38 Stunden Warschau (eine Annäherung)

Feurige Rhythmen, um den Winter endlich zu vertreiben: Ray Barretto – Charanga moderna (1962)…

Die moderne Architektur des Flughafens Frédéric Chopin in Warschau ist grosszügig und weiträumig angelegt. Dennoch geht es trotz der Uhrzeit und der vielen Menschen angenehm gelassen zu. Von aufgeregter Hektik keine Spur. Mag sein, weil man auch von den  gewohnten unablässigen Lautsprecheransagen in anderen internationalen Flughäfen  verschont bleibt.
Wir finden uns schnell zusammen und die Vorfreude der Teilnehmer ist spürbar.

Über breite Boulevards fahren wir zu der Wohnung, die uns für zwei Übernachtungen zur Verfügung steht. Koffer auspacken und die wenigen hundert Meter zur Altstadt gehen ist eins, alle sind hungrig. Dort verlocken kleine Restaurants mit den Spezialitäten der einheimischen Küche.

Paul Bowles sagte einmal, dass in Tanger Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig nebeneinander bestehen. Im Wesen dieser Stadt liegt etwas Verborgenes… (Patti Smith – M Train, S. 281)

Am folgenden Morgen steht ein ausgedehnter Rundgang durch die Altstadt an. Kaum vorstellbar, dass nach der Ruinierung der gesamten Stadt durch deutsche Besatzungstruppen die Altstadt noch zusätzlich gesprengt worden ist. Sieht doch alles aus wie früher. Wobei früher, eine lange Epoche vor dem September 1939 bedeutet. Die Stadt wurde nach 1945 wieder aufgebaut. Wohnraum wurde dringend benötigt. Danach hat man begonnen, die altstädtischen Strassenzüge originalgetreu zu rekonstruieren und wieder aufzubauen. An manchen Stellen sind Tafeln aufgestellt, die zeigen, wie die deutschen Truppen die Stadt hinterlassen hatten, daneben kann der Blick des Besuchers das Bild mit der heutigen Wirklichkeit vergleichen. Wir sind tief beeindruckt angesichts der Vorstellung, wie eine solche Leistung in einer Wirtschaftordnung mit den bekannten Versorgungsengpässen möglich gewesen ist. Polen wurde 2004 Mitglied der Europäischen Union und hat erst seitdem Zugang zu den Fördergeldern aus den verschiedenen Fonds. (Später in Danzig werden wir erste Antworten parat haben)

Wir schlendern durch die Strassen. Das Schloss erstand aus einem Trümmerhaufen zu neuem Glanz. In der Umgebung des Chopinhauses umfängt sanfte Klaviermusik die Fussgänger. An Canalettos Aufenthalt in Warschau und seine dabei geschaffenen Gemälde erinnern die aufgestellten Bildtafeln, die ebenfalls den Vergleich von damals zu heute ermöglichen. Canaletto (i.e. Bernardo Bellotto 1722 – 1780) verbrachte seine letzten Lebensjahre in Warschau.
Es wird Zeit für eine kleine Erholung.  Vorbei am Denkmal des Nikolaus Kopernikus und weiter runter auf der Nowy Świat bis zur Nummer 35, dort ist das Blikle. Eines der traditionsreichsten Warschauer Cafés. Die Holztäfelung, die Fauteils und Canapées im meergrünen Samt vermitteln nonchalant einen Hauch von gestrigem Charme. War das reiche kulturellen Leben dieser Stadt je am Boden, ja fast ausgelöscht? Noch haben wir zu wenige Kenntnisse der polnischen Mentalität. Das hausgemachte Gebäck und die Pralinen sind mehr als eine Sünde wert. Wir besprechen unsere Eindrücke und Wahrnehmungen.

Vor dem Café trennen sich unsere Wege für eine Weile, da wir unseren eigenen Interessen nachgehen möchten. Ich will noch weiter in der Altstadt flanieren und ein wenig horsche und gugge. Durch das Tor der alten Stadtbefestigung gehe ich in den neueren Teil. Immer wieder erinnern Hinweise auf den Bürgersteigen daran, wo man ab Mitte 1940 durch eine Mauer das Warschauer Ghetto von der übrigen Stadt abtrennte. Den Spuren unseligen deutschen Handelns kann man hier nicht entgehen. Mir fallen meine zahlreichen Aufenthalte in England ein. Im Süden und Westen der Insel wird an vielen Orten ebenfalls an Ereignisse des Zweiten Weltkrieges erinnert. Aber mir wird ein Unterschied bewusst. Während in England auf erklärenden Schildern die Schwächen der deutschen Militärs meist hervorgehoben werden, findet hier keine Wertung statt. Es wird lediglich die Erinnerung wachgehalten. Keine kommentieren Anmerkungen sind zu lesen. Diese Form der Erinnerungskultur berührt mich eigentümlich.

