Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

In Vorfreude auf einen erwarteten Bloggerbesuch tirilierts ein wenig lebhafter heute: Rory Gallagher – Photo Finish (1978)…

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Kann man das generell so sagen?
Generell sicherlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen.
Also spitzwinklige Giebelkonstruktionen, hohe Dächer und steile Gauben?
Dies und ein mehr oder weniger ausgeprägt erkennbarer Heimatschutzstil.
Und wo, ausser hier jetzt, kann man das noch sehen?
Mir fällt das häufig an Gebäuden auf, die vormals militärischen Zwecken dienten. Hier in der Nähre auf der Hessenaue steht ein typisches Ensemble aus verschiedenen Gebäuden. Auch die Rastanlage Rimberg an der A5 ist ein weiteres Beispiel. Oder eine gut erhaltene Arbeitersiedlung in Frankfurt-Nied. In der Nähe von Eisenach übernachtete ich einst in einem Hotel, das vormals die Unterkunft für die Mannschaften eines Flugplatzes gewesen war.

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Gegen Ende der Nacht begann die Fahrt. Auf der A5 nach Norden. Angesichts der Raststätte Rimberg fiel mir auf, dass immer weniger dieses alten Architekturstils den Ausbau der alten Autobahnen überleben.
Früher, als Onkel P*** zu uns zu Besuch kam, hatte er den Tick, im Rasthof Rimberg eine Hühnersuppe essen zu müssen. Jedes Mal. Dies sorgte für einen Standardwitz in der Familie, den ich leider vergessen habe. Aber ich mag Hühnersuppe ohnehin nicht sehr.

Onkel P*** lebte und arbeitete als Ingenieur in W***. Dort wurde er auch begraben. Der Friedhof war mein heutiges Ziel. Onkel P*** war der Schwiegervater meines geliebten Patenonkels. Den will ich heute hinaus begleiten und seiner Beerdigung beiwohnen. Die Fahrt verlief ungemein zügig und so bleibt mir genügend Zeit, um noch etwas zu laufen.

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Das Schild neben dem schweren Friedhofstor weist zu einer Erinnerungsstätte. Zu beiden Seiten des Friedhofs sind Erläuterungen zu lesen. Zwanzigtausend Menschen arbeiteten dafür, dass hier ein Industriebetrieb und die dazugehörige Stadt entstehen konnten. Kriegsgefangene, Häftlinge aus Konzentrationslagern. Entführte und verschleppte Menschen, rechtlos, ausgebeutet und misshandelt. Fühllos dem Tod preigegeben. Hier, etwa hundert Meter links des ruhigen Waldfriedhofs kann man ihrer gedenken. Mich fröstelt bei dem Anblick der Namensplatten. Über hundert Kinder liegen hier, teilweise Säuglinge.

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Der verkleidete Mann (Menschen, die sich zur Ausübung ihres Berufes verkleiden, werden mir zunehmend suspekter), dieser Pfarrer sprach dennoch Worte, die mich beeindruckten. Mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir mein Onkel Vorbild gewesen ist in grundlegenden Verhaltensweisen. Dabei riss unser intensiver Kontakt schon ab, als ich Jugendlicher geworden bin. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns nur noch selten gesehen.
Man kann schöne Erlebnisse haben, man kann sich wohlfühlen dabei, man kann sehr euphorisch werden dadurch. Aber das Glück empfinden, kann man nur in Gegenwart anderer Menschen. Glück entsteht beim Teilen. Beim Mitteilen. Das Glück wartet auf jeden Menschen. In der Begegnung mit anderen Menschen wird es möglich. Ebenso wartet das Unglück. Es hängt davon ab, für welche Seite sich ein Mensch entscheidet. Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden.

