Über die Hügel auf die Piste (eine Annäherung)

Gegen das Abheben hilft solider weisser Blues aus England: Ten Years After – Undead (1968)…

Ich verlasse Berlin auf der Autobahn über den Berliner Ring und die A12 in Richtung Frankfurt/Oder. Spontan entscheide ich mich an der Ausfahrt 7, Müllrose, abzufahren, um Seelow anzusteuern. Genauer, die Seelower Höhen. Ein schöner Morgen, sonnig, die Luft ist frisch. Ich nehme die L37 Richtung Nordnordost. Knapp 25 Kilometer sind es bis Seelow. Dünnbesiedeltes Land, weite Blicke. Das Oderbruch. Am östlichen Ortsrand befindet sich die „Gedenkstätte / Museum Seelower Höhen“.
Als einer ersten deutschen Orte nach dem Zweiten Weltkrieg museal historisch aufgeladen, diente er bis Mitte der 1990er Jahre unterschiedlichen Zielsetzungen, je nachdem, welcher politische Zweck verfolgt werden sollte.
Mich interessiert ein Blick von der Höhe. An den ausgestellten, sogenannten Siegerwaffen vorbei gehe ich hinauf und zwischen Soldatengräbern hindurch bis ich zu der Kante, vor welcher der Hügel abfällt.
Der Himmel ist leicht bewölkt. Im Osten verschwimmt die Horizontlinie. Ich blicke in eine nicht absehbare Ferne. Gegenden, von denen in der vierten Auflage des allwissenden Meyers zu lesen war, dass dort die germanisierten Slawen hausten. Neunzehn Kilometer entfernt liegt Kostrzyn nad Odrą (Küstrin a.d. Oder) bzw. das, was von der ehemaligen Festungsstadt noch erkennbar ist. Winzig ist weit in der Senke ein Traktor bei der Arbeit sehen. Keine Geräusch dringen hierher. Ein grosser Frieden liegt über dem Oderbruch. Träge ziehen die Wolken dahin. Lediglich das Zwitschern der Vögel erinnert an den Strom der Zeit.

In dieser Region fand zwischen Anfang Februar und Mitte April 1945 die grösste Schlacht des Krieges auf deutschem Boden statt. Von dort aus wurde die letzte Phase des Krieges eingeleitet und Deutschland vom Nationalsozialismus befreit, denn nachdem dieser Brückenkopf geschaffen war, konnte die Rote Armee auf Berlin marschieren und die Stadt besetzen.
Die Schlacht an den Seelower Hören dauerte vom 16. – 19. April 1945 und forderte zehntausende tote Soldaten und Zivilisten. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Noch heute finden Bauern bei der Feldarbeit alljährlich sterbliche Überreste. Die Böden sind nach wie vor belastet durch Munitionsrückstände.

Tausende junger Soldaten lagen tot auf dem Schlachtfeld einer Pfirsichplantage in voller Blüte. Man erzählt sich, dass die Blüten auf sie fielen und sie bedeckten wie eine dünne Schicht duftenden Schnees. (Patti Smith – M Train, S. 103)

Ich zitiere nach der Seite der Gedenkstätte: „Die Kämpfe im Winter und Frühjahr 1945 zerstörten eine einzigartige, von vielen Generationen geschaffene Kulturlandschaft. 40 Ortschaften des damaligen Kreises Lebus wiesen einen Verwüstungsgrad zwischen 60 und 100 % auf. Küstrin, Wriezen, Alttucheband und Klessin galten mit über 90 % als besonders betroffen.
Im ehemaligen Kirchenkreis Seelow wurde jede zweite Kirche durch Sprengungen bzw. Waffenwirkung zerstört. Die Felder bei Lebus und Klessin waren zu 75 % vermint. Unmittelbar nach den Kampfhandlungen mussten Frauen und Männer, die wieder in ihre Heimat zurückkehrten, Angehörige der Roten Armee und deutsche Kriegsgefangene sowie Sprengstoffexperten die Minen von den Feldern und aus den Ortschaften bzw. Wäldern bergen. Bis 1986 ereigneten sich auf dem Gebiet des späteren Kreises Seelow über 250 Sprengstoffunfälle. Dabei verloren mehr als 140 Frauen, Männer und Kinder ihr Leben.“