Aus der Bar neben dem Haus, in dem E.T.A. Hoffmann (wer kennt den Mann heute noch?) von 1804 bis 1806 lebte und arbeitete, erklingt feiner Jazz-Rock in angenehmer Lautstärke. Schoppen statt shoppen denke ich mir und betrete die Bar. Ich bestelle mir ein Bier und einen Wodka Żołądkowa (Wodka mit Minze). Die polnischen Biere sind ungeheuer lecker und das Wässerchen fliesst ohne einen Kratzer, sanft wie Öl in die Kehle. Der erste Wodka kommt wie ein Keil, der zweite wie ein Pfeil und die nächsten sind so leicht und plötzlich wie ein Vögelchen. Sagt einer, der es wissen muss. Ich trage meine Eindrücke in die Kladde und geniesse dabei die solide Musik. Überhaupt gefällt mir in den unterschiedlichen Lokalitäten, dass es noch möglich ist, sich zurückzulehnen und sich ganz der Musik hinzugeben und es andererseits möglich ist, ein Gespräch zu führen, ohne dass man die Musik übertönen muss.

Später treffen wir uns Restaurant Kucharzy des archäologischen Museums. Ein grosser Saal mit vielen Tischen. Gut besucht, die Köche arbeiten sichtbar für alle Gäste. Der Oberkellner geleitet uns zu einem Tisch, von dem aus wir das ganze Restaurant überblicken können. Vorspeisen werden auf fahrbaren Tischchen direkt am Tisch zubereitet. Wir geniessen unser Abendmahl. Am langen Nebentisch wird eine Geburtstagstorte aufgetragen und der Oberkellner zelebriert den Anschnitt. Die Tischgesellschaft stimmt ein Lied. an. Nach und nach singen alle Gäste des Restaurants den Gesang mit. Alle? Wir verstehen den Text nicht und sind überdies ziemlich erstaunt, dass alle anderen Gäste auch mitsingen. Die ganze Stimmung hat etwas altbekanntes, eine Atmosphäre wie aus einer anderen Zeit, es schwingt eine Herzlichkeit, die einen ergreift und ans eigene Herz geht. Kein Schicki-Micki und keine Maskerade, nur Einverstandensein, Wohlfühlen und das Leben geniessen. Für diesen Abend, diesen Augenblick.

Ich kam zu dem Schluss, dass meine Vormittage im Café ‚Ino mein Unwohlsein zwar verlängert, ihm aber auch eine gewisse Grösse verliehen hatten. (Patti Smith – M Train, S. 271)

Am nächsten Morgen müssen wir die Wohnung verlassen und suchen in der Nähe ein Café für das Frühstück. Das Nero ist nur zwei Strassen entfernt. Kunden stehen Schlange vor der Theke. Beim Blick in die Auslage wird rasch klar, warum. Als wir an der Reihe sind, stellen wir unser Frühstück individuell zusammen. Wir schmausen und freuen uns auf die nächste Etappe, in der wir zu Wurzeltouristen werden. Unser Tisch steht zwischen der Theke und der Treppe hinab in den Keller.
Für die polnische Bevölkerung war der Zutritt zum Café Nero, erfahren wir, während der deutschen Besatzung strikt verboten. Und dennoch befand sich – wenn man hier die Treppe runtersteigt, die damals versperrt war – im Keller unter dem Café der Sender des polnischen Untergrundradios. Von dort aus wurde, solange das möglich war, der polnische Widerstand kommuniziert

Erfüllt von dem Erlebten, den Eindrücken in diesen 38 Stunden in Warschau beginne ich, so ganz vom äussersten Rande her, mehr oberflächlich tastend als erkennend, einen Hauch polnischer Mentalität zu erahnen. Das Barometer der Neugier steigt.

