Gedankenblüten

Viel neue Musik gehört, in Rotation bleiben werden vorerst: AnnenMayKantereit – Alles nix konkretes (2016), Donots – Karacho (2015), Van der Graaf Generator – Do not disturb (2016)…

Tagelang Blüten fotografieren dürfen. Im einzigartigen Ambiente eines Florateliers. Eine schöne Herausforderung. Ebenso aufschlussreich wie erschreckend sind dabei die Begegnungen mit manchen Alleskonsumenten. Betreten den bezaubernden Ort grusslos. Zücken ihre Handfesseln und fotografieren ohne zu fragen wahllos drauflos. Darauf angesprochen, dreist die formelhafte Erwiderung, dies sei ein öffentlicher Raum, in dem man nach Belieben fotografieren könne. Und verlassen den einladenden Ort ohne ein weiteres Wort grusslos. Was machen diese Leute mit den Bildern?
Thomas von Aquin wird der Satz zugeschrieben: „Gesundheit ist kein Zustand sondern eine Haltung.“

Jahrelang hast du dich darin eingehüllt, aber jetzt ist die Decke deiner Wahrheiten fadenscheinig geworden und löchrig. Durch manche Stellen leuchten neue, kalte Wahrheiten. Schon weben sie eine Gänsehaut für kommende Einsamkeiten.
Wie dicht liegen doch Verwundung und Verwunderung beieinander.

Manche Begriffe verwirren mich. Ledig bedeutet gemeinhin ungebunden oder frei. Das heisst im Umkehrschluss, dass sich entledigen das Gegenteil bezeichnet, also sich verbinden oder in Unfreiheit begeben. Ich werde in der nächsten Zeit zunehmend meine Sammelsurien verkaufen, mich meines materiellen Eigentums entledigen. Den Gedanken daran empfinde ich jedoch beglückend und befreiend. Merkwürdige Phänomene der Sprache.

                                                                     (Bild anklicken vergrössert die Fotografien)

 

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53 Gedanken zu „Gedankenblüten

  1. „Jahrelang hast du dich darin eingehüllt, aber jetzt ist die Decke deiner Wahrheiten fadenscheinig geworden und löchrig. Durch manche Stellen leuchten neue, kalte Wahrheiten. Schon weben sie eine Gänsehaut für kommende Einsamkeiten.
    Wie dicht liegen doch Verwundung und Verwunderung beieinander.“
    Die Relativität von Wahrheit finde ich auch immer wieder bemerkenswert und erschütternd. Bei mir selbst und bei anderen. Dass es keine absoluten Wahrheiten gibt, ist eine außerordentlich unbeliebte Erkenntnis !

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  2. Ja, solche Leute treffe ich auch häufiger mal – oder besser gesagt, eher treffen diese Leute mich. Ich frage mich dann auch öfter, was diese Menschen mit den Fotos so machen. Bei Bildern und Skulpturen würde ich sagen – und habe dies auch schon zur Antwort bekommen – nachmalen/nachbauen – funktioniert für Dekorationen sicher auch.
    Eine andere Möglichkeit ist das „ich-war-da-Phänomen“.
    Mir scheint es oft so, dass die Menschen das „da sein“ nicht mehr genießen können, man kann nicht mehr verweilen, muss weiter – wohin auch immer, genießen gelingt nicht, man könnte ja was verpassen (schwerer Fehler meiner Meinung, denn es ist eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen) also versucht man den Moment schnell mal „fest zu halten“ ohne zu begreifen und wirklich da zu sein, diese Menschen ahnen ja nicht, was ihnen entgeht…wenn mein etwas mäandernd formulierter Gedanke stimmt, ist das traurig,traurig, traurig…
    Ihnen einen schönen Abend, Herr Ärmel, der hoffentlich gar nicht traurig ist 😉