Ich verlasse Seelow auf der B1, der ehemaligen Reichsstrasse 1, die schnurgerade nach Küstrin führt. Auf der Brücke über die Oder werde ich plötzlich unsicher. Beim Frühstück stand unvermittelt die Frage im Raum, was denn die Reiseinformationen des Auswärtigen Amtes zu Polen mitteilen würden. Die sind in der Tat oft hilfreich. Zwei schnelle Klicks und lesen.
Ursprünglich wollte ich ohnehin nicht mit dem Auto reisen, wegen eines möglichen Diebstahls. Der Hinweis, dass „dort doch nur neue Karren der Oberklasse geklaut würden“ beruhigte mich dann einigermassen. Auf der Webseite ist von drastischen Geldbussen selbst bei kleineren Verkehrsverstössen die Rede. Dann dieser Hinweis: „Steuert der Halter sein Fahrzeug nicht selbst oder fährt darin als Passagier mit, benötigt der Fahrer des Fahrzeugs unbedingt eine Bescheinigung des Halters, in der ihm die Erlaubnis erteilt wird, das Fahrzeug zu nutzen und damit nach Polen zu reisen.“
Ich bin nicht der Halter des Fahrzeugs und eine Genehmigung habe ich schon garnicht. Während ich noch dem Schreck nachspüre, der mich durchfährt, höre ich hinter mir die aufmunternden Sätze: „Neuerdings sollen auch wieder vermehrt ältere Fahrzeuge gestohlen werden. Aber nur wenn sie einen gepflegten Eindruck machen und in Teilen verkauft werden können.“ An dem kleinen Audi könnte man praktisch noch alles verwenden, schliesslich hat er eben erst den neuen TÜV Stempel ohne Beanstandungen erhalten.
All diese Hinweise stehen vor mir, in einem feinen silbernen Rahmen finsterer Gedanken an den blauen Himmel gestickt. Also vielleicht doch lieber über Nebenstrassen? Aber bis nach Warschau sind es immerhin noch fast 500 Kilometer.
Schwamm drüber und ab zur nächsten Auffahrt. Die Autobahn ist mautpflichtig, das garantiert erfahrungsgemäss eine ruhige und meist freie Fahrt.
Rund um mich sind keine Erhebungen mehr zu sehen. Brettflache Weiten. Ich kenne weitläufige Landschaften aus anderen europäischen Ländern, eine derartige Dimension der Ausdehnung sehe ich zum ersten Mal. Ich halte mich an die zulässige Höchstgeschwindigkeit und werde dennoch oft überholt. Das macht einen guten Eindruck und vermittelt Sicherheit.
Ich fahre einen Parkplatz an. Vor der Toilette packen zwei Männer ihre Utensilien in ein Dienstfahrzeug. Ich vertrete mir kurz die Beine und sofort fällt mir die Sauberkeit rund um die Tische und an den Müllbehältern auf. Vielleicht eine Ausnahme, oder gerade alle Abfälle beseitigt. Wie einem die Gedanken so durchs Hirn schiessen. Die Toilette ist klinisch rein. Kein Eintrittsgeld wird verlangt.
Zurück am Auto, esse ich einen Happen. Ich bin müde, drehe die Rückenlehne runter und mache ein kurzes Nickerchen. Als ich eine halbe Stunde später wieder frisch bin, steht das Servicefahrzeug bereits wieder vor der Toilette. Um es hier für die folgenden Berichte vorwegzunehmen und klar zu sagen: wer Deutschland oder die Schweiz für saubere Länder hält, sollte in Polen einmal genauer hinschauen. Die Disziplin der Menschen hinsichtlich ihres Umgangs mit Abfällen ist beeindruckend. Ein Unterschied zwischen Stadt und Land ist mir dabei nicht aufgefallen.

Zurück auf der Autobahn fühle ich mich bald zwischen Zeit und Landschaft verloren. Inzwischen habe ich Poznań (Posen) erreicht und meine Gedanken beginnen zu schweben und sich im Irgendwo aufzulösen. Von Berlin nach Moskau zweitausend Kilometer Ebene. Und Felder und Wälder. Und flach und gerdeaus.
Wie kann man Armeen über solche Strecken antreiben?
Mir fällt Wolfgang Büscher ein. Der ist so geraden Wegs wie nur möglich von Berlin nach Moskau gegangen. Er wollte dem Geist seines Grossvaters nachspüren, der 1942 am Unternehmen Barbarossa (dem Überfall auf die Sowjetunion) beteiligt gewesen war. (Wolfgang Büscher: Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuss. Rowohlt, 2003)

