Aller Tage Abend? Keineswegs! (I)

Ich danke Ihnen, höchstwertgeschätzte Frau Knobloch, für die Bekanntmachung mit dieser norwegischen Band, die seit kurzer Zeit im Ärmelhaus häufig ertönt: Madrugada – Madrugada (2008)…

Zu dieser Zeit haben saisonal Bilanzen und Rückblicke Konjunktur. Wer zu den Quellen gelangen will, muss jedoch gegen den Strom schwimmen.  Und wenn es gut geht, halten sich dabei Rücksicht und Vorsicht im Gleichgewicht.
Ich freue mich auf das kommende Jahr und blicke aus diesem Grund lieber nach vorn. Schliesslich sind meine Augen auch vorn im Kopf angebracht.
Spannende Herausforderungen warten auf lebensfreudige Menschen. Nicht wenige dieser Menschen fangen nämlich wieder an, beim Sprechen und Schreiben alle grammatische Zeiten zu benutzen. Nicht einfach so zum Spass, dafür ist das Thema zu ernst.
Diese Zeiten sind von der Vergangenheit bis zur Zukunft: Plusquamperfekt (mehr als Perfekt) – Perfekt (gemacht, erledigt, gebongt) – Imperfekt (noch nicht erledigt, wirkt noch in die Gegenwart) – Präsens (die Gegenwart – jetzt) – Futur I (wird sein) – Futur II (wird dereinst gewesen sein).
Ein wichtiges Kennzeichen der bürgerlich kapitalistischen Endzeit ist die Abschaffung von Imperfekt (seit einigen Jahren strategisch ablenkend in Präteritum umbenannt) und Futur. Das Plusquamperfekt beherrscht ohnehin nur noch ein kleiner Teil der Muttersprachler in den europäischen Ländern und das Futur II findet sich selbst in der sogenannten Hochliteratur nur noch selten.
Unser Bewusstsein – und es drückt sich neben unserem Handeln vor allem in unserem Sprechen aus – ist mittlerweile weitgehend reduziert auf den scheuklapprigen Gebrauch von Perfekt und Präsens. Was bedeutet das?
Was vorbei ist, ist vorbei und alles andere findet jetzt statt. Wir werden dadurch von den zeitlichen Prozessen abgeschnitten. Bewusstseinsmässige Digitalisierung könnte man das auch nennen. On off. Ist gewesen oder findet statt. Sei dabei oder nicht. Was vorbei ist, ist vorbei.
An einem konkreten Beispiel sieht das in etwa so aus. Was ich kaufte oder trank (Imperfekt), beinhaltet den Prozess des Erwerbs oder Genusses, der noch nachwirkt in die Gegenwart (Präsens). Das Glücksgefühl des Kaufs oder den guten Geschmack des Getränks, an dem ich mich noch immer erfreue oder den ich noch immer schmecke. Was ich hingegen zur selben Zeit gekauft oder getrunken habe (Perfekt), ist bereits erledigt. Passé. Ich bin schon dabei, mir Gedanken zu machen, wie ich mit dem Kauf jetzt umgehe. Der Geschmack ist bereits verflogen./
Ich bin wieder bereit für den nächsten Prozess, den nächsten Kauf oder den nächsten Genuss.

