Dekonstruktions-Rekonstruktionen

Weihnachtsmärkte und Jahresrückblicke landauf landab. Da scheinen sich reale und virtuelle Welt nahe zu kommen. In den musikalisch vielgescholtenen 1980er Jahren gab es trotz allem Bands mit trefflichen Texten zur bedrohlichen (Welt)Lage und dennoch leichter lebensfroher Musik: Fischer-Z – Red Skies over Paradise (1981)…

Was du ererbt von deinen Vätern… Dieser Ausriss eines Zitates von Johann Wolfgang von Goethe hing mir lange Zeit nach. Es verführt einerseits zu materiellen Betrachtungsweisen, andererseits hat Sigmund Freud damit einer Berufsgruppe, aus der mittlerweile auch eine vielverzweigte Industrie geworden ist, zu dauerhaftem Einkommen verholfen.
Ich habe mich früher etwas schwer getan mit diesem Zitat. Seit Jahren aber betrachte ich es von ideellen Seite und damit hat sich der Horizont erheblich erweitert. Verarbeite das, was du von deinen Vorfahren ererbt hast, indem du daraus lernst und deinen Horizont erweiterst. Und nicht, indem du jammerst und dich beschwerst. Ich weiss, wovon ich rede, denn ich kenne meine eigenen Jammereien und Beschwernisse. Ohne die lebt sich es viel fröhlicher und vor allem leichter. Worte und Begriffe als Wegweiser..
Seit drei Jahren habe ich nun versucht, diesen drei Tonnen schweren Tresor über ganz unterschiedliche Kanäle zu verkaufen oder zu verschenken. Ich kann die Mailwechsel und Telefonate nicht mehr zählen. Und dann, am Ende hats eben doch geklappt. Wie im richtigen Leben. Oder, mit Hermann Hesse zu reden, von allem was der Mensch begehrt, ist er immer nur durch Zeit getrennt.

Schwer gefallen sind mir seit je die Gänge über Weihnachtsmärkte. Den Ärmelkindern blieben sie folglich erspart. Und bis heute wurde mir gegenüber kein Vermissen zum Ausdruck gebracht.
Die Geschäftemacherei passt nicht in mein Bild von Weihnachten. Einen vorläufigen traurigen Höhepunkt erreicht mein diesjähriger Gang über einen Weihnachtsmarkt. Nicht ein einziger Stand hat etwas mit Weihnachten zu tun. Keine Bude mit Räuchermännchen oder Lebkuchen. Döner wurden zwar in Deutschland erfunden, aber auch der frühlingsgerollte Mr. Wok ändert nichts an meinem Unwohlsein. Den erbärmlichen Höhepunkt bildet die Krippenschänke. Ein Kleinlabyrinth für Trinker. Überm Portal die üblich falsche Krippenszene. Nazareth und Bethlehem; Könige und Hirten beieinander. Ein König sowie ein Hirte fehlen bei der Darstellung. Ob die sich derweil in der Krippenschänke die Kante geben, will ich angesichts des Gegröhles schon um 18:00 Uhr nicht mehr herausfinden.
Die Essundtrinkbuden sollen auch auf anderen Weihnachtsmärkten die weihnachtlich anmutenden Stände mehr und mehr verdrängen. Städte und Kommunen vergeben das Weihnachtsmanagement an Veranstaltungsfirmen. Die wollen Reibach machen und fordern entsprechend hohe Standgebühren. Heisser, billiger Fusel und schlechtes Essen lassen dabei die Kassen am hellsten klingen. Private oder gemeinnützige Hersteller von Artikeln, die noch an Weihnachten erinnern, haben da nichts mehr verloren. Und überhaupt Weihnachtsstimmung, hier gehts um Spass und ums Geschäft.
Wie naiv ich noch immer sein kann, erlebte ich angesichts der Spreu auf dem Boden. Ich dachte, die sei da, um keine kalten Füsse zu bekommen während man an einem Stand steht. Aber weit gefehlt. Die wird ausgetreut, um die weggeworfenen Essensreste und die verschütteten Getränke aufzunehmen. Von dem abendlich vielfach Erbrochenen ganz zu schweigen.

