Sandwelten (eine vorsichtige Annäherung)

Wir warten auf einen eindeutigen Frühling: King Crimson – The ConstruKction Of Light (2000)…

Die Ostsee wurde mir ein fremdes graues Meer während eines verregneten Sommerurlaubs in Schleswig-Holstein. Zwar hatte ich sie vorher bereits einmal auf einer Fähre überquert, damals war es lediglich eine zu überquerende Wasserfläche, die mich vom Reiseziel in Finnland trennte.
Diese Ansicht hat sich grundsätzlich geändert als ich kurze Zeit nach dem Mauerfall in Rügen gewesen war. Dort sah ich eines Morgens eine tiefblaue Ostsee und der Sonnenaufgang beleuchtete die Kreidefelsen von Kap Arkona in den betörendensden rötlichen Farbtönen. Seitdem ist mir die Ostsee sehr liebgeworden.
Vor einigen Jahren stiess ich auf den alten Bildband „Wanderdünen“ der Fotografin Erna Lendvai-Dircksen. Die grobkörnigen Schwarzweissaufnahmen sind einmalig. So entstand der Wunsch, diese besondere Landschaft selbst einmal sehen zu wollen.

Die letzten Reisetage verbringen wir in der Küstenlandschaft an der Ostsee. An weissen Sandstränden spazieren, die pommersche Küche geniessen, entspannen, Abstand nehmen von den vielfältigen Begegnungen mit der Geschichte, das Erlebte reflektieren und letztendlich natürlich auch fotografieren
Wir fahren morgens nach
Łeba (Leba). Ein kleiner, wie aus der Zeit gefallener Fischerort mit stillen Strassen und romantischen Winkeln. In der Hochsaison wird das freilich anders sein, davon zeugen die Pensionen und Hotels. In  Łeba lebte und arbeitete der expressionistische Maler Max Pechstein von 1921 bis 1945.
Westlich des Ortes beginnt die einzigartige Dünenlandschaft, die zum UNESCO Weltnaturerbe gehört. Die Wanderdünen schieben sich, von den Windverhältnissen getrieben, seit Jahrhunderten langsam in östlicher Richtung. Die höchste Düne ist die Lontzkedüne mit einer Höhe von über vierzig Metern. Sie wandert jedes Jahr je nach den Windverhältnissen um bis zu zehn Meter nach Osten. Das heutige Łeba ist eine Neugründung, denn das ursprüngliche Dorf wurde vor mehreren hundert Jahren bereits unter der Düne begraben. Ebenso geschieht dies auch der Küstenbewaldung. Im Lauf der Zeit ersticken die Bäume im Sand und an vielen Stellen ragen nur noch die bizarr skulpturalen Überreste einst mächtiger Kiefern oder Birken aus dem Sand.
Das Dünengebiet erstreckt sich etwa dreissig Kilometer weit bis nach Rowy (Rowe). Wir parken das Auto am Ortsrand von Łeba und kaufen die Eintrittskarten für den Besuch der Dünen. Da wir lieber am Strand laufen wollen als die etwa sechs Kilometer zur Düne zu Fuss zurückzulegen, lösen wir gleich noch die Fahrkarten für die kleine Elektrobahn, die zwischen dem Eingang zum Naturpark und der Düne pendelverkehrt
Möchten Sie auch das Raketenmuseum besuchen? Ich denke an einen polnischen militärgeschichtlichen Erinnerungsort und lehne dankend ab. In den 1960er wurden hier Raketen zur Höhenforschung abgeschossen. Wir sind jedoch in Polen und da ist die deutsche Geschichte nie allzu weit entfernt, denn später erfahren wir, dass hier die Flugabwehrraketen vom Typ Rheintochter getestet und abgeschossen worden sind.

Es liegt in der Natur von Bildern, zu verschwinden und plötzlich wieder aufzutauchen, zusammen mit der Freude und dem Schmerz, die wir mit ihnen verbinden, wie klappernde Blechdosen hinter einem altmodischen Hochzeitsgefährt. (Patti Smith – M Train, S.300)

Wir erblicken die ersten Bäume, die von der unablässig wandernden Sandmasse langsam erstickt werden. Hier und da zeigen sich noch letzte Spuren von Wachstum, von anderen Bäumen sind nur noch Gerippe erkennbar. Steil steigt der Trampelpfad zur Lontzkedüne hinauf. Das Gehen im weichen weissen Sand strengt dabei zusätzlich an. Oben angekommen, meint man eine andere, fremde Welt betreten zu haben. Nicht umsonst wird dieser Teil der Dünen die polnische Sahara genannt. Unaufhörlich weht hier oben der Wind. Wir haben Glück mit dem Wetter, deutlich über 20° und hellster Sonnenschein. Da ist die Brise angenehm, denn das Gehen auf dem lockeren Sand wird mit der Zeit schweisstreibend. Im Sommer kann der Sand leicht bis zu 50° heiss werden.
Viele ältere Touristen sind unterwegs, die meisten aus Deutschland. Dazwischen tummeln und vergnügen sich einige Schulkassen mit ihren Betreuern. Einzelne Gebite sind zum Schutz der Natur abgesperrt aber es bleibt dennoch genügend Platz für alle Besucher.
Die Entfernung zwischen der Lontzkedüne und der See mag einen Kilometer betragen. Landeinwärts wird die Bedrohung des Waldes deutlich sichtbar. An manchen Stellen fällt die Sandmasse fast lotrecht gegen den dichten Wald ab. Ich frage mich, ob der Waldboden mit seinen üppigen Blaubeersträuchern bei meinem nächsten Besuch noch zu sehen sein wird.
Ich überquere die Düne sehr gemächlich, denn mit fast jedem Schritt ergeben sich neue Panoramen. Die schnell ziehenden Wolken lassen überdies ständig neue Schattenspiele sehen. In der Sonne ist das Licht gleissend hell. Die Kontraste machen die Strukturen im Dand stellenweisse unsichtbar. Der Sand ist so fein, dass ihn die Brise sogleich von der angehobenen Handfläche weht. Und wer sich auf den Bauch legt, kann sehen, dass ein ewiger Flugsandflimmer über den Boden gleitet. Ich möchte gerne einmal während eines kräftigen anlandigen Windes hier sein. Ich stelle mir ein fantastisches Schauspiel vor. Dann allerdings ohne Kamera, denn schon jetzt mahnt der Flugsand zur Vorsicht im Umgang mit dem optischen Gerät.