Um dieses System der steten Bereitschaft nun für die Wirtschaft so richtig profitabel zu machen, muss man die Sprechenden dazu bringen, das Futur zu vermeiden. Oder noch besser, zu vergessen. Denn das Futur beschreibt Zeitspannen vom Jetzt in die Zukunft. Zum Beispiel das Abwarten oder das Sparen. Ein Vorgang oder ein Kauf wird in der Zukunft stattfinden. Für die Produzenten von Konsumartikeln, Reisen oder anderen Verkaufsangeboten ist dieses (ab)wartende Bewusstsein ebenso lästig wie für Dienstleister, ganz besonders trifft das für die Kreditverkaufsinstitute (Banken) zu. Die verdienen sehr viel Geld damit, dass Menschen nicht abwarten wollen oder können. Nicht abwarten, sondern gleich kaufen. Und zwar mit einem Kredit. Kauf jetzt! Sparen ist ein typisches Beispiel für einen zukunftsorientierten Prozess und damit besonders störend für die Wachstumswirtschaft. Nicht auszudenken, wenn Menschen in dieser Zeitspanne zu denken beginnen würden, oder sich mit anderen Menschen über ihre Konsumabsichten austauschen würden. Am Ende gar ihr Geld nicht für Nutz- oder Sinnloses wegwerfen würden. Ohne Konsum bricht unsere Wirtschaft zusammen. Also kauf´ jetzt, aber dalli. Was weg ist, ist weg. Sei doch endlich mal so blöd und hab Spass. Wer bis hierher gelesen hat, kann mal versuchen, den vorgehenden Satz im Futur auszusprechen.
Die römische Eins oben in der Klammer will auf weitere, kommende Ideen und Gedanken zu unserer derzeitigen Situation hinweisen.

                            Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern einen helleuchtenden vierten Advent

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28 Gedanken zu „Aller Tage Abend? Keineswegs! (I)

    • Denken soll angeblich nicht schaden. Sagt man jedenfalls. Ich glaube jedoch, dass es drauf ankommt, was oder wie man denkt. Wem folgt man: Prometheus oder seinem Bruder Epimetheus – Vordenker oder Nachdenker?
      Frühmorgengruss von der teeduftenden Fähre

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    • Madrugada habe ich jetzt erst kennengelernt und die Musik gefällt mir gut.

      Ich glaube auch, dass es ohne das Bewusstsein des Vergangenen nur eine bruchstückhafte Zukunft geben kann. Das kann man am Handeln von Leuten sehen, die einzig nur nach vorn sehen und handeln wollen. Vielleicht fällt auch mangelndes Geschichtsbewusstein in diese Kategorie.
      Morgengruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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      • Madrugada lief doch eins beim Dachboden-Radio rauf und runter … schön, dass sich diese tolle Band weiterhin solch einer Beliebtheit erfreut und immer wieder neu entdeckt wird.

        Dankeschön HerrAermel für das obige stimmungsvolle und inspirierende Bild.
        Ganz viele herzliche Grüße aus München

        sera

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        • Sera, welche Freude, Dich hier zu lesen. Und mit diesen freundlichen Grüssen obendrein.
          Den Dachboden vermisse ich manchmal. Letzthin als ich wieder einmal nachschaute, musste
          ich feststellen, dass er jetzt wohl geschlossen ist. Für immer?
          Ganz herzliche Grüsse aus dem bembelland,
          Herr Ärmel

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  1. An dieser kurzweiligen Deutschgrammatiklehrstunde zum Thema „zum richtigen, besseren Gebrauch der verbalen Zeitformen beim kapitalistischen Kaufrausch“ gibt es meiner Meinung nach nichts zu bemäkeln…
    Liebe Morgengrüße vom Lu, ebenfalls gerade Tee genießend

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  2. Endlich mal Perfekt und Imperfekt verständlich erklärt. Allerdings dachte ich, die zukunftsvergessene Moderne bevorzugt im schriftlichen Ausdruck Imperfekt. Weil man sich da das unproduktive Hilfsverb spart und so mehr Platz für bezahlte Anzeigen bleibt.

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    • Wenn mir eine Horizonterweiterung gelungen, dann freut mich das sehr. Vielen Dank für Ihr Kompliment.
      Ihr Gedanke hinsichtlich „unproduktiver Hilfsverben“ – welch ein Knaller – sollte man weiterdenken. Besonders natürlich im Hinblick möglicher Konsumwerbungen…
      Vormittagsgruss,
      Herr Ärmel