Das eingangs erwähnte Zitat lautet im Zusammenhang:

Du alt Geräte, das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
[…]
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
[Goethe: Faust. Eine Tragödie. in: Goethe-HA Bd. 3, S. 28-29)

                                         (Fotografien zum Text – anklicken vergrössert nur das Bild, nicht den Schrecken)

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31 Gedanken zu „Dekonstruktions-Rekonstruktionen

  1. Guten Morgen, lieber Herr Ärmel,
    in diesem Jahr ging ich bislang nur über einen Markt, der war klein und nicht fein, denn auch hier überwogen die Fress- und Saufstände und es gab nichts, aber auch rein gar nichts, was mir ein Ooooh hervorgelockt hätte, gestern dann war ich in Lö, da gab es dann gleich am Anfang drei nette Stände, aber ich hatte keine Zeit und Lust und viele Stände hatten auch noch nicht geöffnet und mir war dann so nach Heimfahrt-
    Konsumterror, ja, das wird von Jahr zu Jahr nicht weniger und die Illuminationen an den Häusern auch nicht …
    herzlichst
    Ulli, die Ihr Goethezitat sehr mag …

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  2. Lieber Herr Ärmel, das Wort „Reibach“ hab ich lange nicht gehört, aber gleich wieder erkannt. Dass Du solch einen Koloss an Eisensicherheit schließlich in andere Hände abgeben konntest – meinen Glückwunsch. Ich kann mir vorstellen,dass der nicht so leicht abzugeben ist. Ich wünsche Dir einen vielleicht ja sonnigen Wintertag, hier jedenfalls zeigt sie sich ein bisschen. Liebe Grüße von der Beobachterin. *DirdieroteNikolausZipfelmützewiederabnehm* 🙂

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  3. Eine interessante kleine Schlenderwanderungsschilderung mit beifälligem Kopfgenicke. Am Ende ein angewidert verzogener Mund: das mit dem Streu ist eklig. Ein paar andere Beobachtungen nicht minder.
    Gruß von der Kopfsteinpflasterhinfallängstlichen

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  4. In Hanau Kesselstadt gibt es den von Ihnen ersehnten Markt, lieber Herr Ärmel, immer am ersten Adventswochenende vor der Reinhardskirche. Ein großer Teil des Erlöses, den die Aussteller erzielen, kommt einem jährlich sich änderndem gemeinnützigen Projekt zugute und es gibt eine Kräuterhexe (in Tracht), die Schulen haben jeweils einen Stand mit Selbstgebackenem oder Glühwein oder heißem Äppler, ein entzückendes kleines Kinderkarussell dreht seine Runden, es gibt Wildbratwurst mit schönem Brot, Waffeln und natürlich auch die selbst gehäkelten , gewöhnungsbedürftigen Sachen der Landfrauen, eine Kaffeetafel, zu der jeder, der mag, einen Kuchen beisteuern kann, der Erlös auch da fließt in das Projekt. Um 17.00 Uhr wird mit den Kindern der Pfarrgemeinden gesungen…es ist wirklich wie in früheren Zeiten. Aber diese Aussteller müssen auch nicht von den Einkünften leben.
    Der Markt vor dem Rathaus in der Innenstadt entspricht dem, was Sie oben schildern und ist trotzdem überlaufen.
    Vor so einem nur noch größerem Tresor, der in einer Zweigstelle der Bank auf Dielenboden stand, habe ich meinem Mann in der Lehrzeit mal Boogie beigebracht und plötzlich stand die Polizei im Raum, weil wir die Alarmanlage ausgelöst hatten -:)))
    Genießen Sie trotz allem die weitere Adventszeit und seien Sie herzlich gegrüßt.
    Karin vom Dach in Hanau

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    • Zum Glück gibt es noch immer die beiden verschiedenen Varianten. Und in Ihrem Beispiel sogar die beiden in räumlicher Nähe.
      Ich danke Ihnen für Ihren Kommentar und sende einen Abendgruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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  5. Lieber Herr Ärmel, es ist schön hier Gleichgesinnte zu finden, die keine 20 Wurstbuden und noch mehr Trinkhäuschen mit einem Weihnachtsmarkt gleich setzen. Ich war noch auf keinem Markt und es werden nur zwei folgen. Einer, der von einem Dorf organisiert wird und nur einen Tag dauert und einer auf unserem bekannten Hofgut Dagobertshausen (Kulturscheune), der sehr liebevoll mit selbstgebackenem Brot, kandierten Nüssen und vielem mehr daher kommt und noch ein wenig den Ursprung hoch hält. Mittelhessische Nebelgrüße ins Bembelland!

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    • Es gibt sie in Tat noch, die kleinen Wiehnachtsmärkte, die tatsächlich die anstehenden Tage erahnen lassen. Freiwillige Helfer, fleissige Hände und handgemachte sinnvolle Produkte. Dazu weihnachtliche Musik von Menschen auf ihren Instrumenten musiziert. Dazu muss man wissen, wo man sich hinzuwenden hat, denn solche Märkte dauern oft nur einen Tag.
      Abendgruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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  6. Wahrscheinlich mangels Religiosität ist mein Verhältnis zu Weihnachtsmärkten ein entspanntes. Ich besuche natürlich nur solche, die mir gefallen; davon gibt es etliche. Dort wird- meistens um ein historisches Gebäude herum – Weihnachtsschmuck aller Art angeboten sowie Kunsthandwerk aus Holz, Keramik, Kerzen, Lebkuchen und diverse Bioprodukte vom Kernöl zum Schnaps über Eingelegtes und diverse Mehlspeisen….Natürlich gibt es auch Punsch, mit und ohne Alkohol; es wird gesungen, es gibt Back- und Bastel-Workshops für Kinder. Man kann an solchen Orten ein paar nette Stunden verbringen.
    Das Bedürfnis nach Spiritualität und die Sehnsucht nach der heilen Kinderwelt befriedigen sie natürlich nicht. Das wär aber wohl auch zuviel verlangt…