                                                                               (Foto anklicken öffnet die Galerie)

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25 Gedanken zu „38 Stunden Warschau (eine Annäherung)

  1. Ich war noch nie in Warschau, aber seit der Wende mehrmals in Krakau – und es liest sich, als schriebst du über Krakau. Es doppelt sich vieles.Vor allem ist die Erinnerung an urgemütliche gründerzeitlich möblierte Gaststätten sofort wieder da. Musikalisch allerdings war’s nicht so prickelnd. Überall nachgesungene internationale Radiohits mal polnisch mal englisch mit mehr oder weniger unterhaltsamem Akzent. Jazzrock Fehlanzeige.
    Musikalisch fand ich Tschechland unterhaltsamer. In Terezin (Theresienstadt) gabs eine Art Kellergewölbe mit Bierausschank und Heavy-Bedröhnung. Und wenn ich Bedröhnung schreibe, meine ich Bedröhnung. Mitten in der Altstadt. Da wollten sicher auch drumherum Leute schlafen! Die lockte uns schon einen Kilometer vorher an, wir waren 3 Fortbildungskollegen auf der Suche nach nem Schlummertrunk: Und dann saßen wir da – in diesem Verließ – das Halbrund des Gewölbes über uns schien die Growls geradezu zu bündeln und unsere Schädeldecken eindrücken zu wollen. Es passte so sehr gut zum eben durcheilten Tagespensum: erst deutscher Horror, dann tschechischer Horror, die Traumata der diversen Nachgeborenen, der äußerst beschämende Stand der Aufarbeitung und nun eben: Gwaaaaarrrrr und Bratzgitarre satt. :Unterhaltung war nicht möglich. Die sehr junge Kellnerin erhob sich gelangweilt hinter dem Thresen, stellte jedem einen halben Liter hin und hockte sich wieder in ihr standby. Hochsteckfrisur; keine Ohrstöpsel. Ich schwankte zwischen Mitleid und Bewunderung. 2 halbe Liter lang hielten wir das aus und erreichten schließlich (ohne Tinnitus!) das Freie.Wiederholten das aber am nächsten Abend wieder.

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    • In jenem Land war ich noch nie. Da hindert mich etwas. Vielleicht ist Kafka an allem Schuld, oder es liegt an dem langsamen Sterben Adalbert Stifters. Pilsner Urquell, das ja.
      Halt, ich war doch schon mal drüben. Das war in Hřensko (Herrnskretschen), gleich hinter Bad Schandau. Pension Lugano.
      Da waren wir auf dem Vietnamesenmarkt. Wären fast in dem Labyrinth von fest gebauten Räumen hinter den Ständen verloren gegangen.
      Üblen Schacheren sind wir da begegnet.
      Das wäre auch eine wirre Geschichte wert.
      Der Palatschinken im Lugano übrigens war der beste, den ich je zu mir genommen habe…..

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    • Gerne, ich muss all das Erlebte ja auch wieder irgendwie loswerden. Was ich positiv meine.
      Allerdings brauche ich mehrere Stunden für jeden einzelnen Bericht und die Musen küssen nicht auf Kommando, jedenfalls mich nicht 😉

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      • Ja, Musen sind eher ein unzuverlässiges Volk und wollen gebeten sein … und Bilder bearbeitet.
        Ich habe erfreut festgestellt, dass ich die richtige Vermutung hatte, in welche Richtung Sie Ihre Reise führen würde, darf ich jetzt schon einmal vorgreifend fragen, ob Sie auch die polnisch/russische Grenze überquert haben?
        Moin aus Hamburg
        Christiane

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  2. So habe ich Polen erlebt!
    Voller Erinnerungen an seine Geschichte, voller kulinarischer Versuchungen.
    An den Straßenrändern Buden, in denen frische, einzigartige Waffeln angeboten wurden. Belegt mit dick Schlagsahne und noch dicker frischen Him- oder Blaubeeren.
    Für einen DDR- Bürger ein Wunder.
    Auf den Feldern Bauern, die noch den ganzen Tag auf dem Feld waren, aber Zeit für ein Mittagsschläfchen im Baumschatten fanden.
    Und was wäre das Leben ohne Sandmann? Wer könnte je ETA Hoffmann vergessen?

    Gute Träume möge er Ihnen bringen, Ihre Arabella

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  3. Das ist übel gut geschrieben.
    Der Schwabe würde es mit „kann man lesen“ durchwinken.
    Chopin hab ich erwartet, obwohl der eigentlich von den Franzosen geklaut wurde, aber nicht im Freibad. Aber gäbe es kein Polen, dann gäbe es keinen Chopin.
    Irgendwie haben sie uns den Helm nach Westen gedreht.
    Und das war nicht immer so.

