ist mir erfindlich, dass es damals noch kein Telefon gab in einer Dorfschule und der Pedell wahrscheinlich wieder beim Frühschoppen in einer Wirtschaft weilte.

Die individuelle Ernährungsweise ist mir eigen geblieben. Noch immer kommt es vor, dass ich über mehrere Monate mit einem Kanten Brot, einem Stück Käse und einem Apfel überaus zufrieden bin. Auch die besondere Art zu reisen hat sich erhalten und bewährt. Zugrunde liegt dem ein ausgeprägtes Interesse an der Welt und den Menschen. Wobei hier eine notwendige Einschränkung anzufügen ist. Im Lauf der Jahrzehnte ist es längst nicht mehr die ganze Welt und auch keineswegs alle Menschen. Vielleicht mag das im Zusammenhang stehen mit den frühen Speisungen des Schweizer Käses. Und das Motto des jungen Erwachsenen „Hoppla Welt, ich komme“ ist längst leuchtenderen Erkenntnissen gewichen.

In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich zwölfmal meine Wohnorte gewechselt. Ich hatte das Glück, viele Länder bereisen und Kulturen kennenlernen zu können und dabei ganz unterschiedlichen Menschen und deren Mentalitäten zu begegnen.
Ich stelle fest, dass der Reiz der Ferne oder durchaus auch der Exotik zunehmend an Attraktivität verloren hat. Die Kreise werden offensichtlich kleiner, ohne jedes Gefühl eines Verlustes. Im Gegenteil. Ich bemerke wie mich meine nähere Umgebung immer stärker anzieht. Es gibt natürlich noch immer die Traumstädte, kleine weisse Flecken auf der Landkarte meines Reiselebens. Aber selbst dort wird das Interesse befeuert nur noch von einzelnen Gebäuden oder Einrichtungen. Und genau so verhält es sich mit den Menschen an anderen Orten. Meine Reiseziele liegen dort, wo ein Gespräch alle Beteiligten weiter bringt, gleichsam ihren Horizont weitet und wo menschliche Wärme spürbar ist.

Die Fotografien sind neuesten Datums. Aufgenommen zu beiden Seiten des Rheins, ganz hier in der Nähe. Eine ganz besondere Kulturlandschaft seit einigen Jahrtausenden schon. Auf diesen Spuren unterwegs zu sein, bedeutet mir Lebensglück. Die Metropolregion Rhein-Main ist mit unsäglichen negativen Vorurteilen behaftet. Ich werde in der nächsten Zeit andere Bilder von dieser einzigartigen Landschaft vermitteln..

(Foto anklicken öffnet die Galerie und ermöglicht gross gugge. Zusätzlich „Bild in Originalgrösse“ anklicken dann F11 macht Bilder richtig gross)

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41 Gedanken zu „Flach weit oder von oben

  1. So ein wunderschönes weites Land mit einem hohen Himmel drüber und höchst vergnügliche Geschichten vom kleinen Ärmelmann, sehr aufschlußreich! Liebe Grüße auch von einem Land, ein wenig südöstlicher halt.

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    • Ich hoffe, Sie, liebe Frau Graugans, werden nun die richtigen Schlüsse ziehen. Aber es ist ein ungemein anregender Landstrich, von vielen Menschen verkannt.
      Abendlichschöne Grüsse aus dem magischen Bembelland…

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  2. Lieber Herr Ärmel, ich bin nun auch schon einige Tage auf unserer Erde, aber Sie sind der Erste der Erinnerungen an sein zweites Lebensjahr hat. Schön, dass Sie davon erzählt haben und Ihre Hausschuhe hatte ich farblich passend, allerdings ohne schmückende Schnalle – einen schönen Abendgruß aus Marburg.

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    • Das, lieber Herr von Rosen, ist kein grosses Mirakel. Ich hatte bis vor wenigen Jahren eine überaus zuverlässige Zeitzeugin. An den Klassensaal hingegen erinnere ich mich noch genau, liess ich mich doch dortselbst einige Jahre später von der Schulbank drücken.
      Aber auch sonst sind mir etliche Begebenheiten aus meiner frühesten Kindheit noch immer gut erinnerlich.
      Ja, diese Hausschuhe, die waren damals ziemlich berbreitet, heute sind sie selbst an den Füssen Menschen kaum noch zu sehen.
      Ich sende auch Ihnen abendlichschöne Grüsse aus dem magischen Bembelland, genauer, aus Lummerland

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  3. Ihre Worte zu lesen ist wie ein Eintauchen in einen Fluss, sanft, fließend, er trägt, ich möchte nicht aufsteigen. Das Wasser wirkt zufrieden, es zeigt eine Tiefe und gleichzeitig erlaubt es sich leicht zu sein.

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  4. Ei guuuude wiiiie, Herr Nachbar….wie gehts wie stehts, wie ist das werte Befinden?

