Verborgene Strippenzieher auf Fahrrädern?

Passt hervorragend zu einem ruhigen, frischluftigen Sommermorgen: Bombino – Agadez (2011)…

Mein Plan sah für die nächste Zeit die Erkundung des literarischen Werkes von Brigitte Reimann vor. Die Vorbereitungen dazu sind abgeschlossen. Ein niedriges Stapelchen an Werken ist bereits auf antiquarischen Wegen eingetroffen. Erste Leseeindrücke steigern die Vorfreude. Da springt nach Gesprächen mit einigen mir nahe stehenden Menschen die Ampel auf rot. Ich lese die Reimann aber mir steigen keine Bilder mehr auf dabei. Versuche es mit einem anderen Buch. Keine Bilder.
Ich kehre aufgrund der Gespräche zu meinem ersten literarischen Hausgott zurück. Hermann Hesse. Ist eigentlich was für jüngere Leute sollte man meinen. Weit gefehlt. Die zwischen 1919 und 1932 geschriebenen Werke beginnen beim ersten Wiederlesen in ganz anderen Farben zu schillern. (Das unsägliche Narziss und Goldmund natürlich ausgenommen). Hesse revisited scheint lohnend auch oder gerade in älteren Jahren. Ich frage mich, welche unsichtbaren Fäden da gesponnen werden.

Und ebenso weiss allenfalls der Himmel wie es dazu kommt, dass ich nebenbei noch über Bombina und Schnegel lese. Es liesse sich nun prächtig unken darüber, ob die heutige Musikauswahl etwa auch in einem Zusammenhang dazu steht. Die Wege des Lebens sind oft wundersam.

Morgens Erledigungen in der Stadt. Hundertmal schon bin ich durch diese Gasse gelaufen in den vergangenen Jahrzehnten. Ausgerechnet heute entdecke ich die kleine, fast versteckte Kirche. Es ist die Antoniuskapelle und ist der Rest eines ehemaligen Antoniterklosters. Das Kloster wurde im letzten Krieg bombardiert und die ruinierten Reste in den 1960er Jahren abegrissen.
Die Tür steht offen. Ich trete ein, schaue mich um und setze mich dann auf eine Bank. Ruhe. Blicke und Gedanken schweifen frei umher. Wie geht das zu, dass man ein kaum zu übersehendes Gebäude erst nach so langer Zeit wahrnehmen kann. Heute feiert darin die portugiesische Gemeinde ihre Gottesdienste.

An Geschäften vorbei zu laufen ist mir ein Leichtes. Die langweilige Gestaltung der Schaufenster mit der allzu plumpen Aufforderung zum Erwerb der angebotenen Konsumprodukte ist mir zuwider. „Wenn diePassage die klassische Form des Interieurs ist, als das die Straße sich dem Flaneur darstellt, so ist dessen Verfallsform das Warenhaus.“ (Walter Benjamin, Der Flaneur)
Weist hingegen ein attraktiv dekoriertes Fahrrad auf ein Geschäft hin, dann weiche ich nur zu gerne auch in Nebenstrassen aus. Fahrräder üben nunmal eine geradezu magnetische Wirkung auf mich aus.
Am Fischtor erblicke ich eine Schönheit in rosa und stehe im nächsten Moment vor dem kleinen Ladenlokal. Second Hand. Jana Blume. Vintage. Scharngasse 18, Mainz. Dies ist kein Werbeblog. Ausnahmsweise erwähne ich dieses Geschäft dennoch, weil mir eine Geschäftsidee besonders gut gefällt. Man kann nämlich einfach jeden Gegenstand kaufen, also gegebenenfalls auch die Inneneinrichtung. Habe ich Sie da richtig verstanden, Frau Blume? Also alles, mit Ausnahme der überaus freundlichen Jana Blume, versteht sich.  Ein Besuch empfiehlt sich somit, weil viel mehr als nur Kleidung angeboten wird. Immer gugge.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine sommerliche Woche.

                                                                 (Wie gehabt, Foto anklicken öffnet die kleine Galerie)

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26 Gedanken zu „Verborgene Strippenzieher auf Fahrrädern?