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  4. Toll! Wie immer ein Bericht, der zum Auch-erleben animiert! Tolle Fotos und inspirierende Worte!
    Meine Hoffnung, dass Sie Ideen für Prag haben könnten, schwinden mit obrigem Kommentar 🙂

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    • Vielen Dank, Frau Lila.
      Die Tschechei steht schon noch auf meiner Liste. Es könnte jedoch gut möglich sein, dass ich vorher noch Portugal oder Andorra besuchen werde. Oder Norwegen,
      Es gibt in Lummerland eine Eghalanda Gmoi, da kenne ich einige Leute persönlich. Das hat für eine Vorprägung gesorgt 😉

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  5. Höchst anschaulich, beinahe, als wäre man selbst dort gewesen. Im Cafe sitzen, in Kladden notieren, flanieren, nicht bewertende, nur informierende Erinnerungskultur sehen, das hätte mir auch gefallen.
    Spezialfrage: ab wann war es unmöglich, in diesem Cafekeller weiter zu machen mit dem Senden der Widerstandssachen? Gibt es darüber was Genaues? Sonst müsste man sich Übles überlegen, was sicher eh der Fall war.

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    • Wehrmacht und SS haben Warschau nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto im Mai 1943 begonnen, die Stadt systematisch zu zerstören.
      Dabei wurde 1944 auch das Gebäude, in dem sich das Café Nero befindet zertört.
      Nehmen wir für die polnischen Radiomacher also das Beste an: das Gebäude wurde erst nach Sendeschluss zerstört.

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  6. Noch ein wenig hier senfen:
    Ihr Text und vielmehr die Bilder erinnern mich natürlich an die klassischen Probleme in der Kesselstadt und den Neckar bis Heidelberg. Bomben über Bomben, die noch Generationen beschäftigen werden. Keine Bauarbeiten, und die gibt es hier zuhauf, ohne Probleme, immer wieder mal Räumungen. Selbst unter bestehenden Gebäuden gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass noch Bomben gefunden werden.
    Ich habe heute ein Interview mit Edgar Selge gelesen (im Stern, das war die beste Alternative zwischen Freundin und Schöner Wohnen, als ich beim Zahnarzt saß), der nach dem Krieg einen Bruder verloren hat, durch eine gefundene Handgranate. Da war mir die verlorene Altlast im Gebiss doch lieber.
    Altlastenfreie Grüße aus dem Bombenlager.

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    • Und dennoch gibt es einen gewaltigen Unterschied.
      In Frankfurt wurde schnell aufgebaut um des ökonomischen Zwecks, sprich des Profits wegen.
      Und auch in Stuttgart, Heilbronn, Köln, Hamburg…. Nürnberg und München bieten schwache Gegenbeispiele.
      In Mitteleuropa – und Polen ist Mitteleuropa – war die Kultur wichtiger. Deshalb strahlen polnische Städte, oder auch Prag oder Budapestihre alte Schönheit wieder aus.

      (gleich wird George Thorogood – 2120 South Michigan Avenue (2011) aufspielen)

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      • Wenn man bedenkt, dass in einem abgewirtschafteten Stuttgarter Viertel der Jugendstil groß dabei war und das heute kaum mehr einer weiß. Traurig. Da fällt mir ein, ich wollt‘ mal nach Darmstadt, ich glaub die Frau Karin hat mich da drauf gebracht…
        Straßbourg oder Darmstadt, das ist hier die Frage!
        (Tatort – Startmelodie, wird gerade als Klingelton fürs Handy aufbereitet…)

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        • Unseren Vorfahren wurden geschickt die Köpfe mit Scheuklappen versehen und nach Westen gedreht. Das haben wir und die nachfolgenden Generationen nun davon.
          Irgendein Historiker sagte mal, dass man für verlorene Kriege hundert Jahre lang zahlen muss. Oh, dass ich länger lebte.

          Ach, Sie haben auch diese Melodie an der Handfessel? Ich glaube ja nicht an Zufälle 😉

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          • Ja, tatsächlich. Schon seit Jahren. Da ich beruflich aber nun ein amerikanisches Produkt aus chinesischer Fertigung erhalten habe, tat ich mich ein wenig schwer, dies wieder draufzubekommen, aber ich habs geschafft.
            Ich finde das absolut passend und der Wiedererkennungswert ist sensationell.
            So jetzt gibts zur Belohnung noch Michael Wollny mit seinem Weltentraum.

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