Fünf acht zwölf statt 08/15

  Ich stelle mir vor, wie du unter dem Baum schläfst und ich sitze mit dem Rücken am Stamm, die Kopfhörer auf den Ohren:
Peter Michael Hamels Between & Gert Westphal – Hesse Between Music (1977)…

Was für eine Woche. Ich habe alle Termine derart angepasst, dass ein schneller Rutsch in die Uckermark möglich wird. Da schwirrt etwas in meiner Vorstellungswelt, das will beruhigt werden. Dann jedoch haben verschiedene Auftraggeber andere Pläne und alles ordnet sich neu und spontan. Mutanfälle sind allemal besser als Wutanfälle. Statt einer mehrtägigen Expedition zur Erkundung der Uckermark im äussersten Nordosten, entscheide ich mich für eine andere famose Grenzüberfahrt im nördlichen Bembelland. Das ist aber eine ganz andere Geschichte.

Mein ursprünglicher Beitrag war derart wütend, dass ich ihn dergestalt jetzt nicht mehr publizieren will. Zudem bin ich momentan ganz anders gestimmt. Eher zufällig schlendere ich abends über einen traditionsreichen Weinmarkt. Viele Buden und Stände, die alle am Rande meiner Welt liegen. Das übliche Geschacher. Und dennoch kann es auch an solchen Orten nützlich aufblitzen. An einem Stand  werden Schilder angeboten mit gewollt witzigen Sprüchen drauf. „Nichts ist so gerecht verteilt wie die Intelligenz – jeder denkt er hat genug davon.“ Ein Spruch, der mich zutiefst beunruhigt, weil mir viel dazu einfällt, was daraus alles entsteht Tag für Tag und weltweit.

Die anwerfende Verführung, eine Zigarette zu rauchen, ist so gross, dass ablenkende Gedanken als Gegenmittel angeraten sind. Die Packungsbeilage des Lebens. Wenn in Krisenzeiten die Gedanken gerne unbeaufsichtigt Achterbahn fahren, darf man abstrus scheinenden Ideen vertrauen. Sagen wir vierzig Jahre. Pro Tag über die Jahre gerechnet etwa 1,75€ bei einem durchschnittlichen Konsum von etwa zwölf Einheiten pro Tag. Nicht eingerechnet sind dabei die Hilfsmittel wie Zündmaterialien, Schnitt- oder Stopfwerkzeuge, Aufbewahrungsutensilien und Kurzfristentsorgungsbehälter. Nach vierzig Jahren werden auf diese Weise an die 30.000 Euro verraucht. Knapp gerechnet. Welch famoser Gedanke, wie einfach durch Nichtstun Geld zu verdienen ist.

Barroso – erinnert sich noch jemand an den Mann? Kennt noch jemand seine letzte Position? Von 2004 bis 2014 war er Chef der Europäischen Kommission. Vor einigen Tagen las ich Gemunkeltes in verschiedenen Medien. Barroso in leitender Stellung in den USofA. Inzwischen ist es offiziell. Barroso steigt bei Goldman-Sachs (In Fachkreisen treffend auch Goldman-Fucks genannt) ein. Sie erinnern sich? Das ist eine us-amerikanische Bank und Spekulantenorganisation, deren Hauptaufgabe darin besteht, in anderen Ländern für Unruhe zu sorgen. Wenn beispielsweise Europa zu stark wird, kann man Keile treiben. Man kann dafür „arbeiten“, dass Länder wie Portugal, Spanien oder Griechenland an den internationalen Kapitalmärkten diskreditiert werden. Stopp, das fand ja noch unter der Herrschaft von Draghi statt, der hatte ebenfalls für dieses us-amerikanische Geldunternehmen gewirkt. Der Draghi ist jetzt Chef der EZB, der Europäischen Zentralbank. Und nun also der Barroso andersrum aus Europa über den Atlantik. Aktuell erfahre ich, dass dem Barroso der Wind entgegenbläst.
Diese Typen sind es, die Europa kaputt machen und nicht die Engländer, die aus der EU raus wollen. Die meisten englischen Eliten fühlten sich ohnehin nie als Europäer und wollten auch nie wirklich eine Mitgliedschaft. Wobei, die finanziellen Vorteile, die Brüssel für ein Mitgliedsland bietet. Und natürlich für die Mitarbeiter der Kommission. Na hör´ mal, du wirst doch da jetzt nicht kleinlich werden und auf die Moral pochen.

