Manchmal ein Schmetterling

Weil ich gestern mit mir im Reinen und glücklich war, will ich auch heute etwas dafür tun, dass es so bleibt:
2Cellos – Discover (2016). Aber schön laut, bitte sehr! …

Es gibt diese ganz bestimmten Bücher in meinem Regal. Vorsichtshalber nehme ich nur manchmal in seltenen Augenblicken der Stimmigkeit eines von ihnen aus dem Regal. Erinnerungen sind damit verknüpft. Auch seltene Träume wie der vom Schmetterlingsflügel in einer Seifenblase. Uneinlösbare Fantasien massloser Wünsche.
Aber jetzt in der Mittagspause sitze ich für einige Momente im Garten. Die hochsommerliche Hitze lindert ein kühler Wind. Ein Goldammerpärchen schabernackt im Feigenbaum neben mir. Am Blauhimmel ziehen schwere Wolkengestalten träge dahin. In den höheren Luftschichten haben es die federleichten Fadengewebe sichtlich eiliger.
Joseph Roth fällt mir ein, an den ich heute Morgen erinnert worden bin. Frühe Leseerlebnisse. Ein kleiner Schmetterling umachtert aufgeregt meine Beine. Irgendwer hat die Geräusche rundum ausgeschaltet. Die farbige Pracht der Blüten. Der Schmetterling, der sich keinen achtlosen Achter erlaubt. Alles stimmt. Meine Koffer sind weit weg, wohlverwahrt. Ich bin sicher.

Das Buch liegt neben mir auf der Bank. Es handelt von Schriftstellern und Hotels. Schön eingebunden ist es. Noch attraktiver ist der Inhalt gestaltet. Etwa neunzig wohlklingende Namen. Viele Fotografien. Informationen zu den Hotels und Zitate aus den Werken der Autoren in Fülle. Ich blättere im Register, suche nach dem Eintrag Roth, Joseph. Nippe auf den entsprechenden Seiten ein wenig an den Texten. Eher flüchtige Blicke auf die historischen, schwarz-weissen Fotografien.

Herr Roth, was um alles in der Welt hat sie angetrieben, sich schneller in den Tod zu trinken als ich zur Erde niedersteigen konnte. Ich will nicht glauben, dass mein Traum zu anmassend gewesen sein mag. Einmal nur Ihnen gegenüber sitzen in der Nr.33, Rue de Tournon, in Paris. Hôtel Foyot.
Ich hätte Ihnen jederzeit gerne nachgeschenkt, hätte auch den Kellner um eine weitere Flasche geschickt, ach was, ich hätte die ganze Zeche auf meine Kappe genommen. Sie haben die Gitane (papier maïs versteht sich) im Ascher gelöscht und einen tiefen Schluck von dem leichten Roten genommen. Sie griffen langsam zu dem dünnen Bändchen, schlugen es sorgsam auf und begannen zu lesen. Das falsche Gewicht. Ich stelle mir den Eichmeister Anselm Eibenschütz in der Figur von Helmut Qualtinger vor. Sie lasen bedächtig und einprägsam, sodass ich immer tiefer in Ihre Erzählung gezogen wurde.

Nein, das konnte damals an diesem späten Nachmittag keiner ahnen, dass nur kurz darauf das Hôtel Foyot, in dem Sie immerhin zehn Jahre lang gewohnt haben, wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Ein schwerer Schlag für Sie. Zum Glück haben Sie dann gegenüber ein armseliges Zimmerchen gefunden für Ihre letzte Zeit. Aber das lag wenigstens genau über Ihrem geliebten Stammcafé Tournon.

Draussen sägt ein Moped vorbei. Die Amselfrau randaliert zwitscherschimpfend unter dem rosablühenden Rosenbusch. Mir reicht derzeit mein Schlafsack und die Autobahn. Der Schmetterling sitzt einen blitzlang auf meinem Knie. Ob hier oder sonstwo auf der Welt, das Glück findet uns überall, man muss es nur empfangen wollen.

