Erlebnisse westwärts (eine Annäherung)

Am 11. Mai, während der Reise feierte ein Kleiner seinen 75. Geburtstag, der für mich seit Jahrzehnten einer der Grössten geblieben ist: Eric Burdon – Til your River runs dry (2013)…

Zu lange an diesen ruhigen Orten bewegt die Gedanken hinüber in Bereiche kreatver Fantasie. Wenn es hier derart preisgünstige Privatquartiere gibt, dann wäre doch einer dieser sagenumwobenen Winteraufenthalte möglich. Sagen wir, vie Monate, eingeschneit. Spintisieren, fabulieren. Zum Glück taucht da rechtzeitig die Frage auf, ob unter diesen tiefwinterlichen Wetterlagen überhaupt noch eine Internetverbindung zuverlässig funktionieren würde.

Der Weg nach Westen. Das Land wird flacher und die Alleen länger. Tagsüber bei über 20° und sattem Sonnenschein zu reisen, das macht Vergnügen. Das Frische Haff ist nah aber noch nicht zu sehen. Wir fahren an Eblag (Elbing) vorbei, denn wir wollen auf der Frischen Nehrung eine Pause einlegen.
Zuvor müssen wir die Weichsel überqueren. Dass es ein grösserer europäischer Fluss sein soll ist mir aus dem Geografieunterricht erinnerlich. Und auch hier muss ich meine Vorstellung hinsichtlich der Grösse, und jetzt auch der Breite korrigieren. Wir müssen auf die Fähre warten, die am anderen Ufer liegt. Am diesseitigen Ufer erinnert eine Tafel an den Todesmarsch von Gefangenen des Konzentrationslagers Stutthoff ganz hier in der Nähe. Am 25. und 27. April 1945 wurden 4360 Menschen jeden Alters hierher getrieben, um anschliessend mit Schiffen nach Westen verbracht zu werden.
Bei der Fähre am anderen Ufer tut sich nichts. Feste Fahrzeiten sind nicht angezeigt.

Ich habe den Schnee auf das Meer fallen sehen und bin den Spuren eines lange schon toten Wanderers gefolgt. (Patti Smith – M Train, S.271)

Im Warten erinnern wir uns an die junge Frau und ihren Brief, von dem wir eine Kopie dabei haben. Den schrieb sie auf ihrer Flucht an ihre in Polen verbliebenen Eltern. Sie arbeitete bei den Vorfahren, deren Anwesen wir einige Tage zuvor aufgesucht hatten. Auf dem Gut hatte man Vorbereitungen getroffen und einen eigenen Treck zusammengestellt. Man versuchte Ende Januar 1945 etwas weiter stromaufwärts die Weichsel über eine Brücke zu überqueren. Lange Verhandlungen mit Soldaten, denn die Brücke durfte nur von der Wehrmacht passiert werden. Der Gutsherr erhielt schliesslich die Genehmigung zur Passage. Am anderen Ufer angekommen, sah sich die junge Frau alleine mit ihrem Chef, denn sonst wurde niemand über die Brücke gelassen. Der Treck war auseinandergerissen worden. Das Futter für die Pferde und die Lebensmittelvorräte waren dadurch verloren. Aber es half kein Warten, kein Zögern, die Zeit drängte, der Weg ging westwärts. Jetzt.
Endlich tuckert ein Schlepper längsseits an die Fähre. Der schiebt die Fähre, die über keinen eigenen Antrieb verfügt, über die Weichsel. In der Mitte des Flusses beindruckt der mächtige Strom mit seiner ganzen Grösse.

Das Frische Haff ist fast ein kleines Meer für sich. Die schmale Nehrung trennt das Haff von der Ostsee, lediglich an einer Stelle befindet sich eine kleine Öffnung und gibt den Weg frei vom Haff auf die offene See. Durch den Dünenwald aus Kiefern und Birken fahren wir nach Krynica Morska (Kahlberg). Die meisten Etablissements sind noch geschlossen, erst während der Sommermonate herrscht hier Hochbetrieb. Wir rasten kurz, denn unser Tagesziel ist Debki (Eichberg), wo wir die wenigen verbleibenden Tage verbringen wollen. Von dort aus besuchen wir einige sehenswerte Orte.