Auf der anderen Seite der Düne erlaubt ein schmaler Einschnitt den Abstieg zum breiten Strand. Wo eben noch die tricherförmige Vertiefung eines Schuhs zu sehen war, ist kurz darauf nur der wellenförmige Sand zu sehen. Bretthart wird dann der Boden. An windgeschützteren Stellen liegen Myriaden von glattgeschliffenen Flippsteinen. Auf den Sandwellchen flitschen die Steine elastisch über weitere Strecken als auf dem Wasser.
Die Blicke schweifen frei über den breiten Strand, hinaus über die Ostsee oder in das Sandmeer der Dünenlandschaft. Himmel und Horizont scheinen nur wenige Schritte entfernt von der geahnten Unendlichkeit.

Wie vorher bereits geschrieben, entgeht man der deutschen Vergangenheit in Polen schwerlich. Im Dünengebiet von Łeba wurden jene Soldaten ausgebildet und trainiert, die dann später in Nordafrika verheizt worden sind.

(Foto anklicken zur Galerie. Rechts unten auf „Bild in Originalgrösse“ klcken, machts noch grösser. Und F11 dann nochmals)

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22 Gedanken zu „Sandwelten (eine vorsichtige Annäherung)

  1. lieber Herr Ärmel, es ist ein genuss, ihre reisebeschreibungen zu lesen und die fotos anzuschauen! auch habe ich mich über den „wirtshaustipp“ gefreut (wirtshaus zum hund).das wäre glaub ich eine extra-reise wert. vielen dank für die informativen und wohl reflektierten berichte mit den Patti-Smith-Zitaten!
    herzliche grüße
    Sylvia

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  2. Beeindruckendes Gedüns und passende Fotos davon, ganz besonders Licht und Schatten (das erste) gefällt mir extrem gut. Das einzige was nicht so recht zur Sahara passt ist der Himmel, von so etwas träumen die da unten.

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  3. Bizarr diese toten oder noch lebenden Bäume, die aus dem Sand wachsen und dieser wolkige Himmel zu der wüstenartigen Landschaft… Und ganz tolle weiß-beige-grau-Strukturen …… sehr schön

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  4. Darf ich mir erlauben, Sie ein wenig zu korrigieren. Die Bäume nicht aus dem Sand. Der Sand erstickt sie langsam. Das, was da noch aus den Ästen getrieben wird, ist das letzte Aufbäumen. (Besserwissermodus aus)
    Ich habe inzwischen neuere Informationen und wünsche mir doch sehr, so bald wie möglich nochmals an diesen sonderbaren zurückzukehren.
    Und dann werde ich dort fotografieren 😉

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    • Ich bin bei den Wikidemikern zwar notorisch vorsichtig, aber ich zitiere hier die Karl-May-Wiki:
      „Die Dreharbeiten der nur 18-köpfigen Crew begannen Mitte September 1935 in Ägypten. Die einzelnen Drehorte lagen 200 Kilometer und mehr um Kairo herum. Ende 1935 kehrte man nach Deutschland zurück und drehte in Berlin-Johannisthal die Atelieraufnahmen.“

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        • Ohne deinen Kommentar hätte ich nicht mal gewusst, dass es Karl May auf Zelluloid vor Lex Barker und Pierre Brice überhaupt schon gegeben hat. Aber was weiss ich auch schon von den wirklich wichtigen Dingen im Leben 😉

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  5. Sehr geehrter Herr Ärmel,
    da sind wir uns ja beinahe begegnet…ich war auch in dieser Gegend und kann nur zustimmen…der Stand ist herrlich und ich glaube noch nie zuvor so ein magisches Himmelblau gesehen zu haben wie dort…Mich zog es dann bis zur Spitze der Halbinsel …ein von Bunkern durchzogenes Gebiet…in der Nebensaison sehr einsam und dann steht man dort und denkt während die Ostsee gemächlich auf einen zurollt : Hach …jetzt stehe ich am Rande der Himmelsscheibe und falle gleich hinunter 🙂
    ( PS : Die Stadt selber ist nicht schön, kein Wunder, da steht nach all den Verwüstungen nicht mehr viel Altes …und PPS : s.mein Blog 25.4.15 und 22.5.15…hoffe die Fotos gefallen )
    Beste Grüsse von der Katerkant, der Berufsknipser Jürgen

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    • Aber auch nur beinahe sind wir uns begegnet, denn wir können zwar einen Bruchteil der Zeit festhalten, aber nicht den kleinsten auch nur annährend überspringen. Schönen Dank auch für den Hinweis auf Ihre beiden Reisen. Auf der Halbinsel sind wir nicht gewesen. Ein andermal vielleicht.
      Schöne Grüsse aus dem Bembelland vom Übungsfotograf,
      Herr Ärmel

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