Mrs. Turner piep´ einmal…

Frische, luftige Melodien und zum Fliegen schön: Rich Hopkins & Lisa Novak – Loveland (2008)…

Das zarte Stimmengewirr schien aus etwa drei Metern über uns zu kommen. Es gehört nicht zu meinen Angewohnheiten andere Gespräche zu belauschen. Bald wurde es auch wieder ruhiger. Kommunikationswogen. Stimmen wurden lauter, dann ebbten sie wieder ab. Mrs. Turner sollten wir erst später persönlich kennenlernen.

Ich habe mich von einem weiteren Blogmenschen verabschiedet. Über die Kommentare hinaus entspann sich ein privater, lockerer Mailwechsel. Ich kann den Zeitpunkt nicht genau benennen, aber irgendwann wurde es richtig unangenehm. Höflichkeit und Respekt sind auf das menschliche Gegenüber bezogen. Wenn die Selbstbezogenheit und Geschwätzigkeit überhand nimmt, beginnen Anzüglichkeiten und Übergriffe. Geben und Nehmen bilden Harmonien, Einseitigkeiten stören die Balance in den menschlichen Beziehungen.

Schon vor dem Frühstück war der lebhafte Austausch bereits wieder zu vernehmen. Wir schauten nach oben. Ja, von dort scheinen die Laute zu kommen. Waren sie verhaltener als gestern? Da sahen wir vor unseren Füssen die kleine Amsel liegen. Das Köpfchen unmässig nach hinten verdreht. Genickbruch als Folge des Sturzes aus dem Nest.

Aber da war noch ein Fiepen aus einer anderen Richtung zu hören.
Und richtig, es ertönte aus dem Korbgestell unten am Boden. Da sass zwischen Pflanzbehältern und der Keramikschnecke eine andere kleine Amsel. Ein kleine Flaumkugel. Wir nahmen uns gegenseitig wahr. Es war eher Offenheit und Verwunderung als Vertrauen. Jetzt nur vorsichtig sein. Annäherung lediglich aus sicherer Entfernung mit einem Teleobjektiv. Mrs. Turner soll sich keinesfalls erschrecken. Und die alten Amseln müssen hier im Hof in der Lage bleiben, ihren Nachwuchs zu füttern.

Es ist der Respekt und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Nur das zu nehmen, was der andere zu geben bereit ist. Es fällt natürlich schwer, auf einen anderen Standpunkt zu verzichten, der eine schönere Bildkomposition erlauben würde. Aber dadurch würde das kleine Lebewesen unnötig erschreckt werden. Im Verlauf von drei, vier Tagen wächst die Achtsamkeit für das junge Vögelchen. Wenn jemand mit einem Hund den Hof betritt, ist ein Hinweis notwendig; ebenso bei Menschen, die scheinbar blind und taub für ihre nächste Umgebung sind.

Den Geschwistervogel von Mrs. Turner sehen wir nicht. Da Amseln immer mehrere Nester bauen, haben ihn seine Eltern in ein anderes Nest im Hof des Nachbarn gelockt. Von dort sind seine Rufe nach Futter zu hören. Mrs. Turner wird schnell beweglicher. Hüpft auf dem Boden herum. Sitzt manchmal vor der Tür zum Ladenlokal. Dann heisst es aufpassen auf Menschen, die nichts sehen als das Konsumziel.

Die weitgehend reduzierte Wahrnehmung, in diesem Fall auf ein schützenswertes Lebewesen, öffnet andererseits die Sinne ungemein. Eine Woche mit einem kleinen Vogel ersetzt ein teures Meditationsseminar in romantischer Umgebung und mit allerlei Tamtam drumrum. Selbst das Geraffel beschränkt sich bloss auf die Kamera mit dem leichten Teleobjektiv. Da die Amselmutter sehr zutraulich ist, überträgt sich das offensichtlich auf Mrs. Turner.
Die ersten Flugversuche erscheinen den Menschen belustigend. Da die Schwanzfedern noch nicht ausgebildet sind, sind nur kurze Geradausflüge möglich. Aber dennoch gelingen schon erste, wacklige Landungen im raschelnden Efeu.