Zuerst Danzig. Auch diese im Krieg völlig zerstörte Stadt wurde ebenso wie Warschau komplett wiederaufgebaut und restauriert. Heute ein Magnet des weltweiten Tourismus. Sollen wir auch das jährlich millionenmal fotografierte Krantor ablichten? Wir entscheiden, zuerst das Museum der Solidarność zu besuchen. Mithilfe europäischer Gelder ist hier ein imposanter Erinnerungsort für die Gewerkschaftsbewegung der Solidarność geschaffen worden. Das Museum bietet eine schier nicht zu bewältigende Menge an Artefakten und Informationen. Dabei ist alles medial so interessant aufbereitet, dass die Zeit im Flug vergeht.
Zwei Erkenntnisse gewinne ich durch diesen Besuch. Auch wenn inzwischen weltweit der Mauerfall als Symbol für den Niedergang des Ostblocks genannt wird, so waren doch die polnischen Ereignisse im Frühjahr 1989 ausschlaggebend. Und die Errichtung des Runden Tisches fand dort bereits ein halbes Jahr vor dem Mauerfall statt.
Ich erinnere mich noch an die teilweise unschönen Witze über den polnischen Papst. In der Tat ist da auch heute noch Kritik an manchen seiner Entscheidungen berechtigt. Andererseits hat dieser Mann bei einem Besuch in Polen auf einem Gespräch mit Lech Wałęsa, dem Vorsitzenden der Solidarność bestanden. Und das gegen sowohl gegen den eindringlichen Rat von Seiten des Vatikans als gegen den Wunsch der polnischen Regierung. Doch Karol Józef Wojtyła bestand darauf und durch dieses Gespräch der beiden Männer wurde im tiefkatholischen Polen die Gewerkschaft Solidarność  praktisch unangreifbar für die herrschende Partei.
Stunden um Stunden verbringen wir im Museum, sodass ein anschliessender Rundgang in Danzigs Innenstadt entsprechend kurz ausfällt.
Der Rückweg ins Quartier führt vorbei an Sopot (Zoppot). Sopot ist heute fast eine Vorstadt von Danzig. Um die Wende zum 20. Jahrhundert war Sopot der luxuriöseste Badeort an der Ostsee. Die Pracht ist noch immer sichtbar. Ganze Strassenzüge mit mondänen Jugendstilvillen zeugen davon und entlang der Strandpromenade reihen sich noble Hotels. Der feine Seesteg soll mit über fünfhundert Metern der längste der ganzen Ostsee sein.
In Sopot wurde Klaus Günter Karl Nakszynski geboren, besser bekannt unter dem Namen Klaus Kinski. Man mag zu seiner Person stehen wie man will, als Schauspieler war er beeindruckend. In seinem Geburtshaus soll sich ein kleines Museum und ein Café befinden. Es ist geschlossen. Ein Blick durch die Fensterscheiben legt die Vermutung nahe, dass ein Besuch nicht besonders lohnt. Eine lange Theke sieht eher nach einer Bar aus und die Plakate von Kinskis Filmen an den Wänden machen noch kein Museum.
Für den kommenden Tag steht ein Besuch in Łeba (Leba) auf dem Programm. Dort befindet sich die Dünenlandschaft mit der höchsten Wanderdüne Europas, der Łącka Góra (Lontzkedüne).