  1. Ein schönes Kreuzrippengewölbe.
    Im Maßwerk der Kirchenfenster trifft man in Mainz einen ganz hohen Grad an Verspieltheit an, der Kreuzgang am Dom ist kaum noch zu toppen. Hier sieht man das andeutungsweise.
    Bisher hab ich es kaum erlebt, dass das Bildprogramm der Deckenmalereien, die Schlussteine und der Hochaltar sich nicht als geschlossenes ikonographisches Programm entschlüsseln lassen, mit einem Mastermind, dessen Epitaph oft ganz hinten im Chor eingemauert wurde,
    Wenn in späteren Zeiten nichts umgestellt wurde, was leider zu oft der Fall war.

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    • Ich habe die Deckenkonstruktion bewusst hier präsentiert, weil man wohl eher zufällig entdeckt hat, dass die noch ziemlich original erhalten gewesen war. Sie wurde dann lediglich restauriert.
      Das Problem der verlorenen Originalität wird durch Erweiterungen oder Modernisierungen hervorgerufen. Und das ist wohl bei der Mehrzahl der sakralen Gebäude so.

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  2. Mein nachträglich vergleichendes oder unvergleichliches Studium der Literaturwissenschaften kann hier ohne weiteres stattfinden, werde ich doch auf interessante Autoren und Autorinnen hingewiesen, wobei mir manchmal solch wertende Vokabeln wie „unsäglich“ vorkommen, als hätte sie frischfrei laut der Herr Reich-Ranitzki schon einmal posaunt, macht nix, Ihre Ausblicke über musikalische und literarische Werke sind illuster schön und intellektuell unverstaubt, immer!
    Beim nächsten Stadtgang mit meiner werten Schwester werde ich bei Frau Vintage vorbei schauen.
    Morgengruß von einem Weinbergsschneckentreppchen

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    • Mit einem wie dem damals (vor)lauten MRR verglichen zu werden, lässt zwar ein Wölkchen über mir vorüberziehen, aber wo käme ich hin mit einem dauerblauen Himmel über mir. Klar, manche Aussagen wirken auf LeserInnen pauschal, allein sind subjektiv und insofern ist ihre Gültigkeit eng begrenzt. Und wenn Ihnen noch genügend Lebenszeit bleibt, warum dann auch nicht wieder einmal Narziss und Goldmund erleiden. Die Geschmäcker sind verschieden.
      Ihr Kompliment hingegen, geehrte Frau Wildgans, ist wie ein frischer Sommerregen aus ebenjenem Wölkchen.
      Schöngruss von der emsigen Fähre

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  3. Guten Tag lieber Herr Ärmel, was sich am Anfang wie ein literarisches Duett liest, wird zu einem Statement meiner eigenen Empfindungen, ob nun in Marburg oder in anderen schönen Städten. Auch mich ereilte die Erkenntnis oft gelaufene Wege halbblind zu begehen. Seit ich dies bemerkte begleitet mich die Kamera und durch den Sucher wird nicht Wahrgenommenes auf einmal sichtbar. Sonnige Grüße ins Bembelland 🙂

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    • Herr von Rosen, wie schön, von Ihnen zu lesen. Da sagen Sie was. Unsere Blindheiten gegenüber den Phänomenen, die wir gut kennen glauben. Obs nun eine Innenstadt ist oder Menschen, die wir zu kennen glauben.
      Wach bleiben und immer wieder wahrnehmen, als wärs das erste Mal. Das ist Lebenskunst. Wir sind auf dem Weg!
      Hochsommerliche Grüsse ins Mittelhessische,
      Herr Ärmel

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  4. Huch? Was hat dir denn den ersehnten Reimann-Genuss so plötzlich verhagelt? (Meine Kommentare von neulich etwa?)

    Was du da mit Hesse erlebst, erleb ich gerade mit meinem Hausgott F.S.: Die Lieblingsbücher bleiben dieselben, die Lieblingspassagen wechseln; ja die jetzigen fallen überhaupt jetzt erst bei der Zweit- und Drittlektüre auf.

