Rahmenabsteckung

Ich werde mich daran gewöhnen müssen, diese unerwünschten Nachrichten als naturgegeben hinzunehmen. Meine musikalischen Helden kommen in die Jahre. Family, King Crimson, Roxy Music, Phil Manzanera (801), U.K., Uriah Heep oder Wishbone Ash waren die vielleicht bekanntesten Gruppen, für die John Wetton (12.6.1949 – 31.1.2017) den Bass zupfte…

Meine gegenwärtige Lebensphase wird geprägt von einem Projekt unter dem Titel Fülle durch Reduktion. Wie kommt man zu dem Begriff oder der Metapher von der Fülle durch Reduktion? In meinem Fall stehen dafür individuelle Prägungen, Erfahrungen und Erkenntnisse, die mir auf meinem eigenen Lebensweg zuteil geworden sind. Insofern wird es in weiteren Beiträgen nicht um komplizierte theoretische Blasen gehen oder abstraktes Geschwurbel. Es wird um die Praxis meines Alltags gehen. Um die darin auffindbaren Möglichkeiten und die Grenzen des individuell Machbaren.
Insofern wird es hier in diesem Blog persönlicher werden. Dazu ermutigt haben mich neben zahlreichen persönlichen Gesprächen auch die Mehrzahl der letzten Kommentare. Wenn Menschen, die in der nächsten Zeit hier vorbeischauen, für sich eine brauchbare Anregung in den Themen finden sollten, dann wäre das ein erfreulicher Erfolg für alle Beteiligten.

Bei der Fülle durch Reduktion handelt es sich um einen grundlegenden Paradigmenwechsel von quantitativen hin (oder zurück) zu qualitativen Werten. Jeder, der das weltweite Geschehen aufmerksam beobachtet, kann bemerken, dass der Masse Mensch qualitatives Wertedenken durch ein Quantitatives weitgehend bereits ersetzt worden ist. Dieser Prozess ist gesteuert. Interessiert sind dabei nicht nur Konsumartikelproduzenten. Die herrschenden Eliten im allgemeinen haben daran ein Interesse. Ihr Werkzeug dabei ist der Wettbewerb um jeden Preis. Jeder gegen jeden. Und dabei die Marionettenspieler und Strippenzieher nicht erkennen.

Dreh- und Angelpunkt für die sich weltweit zuspitzende Notlage jedes einzelnen Menschen ist für mich das bürgerliche Gesellschaftssystem im demokratischen Gewand. Nicht umsonst wird in unserem Land bei jeder sich bietenden Gelegenheit den bürgerlichen Werten, dem Wettbewerb und der Demokratie das Wort geredet. Die böse Dreieinigkeit vor der kein Entkommen möglich scheint. Es fehlt die Möglichkeit einer Alternative. Das kommunistische System, das ebenfalls ein bürgerliches System gewesen ist, war zum Untergang bloss früher als das kapitalistische System verurteilt. Und die jetzigen Populisten denken ebenso wenig an die Menschen, es geht ihnen um Macht und Geld.