                                                                          (Foto anklicken und die Galerie öffnet sich)

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41 Gedanken zu „Erlebnisse westwärts (eine Annäherung)

  1. Guter Papst, der wusste wohl genau, warum er auf dem Gespräch bestand – und ich danke für diese kleine Berichterstattung, wobei dies und andere Ostdinge, z. B. die Größe des Flusses, einem vor Augen geführt wird! Diese Art des Reisens würde ich unbedingt bevorzugen, noch vor jedem Studiosus- oder sonstigem Vereinsreisen. Darum auch lese ich diese Berichte so gerne!
    Gruß kurz nach dem Einschalten der Nachtlampen

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  2. Sehr schön. Mein Schwiegervater legt und Polen als Reiseland sehr and Herz. Nach Ihren Beschreibungen sollten wir es einplanen.

    Heute hätte ich bei WWM eine Frage aufgrund Ihres Blogs beantworten können. Es ging um den schwarzen Berg.

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  3. Im Oktober 1980 schloss die DDR die visumfreie Einreise nach Polen.
    Die Volksrepublik Polen war zu frei geworden.
    Noch mehr Enge konnte kein Mensch mehr wirklich ertragen.

    Waren die vorher noch möglichen Kontakte in einen „Sozialismus“ der mehr als aufgebauschte Lügen zu bieten hatte möglich, wurde es im Honeckerreich unerträglich eng.
    In Polen begann die eigentliche Perestroika.

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    • … und in Ungarn und in der Tschechoslowakei… Vom ungarischen Aufstand sah ich nur die Flüchtlinge, mit einigen befreundete ich mich im ersten Tübinger Studienjahr. In Prag war ich zur Zeit, als Novotny noch herrschte. Eine grausam erstickende Atmosphäre, Hoffnungslosigkeit, Melancholie, Korruption ohne Ende. Dann kam der kurze wunderbare Prager Frühling. Sicher wurde er erstickt, doch etwas blieb, ein Aroma der Freiheit, und zog weiter nach Polen. So habe ich es in Erinnerung.
      Und heute? Wohin gehen diese Länder?

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      • Ich kann mich erinnern, dass die kommunistischen Versionen von Polen und Rumänien die aus meiner Sicht bedrückendsten Länder waren. Ich erinnere mich, dass ein ungarischer Cousin, der öfter auf Geschäftsreise nach Polen fuhr, erzählte, dass es in Polen extrem deprimierend wäre. Ungarn sah ich nicht so negativ, da habe ich Verwandte, da erlebte ich etwas mehr Leben und Fröhlichkeit, die Städte des damaligen Jugoslawiens waren auch unendlich grau, aber da fuhren wir nur durch, ans Meer und von dort habe ich nur Urlaubserinnerungen …

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        • Ich kann Ihren Kommentar nachvollziehen. Wir Nichtbürger der genannten Staaten hatten alle so die Bilder im Kopf, die uns vermittelt worden sind. Und was haben wir denn wirklich gesehen beim Durchfahren, im Urlaub. Was haben Verwandte den Kindern oder Jugendlichen, die wir waren, denn preisgegeben an erlebter Wirklichkeit? Bleiben noch die Eindrücke aus den Erzählungen anderer Menschen. Das ist nicht viel…

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    • Ich danke Ihnen für Ihren erweiternden Kommentar. Ich möchte noch hinzufügen, dass vor der Einführung des Kriegsrechts in Polen im Jahr 1981 E. Honnecker im Kreml das Angebot unterbreitete, mit seiner Armee gegebenenfalls auf Warschau zu marschieren.
      Im Kreml wurde das Angebot dankend abgelehnt. Eventuell war dort einigen Funktionären noch der letzte deutsche Einmarsch in Polen erinnerlich.

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  4. Hallo, Herr Nachbar…. viiiielen Dank fürs Mitnehmen auf die schönen Reise.
    Viele tolle Erlebnisse wünsche ich noch und vor allem nicht solche schlimmen Unwetter wie wir sie hier gerade haben.