Das Buch: Lis Künzli (Htrsg.): Hotels. Ein literarischer Reiseführer. Eichborn, Frankfurt. 2. erw. Auflage 1996, 190S.

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28 Gedanken zu „Manchmal ein Schmetterling

    • Verprosaete Lyrik vom Feinsten in Ihrem Herzen, die wünsche ich Ihnen heute auch.
      Und besonders für die nächsten Tage.
      Morgengruss von der leichten Fähre

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  1. Lieber Herr Ärmel, das war schön – jetzt mit Dir da zu sitzen, mit dem Buch von Roth und die Erinnerungen daran. Ich kenne und liebe diese Momente, in denen man ganz eins und im Frieden mit sich selbst ist. Den lese ich hier ganz eindeutig beschrieben und ich setze mich einfach still dazu und genieße mit. Danke für diesen schönen Text! Von Joseph Roth las ich bislang nur „Die Legende vom heiligen Trinker“, das mir sehr gut gefallen hatte. Ich wünsche ein angenehmes, bereicherndes und inneren-Frieden-reichhaltiges Wochenende. Alles Liebe von der Beobachterin *davonflatter*

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    • Ihr Kommentar freut mich sehr, lieber Zeilentiger. Und Sie zwischen den grünen Hügeln zu wissen, ist gut.
      Mitternachtsgruss,
      Herr Ärmel

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        • Gut, dass Sie mir das bestätigen, lieber Zeilentiger. Auch Tastaturen sollen in jenen fernen Landstrichen ungemein schwergängig sein im Allgemeinen … 😉

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            • Lieber Zeilentiger, hier im Bembelland läuft, von einigen Lästigkeiten abgesehen, derzeit wieder alles wie geschmiert. Und so klappern auch die Tastaturen munter und frei ihr tippeditapp.
              Sie werden Gründe haben, die Schwergängigkeit Ihrer Tastatur hinzunehmen. Wie könnte ich Sie dessen zeihen, solange ich die Gründe nicht kenne?

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  2. Ein schöner Beitrag, mit viel innerer Ruhe. Die zu suchen und finden sich lohnt, und sie auch anzunehmen wissen. Nach dem ersten Lesen war ich ein wenig ratlos was ich schreiben könnte, mir schien ein Kommentar fast wie eine Störung dieser Zweisamkeit und dem virtuellen Dialog mit Herrn Roth. Am späten Abend dann wollte ich mal in den Film „Kim Novak..“ reinschauen und hab dabei den Schluss einer Doku gesehen „Mein Sommer ’88“. Dave Gahan von Depeche Mode war zuerst im Bild und da war doch mein Interesse geweckt, zumal ich DM 1986 live gesehen hatte. Im Interview hat er dann die folgenden Worte verwendet:
    „Die kollektive Kraft der Musik, das ist eine der Sachen, die Bestand haben in der Welt. Es den Menschen zu ermöglichen zusammenzufinden.“
    Das gefiel mir und das lass ich jetzt mal so stehen.
    Nachmitternächtliche Grüße und frohe rotweingitanelastige Seifenblasentraumgespräche aus dem heute ultradunklen Süden.
    (Tritykon – Aurorae (doch recht laut))

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    • Tritykon? Nie gehört. Sollte ich..? Müsste ich..?
      Der von Ihnen zitierte Satz hinsichtlich der grundlegenden Bedeutung der Musik trifft abersowasvon ins Schwarze.
      Ich hatte just mit einem Freund das gleiche Thema auf dem Teller. Ich bin kein Musikhistoriker, denke mir aber, dass die Ursprünge der Musik genau in diesen Urgründen zu finden sein müssten. Die Verbindung zwischen Himmel und Erde senkrecht und diejenige zwischen den Menschen waagrecht schliesst den Kreis. Daraus ergeben sich sofort sehr schöne Betrachtungsmöglichkeiten.
      Später, nicht jetzt so kurz nach dem Frühstück.
      Ihnen einen gediegenen Sonntag,
      Herr Ärmel