Flachland. Von der 300 Meter hohen Dylewska Góra (Kernsdorfer Höhe) in Ostpreussen abgesehen. Die endlose flache Tafel. Der Blick findet kaum einen Ankerplatz. Ab und zu der Blitz eines gelben Rapsmeeres im grünen Feldozean. Die Entfernung zu meinem Tagesziel verringert sich nicht. Langeweile schleicht sich ein. Dagegen hilft das Entziffern von Nationalitätenkennzeichen. LT, BY, UA, LU. Die Strecke zieht sich. Selbst die Stimme im Navigationsgerät ist in tiefes Schweigen versunken. Ich spreche den Text für diesen Beitrag in Fragmenten. Ideen, die im gleichen Moment hinter der schwindenden Leitplanke verweht sind.
Endlich erwacht die Stimme rechts vor mir: Verlassen Sie die A2 in tausend Metern. Ich verstehe Kilometer. Veröassen Sie die A2 in fünfhundert Metern. Biegen Sie an der Abzweigung auf die S2 und folgen Sie dem Strassenverlauf fünf Kilometer. Also doch Kilometer.

Meine kleine Reisegruppe treffe ich gegen Abend am Flughafen Frédéric Chopin in Warschau. Während ich einen Parkplatz suche, kommt es mir wie ein kleines Wunder vor. Menschen fliegen aus verschiedenen europäischen Ländern heran und treffen sich fast zeitgleich an einem verabredeten Ort.
Wir können inerhalb Europas fast so frei reisen wie zur vorletzten Jahrhundertwende. Damals war es noch möglich, sich ohne Pässe oder andere Reisedokumente in einem unermesslich grossen Raum zwischen Moskau und Lissabon nach Belieben frei zu bewegen.

                                                                          (Foto anklicken öffnet die Galerie)


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39 Gedanken zu „Über die Hügel auf die Piste (eine Annäherung)

  1. Meine Mutter stammt aus Schlesien.
    Immer bin ich gern in ihre alte Heimat gefahren.
    Die Mentalität der Menschen und ihre Gastfreundschaft hat mich beeundruckt.
    Nie wurden wir bestohlen.

    Einen guten Abend wünsche ich, Ihre Arabella

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  2. Lieber Herr Ärmel, bei den Reiseberichten von diesen aufgesuchten Orten und der Geschichte dahinter merke ich in seltener Intensität, daß es mir nicht reicht, Ihnen Kommentare zu Ihren grandios geschriebenen Texten zu schicken! Es wird mir hier deutlich, wie begrenzt alles Geschriebene doch ist und ich vermisse schmerzlich ein persönliches Gespräch von Mensch zu Mensch, denn, so viele Fragen stehen an, über die man nur sprechen kann und vielleicht zwischendurch schweigen, weil die Wuchten der Geschichte manchmal sprachlos werden lassen.

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    • Liebe Frau Graugans, ich danke Ihnen für Ihren persönlichen Kommentar.
      Es bedarf in der Tat des direkten Austauschs. Das bemerke ich an den langen Telefonaten, die ich seit meiner Rückkehr mit Menschen führe, die offen sind auch für andere Blicke in die Welt.

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  3. Es fällt mir unheimlich schwer, mich mit dieser Zeit gedanklich auseinander zu setzen.
    Da sind mir die schwerterschwingenden Ritter beruhigend weit zurück in der Zeit.
    Wie mag es den Soldaten dort ergangen sein, was ging da durch die Köpfe?

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    • Man kann es nicht wirklich begreifen, es verbleibt im nicht Nachvollziehbaren.
      Aus diesem Grunde steht hinter den Titeln meiner Berichte auch in Klammern: Eine Annäherung.
      Auch was die zeitgeschichtlichen Aspekte der polnischen Geschichte, Kultur und Mentalität betrifft…

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  4. Schlag Xy Uhr, noch mitten in der Nacht gingen auf der Ostseite der Oder hunderte Flakscheinwerfer an. Waagerecht auf unse Stellungen. Die sollten uns ausleuchten als Zielscheibe. Aber vor den Scheinwerfern rannten die Muschiks auf die Boote am Ufer zu und wurden selber zur Zielscheibe. Ein einziges MG-Nest machte da reichlich Ernte. Dann setzte deren Artillerie ein und schoss sich in Windeseile ein: Vorne im ersten Graben hatten se nur uns die Volkssturm HJ-ler reingesetzt. Ich hab mich nur hingehuckt und gezittert. Um mich her spritzte Erde in einer Tour. Meine ganze Schulklasse hammse da ausradiert. Ich bin davon gekommen. Ich weiß nicht wie …
    (RBB-Seelower-Höhen Doku, vor ein paar Jahren)

