Fünf gerade machen

Wilde Mädels: Cobra Killer – Uppers & Downers (2009). Nach dem energetischen Auf und Ab zurück in die sicheren Gefilde des Progrock: Genesis – The Lamb lies down on Broadway (1974)…

Früh erwacht. Nicht zu früh, aber dennoch war die Nacht zu kurz. Das lange Telefonat mit dem anregenden Austausch. Im Aufwachen Erinnerungsfetzen daran. Unterm Blauhimmel wabern Nebelschwaden. Vielleicht sollte man im Älterwerden an die Gründung einer WG denken. Mit welchen Inhalten und Zielsetzungen wäre die zu beleben? Die idealistischen Vorstellungen der Jugendjahre lassen sich nicht einfach wiederholen.
Am Flatterband der Gedanken nach draussen. Es ist kalt, die frische Luft riecht nach Schnee. Nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal eine morgendliche Vorfrühstücksradfahrt zum Wachwerden. Eine Fünf-Brücken-Tour. Der letzte Nebel auf den Wiesen am Fluss. Am Ufer haben etliche Binnenschiffe festgemacht. Das monotone Klopfen der Dieselmotoren um die Akkumulatoren aufzuladen. An der meistbefahrenen Schleuse Deutschlands herrscht schon reger Betrieb. Die meisten Schiffe haben eine hohe Ladelinie. Die Schiffer warten auf Frachtaufträge. Auf der Maaraue läuft mir beinahe ein Hund ins Rad. Den interessiert nicht das Hierherhierher-Geschrei seines Leinenhalters.

Auf dem Rhein findet die Prüfung für einen Bootsführerschein statt. Das Publikum steht am Ufer. Fachkundige Handbewegungen. Der schneidende Krach eines hochdrehenden Motors schrillt durchs Unterholz. Auf einer versteckt liegenden Wiese Fahrversuche mit dem ferngesteuerten Modell eines Geländewagens.
Das neu aufgestellte Denkmal zur Erinnerung an das gefährliche Handwerk der Rheinflösser. Die allerletzte grosse Flösserei aus dem Schwarzwald fand 1968 statt. Grosse Flossverbände waren bis dreihundert Meter lang. Mit dem Denkmal wird an die lokalen Flösser erinnert. Die letzten Hiesigen verloren 1964 ihre Arbeit.
Die zahlreichen Rheindurchstiche zur Begradigung des Stroms im vorletzten Jahrhundert waren damals das grösste Bauprojekt Deutschlands. Seitdem soll es auch keine Fälle von Malaria mehr geben. Der fielen viele Menschen zum Opfer, die an den Ufern des Rheins lebten.

Gegenüber die Vedute der Stadt Mainz. Auch diese Stadt hat ihre Zwillingstürme. Am linken Rand des Sichtfeldes, also im Süden erhebt sich der Turm von St. Stephan. Erinnerung an eine innige und glückliche Stunde in der vergangenen Woche. Marc Chagall war 95 Jahre alt, als er die zauberhaften blauen Glasfenster entworfen hatte. Sonnenschein taucht das Kirchenschiff in kühles Blau. Das eigene Wärmeempfinden wird dadurch nicht berührt.

Von der Eisenbahnbrücke, der fünften auf meiner morgendlichen Runde, schweift der Blick hin zur Mainspitze. In dieser klimatisch angenehmen Gegend siedeln seit vielen Jahrtausenden Menschen. Vormals reichte das Delta des Neckars bis fast hierher. Die Menschen fanden in den weitläufigen Flusslandschaften ideale Lebensbedingungen.
Ich freue mich auf ein Frühstück. Die alte Landstrasse zwischen den beiden Städten war in meinen Kindertagen von einer beeindruckenden Kastanienallee gesäumt. Die meisten davon mussten der Verbreiterung der Strasse weichen.
Auf meiner letzten Etappe wird die Strasse von der Autobahn unterbrochen. Einige der verbliebenen alten Kastanien leuchten schwach im Morgendunst. Fünf-Brücken-Tour. Das bedeutete in lange vergangenen Zeiten einen ausgedehnten Sonntagsspaziergang. Von daher hat sich auch die Bezeichnung erhalten. Ich muss jetzt aber noch die Autobahn überqueren. Die sechste Brücke. Und auch diese Brücke gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten.
Es dauert manchmal lange, bis die Sprache an die veränderten Gegebenheiten angepasst wird. Sowohl im Allgemeinen wie im Besonderen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern eine unangepasste Woche, wo immer das möglich sein wird.