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    • Haben-wollen und ich-war-da sind sicherlich starke Motivationen. Und Ihrem persönlichen Fall sinds zudem die Kopisten, die schnell was nachmachen wollen. Die dabei nicht „begreifen“, dass man sich mit dem, was aus eigener Kreativität entstehen soll, zuvor beschäftigt haben muss.
      Diesen Menschen entgeht in der Tat viel, sehr viel.
      Mein Abend wird fröhlich ausklingen, ich bin nicht allein, denn ein Geripptes mit heissem Äppelwoi über Holundersirup wird mir nahher wenigstens vorübergehend Gesellschaft leisten.
      Auch Ihnen einen wunderfeinen Abend,
      Herr Ärmel

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    • Meiner Meinung nach gibt es die individuellen Wahrheiten und die unabänderliche Wirklichkeit. Wahrer oder wirklicher gibt es somit in meinem Denken nicht.
      Auch Ihnen einen herzlichen Abendgruss,
      Herr Ärmel

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      • Wenn jemand vielleicht einen halben Schritt näher an der unabänderlichen Wirklichkeit steht, dann ist sein Tun und Sein nicht wahrer? – Ich versuche mit Ihnen zu denken. Ihnen nachzudenken.
        Ist, wer daneben steht – egal wie weit – genau wie alle daneben?
        Handelt es sich bei diesem „Gespräch“ einzig um Wortklaubereien?
        Und was bedeutet das alles für meinen löchrigen Vorhang?
        Vom Dunkel umarmte Grüße, Marga

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        • Die vielen möglichen Wahrheiten sind individuell und somit subjektiv. Die Wirklichkeit dagegen ist objektiv.
          Wahrheiten, egal wie nah oder fern von der Wirklichkeit, bleiben subjektiv. Insofern ist die Entfernung eine unmassgebliche Grösse.
          Sie hätten einen löchrigen Vorhang? Ich würde mir nicht anmassen, das zu behaupten.
          Ihnen eine erquickende Nachtruhe,
          Herr Ärmel

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            • An der Wirklichkeit des Regens draussen gibts nichts zu rütteln, es regnet. Für meine Wahrheit tröpfelt es, mein Nachbar nennt das Landregen. Zwei Wahrheiten, eine Wirklichkeit: es regnet.

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              • Ja, diese Art von Wirklichkeit ist eindeutig, aber wenn man in den Bereich von Weltanschauungen, Philosophien und Religionen kommt, gibt es keine objektiven Wirklichkeiten mehr und sehr, sehr viele subjektive Wahrheiten

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                • Im Bereich der Weltanschauungen gibt es meiner Meinung nach keine Wirklichkeit sondern es gibt nur Wahrheiten. Wirklichkeiten sind an materielle Grundlagen gebunden, während Weltanschauungen der ideellen Welt angehören. Insofern scheinen wir die gleihe Sprache zu sprechen…

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      • Wenn ich hierzu anmerken dürfte: Gerade die verschiedenen individuellen „Wahrheiten“ sind doch auch eine Chance, sich in vielen Situationen nicht „gekränkt“ zu fühlen, wie das viele Menschen gerne so tun…denn, wenn jeder seine eigen Wahrheit hat, muss man nicht alles so persönlich nehmen – erleichtert vieles, finde ich. Einen wunderschönen Tag wünsche ich – auch wenn hier gerade das weiss zu grau wird 😉 aber grau ist auch schön anzusehen…

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        • Sehr gut gesehen, man sollte die Chancen sehen. Allemal besser ist es, das Verbindende als das Trennende zu sehen,
          Der Tag war gut bis jetzt – vielen Dank für den guten Wunsche, den ich hiermit für Ihren Abend retourniere – –

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  3. Viele ledige kenne ich, gefesselt wie sonst keine. Von ihren Sehnsüchten nämlich. Nicht gerade nach Unfreiheit sehnen sie sich, sondern entweder abgestumpft nach Garnixmehr, oder unbändig nach Berührung und Liebe.
    Im Hintergrund höre ich leise Leonard Cohens „Dance me to the end of love“ – wieder mal kein Zufall.
    Gruß von der Strumpfstopferin (graues Garn)