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    • Genau so einen Scheinwerfer habe ich fotografiert. Shukov war eben auch nicht nur genial.
      Und 900.000 Rotarmisten werden von 90.000 Deutschen aufgehalten, vier Tage lang… Da waren zwei Verbände Waffen-SS dabei, die hatten was zu verlieren…
      Danke für den Hinweis auf die Doku, die werde ich mal suchen.

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  5. „Wir können inerhalb Europas fast so frei reisen wie zur vorletzten Jahrhundertwende. Damals war es noch möglich, sich ohne Pässe oder andere Reisedokumente in einem unermesslich grossen Raum zwischen Moskau und Lissabon nach Belieben frei zu bewegen.“ – Das klappt sogar meistens auch, wenn man Schweizer ist:)

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      • Das ist einem gar nicht immer so bewusst und man erschrickt, wenn der Brenner mal dicht ist, aber das ist ein anderes Thema.
        In meinen Blogwelten gibt es eine junge Inderin (?), die ab und an von ihren Problemen berichtet, sei es die Wohngemeinschaft mit dem Freund, die Möglichkeiten der Arbeitsuche und die Reisemöglichkeiten. EInfach mal die Perspektive wechseln. Aber wem erzähle ich diese alten Kamellen. Nennen wir es eben Selbstgespräch. Ich war ja auchmal im Ausland im Urlaub…
        Schöne Grüße aus der 2. Liga.

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  6. Ich folge Ihrer Reise mit großer Aufmerksamkeit und Spannung. (Vor)gestern sah ich, ich glaube bei Bludgeon oder bei Form 7, eine Dokumentation über das Vorrücken der deutschen Wehrmacht in der Krim – und ich sehe noch die jungen Gesichter vor mir, die da vaterlands-beseelt unter den Helmen hervorschauen. Es ist und bleibt mir ein Rätsel, was die Menschen in den Krieg treibt.

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    • Das ist meine Frage seit fast einem halben Jahrhundert.
      Sie wird wohl nicht mehr zufriedenstellend beantwortet werden.
      Das ist mir auch auf einer späteren Etappe der Reise wieder schmerzlich bewusst geworden.
      Wobei ich neben den Soldaten auch die sogenannten Beamten der Sicherheitsapparate einschliesse.
      Mehr wird noch nicht verraten…..

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  7. Komisch, dass (fast) alle die nach Polen fahren am meisten Angst um ihr Auto haben. Vorurteile sind doch hartnäckiger als man glaubt *g*

    (statt (un)toter Engländer empfehle ich passenden polnischen Rock von Agressiva 69, ganz besonders das gleichnamige Album aus dem Jahr 2001)

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  8. Selbst grenzwärts aufgewachsen, waren mir Klauvorurteile unbekannt bis ich nach Dresden kam. In Görlitz, bzw. Zgorzelec lag es an uns Ostkindern, neidisch zu sein. Selbst die abgewracktesten Lädchen hatten bessere Ware zum Verkauf als die unsrigen Konsumhäuser. Musikkassetten! Moderne Klamotten! Süßigkeiten!

    In Ferienlagern (Bjäch!) waren die wenigen sozialistischen Freundeslandjugendlichen begehrte Horizonterweiterer, was ist schon Fremdsprache für ein Hindernis bei Neugier?! Wir wurden aber arg beäugt und Adressaustausch nicht gern gesehen. Da ploppt ein Erinnerungfensterchen auf: Das verschwundene Adressbuch, gerade reichlich neu bestückt; daneben haust der öffentliche Tadel wegen der Sicherheitsnadel im rechten Ohrläppchen…

    Am Thema vorbei mag ich mir dennoch einen Nebengruß nicht verkneifen: Lieber Autopict, schön, Ihre klugen Kommentare zu lesen!
    Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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    • Ich danke Ihnen, meine liebe Frau Knobloch, für Ihre Ergänzung – Sie ahnen, ich bin begierig auf alltagsgeschichtliche Details.
      Abendschöne Grüsse aus dem aktiven Bembelland,
      Ihr Herr Ärmel

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