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  5. Schön, sehr schön, wie Sie uns mitnehmen in das Land meiner Grosseltern, das ich doch auch noch bereisen möchte. Ich war erst einmal in der Nähe von Gdansk …
    herzliche Grüsse und weiterhin gute Fahrt
    Ulli

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    • Aah, Sie haben den Zug nicht verpasst und sind unterwegs aufgesprungen. Fein!
      Darf ich Sie darauf hinweisen, dass meine Berichte ab dem 15. Mai hier im Blog erschienen sind.
      Auch Ihnen danke für den Gutefahrtwunsch – die Reise wurde allerdings bereits vor zwei Wochen beendet.
      Macht aber nichts, ich hebe ihn auf für die nächste Reise.
      Nachmittägliche Grüsse
      Herr Ärmel

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  6. Sehr dokumentarisch heute das begleitende Bildmaterial *g*, aber das Frische Haff reißt es wieder raus. Sagenhaft.
    Ein paar mondäne Villen wären aber auch nicht übel gewesen 🙂

    Und der Herr Nakszynski war zweifelsohne ein völlig Wahnsinniger, ob er auch ein Genie war mag ich nicht beurteilen. Aber besser drei Nakszynskis als einen Kaczyński.

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  7. Der polnische Papst… Auf dem Konzil war er Kardinal und mithin stimmberechtigt – aber er hat den Mund nicht aufgemacht. Das war vermutlich auch besser so. Theologisch war er eher schwach – auf eine andere Art als der aktuelle Erste Diener, dessen theologische Lapsus sein Umfeld zur Verzweiflung treiben. Politisch dagegen ein helles Licht. Auch seelsorgerisch soll er große Qualitäten besessen haben.
    Der „deutsche Papst“, um das Sprachfeld nicht zu wechseln, war bzw. ist dagegen das Gegenteil: theologisch eine Koryphäe weit über die Grenzen seiner Kirche hinaus, in Sachen Politik dagegen quasimodogeniti, wie die neugeborenen Kindlein: naiv und unschuldig und zu keiner List fähig… und völlig von den Ränken überfordert, die da geschmiedet werden.

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    • Ich danke für die erweiternden Hinweise.
      Den „deutschen Papst“ habe ich garnicht für so unpolitisch gehalten. Immerhin war er jahrelang Präfekt der Glaubenskongregation und hatte klare Ansagen gegen z.B. die progressiven Bestrebungen der Kirche von unten in Südamerika. Das hat in Südamerika Wirkung gezeigt.
      Derart politisches Handeln verliert man doch nicht als Papst….

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      • Mit der Zeit und der Lektüre einiger Texte Ratzingers aus verschiedenen Zeiten bin ich zu der Ansicht gelangt, dass diese Interventionen, soweit sie nicht das theologische Feld betrafen, nicht vom Präfekten der Glaubenskongregation aus eigener Initiative und Entscheidung geführt wurden, sondern auf Befehl von oben. Das gilt beispielsweise auch für das Verbot der Beteiligung deutscher Kirchengemeinden an der Schwangeren-Konfliktberatung mit Zertifikat.
        Und auch da zeigt sich das politische Kalkül des Papstes (Johannes Paul II.): unpopuläre Entscheidungen verkündet er nicht selbst, sondern schickt einen seiner Beamten vor. Den kann man schließlich austauschen, wenn die Kritik zu heftig wird. Und ein gehorsamer Beamter war Ratzinger – sonst hätte er die Wahl des Konklave nicht angenommen.

        Der damals noch recht junge Ratzinger dagegen ist quasi (Mit-)Autor der Konzilstexte, die in der Kirche eine Revolution auslösten und die Kurie als Machtapparat gerade auch in den Drittweltländern, wo sie wesentlich traditioneller auftritt als in Deutschland oder Frankreich, in schwere Krisen stürzte. Seine Suche gilt nicht der Macht, sondern der Wahrheit.

        Wohin Franziskus die römische Kirche führen will und wird, ist dagegen noch nicht ganz deutlich…

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        • Vielen Dank für die Erläuterungen. Der Vatikan und sein Personal zählen nicht zu meinem Fachgebiet, insofern kann ich nicht tiefergehend mitreden. Deshalb sind deine Darlegungen hilfreich.

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