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Den Leichenschmaus wollen in einem Hotel einnehmen. In dem kleinen Stadtteil ist eine ganz eigene Atmosphäre wahrnehmbar. Die Siedlung erweckt den Eindruck, als sei sie mitten in den lichten Laubwald gebaut. Alte Bäume überall. Fast könnte man eine Gartenstadt nach der Idee Ebenezer Howards vermuten. Reihenhäuser stehen entlang der schmalen Strassen. Es ist ruhig und es scheint, als sei die Stadt weit entfernt. Das Quartier steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die Giebel sind nicht sehr spitzwinklig, dennoch sind allen Dächern hohen Mansarden aufgesetzt. Rund um den zentralen Platz befinden sich Geschäfte. Über den Türen sind noch die alten Schilder zu sehen, obwohl längst andere Gewerbe Einzug gehalten haben.
Ahornweg, Unter den Eichen, Buchenpfad, Alte Landstrasse. Die Namen unterstreichen den Charakter. Erbaut wurde das Ensemble ab 1938. Hier lebten und arbeiteten die ersten leitenden Angestellten des aufzubauenden Werkes. Weit ab von den Lagern der Zwangsarbeiter.
Das Hotel, in dem wir beisammen sitzen, war als Heim für die HJ geplant.

Als Kind fuhr mein Onkel einmal mit mir hier herum. In den Kiefernweg, eine kurze Stichstrasse, fuhr er nicht hinein. Erinnerlich ist mir noch immer, wie er nach hinten zeigte, die Stimme etwas senkte, so als wolle er nicht gehört werden. Dort hinten am Ende, sagte er, dort wohnt der General. Der „General“ war der Generaldirektor des grossen Werkes. Er hatte sich in der Nummer 7 eine repräsentative Villa erbauen lassen. Meines Wissens wohnt heutzutage darin der Bürgermeister von W***.

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Onkel P*** stammte aus einem Nest im Nordpfälzer Bergland. Nach dem Schulbesuch erfolgte der Wechsel auf das Gymnasium der nahen Kreisstadt. Danach zur Ingenieurschule, wie man das damals nannte. Und von dort in das grosse Automobilwerk im Rhein-Main-Gebiet.
Als die Reden populistisch primitiv und die Uniformen braun wurden, rief Onkel P*** Hurra! und riss den Arm hoch. Als die Zeit endlich vorüber war, wollte er an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Das Automobilwerk gehörte jedoch den Amerikanern und die prüften die Bewerber genauer in den ersten Jahren. Boten ihm dann grosszügig an, Werkshallen zu kehren; als Ingenieur würde man ihn nicht mehr beschäftigen.

Der General arbeitete ehedem als Vorstandsmitglied für das gleiche Unternehmen, und zwar als Leiter eines Zweigwerkes. Als Wehrwirtschaftsführer war auch ihm die Rückkehr an seinen vormaligen Arbeitsplatz verwehrt.

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Beide Männer führten ihre Wege nach W***. Onkel P*** ist mir erinnerlich als herrischer, älterer Mann, dessen Stimme seine innere Haltung erschreckend perfekt widerspiegelte.
Der andere stieg ein als Generaldirektor des Werkes, das noch jahrelang offiziell keinen Eigentümer hatte. Denn die DAF (Deutsche Arbeitsfront) als Eigentümerin gab es ja nicht mehr. Die Hochachtung, mit der während meiner Jugendjahre vom General gesprochen worden ist, fand ich damals lächerlich. Heute hat sich mein Blick etwas erweitert und ich begreife, welche Leistungen dieser Mann aus seinen Visionen realisiert hat. Und darüberhinaus lernte ich die Wirklichkeit des angeblichen deutschen Wirtschaftswunders verstehen. Die Parolen und die Proganda, die bis heute nachwirken und die Tatsachen und verschleiern und verdecken.

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Mein Onkel sprach immer nur vom Werk. Er fuhr nie zur Arbeit, ging nie in sein Büro. Er fuhr immer nur ins Werk. Nach der Beerdigung erhielt ich eine Fotografie. Die letzte Aufnahme zu Lebzeiten. Darauf sieht er seinem Vater, meinem Grossvater ziemlich ähnlich. Und seinem Grossvater, meinem Urgrossvater. So fliessen die Generationen in den Zeiten dahin.

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Auf dem verspielt wirkenden Türmchen über dem Portal an der Stirnseite des Marktplatzes befindet sich eine Wetterfahne. Wenn man genau hinschaut, sieht man ausgestanzt das Jahr 1940.