Iiiiieeeersch. Ein langer, durchdringend schriller Schrei. Im Hof stehen zwei Frauen. Könnten dem Aussehen nach Mutter und Tochter sein. Iiiiieeeersch. Noch länger und gellender diesmal. Die beiden Frauen schauen zu der Bank, auf deren Lehne Mrs. Turner gerne schläft. Ich fahre auf und sehe den kleinen Irrwisch, wie er im Schreien nun nach Mrs. Turner tritt und sie nur knapp verfehlt. Mutter und Grossmutter schauen stumm zu und erschrecken genauso wie der kleine Bankert als ich die Ladentür aufreisse und ihn anschreie, dass man nicht nach einm Tier tritt. Nun erwacht die Mutter endlich und sagt dem Sohn, dass der kleine Vogel vielleicht krank ist. In all den Wundern, die wir in den wenigen Tagen erleben dürfen, wohnen auch immer die schattigen Anteile des richtigen Lebens. Wo es hell leuchtet und Erkenntnis möglich ist, lebt um die Ecke der dumpfe Mief der Gleichgültigkeit.

Mrs. Turner beginnt ihren Flaum zu verlieren, indem sie sich putzt. Flügel oder Beine nach hinten zu strecken erfordert Gleichgewichtsgefühl, sonst fällt man um. Diese Entwicklungsschritte erledigen sich ungemein rasch. Reinlichkeit und Beweglichkeit greifen Hand in Hand. Uns fallen dazu die klaren Gedanken ein, die Voraussetzung sind für ein seelisches Gleichgewicht. Im blossen Wahrnehmen und Beobachten von Mrs. Turner fallen uns alle mögliche Metaphern zum menschlichen Verhalten ein. Mrs. Turners Verhalten und Entwicklung zu beobachten wird für uns zu einem bereichernden Lehrstück.

Bleiben am Morgen die gewohnten zarten Rufe aus, stellt sich ein sanftes Vermissen ein. Am Abend zuvor stellte Mrs. Turner ihre ersten Höhenflugversuche an. Die Schwanzfedern sind jetzt etwa zwei bis drei Zentimeter lang. Einem Menschen im Hof konnte sie nachmittags bereits in einem eleganten Bogen ausweichen.
Amseln sind Nestflüchter. Wenn der Amselvater aufhört mit dem Füttern, wird er beginnen, sein Revier zu markieren. Er zwitscherschimpft ohnehin zunehmend.

Zurück im Ärmelhaus rufe ich an, um mich nach Mrs. Turner zu erkundigen. Die Amselmutter lockte Mrs. Turner im höher. Auf eine Stromleitung. Von dort zu einer Dachrinne. Auf das zugehörige Vordach. Und höher auf den Giebel des Nachbarhauses. Es sei wieder ruhig geworden im Hof. Einzig die vielen kleinen Hinterlassenschaften erinnerten noch an Mrs. Turner.
Amseln brüten bis zu drei Mal im Jahr. Sollte es sich also fügen zu einem weiteren Besuch.
Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns dann nochmals den wunderbaren Film Mr. Turner ansehen. Der Gesichtsausdruck und Blick des Schauspielers Timothy Spall und seine häufig lediglich tonalen Äusserungen regten uns zur Amselbenamung an.

(Fotografie anklicken und grösser sehen. Die Fotografien sind alle freihand bei teilweise trüben Lichtverhältnissen aufgenommen. Insofern zählt hier nur der dokumentarische Charakter. Olympus OM-D E-5 Mk II, Zuiko 40-150, 1:4 – 5,6)

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32 Gedanken zu „Mrs. Turner piep´ einmal…

  1. once more, der erste Kommentar wurde nicht angenommen:
    Das wären doch glatt Motive für den nächsten Ärmelkalender, eine Piepshow mit Star…nein, natürlich Jungamselschönheit -:))
    gehe ich recht in der Annahme, dass diese Fotos und die Geschichte dazu sich in einem zauberhaften Blumenladen einer verehrte Bloggerin entstanden?
    Es war eine Freude, sie zu lesen und mit herzlichen Grüßen – noch vogelfrei -, Karin

    PS: meine Kohlmeisen brüten noch …

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    • Ihre Freude ist meine Freude – vielen Dank für Ihre Mitteilung.
      Ihre Annahme wurde auf anderen Wegen inzwischen bestätigt…
      Richten Sie Ihren Kohlmeisen bitte meine schönen Brutgrüsse aus,
      Herr Ärmel