Jeder kann es wissen, kaum jemand will es wahrhaben und über allem schweben die Hoffnung, von allem Üblen verschont zu bleiben und der gleichzeitige Wunsch nach ein wenig „Mehr“ bitteschön. Etwas mehr Luxus, ein besseres Gehalt, Immobilieneigentum, das neue Kraftfahrzeug, Hobbies. Mehr mehr mehr.
Auch ich stelle schmerzlich fest, immer wieder von „Verbesserungswünschen“ heimgesucht zu werden. Einziger Trost dabei ist mir die Wahrnehmung, noch immer ein Teil meiner menschlichen Umgebungen zu sein.
Optimierung lautet ohnehin die Parole. Politik und Industrien machen es deutlich. Die entscheidenden Fragen beginnen nicht mit warum sondern mit wie. Wie machen wir das? Statt, warum wir machen das? Das ob wird dabei gleich mitabgeschafft. Beispiele dafür kann man in jedem Moment Dutzende finden. Kritische Einwände, ob dies oder jenes sinnvoll ist oder ob es überhaupt der Menschheit dient, werden handstreichartig weggewischt. Man wird verdächtigt, zurück ins Mittelalter zu wollen. Wird überschüttet mit Häme.
Ich hätte nichts gegen bestimmte Formen mittelalterliches Lebens. Der feudale Haushalt, Oikos (daher kommt das Wort Ökonomie), war vereinfacht gesagt eine primitive Art sozialstaatlichen Handelns. In etwa also das, was die bürgerlichen Parteien bei uns gerade restlos am vernichten sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist gewollt.
Ich empfinde mich aber gleichsam in der griechischen Antike lebend. In einer derartigen Demokratie. Damals hatte mitnichten das Volk ein Mitspracherecht an den politischen Prozessen. Es waren lediglich die Freien, d.h. diejeinigen Menschen, die nicht um ihre alltägliche Notdurft arbeiten mussten. Diese reiche Elite, und nur sie hatte ein wirkliches Mitspracherecht an politischen Entscheidungen. Der grosse Rest waren Unfreie und Halbfreie, denen grundlegende Rechte fehlten. Das wird heute gerne verschwiegen. In Deutschland gibt es noch immer nicht das Instrument des Volksentscheids.
Damit ist der grosse Rahmen abgesteckt, indem sich meine Motivation entfaltet hat, manches wenigstens versuchsweise zu verändern. Aussteigen kann ohnehin niemand mehr. Das beste Beispiel dafür liefern prominente Aussteiger selbst. Und wenn sich ein Exkommunarde und Schaulinker wie Rainer Langhans im Dschungelcamp für Geld produziert, dann pfeifens die Spatzen von den Dächern.

                    Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein mittelwinterlich herzfrostfreies Wochenende.

 

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26 Gedanken zu „Rahmenabsteckung

    • Ich war zwar jahrelang bei den Pfadfindern, aber auf diesem Weg bin ich eher Suchender.
      Meine Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse werden jedoch hier zu lesen sein…
      Mitternachtsgruss,
      Herr Ärmel

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  1. Lieber Herr Ärmel, bei Fülle durch Reduktion ist mir sofort Sauce eingefallen, da durch deren Reduktion eine größere Fülle von Aromen entseht. Zu unserer Gesellschaftsform hat George Orwell einmal etwas passendes geschrieben. „Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher als andere.“ So lange wir diese Ausreißer haben, wir kein System funktionieren, denn jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied und da sind in diesem Fall die Reichen und zu Übermächtigen. Nebelige Grüße aus Marburg!

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    • Herzlich Willkommen und schönen Dank für Ihren Kommentar. Ihre Meinung teile ich dahingehend, dass vorausgesetzt sei, dass man mit seinem Leben zufrieden ist. Wer aber ist das wirklich? Um welchen Prozentsatz der Bevölkerung könnte es sich dabei handeln?
      Mitternachtsgruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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          • Ihre Frage nach statistischen Ergebnissen lässt sich nicht seriös beantworten. Weil mit ‚Zufriedenheit‘ ein sehr fragiler Zustand menschlicher Befindlichkeit beschrieben ist, ließe sich sein prozentualer Anteil, bezogen auf was auch immer, stets nur als Momentaufnahme ermitteln. Dazu käme das Problem der Fragestellung: Zufriedenheit mit sich selbst, oder Zufriedenheit mit der Gesamtsituation … Man könnte zumindest annehmen, dass wenn Ersteres zutrifft, die Wahrscheinlichkeit, dass auch Zweites als zutreffend empfunden wird, eine höhere ist.
            Aber das wussten Sie sicher bereits … 😀

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            • Nichts weniger, Herr zu Henningsheim, als diese Ihre wohlabgewogene Antwort hätte ich von Ihnen erwartet. Ihre Bedachtsamkeit auf statische Seriosität, die Relativierbarkeit von Gefühlen wie Zufriedenheit… Ich bin erfreut und gestehe gerne zu, dass ich soweit nicht denken wollte, ohne das Ergebnis Ihres Nachdenkens abzuwarten. Ich werde nun meinerseits in mich gehen… 😉