    Hach…Quadrophenia…..ständig gehört damals, leider habe ich den Film nie gesehen, aber macht nix, die Musik war spitze.

    So, so….das Ärmelkind war also schon sehr früh abgängig und wollte die Welt erobern….ein Forscher, ein Entdecker, oder? 😛

    Ich finde es klasse, die eigene Umgebung, die Heimat zu erkunden. Es macht doch traurig, wenn sich Leute in Thailand besser auskennen als in ihrem eigenen Land.

    Liebe Grüsse in die Nacht aus der großen kranken Stadt

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  5. Guten Abend, Fraa Ilanah – Kranke Stadt? kenne ich nicht, jedenfalls keine, in der man in ihren melodischen Zungenschlag spricht.
    Der Rest iss de Frankforder Bub, de Johann Wolfgang: „Wer seine Heimat nicht kennt, hat keinen Massstab für fremde Länder.“
    Abendlichliebe Grüsse zurück aus dem magischen Lummerland ~~~ hach ~~~

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  6. Schön wars ein bisschen auf Ihrer Erinnerungsschaukel zu sitzen und hin und herzuschwingen. Danke fürs mitnehmen, lieber Herr Ärmel.
    Gerne habe ich wieder einmal dieses Stück Deutschland durch Ihre Augen betrachtet, das für mich eine Weile Heimat war, ein Stück noch rheinrunter. gerade bei dem Bild:“Das schmale Budget“ schwappten dann meine Erinnerungen hoch, schön!

    Herzlichen Dank und ebensolche Grüsse
    Ulli

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  7. Schön, richtig schön die Landschaft und die hohen Himmel. Ich war noch so selten in Deutschland. „Klar, das ist ja viel zu nah“ pflegt mein Partner sehr ironisch zu sagen. Und er hat ja recht, wo ich nicht schon überall war, aber in der näheren Umgebung schauts schlecht aus. Bei mir hat die Anziehungskraft fremder Länder zwar auch schon etwas nachgelassen, aber noch nicht so ganz.
    12 mal sind sie umgezogen in 20 Jahren !! Beachtlich. Ich weiß schon, dass das nicht nur toll ist, aber dennoch bemerke ich da einen leisen Anflug von Neid …..

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    • Diese Landschaft, als mittlerweile über fünftausendjährige Kulturlandschaft, ist überaus reichhaltig und divers.

      Umzüge, sofern befreiend, lassen die Mühen rasch in den Hintergrund treten.
      Aber es macht schon einen Unterschied, ob Umzüge im Herkunftsland stattfinden oder anderswo. Da ist das Einleben ein mindestens einjähriger Eingewöhnungsprozess, bis man erstmal die Infratsruktur gelegt hat. Und dann beginnt das eigentliche Einleben. Aber das sind Erfahrungen, die ich nicht mehr missen möchte. Neid lohnt da nicht, ziehen Sie einfach mal um, wo anders hin 😉

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          • In Europa war ich so gut wie überall, in Nordafrika, rund ums Mittelmeer, im Nahen und Fernen Osten, in China, in Indien aber, zu meinem eigenen Erstaunen war ich noch nie in Amerika, weder in den USA noch in Kanada oder Lateinamerika. Ich weiß selbst nicht recht warum ….

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              • Ich habe ein extrem negatives Bild der lateinamerikanischen Gesellschaften, gewaltige soziale Gräben, Korruption über alle Maßen ….. Klar würde ich gerne den Macchu Picchu sehen, aber wenn ich daran denke, dass ich mich zuerst eine Weile in peruanischen Städten aufhalten müsste ! Mexikanische Pyramiden würde ich auch liebend gerne sehen, ohne aber vorher in Mexico DF entweder erstickt zu sein oder umgebracht oder zumindest beraubt …..
                Reisen außerhalb Europas wird überhaupt immer schwieriger. Außerdem werde ich älter. Ein eher ungutes Zusammentreffen 🙂

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                • Zu Ihrem negativen Bild möchte ich nichts weiter hinzufügen, Sie haben es erwähnt.
                  Andererseits finde ich die Korruption wesentlich demokratischer als bei uns. Jeder kann / muss dort mitspielen, hier sind die Eintrittspreise ins Bestechkasino für Normalverdiener unerschwinglich. Und Macchu Picchu sieht auf Bildern viel reizvoller aus als es ist.
                  Was zieht, ist das Argument der Sicherheit. Ich habe erlebt, dass ein Vater und seine Tochter wegen 20$ und einem Paar Markenturnschuhen erschlagen worden sind. Man kann dort seine eigene Mitmenschlichkeit verlieren, nur wegen der Besorgnis der eigenen Sicherheit.
                  Das war für mich eine einschneidende Erfahrung.
                  Aber wie bereits geschrieben: es gibt in Europa alles, was es auch sonst in der Welt gibt. Lediglich etwas bescheidener oder unspektakulärer, dafür aber auch wesentlich angenehmer zu erleben.