      (Immer noch Yes – Yesterdays /1974. Aber nicht mehr America)

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      • Triptykon (jetzt korrekt mit p) muss man denke ich nicht kennen. Auch die hatte ich gestern kurz gesehen, in einem Mitschnitt aus Wacken. Der Song hatte etwas hypntisches in Live, an Cure erinnernd, aber sehr düster gehalten und eben die entsprechende Rockrichtung, die eher nicht die meine ist. In der Nacht hab ich dann noch etwas intensiver reingehört, die Neugierde war ja geweckt. Außer diesem Song hat mich die Musik aber nicht sonderlich mitgerissen. Ich kann aber verstehen, dass sie es könnte.
        (Immer noch King Crimson … 😉 )

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  3. Mein lieber Herr Lüriker, also nee, ein Reiseführer von 1996 ^^ . Der ist doch gar nicht mehr aktuell, wer weiß schon welche Hotels noch alle abgerissen wurden inzwischen. Guck ma lieber vorher im Indernedd wennsde was buchst *gg*

    Verprosaete Grüße 😉

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    • Das einzige was in dem Buch veraltet ist, sind die Preisangaben für die Hotels, die noch immer im Betrieb sind.
      Aber da fällt mir ein – du alter Wundensalzstreuer *ggg* – man müsste wirklich mal recherchieren, wem diese Hotel heute gehören.
      Werden die wirklich noch von den Familien fortgeführt? Von einigen weiss ich, dass es so ist. Aber der grosse Rest? Wahrscheinlich alles in Ketten – Ach ____

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  4. Lieber Herr Ärmel, es ist ein Genuss, Ihnen im innigen Gespräch mit den Sie besuchenden Seelenvögeln zuzuschauen. In Ihrem sonnigen Garten, scheint mir, ist die Begegnung mit Joseph Roth weit eher machbar als im Paris von 1939. Sicher hätten Sie sich nicht gewünscht, dass er lebte, als „die Hölle regierte“ und all die Seinen in Asche und Rauch aufgingen. Und: wie anders denn als deutscher Besatzer hätten Sie mit ihm ein Glas Wein trinken können? Sie als deutscher Besatzer und er als Jud? Ach, weit mehr als nur ein Hotel wurde seither abgerissen.

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    • Liebe Frau Gerda, Sie entsetzen mich. Natürlich haben Sie Recht mit Ihren Anmerkungen. Ich habe den historischen Kontext einer erträumten Begegnung völlig ausser Acht gelassen. Wobei im 1939er Jahr noch Ruhe herrschte in Paris. Niemand dachte zu diesem Zeitpunkt daran, dass ein deutscher Literat, Ernst Jünger, schon am 14. Juni 1940 an der Spitze deutscher Soldaten in Paris einmarschieren würde.
      Lassen Sie uns anderen räumen zuwenden.

      Sonntägliche Grüsse in den Süden,
      Herr Ärmel

      PS: Ihr vorheriges Kommentarfragment habe ich, Ihr Einverständnis voraussetzend, stillschweigend bereinigt

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  5. Das Glück kommt oft auf ganz leisen Sohlen, manchmal auch auf Flügeln…und daß Sie Joseph Roth erwähnen, den leider fast schon Vergessenen, das freut mich ganz besonders, ist er doch einer meiner Lieblingsschriftsteller…hab vor nicht langer Zeit den Briefwechsel Stefan Zweig/Joseph Roth gelesen, tät ich Ihnen gern ans Herz legen. Vielen Dank für Ihren leisen, herzwarmen Text. Es grüßt Sie die Graue vom Nordrand…Sie wissen schon.

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    • Ach, sässe ich doch an den Hebeln der Zeitmaschine, um all das lesen zu können, was es noch entdecken gibt.
      Von Joseph Roth jedenfalls kenne ich eindeutig zu wenig. Ich danke Ihnen für den Tipp.
      Hochsommerlichsonnige Grüsse aus dem Bembelland, Herr Ärmel

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