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  3. Kannte mal eine ungemein vielsprechende Dame aus Würzburg, die alles im Plusquamperfekt erzählte. Alle Ereignisse, auch die von gestern Vormittag waren so was von abgeschlossen und weit „wech“. Das klang etwa so „wir waren dann gestern einkaufen gewesen und waren noch beim Winzer eingekehrt . Der hatte aber nach 20 Uhr keine Weine mehr ausschenken gewollt und dann simmer halt wieder gefahren.“. Wenn man damit mal anfängt, dann hört man nicht mehr auf, so umfangreich klingt das. Vor allem im zweiten Satz fällt auf, dass die Komplikationen zunehmen und nicht mehr ganz sauber sind. Dem gehen die smsler von heute flink aus dem Weg, denn da heißt es nur noch „Bist Schulhof?“. Vom Futur ganz zu schweigen. 🙂
    Freundliche Grüße vom gekrönten Tisch zum 4.en Advent, die Blumentorte

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    • Guten Morgen, liebe Frau Blumentorte. Ich stelle es mir unsäglich vor, Menschen zuhören zu sollen oder zu müssen, die in unpassenden grammatischen Zeiten parlieren. Die Mehrheit hat sich ja mittlerweile an den Verlust von Imperfekt und Futur I gewöhnt und vermeidet es selbst beim Sprechen. Aber jemand, der sich im Plusquamperfekt oder Futur II dauerhaft verständlich machen will, den stelle ich mir reichlich manieriert vor.
      Vierflammiger Adventsgruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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      • Ja, es bot wie so viele Pläsierchen reichlich Material für humoristische und abgründige Gedanken beim Zuhören. Unwillkürlich sammelt man Anekdoten und passt auf wie ein Luchs, dass man sich nicht verheddert beim Zuhören. Kurzum: es war „unterhaltsam“ für mich. Zirkus. Herzliche Grüße ins Bembelland, möge der Tag feierlich gelingen!

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  4. Sehr gern gelesen. Nur eine Aporie: diese Reduktion der Zeitformen auf nur zwei ist ein deutsches Phänomen – warum eigentlich? Konsumgesellschaften gibt es ja auch sonst. Vielleicht hat die Vorliebe fürs Perfekt mit dem „es muss ja auch mal vorbei sein dürfen“ zu tun? Und die Projektion in die Zukunft will vielleicht nach dem argen Erwachen vom Traum des Dritten Reichs nicht mehr recht gelingen?
    Im Griechischen haben wir als äußerst beliebte und strapazierte politische Vokabel das ΘΑ, das man für Zukunftiges verwendet. Große Versprechen von Volksbeglückung – Wahlen – und nix. Andreas Papandreou war der Meister dieses Worts.

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    • Liebe Frau Gerda. Nach meiner Kenntnisnahme könnte diese Reduktion auf zwei Zeiten durchaus aus der immer weiter restrigierenden Sprachvielfalt des Angelsächsischen herrühren. Einen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt es derzeit jedoch nicht.
      Ihre Beleuchtung möglicher historischer Zusammenhänge erscheinen gerade für die deutsche Sprache durchaus auch möglich. q.e.d.
      Schönabendgruss,
      Herr Ärmel

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  5. Hallo Herr Ärmel!

    Gegen Ende Ihres Artikels schreiben Sie: „Wer bis hierher gelesen hat, kann mal versuchen, den vorgehenden Satz im Futur auszusprechen“.

    Nun, der vorgehende Satz lautet: „Sei doch endlich mal so blöd und hab Spass“.

    Dieser Satz kann man nicht im Futur aussprechen, denn er steht im Imperativ.

    Ich vermute, Sie wollten prüfen, ob man tatsächlich den Artikel aufmerksam durchliest …

    Ich zweifle, ob jemand, der spart anstatt einen Kredit aufzunehmen, mehr an die Zukunft denkt. Ich zweifle heißt, ich bin nicht sicher.

    Der Beweggrund von jemand, der lieber spart, ist eigentlich die Sorge um die Erhaltung seiner Existenz. Er bevorzugt, auf einen augenblicklichen Genuss zu verzichten, um seine Zukunft nicht zu gefährden.

    Wir alle leben eigentlich immer in der Zukunft. Immer, in jedem Moment, haben wir die Zukunft vor Augen.

    Immer müssen wir Entscheidungen treffen, was wir in den nächsten Minuten tun werden.