In den USofA sind die Gefängnisse privatisiert. Das bedeutet, dass sich lange Haftstrafen für die Investoren rentieren. Mehr jedenfalls als für die Insassen. Dem Magazin Brand Eins (Ausgabe 1/2016) entnehme ich fogende Zahlen:
Zahl der weltweit inhaftierten Frauen und Kinder – 625.000 /// Davon in den USA inhaftierte Frauen, in Prozent – 32,19 (das sind etwa 211.000). Mich interessiert Europa jedoch viel mehr..

Jeder Mensch ist auf seine Weise verführbar. Die wahren, inneren Werte von Fünf-Sterne-Hotels, Acht-Gänge-Menus und Zwölf-Zylinder-Automobile sind denkbar gering. Sie zerrinnen wie Sand in den Händen derer, die ihr Vertrauen an materielle Güter hängen. Und das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Und Garagen schon garnicht. Dabei sagts die deutsche Sprache doch sehr deutlich: Irgendwann muss jeder einmal dran glauben.

Wenn die Liebe geht, was bleibt dann? Wenn wir zu einem Menschen sagen: ich liebe dich, wen oder was meinen wir dann genau mit unseren Worten? In dem Wort Gemeinsamkeit steckt die Einsamkeit. Und im Dich das Ich.
Machst du eigentlich noch was anderes, ausser Testfahren?
Ich bin Kinderarzt.
Was?
Eine Art Kinderarzt. In Genua hab´ ich mich von meiner Frau getrennt.
Das hab´ ich dich nicht gefragt. Du brauchst mir nicht deine Geschichte zu erzählen.
Was willst du denn wissen?
Wer du bist.                        (Aus: Wim Wenders – Im Lauf der Zeit)

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feines Wochenende.

                      (Fotos, bei einem Spaziergang mit lieben Menschen nebenbei aufgenommen in einer Stadt in der Nähe)

 

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28 Gedanken zu „Fünf acht zwölf statt 08/15

  1. Um den grossartig schummrigen Pub beneide ich Sie natürlich ein klitzekleinwenig. Pardon, ist der Platz neben Ihnen noch frei?
    Nicht beneiden kann ich Sie um einen untauglichen Bildschirm, da ich eine kleine, den Text illustrierende Bildgeschichte gewagt habe.
    Cheers!
    Herr Ärmel

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  2. Sehr guter Text…die Bilder erzählen eine eigene Geschichte…im Lauf der Zeit, ja, was wissen wir schon voneinander? Wir könnten mehr erfahren, wenn wir uns Fragen stellen und die Zeit nehmen, auf die Antworten zu warten. Liebe Grüsse vom Alpennordrand

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  3. Gibt es skeptische Wanderdünen? Wenn ja, Sie sind eine. Und zwar eine mit Kenntnissen und Belesenheiten, die so manchen zum Senkrechtstarter machen. Oder zum Tauzieher. Oder zum Stadtflanierer.
    Gruß, leider nicht von der Rosenhöhe, dennoch aus den frischen Landgärten (mein Gott, was habe ich mich abgemüht, diesen Kommentar hinzukriegen!)

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      • Da schwirrt etwas in meiner Vorstellungswelt, das will beruhigt werden.
        Nun schwirrt und schwebt es noch ein Weilchen!
        Den Wutärgerbeitrag, den verworfenen, hätte ich doch so gerne gelesen. Echt und authentischer Meister Ärmel, bevor er sich mit oder ohne Stimulanzien in den Ordentlichakzeptabelmodus zurückgefahren hatte, ach hach.

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        • Aber meine liebe Frau Wildgans, ich bitte Sie – einen ordinärinakzeptabel entfesselten Herrn Ärmel, dessen Texte würden eine zarte Dame wie Sie entsetzen…
          Gruss von der enthachten Fähre

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  4. Es ist ja schon alles gesagt, wie ich immer wieder feststelle, wenn ich spät komme und es vergesse erst zu kommentieren, statt erst zu kommentieren und dann zu lesen.
    Lieber Herr Ärmel, ich danke Ihnen, auch wie das eine von mir zu Ihnen geschwappt ist, obwohl es ja absolut Ihres ist 😉
    Mir gefällt der Balanceakt sehr!
    Herzliche Grüsse vom noch immer kühlen Berg
    Ulli

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    • Selbst wenn alles schon gesagt wäre, liebe Frau Ulli, es gibt Manches, was man ruhigen Gewissens mehrfach wiederholen kann.
      Balanceakte schätze ich auch – gelegentlich jedenfalls.
      Herzliche Grüsse aus dem nun wieder apriligen Bembelland,
      Herr Ärmel

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  5. Hui. Das Draghi-Baroso-Ding ist doch mal ein Detail, was klüger macht.
    Verschwörungstheorie selbstverständlich. Latent antisemitisch, weil „Goldmann“ involviert scheint.
    Nein. Beides sind natürliche Zufallskarrieren. Hach. Gottlob ist es so einfach Unangenehmes aus dem politischen Alltagsgeschäft zu verdrängen, wenn man fest im Glauben ist.