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  7. Na, das nenn‘ ich doch mal ne total Übereinstimmung: FischerZ, Weihnachtsmarktgrusel und Goethezitat – obwohl ich mich bei letzterem Größenwahnling schon frage, ob der eigentlich manchmal doch Gewissensbisse gehabt hat bei all den Moralepisteln, für deren Anwendung in SEINEM Leben sich so gar nichts finden lässt?… „was man nicht nützt, ist eine schwere Last…“ – tja.

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    • Eine (Fast)Übereinstimmung aus Deiner Richtung – ich bin fast platt.. Naja, immerhin gibts dann doch noch eine Einschränkung für den Herrn v. G. Alles gut also.
      Was nichts nützt, kann zu einer schweren Last werden.Oder so. Oder andersrum, mit Herrn Scharping zu reden 😉

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  8. Ja, kein Weihnachtsgedusel – das mit der schlechteren Qualität der Würste kann ich bestätigen – mein letzter Besuch eines solchen Marktes liegt allerdings etwas zurück. Den strammen Safe hättest Du gut für die Kamera-Sammlung verwenden können.

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  9. Interessant, dass Sie auf die übliche synkretistische Weihnachtsszene hinweisen: Bethlehem und Nazareth, Hirten und Könige und …. das sagen Sie nicht: zwei Jesusknaben, der eine geboren von der armen Maria aus Nazareth, die nach Bethlehem wanderte und ihr Kind in einer Höhle oder einem Stall bekam, der andere von der wohlhabenden gebildeten Maria aus Bethlehem, die selbst bereits dem Hohepriester vorgestellt worden war als Kind. Und verschiedene Vorväter haben sie auch. Den meisten fällt diese Merkwürdigkeit ja gar nicht auf.

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    • Die beiden Jesusknaben ergeben sich doch logisch aus der synkretistischen Betrachtung der Weihnachtsszene.
      Auffallen können diese Tatsachen jedem Menschen, der sich mit den esoterischen Vorgängen des Christentums beschäftigt.
      Schön, dass es Ihnen auch aufgefallen ist.
      Abendgruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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  10. Die einzig wahre Krippenszene ist sowieso die hier: http://bit.ly/2gH2nFj

    😀

    Ansonsten teile ich Deine Abneigung gegen Weihnachtsmärkte nur bedingt, es gibt hier noch ein paar sehr stimmungsvolle Märkte in Hamburg die sogar einen fotografischen Exkurs wert sein könnten, wären da nicht…

    das Publikum. Die Masse. Das Gedränge. Der Kommerz. Das Scheißwetter.

    Andererseits habe ich mal zusammen mit einem Dir gut bekannten Herrn sowie einem jüngeren Mann aus der Provinz seinen (also des jungen Mannes aus der Provinz) ersten Besuch in der großen Stadt standesgemäß auf dem Santa Pauli Weihnachtsmarkt begossen. Kräftig begossen. Und das war ein sehr lustiger Abend, der junge Mann aus der Provinz wird das noch seinen Enkeln erzählen schätze ich. 😀

    Mit Fischer-Z hingegen konnte ich nie etwas anfangen, was wohl hauptsächlich am Sänger gelegen haben mag.
    tönt’s im Ohr dann all zu fiese
    wird es schwer auch für Marliese.

    *listening to the central scrutinizer*
    Der Ahmet Zappa hat ein saugutes Händchen für Zusammenstellungen, ZAPPAtite könnte fast als Essential Zappa durchgehen (also als eine CD in der 20er Box latürnich nur, aber immerhin!)
    Wäre ne gute Zappa für Einsteiger, muss ich meinem Sohn mal brennen.

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    • Die Krippenszene ist erste Sahne. *ggg*
      Die Wärendanichts sind für mich ausschlaggebend. Und besagten glaube ich zu kennen…
      Das mit den Sängern und ihren Stimmen hatten wir doch gerade vorhin in einem anderen Blog.
      Und nun vom Fischer-Z zum Francesco Z. zu kommen, werde ich mir noch ein, zwei Apfelglüher reinziehen.
      Bis dahin läuft: Jesper Munk – Claim (2015)

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