    In diesem Augenblick, zum Beispiel, erwäge ich, weiter zu schreiben oder Schluss zu machen, ich habe wirklich diese Wahl vor mir und ich muss mich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden.

    Sehr gerne lese ich ihre Artikel sowie die geistreichen Kommentare, den von Herrn Gkazakou, zum Beispiel, wo er über das griechische Wörtchen Tha für die Bildung der Zukunft schreibt. Neugriechisch ist eine erstaunlich einfache Sprache, vergleichbar mit Englisch, die haben das Wörtchen „will“ um die Zukunft auszudrücken.

    Kalí Christújena, frohe Weihnachten.

    Aber wir sind noch nicht soweit

    Carlos

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    • Querido Carlos,
      me gusta tu comentario mucho. Yo pienso, que tu tienes razon.con tus buenos argumentos.
      Quiero menzionar que el senor Gkazakou esta una muy estimada senora 😉
      con un fuerte abrazo,
      Senor Aermel

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  6. Interessante Überlegungen zur neuen Disziplin der konsumorientierten Grammatik 🙂 Ich möchte nur ergänzend darauf hinweisen, dass man in Österreich den Imperfekt ebenso wie das Plusquamperfekt praktisch nur in der geschriebenen Form verwendet. Auch gebildete Menschen verwenden auch bei sehr förmlichen Gelegenheiten nur extrem selten den einen oder anderen Imperfekt. Dieses Phänomen gehört wohl zu den zahlreichen Varianten der deutschen Sprache.
    Sehr originell finde ich den Gläschenadventkranz mit Gingkoblatt …

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    • Konsumorientierte Grammatik fetzt ausserordentlich. Den Feinbegriff werde ich mir merken und danke Ihnen für die Anregung dazu.
      Schönabendgruss,
      Herr Ärmel

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  7. Ich bitte, meinen Kommentar aus folgenden Wörtern selbst zusammenzustellen und die korrekten Zeiten zu verwenden, sowie evtl. fehlende Wörter selbst einzusetzen:
    so – soll – ich – schwieriges – ich – jetzt – zu – Zeitform – fatal – wilden – Autopict – was – eben – ein – Feld – traue – fast – kommentieren – falsche – grammatikübende – ich – sagen – mich – nicht – weil – ich – die – und – wäre – Abendgrüße – dem – Herr – dazu – Grammatik – Süden – erwische – das – eventuell – das – aus – Süden – Ihr

    P.S.: der sparsame Schwabe kennt ohnehin nur 4 Zeiten, das Futur 2 gibt es praktisch nicht (vermutlich weil nicht greifbar) und das Imperfekt weicht in aller Regel dem Perfekt. Aber auch das Perfekt als solches wird in verschachtelten Sätzen optimiert.
    Beispiel:
    „Gestern habe ich die Küche aufgeräumt, den Backofen nochmals eingeschalten und mir die kalten Füße gewärmt, weil der Heizkörper aus war, dann habe ich noch den Tatort angeschaut und dazu eine Flasche Glühwein getrunken.“
    Übersetzung:
    „Geschdrn han i d’Küche uffgräumd, da Baggofa nomal eigschalda ond mr d’kalde Fias gwärmd, weil dr Heizkörbr ned oh war, ond dann han i no da Dadord guggd ond a Flasch Gliehwai rondrglassa.“
    Oder so ähnlich. Auf jeden Fall eindeutig.

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Herr Autopict, ich danke Ihnen für Ihre überaus interessante Aufgabe und das nachfolgende Verbalbeispiel.
      An beiden knacke ich seit Wochen. Aber ich werde nicht aufgeben. Ich plane zwar bereits eine Sprachreise in jene, mir nur allzu interessant erscheinende, Sprachinsel. Allein der Fachberater im Reisebüro meines Vertrauens runzelt bedeutungsvoll die Stirn und räuspert sich vielsagend ohne viel zu sagen.
      Die Zeit wird zeigen.
      Bis dahin grüsse ich Sie herzlich,
      Herr Ärmel

      (Witthüser & Westrupp – Bauer Plath / 1972)

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