(Fotografien anklicken genauer anschauen)

 

 

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21 Gedanken zu „Merkwürdige Raumzeitverzahnungen

  1. Wunderbarer Bericht, Herr Ärmel…wie die Generationen in den Zeiten dahinfließen…ja…und daß das Glück auf jeden Menschen wartet, immer und überall…ja…das glaube ich auch und es ist auch nicht zu übersehen, vorausgesetzt, man hat die Augen offen, innen und außen!
    Liebe Grüße schickt die Graugans vom kühlen, aber sonnigen und vorerst schneebefreiten Alpenrand!

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  2. Ja, mein lieber Herr Ärmel, die Stadtentwicklung von W*** ist durchaus geprägt durch die Gartenstadtbewegung des E. Howard. Der in den Gründerjahren beauftragte österreichische Architekt Peter Koller handelte strikt nacht den Vorgaben der NSDAP, deren ideale Siedlung die kleine Landstadt war, räumlich strikt getrennt von den Arbeitsstätten, begrünt, verkehrsberuhigt, wenige Einwohner. Alles Merkmale der Gartenstadt. Trefflich nachzulesen http://www.tobias-schiller.de/arbeiten/W***.pdf bzw. beim Wikipedia-Eintrag zu Koller.
    Ich hoffe, ich konnte Erkenntnisse liefern und grüße gen Norden an diesem arbeiterfeiertagsverlängerten Wochenende.

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    • Liebe Frau Mahlzahn, wie schön von Ihnen zu lesen. Der Herr Koller ist mir bekannt, als ich eine wissenschaftliche Arbeit über stadtsoziologische Themen verfasst habe. Ihr Hinweis bedeutet für mich eine willkommene Erinnerung. Darf ich Ihren Hinweisen – so es Sie überhaupt interessen sollte – noch meinerseits einen Literaturhinweis anfügen:
      Hans Mommsen (et al.): Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich. Econ, Düsseldorf 1996.
      Tausend Seiten sind zwar heftig, sind aber ungemein interessant und nachvollziehbar geschrieben.
      Ihnen herzliche Grüsse in den zweistromigen Süden

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  3. Eine schöne Galerie, sicher kennen wir alle solche Orte, oder ähnliche, die wir fotografisch nicht immer wahrnehmen. Ihr Abschnitt iv beschäftigt mich – Glück, Verkleidung, Worte, Teilen, Verhaltensweisen – ich kann noch nicht die Richtung sagen. Durch verschiedene Umstände und Begebenheiten in allerjüngster Zeit ändern sich Lebensgeschichten, das wahrzunehmen gefolgt von einer „Verkleidungsveranstaltung“ durfte ich nun erleben. Und ich will mal etwas lose einige Worte hinzufügen, die ich in einem Zusammenhang hörte: Kinder – Vorbild – Zukunft – Leben – geben.
    Das mal. Vielleicht sollte ich differenzierter denken (Selbstgespräch).
    Roadmovies allgemein fetzen.
    (Cyndi Lauper / She’s so unusual)

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    • Mich beschäftigen diese um das Glück und das soziale Moment dabei kreisende Gedanken enorm.
      Ein anderes sind die heutigen Vorbilder für die Kinder. In recht vielen Fällen werden früher oder später die Kinder zu Opfern ihrer Eltern. Dann müssen sie sich thearpeutischer Behandlung unterziehen. Die hätten eigentlich ihre Eltern viel nötiger… Ein unseliges Thema…

      Roadmovies fetzen ungemein ~~~~

      (Broiler – sic! (2017))

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  4. Lieber Herr Ärmel, Ihr Satz, „Wer offen ist für das Glück, den wird es finden. Wer sich zum Unglück hingezogen fühlt, wird ebenso unfehlbar gefunden werden“ trifft mich im Kontext Ihres Berichts und der Bilderfolge an empfindlicher Stelle. Ich fühle mich hingezogen zum Umglück, zum Unglück der russischen Ärztin und des Säuglings, der schlicht und einfach als „Russe“ bezeichnet wird, ohne je eine Chance gehabt zu haben auszuloten, welches Glück er mit wem hätte teilen mögen. Mein Herz tut mir einmal mehr weh auch angesichts des Werktors, der spitzgibligen Häuser, der getrennten Friedhöfe, der ganzen …. ich weiß nicht, wie ich es überhaupt ausdrücken soll, denn darin steckt so viel von dem, was meine Kindheit war und was mir bis heute Schmerzen bereitet.