                                                                 (Fotografie anklicken und die Bilder vergrössern)

 

Advertisements

21 Gedanken zu „Fünf gerade machen

  1. Die Eisenbahnbrücke meine ich zu kennen, aber vielleicht gibt es ähnliche, wobei die gegend stimmt, die Mainwiese ist ein herrliches Stimmungsbild und die Gedankenwirbel 1. Sahne … lieber Herr Ärmel, Sie haben mir, wenn auch verspätet, einen wunderschönen Sonntagmorgenspaziergang geschenkt- ich danke … und grüsse Sie herzlich von hier nach dort
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • Über diese Eisenbahnbrücke wechselt man vom Richtigen ans falsche Ufer. Oder umgekehrt. Das darf jeder für sich entscheiden 😉
      Ich danke Ihnen für Ihren Feinkommentar,
      Herr Ärmel

      Gefällt 1 Person

  2. Sehr fein ihr Bericht / ihre Worte. Lese in ihren Bildern und eigene entstehen.
    Ihre Eindrücke sind fein geformt. Ein wohles lesen von ihrer morgendlichen Brückenausfahrt und dazu ihre Aufnahmen.
    Fein ist mir in ihrem Reisebericht zu flanieren.
    Und an eine WG dachte ich auch schon öfters….Doch ob das gut ginge mit den alten Schrullen….Habe meine Bedenken.
    Ihnen gutes lebendiges.

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke Ihnen für Ihre grosszügigen Komplimente. Solche feinen Morgentouren scheitern leider zu oft an meiner eigenen Bequemlichkeit.
      WGs sind für mich ein schönes Denkmodell. So nach dem Motto: wie wäre das wohl, wenn…
      Ihnen einen wohlgelingenden Tag,
      Herr Ärmel

      Gefällt 1 Person

  3. Immer wieder genieße ich Ihr kluges Verknüpfen des Erlebens von Heute mit der Kenntnis der Ursprünge. Es ist als würden Sie selbst Brückenbauen zwischen den Welten, zwischen Ursprung und Form, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Und immer wieder ein Lichtstrahl auf ein kleines Detail. Das ist echter Reichtum, der Sie teilen. (eine WG? — und wieder hat keiner den schimmeligen Joghurt gekauft?— och, nö.) Herzliche Grüße aus einer schrulligen Welt in Weiß, Ihre Blumentorte

    Gefällt 1 Person

    • Brückenbauer? Ich könnte es mir vorstellen. So nach dem Motto von Leslie Fiedler: cross the boarder close the gap.
      Ich danke Ihnen für Ihrefreundlichen Worte und wünsche Ihnen einen schrulllosen Tag,
      Herr Ärmel

      Gefällt 1 Person

  4. Feine Fotos, eindrückliche Beschreibungen, gute Frischluftreise mit Pedaltretungen. Eine Alters-WG kann nur mit „vernünftigen“, abgeklärten Menschen funktionieren. Auf keinen Fall mit alten Dollbohrern. Oder Fensterbankdschungelhorterinnen, kurz gesagt, mit mir unmöglich, doch das ist ja hier auch nicht die Frage.
    Gutes Gelingen bei allem und eine Nachtruhe mit schönsten Blaubuntglasfensterträumen wünscht
    Frau Krächzgans

    Gefällt 2 Personen

    • Gute Nächte warens seit der Hinterlegung Ihres einfühlsamen Kommentars. Nein, von Dollbohrern, Deppchefs und anderen Schwachmaten mögen wir verschont bleiben.
      Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende,
      Herr Ärmel