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    • Nein, mit Dir hat das garnichts zu tun.
      Um sich intensiver auf einen Autor einzulassen, muss auch der persönliche Kontext passen. Nicht umsonst war ich ein junger Mann, als ich mit Hesse anfing. So richtig mit Sekundärliteratur, Briefwechseln und dem ganzen erreichbaren Pipapo etc.
      Durch gewisse persönliche Veränderungen in jüngerer Zeit passte Brigitte Reimann immer weniger. Und als ich letzte Woche den Film „Hunger auf Leben“ gesehen hatte, war das der vorläufige Schlusspunkt. Bis später dann; im Winter vielleicht schon wird sie wieder in den Blickpunkt rücken.

      Es liegt wohl an den Möglichkeiten, dass man mit zunehmenden Alter mit etwas gutem Willen zu allerlei Perspektivwechseln fähig ist. Dann wird das Wiederlesen erhellend und erlaubt weitere Sinnfindungen..

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  5. Also, ich werde mir jetzt die „Morgenlandfahrt“ zu Gemüte führen, Harry Haller wirds schon verkraften. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß ich beim nächsten Kusängbesuch vielleicht mal so einen gezielten Umweg über Mainz machen sollte. Liebe Grüße

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    • Um Himmels Willen, Frau Graugans, haben Sie mich jetzt aber erschreckt. Über Mainz? Und ich sah sogleich dasBild eines anprallenden Kraftfahrzeugs.
      Nehmen Sie lieber den Weg durch Mainz. Ist schon wieder gut, aber ich habe eine ausgeprägte Präpositionensensibilität.
      Feierabendgruss,
      Herr Ärmel

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  6. Mein lieber Herr Ärmel,

    Unkenrufen gilt es unbedingt zu folgen, genau wie den verborgenen Strippen. Da begegnem einem auch Schönschnegel und manchmal ein Velo, das plötzlich an ganz ungewohnter Stelle steht. Da kann man nix machen, sondern einfach staunen. Und wenn ich schon grad am Rumstaunen bin: Bombino! Der nächste im Bunde der lauschlappenbetörenden tuaregischen Barden… uik.

    Ich sende Ihnen verblüffte Sonnengrüße aus dem eben noch regenfisselndem Lipperlandien und verbleibe natürlich zugeneigt, Ihre Frau Knobloch, unverborgen regenliebend.

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    • Natürliche Zuneigungen fetzen natürlich ungemein, meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch.
      Und Sie meinen tatsächlich, ich solle Unkenrufen folgen? Auf dass mich der Schnegel beisse, ich wills versuchen.
      Wessen Ruf wird wohl verlockender sein, der von den gelbbäuchigen oder den orangebäuchigen? Ob Sie mir da wohl…. ach, ich sehe gerade Ihr Feinstdreherchen aufblitzen ~~~~
      Ich sende Ihnen per Expresszeppelin drei schattenspendende Wolken zum Feierabend, Ihr Herr Ärmel (bei jedem Wetter gleichermassen zugeneigt)

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      • Mooooment, da blitzt garnix auf, weder gelb- noch orangebäuchig! Nur drei Lachfanfaren ob des schnegeligen Verlockungsgeunkes…

        Mein liebwerter Herr Ärmel, ich wünsche Ihnen einen versuchsreichen Abend und natürlich eine mahrfreie Nacht mit wohlerwachender Morgengestaltung und stelle dafür schon Schwarztee mit Fitzelchen von Orange und Mandelchen bereit.
        Schattenstraßenbalancierend, stets die Ihre Frau Knobloch.

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        • Ach, Sie Wunderbare. Ich danke Ihnen vorab – mit geziemenden Verboygungen, versteht sich – für den Schwarztee.
          Ich hingegen darf Ihnen empfehlen – aus eigener Erfahrung, versteht sich – einen leicht ansteigenden Heimkehrweg zu wählen. Sollten Sakralbauten am Wegrand stehen, ist dies förderlich für feine Vibrationen. Dadurch verlieren – nur nebenbei bemerkt, versteht sich – Nachtmahre unweigerlich ihre dunkle Macht.
          Starkzugeneigtbalancierend, stets der Ihre Herr Ärmel

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