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      • Sie melden sich schon lautstark und es herrscht reger Flugverkehr in und aus dem Haus und gestern musste ich den Eichkatz verscheuchen, der neuerdings hier alles inspiziert. Die Rabenkrähe lässt zwar die Kleinvögel in Ruhe, sie tunkt nur jeden Tag ihre gefundenen trockenen Brotbrocken (ich weiß nicht, woher sie sie immer hat) in das Vogelbad und verursacht dabei mit den Resten Brotsuppe.
        Die Blaumeisen haben inzwischen 12 Eier im Nest, bebrüten sie aber noch nicht, hängt vielleicht mit der Kälte zusammen?
        Ich brauche also keine Bild-Zeitung, ich habe alles real hier oben auf dem Dach.
        Leider gibt es die entzückende Mrs. Turner nicht mehr, ich werde mir aber erlauben, Ihren Artikel als Link unter einen Eintrag der „Amselwoche“ zu setzen, um sich immer wieder an sie zu erinnern.
        Ihnen, lieber Herr Ärmel, ein genußvolles Wochenende und einen schönen Start in den Wonnemonat, wünscht
        Karin vom Dach in Hanau

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  2. Dokumentarisch hin oder her, den Piepmatz in Foto Nr.1 finde ich sehr sprechend portraitiert. Das letzte Foto dagegen – ich hoffe Sie verzeihen mir die klitzekleine Freude darüber, dass das offenbar auch dem Profi passieren kann – ja, das ist eindeutig unscharf. Das könnte glatt von mir sein 🙂

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  3. Ihre Bilder sind sprechend und bewegend, Ihre Geschichte berührt mich sehr. Erinnert mich daran, als ich versuchte, ein Blag davon abzuhalten, auf einer Wiese die dort wachsenden Tulpen nicht zu köpfen und zu zertrampeln – der einzige Farbfleck in eher trister Umgebung und eine Augenweide. Prompt kam eine Großmutter(?) auf mich zugeschossen und versuchte mir zu erklären, dass man hier doch spielen dürfe und was ich denn hätte. Rücksicht? Umsicht? Tja. Leere Gesichter. Es ist viele Jahre her, ich bin immer noch angegrätzt, wie ich gerade bemerke.
    Ihnen ein feines Wochenende
    Christiane

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  4. Ich mag Mrs Turner, auch wenn sie sagen wir mal, einen etwas strengen Blick hat. Die Mundwinkel ein wenig nach oben – kein Schaden.
    Der Rest? Tja, was im wahren Leben nicht gelingt, gelingt im virtuellen umso weniger, im Umkehrschluss auch nicht besser.
    Beste Grüße!
    (Crippled Black Phoenix / Bronze)

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    • Was mich erstaunte: die merkwürdige Schnabelstellung erleichtert das Füttern. Es erinnert mich ein wenig an die Mundstellung von Säuglingen.
      Was das erwähnte Gelingen und die entsprechenden Schlüsse daraus betrifft, kann ich Ihnen leider nur zustimmen.

      Lassen Sie sichs gut gehen!

      (Wishbone Ash – Wishbone Four)

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  5. Feine Naturromantikreportage!
    Wobei der zweite Abschnitt eine harsche Textunterbrechung bedeutet, in meinen Augen, als wäre da `ne kleine Blitzfigur an Ihrem Bloggergeist vorbei gehuscht und Sie hätten diese kurzerhand im fließenden Bericht untergebracht, einfach so.
    Bei den Vögeln, die ich hier beobachten kann, wäre mitunter auch so eine gelungene Namensgebung angebracht, werde entsprechend den Charakteren verfahren und danke für die Anregung!
    Gruß von oberhalb der Hohlwege

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    • Es ist ein verschränkter Text, in dem eben zwei Textstränge ineinander greifen.
      Stilistisch könnte ich da ein wenig mehr Kunstfertigkeit brauchen. Mal sehen, vielleicht besuche
      mal wieder einige Wortdrechselblogs, ich könnte da mal beim Mittelschulniveau einsteigen.
      Verwirren will ich ja niemanden, schliesslich heisse ich nicht James Ärmeljoyce.

      Feierabendgruss hinauf hinter die Hohlwege über der Fähre

      Gefällt 1 Person

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