      Gefällt 1 Person

  5. So, lieber Herr Ärmel, da haben Sie mich ein wenig während einer Wartepause aus dem Off geweckt, in welches ich nachher wieder hineinfallen werde….
    Eine fantastische Bilderstrecke, die wunderbar mit dem Text korrespondiert; was kann schöner sein, als erhellende Gedanken, flankiert von Morgendunst und einer aufgehenden Sonne (ok, da würde uns schon das eine oder andere einfallen…), dies vielleicht noch im Jahreslauf als Analogie zum eigenen Alter. Es ist Herbst.
    Manche Diskussion habe ich in manchem Morgenritt durch die Straßen meiner Heimatgemeinde mit mir geführt, ‚News on Papers‘ (danke Herr Oe.) war die Fassade, brandaktuelle Themen eines Heranwachsenden das Tragwerk. Wieder zuhause, die Themen im Stillen ausgefochten wurden Entscheidungen gefällt, die – was ich erst Jahre später begriff – idR richtungslenkend waren.
    Die WG, da greifen Sie ein unterschätztes Thema auf, wie man ein wenig aus den Kommentaren und meinen persönlichen Erfahrungen entnehmen darf. Seit einigen Jahren schon werfe ich diese Thematik in meinem Freundes- und Verwandtschaftkreis recht locker in die Runde, zum einen um die Bereitschaft zu prüfen, und zum anderen um zu sensibilisieren, auch mich selbst nebst Mme Autopict. Ich denke, in unserer Zukunft brauchen wir ein neues Geben und Nehmen, das uns Möglichkeiten bieten kann, die wir noch erwarten und wünschen, die aber wegzubrechen drohen. Tatsächlich bin ich der Ansicht, die greifbare Zukunft hält nur eingeschränkt Positives für uns bereit. Die Kluft Arm-Reich, die so sehr in den den Medien gehyped wird, ist nur ein Aspekt. Es wird Dinge geben die wir uns trotz Geld nicht mehr kaufen werden können. Wir müssen flexibler werden, im Denken und im Handeln. Und mutiger. Zuerst wird es die geburtenstarke Generation treffen, denn auch sie wird gemeinsam alt und steht gemeinsam vor zukünftigen Problemen, die von einer geburtenschwachen Generation getragen werden soll. Und da geht es nicht nur um die Rente. Dann wird es unsere Kinder und die folgenden Generationen treffen, die uns verantwortlich machen wird für das was wir ihnen hinterlassen werden.
    Einige Zeit war ich sehr begeistert von der Mehrgenerationenwohnidee, halte diese aber heute für weitestgehend gescheitert, da sie im großen Stil nur unter Zwang umsetzbar ist und den Menschen Ideale nicht aufgezwungen werden dürfen. Sie ist zu dogmatisch und unflexibel. Eine WG darf das Beinhalten mehrerer Generationen weder ausschließen noch vorschreiben. Unsere Gesellschaft besteht aus vielerlei Lebensformen, Familien mittlerweile häufig weit verteilt im Land. Diese müssen auf einen Nenner gebracht werden.
    Nein, es muss passen, ein jede/r braucht einen absoluten Rückzugsbereich, eine WG im Sinne einer Studenten-WG kann es mMn nicht ausschließlich sein. Vielleicht Wohnungen, die sich in mehreren Zimmern überkreuzen, aber auch autark funktionieren können, die einzelne Zimmer zudem untervermieten können. Es wird ein Geflecht entstehen, individuell und nach Bedarf, vielleicht sogar räumlich getrennt. Die Menschen in dieser WG müssen zueinander passen, mit Herz, Bauch und Hirn. Teilbereiche reichen nicht aus. Dann kann es funktionieren. Da kommt noch einiges erschwerend hinzu. Insbesondere das Geschäft vom Geben und Nehmen, aber das führt hier zu weit.
    Nur ein paar Gedanken, die schon lange wach liegen, und die sich zu einer Perspektive formen müssen, so oder so.
    Eine gute Zeit wünsche ich.
    (The Cure – The Head on the Door)