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    • Tja, muss man nur higugge. Gegen Brüssel schimpfen ist wie mit der Wasserpistole in die Luft sprühen.
      Wenn man jedoch nach den jeweiligen Karrieren der Kommissare und Macher recherchiert, dann fallen einem die Schuppen von den Scheuklappen… oder so…

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  6. Aha ! In meiner Heimatstadt flaniert. 😉
    Ganz in der Nähe der Mathildenhöhe bin ich übrigens aufgewachsen.

    Herzliche Grüße vom Exilhessen aus dem südwestfälischen Regenwald !

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    • Mensch Herr Pappenheimer, dich im nebelfeuchtdunkeldauerverregneten Regenwald zu wissen… wie ist das eigentlich, wie fühlt sich das an?
      Sträflingskolonien fallen mir ein, das alte Australien, St. Helena oder die Teufelsinsel gar….
      (Hoffentlich gelangt dies Kommentarkassiber auf deine Lichtung)

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  7. Eine tolle Kreation Herr Ärmel, wirklich wahr. Der Text und die Gugg-Foddos, klasse. Der Balancierer von 2 Seiten, klasse. Und die Verführbarkeit des Menschen, wie wahr, wie wahr. Aber wenn man es erkennt, ist es schon ein erster Schritt. Dann kann man es ja auch bewusst zulassen. Ich sag nur: Musik. Die Regale laufen über….
    Vielleicht noch ein Wort zum Barroso, ich hatte das auch gelesen, und man hört diese Dinge immer wieder, gerade auch die deutschen Politiker, die dann recht schnell in wichtige Positionen in der Industrie landen oder enden, je nachdem. Ob sie glücklicher sind, das ist eine andere Frage. Und da schließt sich der Kreis mit der Verführbarkeit wieder. Manches ist einfach falsch.
    Allerdings kommt man im Beurteilen gar nicht mehr hinterher, EM, Brexit, Hulk Trump, Nizza, jetzt die Türkei. Wer spricht noch von Orlando? Eine der ersten Meldungen die ich übrigens über die Türkei las, und die nicht nur die Türkei betraf, war die Meldung, Obama wäre informiert. Die Welt ist wie das Wurzelwerks des Kirschbaums in meinem Garten, unbegreiflich, nicht nachvollziehbar, ausufernd, die Details versteckt. Und gegossen wird er doch nur mit Wasser. Am Ende sind die Kirschen dann wurmig, der Nachbar sagt, das macht nichts.
    Wünsche Ihnen einen schönen Abend, äh Morgen.
    (Senor Coconut – Showromm Dummies)

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    • Ach, der gute Señor Coconut aus ciudad bembel – ewig nicht mehr gehört…
      Bei den täglich zu vernehmenden Katastrophen, sowohl aus der Welt Welt als auch dem Bekanntenkreis ist es am besten, sich in eigenen Musikalarchiv aufzuhalten. Bei geschlossener Tür und aufgedrehten Reglern.
      Ein trefflicher Kommentar – vielen Dank dafür!

      (Garland Jeffreys – Ghost Writer / 1977)

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  8. Stichwort: Privatisierung von US-Gefängnissen (bei uns gibt es glaube ich auch schon ein privates Gefängnis). Da habe ich vom Ehard Eppler ein Buch (sogar signiert!, nur finde ich es grad nicht *ggg*).

    Ich halte es für mehr als bedenklich, wenn eine ureigene Aufgabe des Staates in private Hände gelegt werden (die ja ihren Profit damit machen wollen, das sind ja keine barmherzigen Samariter).

    Und ich erinnere mich noch an Privatisierungswahn deutscher Städte und Landkreise in den 90er Jahren, habe das aus beruflichen Gründen selbst ein wenig intensiver mitbekommen … Der Schuß ging sehr häufig nach hinten los und statt der erwartetenden Einsparungen, war die Zeche dann nachher um etliches höher.

    Staatliche Vollzugsorgane sind nun wahrlich kein Hort der Tugendhaftigkeit, aber ein wenig mehr steuern und eingreifen kann man dann halt schon … Und wenn ich an das Gefassel von der Privatisierung von Wasser denke, wird mir schon wieder übel …

    Ansonsten ein herzliches Dankeschön für jene bewundernswerte Art und Weise, wie sie (Reise) Eindrücke schriftlich wie fotografisch vermitteln können.

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