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    • Graues Garn, sagten Sie? Ich könnte Ihnen einen Fahrplan der Fähre zusenden angelegentlich.
      Cohens Musik könnten Sie auch im Ärmelstudio geniessen bei der Verwendung grauen Garns.
      Ja, auch ich kenne manche, die sind unbändig aus auf Brührung und Liebe.
      Allein ihr eigenes Verhalten und ihre Ansprüche halten sie davon ab.
      Abendgruss von der manchmal löchrigen Fähre

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  4. Lediglich einen kleinen zugewandten Gruss zum späten Abend lasse ich Ihnen hier, lieber Herr Ärmel, und eine kleine Verbeugung für diesen grandiosen Text.
    (denn erst wenn ich den Kommentar abgeschickt habe, kann ich Ihre Bilder schauen – blöde Leitung!)

    herzlichst
    Ulli

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  5. Tief und voller Anspielungen sind Ihr Text und Ihre Bildsprache.
    Fadenscheinig, lieber Herr Ärmel, das beschmutzte Glas (ich hielts für Plastik), und darunter leuchten lebensvoll-warme Blüten hervor wie offene Wunden. Wie nah beieinander liegen doch verwunden und verwundern (Kafka, der Landarzt). Und wie sehr ähnelt die Wunde der Wunderblume, die aufgedeckt werden möchte, des allzu beengenden Schutzes entledigt, damit sie sich verbinden kann mit dem Licht und der Luft, den Gefahren auch des Käferfraßes.
    Ich hoffe, das einsame Mahl hat gemundet. Liebe Grüße aus dem Südosten Europas.

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    • Das Abendmahl war in der Tat grossartig. Liebe Frau Gerda, ich danke Ihnen für Ihren Kommentar und besonders Ihre weiterführenden Gedanken. Ihr Hinweis auf Kafka ist klasse. Den Landarzt habe ich vor Jahrzehnten gelesen und keine Erinnerung mehr daran.
      Herzliche Grüsse aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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      • „Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde.“
        Im Projekt Gutenberg ist der ganze Text vorhanden. LG Gerda

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        • Ich hoffe ja nicht, dass Sie mich mit dem armen Jungen meinten 🙂
          Vielen Dank für den Hinweis auf das Projekt Gutenberg und Ihnen einen guten Tag,
          Herr Ärmel

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  6. Herr Ärmel! Wuuunderbare Foddos, alle Achtung. das Spiel mit dem Glas, den Farben und den Schwingungen. Toll. In die ‚Do not disturb‘ konnte ich noch nicht reinhören, da bei mir immer noch (überraschender Weise) die neue Marillion rotiert (und die andere noch im Laden steht). Interessanterweise, vermute ich mal, gibt es hier eine Parallele, ein jeder schafft mit der inividuellen Musik seine Verbindung zu seiner Jugend, was mich wieder zu der Frage bringt, was macht gute Musik aus? Außer den individuellen Fähigkeiten gibt es in den Musikgenen vermutlich noch wie beim Menschen eine Art Emotionale Intelligenz (das was die Menschen im Atelier nicht alle haben, wie die Musik im Trash-TV). Marillion wurden in ihrer Frühzeit übrigens gerne als Genesis-mit-Gabriel-Klon gehandelt, jedoch weniger begabt, Vorbild war nach deren eigener Aussage aber VdGG, welche ich auch (leider) für kreativer halte. Aber eben für mich Aufarbeitung. Die wohligen neuen Marillion-Klänge lassen mich nun besonderes aufhorchen, alte Erinnerungen, jaja, ich könnte da noch…. wenn das Beben der alten Gefühle durch den Körper fließt und Erinnerungen hoch kommen).
    Zur Feier des Tages wollte ich nun auf Robert Allen Zimmermann umsteigen, aber den höre ich wieder wenn der Wind draußen stärker bläst und auch die Steine ins Rollen bringt.
    Noch ein Wort zu Ihrem Wort des Tages. Ich wage die Aussage, dass Sie ‚entledigen‘ anders verwenden sollten. „Sich entledigen“ würde ich viel lieber in Zusammenhang mit etwas anderem betrachten, dann kommt der Sinn zurück. „Sich von sich selbst entledigen“ jedoch wäre eine Art Finale, aber das könnte man auch als Freiheit deuten.
    Ich wünsche viel Glück beim Entledigen, mein altes Zeugs (und ich habe hier nur ein wenig probiert) will keiner, außer ich verschenke es. Aber soweit bin ich noch nicht. Zumindest wird die Parabelsteigung flacher und ein Wendepunkt könnte in erreichbare Nähe rücken.
    Jetzt hab ich aber viel geschrieben, dafür dass ich eigentlich ziemlich erledigt bin nach diesen gefühlten 8 Arbeitstagen in dieser Woche. Und zwei kommen noch, nein drei. Gefühlt.
    (Na wer wohl – Na was wohl (Na von wann wohl))