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  8. Wunderschöne Fotos von einer wunderbaren Landschaft für die wir uns beide begeistern.
    Aber ach, das gelb Blühende zwischen Rebzeilen ist leider kein Klee, sondern Ackersenf (Sinapis arvensis), Falscher Hederich oder wilder Senf genannt. Auch das eine oder andere Vergissmeinnicht kann ich auf dem Bild und auch sonst erkennen du freue mich sehr darüber!
    Mit besten Grüßen
    Frau Mahlzahn

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    • Frau Mahlzahn, wie konnte ich… Aber Sie wissen es, Bio und ich. Und dennoch roch es wie Klee, unglaublich betörend.
      Eventuell sollte ich aber doch altershalber mal einen Fünflöcherdoktor zur Evaluierung meiner kopfseitigen Einausgänge aufsuchen.
      Ich danke Ihnen jedenfalls herzlich für die Richtigstellung meiner Patzer …
      Mit nicht minder besten Grüssen
      Herr Ärmel

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      • Lieber Herr Ärmel,
        ich bitte um Aufklärung, denn man ist ja nicht allwissend: Was, bitte schön, ist ein Fünflöcherdoktor? Augen – Ohren – Mund?
        Nein, Bio ist auch nicht mein Fachgebiet, erlebe aber täglich auf dem Weg zur Lehranstalt diese wunderbaren gelben Blüten in den pfälzischen Wingerten und habe die Fachleute befragt.
        Mit allerbesten Grüßen gen Norden
        Ihre Frau Mahlzahn

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        • Dicht dran, liebe Frau Mahlzahn, dicht dran: Hals, Nase und Ohren machen fünf 🙂

          Nachdem ich mich auf Ihren wertvollen Hinweis hin ans Studium begeben habe, werde ich persönlich Morgen Geschmacksproben nehmen von Ackersenf und Raps, um diese beide Arten fürderhin unterscheiden zu können
          Mit den allerbesten Grüssen gen Süden
          Ihr Herr Ärmel

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  9. sehr gern gelesen, hat gleich auch eigene Erinnerungen wachgemacht, so an den ersten Ausflug, vermutlich dreijährig, der von einem Puter gestoppt wurde. Es gab auch ein Hänsel-u-Gretel-Auswanderungsprojekt mit meinem Bruder, etwa im gleichen Alter, er ein wenig älter. Immer hübsch die Straße entlang, zwischen den Feldern und Wiesen mit den Schafen und Kühen drauf, vielleicht auch Sumpfdotterblumen. – Auch in dr Wandlung der Reiselust kann ich mich wiedererkennen. Von den Bildern sagt mir am meisten das schmalbrüstige Haus zu. Liebe Grüße aus meiner Jetzt-Heimat Mani.

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  10. Herr Ärmel! Da ich scheinbar neuerdings den Hang habe Sie zu verwirren, mache ich einfach mal damit weiter!

    Für Sie (und alle Bembeltown-Ablehner) ein SEHR spannender Artikel, der ziemlich genau widerspiegelt, was ich Leuten gerne aus/von/über MEINE Stadt mitgeben möchte – ein zweiter Blick lohnt 🙂
    Nicht vom Glitzern der Geldtürme blenden lassen 🙂
    (Nicht, dass SIE das machen würden, Herr Ärmel!)

    http://www.afar.com/magazine/frankfurts-secret-foodie-side

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  11. Ihre feinen Fotos beweisen, es kommt immer auf den Blickwinkel an! Ganz gewiss hat Ihre Umgebung allerschönste Verweilorte zu bieten. Schön sind die „himmlischen“ Weiten… Ja, bitte gern mehr davon!

    Der mutige Miniärmel erinnert mich an meine Tochter, die auf ihrem Dreirad das Dorf erkundete (auch in Pantoffeln /jüngere Modelle von 1987/ oder gar Schlafanzug) und es immer wieder schaftte Menschen in ein Gespräch zu ziehen.

    Beste Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

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  12. Interessant! Eines stimmt mich jetzt aber ganz schön nachdenklich: Bin ich innerlich schon so alt (= älter als an Jahren) geworden? Als Trost würde ich mir, wäre es nicht schon so spät, jetzt das Album von The Who anhören.
    Abendgrüße aus dem Süden

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  13. Ich finde den Film besser als das Album. Das ist mir auch durch die Doku der BBC nochmals klarer fassbar geworden.
    Meines Erachtens hatte Pete Townsend mit Tommy seinen Zenith erreicht. In Quadrophenia flossen zu viele persönliche Momente ein.
    Als weiteres Beispiel könnte ich The Wall von Pink Floyd anfügen. Da war es Roger Waters, der mit vorherigen Alben bereits seine Gipfel erklommen hatte.
    Nochmals abendschöne Grüsse aus dem leicht reisefiebriegen Bembelland

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