    Gefällt 3 Personen

    • Menschen aus dem Off zu wecken, das gefällt mir ungemein. Und wenn dann ein solche famoser Kommentar wie der Ihre hier entsteht, na dann ist doch alles in bester Ordnung.
      Ihr Satz „Ich denke, in unserer Zukunft brauchen wir ein neues Geben und Nehmen, das uns Möglichkeiten bieten kann, die wir noch erwarten und wünschen, die aber wegzubrechen drohen“ versetzt mich in denkerische Unruhe.
      Ich höre diese Gedanken, so oder so ähnlich formuliert, ziemlich häufig in letzter Zeit. Der Geist steht nie still. Und der Zeitgeist schon garnicht. Aber mir will scheinen, das Geistige selbst ist mittlerweile auch von der rasanten Beschleunigung mitgerissen worden. Und es kann einem mulmig werden bei der Frage, ob und wie lange wir noch freie Fahrt haben werden.
      Die wichtigsten Eckdaten für WGs sind genannt, Toleranz, gleiche Ziele, Rückzugsmöglichkeiten und persönliche Kühlschränke.
      MehrgenerationenWGs stehe ich nach meinen Erkenntnissen eher kritisch gegenüber. Da spielt sehr viel Vorgeschichte eine Rolle. Und die Rollen überhaupt. Das erfordert ein sehr hohes Mass an Ambiguitätstoleranz. Und ich weiss aus meinem Umfeld, wie viel da gesprochen und gearbeitet werden muss. Aber auch das bietet eine Herausforderung zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

      Ihre Formulierung „Es wird Dinge geben die wir uns trotz Geld nicht mehr kaufen werden können. Wir müssen flexibler werden, im Denken und im Handeln. Und mutiger“, die unterschreibe ich gerne; da spüre ich Solidarität, die gut tut. Flexibilität nicht im wirtschaftlichen Sinn als Arbeitskraftverkäufer oder Konsumobjekt sondern als Mensch und Mitmensch.

      Ihnen wünsche ich ein ruhiges erleuchtetes Wochenende,
      Herr Ärmel

      (Leonard Cohen – R.i.P. – You want it darker / 2016)

      Gefällt 1 Person

  6. „Vielleicht sollte man im Älterwerden an die Gründung einer WG denken. Mit welchen Inhalten und Zielsetzungen wäre die zu beleben?“

    Ganz einfach: Sex & Drugs & Rock’n’Roll oder auch: Spaß bis in die Grube. Für den Club 27 sind wir eh zu alt, dann kann man es am Ende auch noch krachen lassen *gg*

    Genügend Rückzugsräume und für jeden ein eigener Kühlschrank, dann ist der schimmelige Joghurt auch kein Problem mehr 😉

    Gefällt 1 Person

    • Man kann die Voraussetzungen und Bedingungen für eine WG im Alter nicht kürzer und präziser auf den Punkt bringen
      Der eigene Kühlschrank entschärft ein mögliches Konfliktpotential erheblich 🙂

      Gefällt 2 Personen

  7. „Vielleicht sollte man im Älterwerden an die Gründung einer WG denken. Mit welchen Inhalten und Zielsetzungen wäre die zu beleben? Die idealistischen Vorstellungen der Jugendjahre lassen sich nicht einfach wiederholen.“ Bitte lassen Sie mich wissen, wie Ihre Gedanken weitergehen. Denn das scheint mir eines der Modelle von Vernetzung zu sein, die unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert gebrauchen kann.

    Eine schöne Tour. Flössern auf dem Lech habe ich kürzlich zugeschaut, allerdings nur an Museumswänden. Dieses Geschäft wurde schon im 19. Jahrhundert eingestellt, als die Staustufen für die gierig wachsende Industrie der Gründerzeit den Schwung der Voralpenflüsse bremste.

    Herzliche Grüße vom Hang

    Gefällt 1 Person

  8. Bin sehr angetan von dem Beitrag und den Kommentaren. Was mir früher undenkbar schien, nun nähere ich mich auch dem Gedanken an eine WG. Der Satz „in unserer Zukunft brauchen wir ein neues Geben und Nehmen, das uns Möglichkeiten bieten kann, die wir noch erwarten und wünschen, die aber wegzubrechen drohen“ stach mir auch ins Auge.
    Herzlichst

    Gefällt mir

Kommentare, Gedanken + Hinweise bitte hier abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s