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  2. Zwei Einwände: OIKOS bedeutet Haus, OIKONOMIE also zunächst Hauswirtschaft. Das hat mit feudalen mittelalterlichen Verhältnissen zunächst nichts zu tun. Der zweite Einwand ist grundsätzlicher, er betrifft die Charakterisierung der griechsichen Demokratie, die verschiedene Phasen durchgemacht hat. Sicher, manches war nicht ideal. Richtig ist, nur freie Athener hatten demokratische Rechte. Das waren alle männliche Bürger, wenn sie mit 20 ihren Wehrdienst abgeleistet hatten. – NB: Auch bei uns haben Emigranten kein Mitbestimmungsrecht, und Frauen wählen in Deutschland erst seit einem knappen Jahrhundert.
    In der reifen attischen Demokratie, die von ca 550 bis 330 galt, war nicht nur die „reiche Elite“, sondern jeder der ca 50 000 Bürger war am politischen Geschehen aktiv beteiligt. Es war strafbar, sich in schweren Konflikten der Stimme zu enthalten. Jeder musste Stellung beziehen. Auf der Pnyx versammelten sich bis zu 6000 Bürger, die durch Los bestimmt wurden, um über wichtige Gesetze und Krieg und Frieden abzustimmen. Alle hatten Rederecht. Der der Volksversammlung vorgeschaltete Rat der 500 wurde ebenfalls durch Los bestimmt, der Vorsitz wechselte täglich. Dasselbe gilt für das Gericht. Auch die Beamtenpositionen wurden durch Los besetzt, nur die Staats- und Heerführer wurden gewählt. Die Mandatsdauer in den verschiedenen Institutionen war kurz, um jede Gewaltenkonzentration zu vermeiden etc. pp.- All das gilt für fast zwei Jahrhunderte Attischer Demokratie – ein sehr interessantes Studienobjekt.
    Mit besten Grüßen aus Athen.

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    • Ich danke Ihnen für Ihren ausführlichen Kommentar. Ihrem Einwand hinsichtlich meiner verkürzten Darstellung der griechischen Demokratie folge ich gerne und danke Ihnen gleichzeitig für die Präzisierung.
      Was den Oikos der Christianitas (Voreuropa) angeht, stimme ich Ihrem Einwand hingegen nicht zu. Der war eine der Grundlagen des mittelalterlichen Hauswesens, die Absicherung und Versorgung des gesamten „Hauses“. Dazu zählten Menschen ebenso wie die Tiere. Die Regelung der Familienangelegenheiten, Heiratserlaubnisse, Berufsgenehmigungen usw. Sinn und Zweck waren Erahlt und Absicherung der Lebensgrundlagen eines sozialen Verbandes. Dass Oikos und Oikonomie verschiedene Begrifflichkeiten bezeichnen, ist mir klar.
      Ich wollte, wie im Text geschrieben, hier keine langen theoretischen Abhandlungen schreiben. Langeweile soll nicht aufkommen. Sofern es sich um Tatsachen handelt, die in den formalen Rahmenbereich gehören, werde ich mir auch in den folgenden Beiträgen die knappest mögliche Darstellung erlauben. Beim Inhaltlichen dagegen, d.h. was mein Leben direkt betrifft, werde ich auf die Vermeidung möglicher Missverständnisse achten.
      Herzlicher Mitternachtsgruss aus dem Bembelland,
      Herr Ärmel

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      • Heute ist Oikos auch eine alternative Bank, die in Entwicklungsländern Minikredite gewährt. Siehe https://www.mitgruenden.at. Es ist wunderschön zu erleben wie Menschen (meist sind es Frauen), denen man mit einem winzigen Kredit eine Chance gibt, mit großer Tüchtigkeit Projekte aus dem Boden stampfen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Und obendrein zahlen sie ihre Minikredite noch zurück, in rührend winzigen Beträgen, für die man sich als KreditgeberIn geradezu schämen kann

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        • Das kann ich aus eigener Anschauung nur bestätigen. Es gibt in Ecuador einige Projekte, die seit Jahren wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Finaziert aus internationalen Gebergeldern. Allesamt von Frauen begonnen und fortgeführt.

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  3. Da muss ich wieder an Ihre bei Frau Wildgans genannte Ackerdemie denken.