    Gefällt 3 Personen

    • Dieser Satz war ein Zitat aus der Predigt zur Beerdigung. Mich hat er in einem anderen Kontext sehr beeindruckt.
      Ich hoffe, Ihnen persönlich mit diesem Zitat nicht zu nahe getreten zu sein.
      Die Grabplatten wurden ebenso wie das Ehrenmal von russischen Verwaltungsleuten veranlasst. Auf anderen steht als Nationalität Rumäne oder Pole oder…

      Gefällt 2 Personen

  5. Nun verstehe ich ein wenig besser Ihre kundigen Bemerkungen damals, als wir in W. das neue Auto abholten!
    Mein Großvater ging auch immer ins Werk, in die VEGLA bei Aachen – diese Männer hatten noch eine ureigene, andere Auffassung von Arbeit- und zu gewissen Zeiten ordnete die Werkssirene die Zeiten. Hier tun das die Kirchenglocken.
    Der Stein mit den fremden Schriftzeichen und dem sich irgendwie deplatziert und rau anhörenden Wort „Russe“ rührt mich sehr!
    Gruß vom Land

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    • Die Grabsteine wurden auf russische Verordnung hin gestaltet. Ich bin derzeit am recherchieren, ob auch rund um W*** ein Gebietstausch zwischen Russen und Engländern stattgefunden hat. In Mecklenburg gab es das sehr zum Leidwesen von Teilen der betroffenen deutschen Bevölkerung.
      Gruss übern Strom hinüberundhinauf

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  6. Mein lieber Herr Sehmann,

    ziemlich mittendrinnig in Ihrem informativen Bericht stehen die wichtigsten Worte, jedenfalls für mich. Das Glück als Spiegel. Und eben auch das Unglück. Schaudern macht einen diese Menschwegwerfgesellschaft, da stimme ich der famosen Frau Kazakou zu. Aber es ist gut, diesen Spiegel zu haben, er kündet von Menschlichkeit und Mitgefühl. Ich habe erfahren, dass das gespiegelte Unglück dadurch erträglicher wird, während das Glück sich im Antlitz des Teilens mehrt. Geben und geben lassen. Nehmen und nehmen lassen. Sein und sein lassen. Erst wenn dieses Gleichgewicht im Bewußtsein verankert ist, sind die Empfindungen wahrhaftig.

    Ich danke Ihnen herzvoll zugeneigt für diesen Synapsenkuss und die sinnigen Hinterberichte, die diesen in sich betten.
    Mit feinsterbsfriemeligen Grüßen, Ihre Frau Knobloch aus dem heute kaltwindigen, aber durchgeputzen Lipperlandien.

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    • Meine höchstwertgeschätzte Frau Knobloch,
      ich danke Ihnen für Ihren feinen Kommentar. Diese Ihre Kommentare lösen bei mir unwillkürlich innere Wärmewellen aus, die ich, ohne weiter zu fragen, als Koinzidenz interpretiere und goutiere.

      Und ich wills Ihnen an dieser Stelle nur gestehen, mit Ihnen würde ich auch sofort Erbsen friemeln.
      Aus dem unverschämt blauhimmlischen Bembelland grüsst Sie,
      Ihr Herr Ärmel (ganzundgar unschotig zugeneigt)

      Gefällt 2 Personen

  7. Lieber Herr Ärmel,

    ja sage ich zu Ihrer Ausführung zum Glück und Unglück, selten habe ich es in solcher Kürze und Würze auf den Punkt gebracht gelesen, danke dafür.
    Ansonsten bin ich immer nachdenklicher geworden, da Sie in Ihrem Artikel die Schere, wie den Fluss der Zeiten und Generationen sehr trefflich und gleichzeitig wertfrei darstellen. Ich danke Ihnen dafür und sinniere noch ein kleines bisschen nach!
    Herzliche Sonntagsgrüsse
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

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