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  7. Guten Morgen, Herr Autopict. Marillion habe ich kennengelernt, da war die Trennung Gabriel ./. Genesis noch relativ frisch. Musikalisch war mir Genesis näher. Und textlich auch, fällt mir gerade eben ein. Von Marillion habe ich entsprechend auch bloss zwei Alben. Und die Probeanhörung des neuen Albums wird daran nichts ändern. Was nun VdGG betrifft, das ist ein Spezialfall in meinem musikalisc. hen Kosmos und wird es auch bleiben. Auch wenn mich das neue Album nicht gerade vom Hocker gerissen hat. Bis jetzt jedenfalls.
    Was macht gute Musik aus? Eine gute Frage. In meinem Fall muss sie mich ganzheitlich ergreifen. Vielleicht auch aus diesem Grund habe ich vergleichsweise wenig us-amerikanische Musik. Und innerhalb dieses Land fast nichts südstaatliches. Da haben allein die Texte schon ein erhebliches Abschreckungspotential. Und Dylan ist mittlerweile auch bei Sinatra angekommen. Dieses Land verschont fast niemanden am langen Ende.
    Ihre Worte zu meinem Wort des Tages werde ich mir heutigentags durch meinen Kopf gehen lassen.
    Ihnen einen ruhigen Wochenletztarbeitstag.

    (Kings of Leon – Walls / 2016)

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  8. Dieser Text berührt mich sehr, vor allem die Stelle von den kalten Wahrheiten und den Einsamkeiten…geht mir nahe , lieber Herr Ärmel. Sehr geheimnisvoll und interessant für ein Wesen mit hexischen Anverwandlungen sind natürlich die geometrischen Formen des Pentagramm in den Blütenständen Ihres dritten Bildes! Welch Wunderwerk! Ich grüß Sie herzlich

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    • Die Blüten auf dem dritten Bild sind von einer Tauben-Skabiose.
      Ich freue mich, dass mein Text Sie berührt hat. Ich bemühe mich Texte, die Menschen erreichen.
      Grauhimmelvormittagsgruss,
      Herr Ärmel

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  9. Minimalismus scheint die neue Freiheit.
    Manchmal schon beschleicht mich das Gefühl, mich von Dingen trennen zu wollen.
    (Zumal, wenn ich sehe, wie mit Dingen umgegangen wird, die anderen etwas wert waren und nun im Rahmen einer Haushaltsauflösung entsorgt werden.)

    Wunderbare Fotos sind Ihnen gelungen, lieber Herr Ärmel. Ich wünschte, ich könne das auch.

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    • In der Tat habe ich auch schon diese sonderbare Umgangsweise erlebt mit Nachlässen. Diese Suche nach rascher Entsorgung. Mir scheint das neben anderem dem enormen Konsum der Erblasser geschuldet zu sein. Wohin mit all den Dingen bei zunehmend kleineren Wohnungen und Reihenhäuschen? Und dann haben die Erbenden wahrscheinlich selbst schon zu viel angehäuft.
      Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Kompliment bezüglich meiner Fotografien. Mit einem Makroobjektiv und einem Stativ können Sie auch solche Fotografien aufnahmen.
      Vormittagsgruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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