    Wem wahrhaftiger Erdbezug fehlt, vergisst leicht den Wert der grundlegenden Dinge, schweift ab, ist verführ und steuerbar. So trägt der kleine Mann am Ende die selbe Schuld wie die Eliten. Zahlen werden alle.
    Frühmorgendliche Grüße

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    • Abheben kann man schnell. Fliegen lernen und oben bleiben dauert länger und ist schwieriger. Dass am Ende alle zahlen werden, lässt an die Kollaterlaschäden denken; die vielen, weitgehend unschuldigen Menschen.
      Vormittagsgruss,
      Herr Ärmel

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  4. Enorm viel in diesem Post abgesteckt 🙂
    Fülle durch Reduktion: Eine Möglichkeit dazu zeigte Reinhart Tausch in seinem Buch „Lebensschritte“ auf: Kleine Pausen zwischen zwei (bewusst durchgeführten) Aktiviäten einrichten.

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    • Kleine Pausen sind unbedingt einzulegen. Ich danke Ihnen für Ihren literarischen Hinweis.
      Darf ich auch mir erlauben, Sie auf einen Essay hinzuweisen, den ich mit Gewinn gelesen habe:
      Thierry Paquot: Siesta. Die Kunst des Mittagsschlafs. VGS, Köln, 2000.

      Ruhepausengruss am Vormittag,
      Herr Ärmel

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  5. Werter Herr Ärmel … nun schleiche ich schon seit geraumer Zeit um diesen Beitrag (wahrlich wieder ein Prachtfilet in Ihrem blog) herum … Dann will ich was schreiben … dannkommt wieder was dazwischen … doch dann fallen mir diese Zeilen wieder ein … Und so melde ich mich wieder arg verspätet zu Wort.

    Zeilen bei den es ja um Reduktion geht … und diese Zeilen machten mich unruhig, denn immer wieder drängte sich die Frage in mir auf „Und wie hälst es Du mit der Reduktion“ (ganz sicher ein notwendiger Aspekt unseres Lebens).

    Und dann schaue ich mich in meinem Zimmer um und erkenne nichts, aber auch gar nichts von Reduktion … Und dann beschlich mich der Gedanke, dass all mein privates Tun hinsichtlich meiner Sammlung, Ansammlung irdischer Kulturgüte unterschiedlichste Coleur auch den Aspekt der „Belohnung“ in sich trägt.

    Mein Job ist anstrengend, oft genug wird da meine Toleranz- aber auch Belastungsgrenze überchritten … und so schöpfe ich dann abends oder am Wochenende aus dem „vollen“ … von wegen Reduktion !

    Und wenn Sie schreiben:

    „Etwas mehr Luxus, ein besseres Gehalt, Immobilieneigentum, das neue Kraftfahrzeug, Hobbies. Mehr mehr mehr.“ ,,,, dann treffen Sie den bberühmten Nagel auf den nicht minder berühmten Kopf …

    Ich lebe wohl eher üppig … und meine Sammelleidenschaft (wohl eher das Gegenteil von Reduktion) ist dann vermutlich das Gegengift zum beruflichen Alltag … der ja eher dazu geeignet ist … zu verhärten (Biermann: Lass dich nicht verhärten … )

    Von daher … wunderbar diese Idee der Reduktion (Mensch, werde wesentlich … Angelus Silesius)

    oder: Die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube (Goethe) ….

    Und was diesen Rainer Langhans betrifft: Für mich ist er ein Gaukler der üblesten Sorte … wobei ich damit den Berufsstand der Gaukler eigentlich beleidige …

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  6. Merkwürdig, in meinem digitalen Umfeld mir bekannter Menschen waren Sie (außer mir) der einzige, der den Tod von Wetton erwähnte. Merkwürdig auch, dass ich viele Ihrer musikalischen Helden auch zu den meinen zähle, ungeachtet des Generationenunterschieds. In musikalischer Hinsicht bin ich wohl ein Zuspätgeborener. (Verstehen Sie das als sachliche, allenfalls ironische Äußerung, nicht als Ausdruck des Wehmuts.)

    Ich bin gespannt, wie es Ihnen mit der Reduktion ergeht.

    Seien Sie herzlich gegrüßt

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    • Tja, wer kennt heute noch John Wetton und die vielen Konstellationen, in denen er musiziert hat… ?
      Das Thema Reduktion dachte ich, in drei höchstens vier Beiträgen abgehandelt zu haben. Inzwischen sind jedoch Füllen von Aspekten ins Bewusstsein gekommen. Aber wich werde weiterhin dazu schreiben.
      Seien Sie nicht minder herzlich gegrüsst,
      Herr Ärmel

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