Ehrenreduktion zur Scheuklappenerweiterung

Was den Mittelalterfans in England Cornwall ist, ist den Progrockfreunden die sogenannte Canterbury Szene. Softmachine, Egg, Matching Mole, Khan, Wilde Flowers, Gilgamesh, Soporifics, Delivery, Gong, National Health, Centipede, Hatfield & The North und wie die Bands alle hiessen. Im Zug des Reduktionsprozesses wird sich zeigen, von welcher Musik ich mich weiterhin begleiten lassen möchte. In den letzten Tagen wurde bereits viel Egotripspreu vom Klangweizen getrennt. Bleiben wird auf jeden Fall schon wegen der illustren Besetzung mit Mick Taylor, Steve Winwood und Mike Oldfield: Gong – Downwind (1979)…

Unter meinem Bürofenster treibts einen Efeu sonnenwärts. Eben bleibt die Ilse aus der Nachbarschaft daneben stehen. Eines ihrer vierbeinigen Lebendspielzeuge kackt in den Efeu. Der edle Kot bleibt natürlich liegen. Als nachbarschaftliches Geschenk vermutlich. Die Frau ist heftig tätowiert. Nicht unbedingt ästhetisch, dafür aber von Kopf bis Fuss gestochen und genagelt. Auf ihrem ebenso breiten wie freizügigen Dekolleté lese ich „Ehre im Herzen – Hass in den Fäusten.“

Wie oft ich wohl schon über den Begriff Ehre nachgedacht habe in meinem Leben. Als Kriegsdienstverweigerer begann es in einer Verhandlung. Da kam der Begriff auf und ich verstand ihn nicht. Verstehe ihn heute noch nicht richtig, zumindest in den Kontexten, in denen er zumeist gebraucht wird. Mir fehlt wahrscheinlich ein bestimmtes Gen in religiöser, nationalistischer oder rassistischer Scheuklapprigkeit.

Ich bin früh wach. Pfingstwochenende. Die Ausschüttung des Heiligen Geistes. In tausend Zungen reden. Harry Haller wünschte sich im Steppenwolf „O, dass ich tausend Zungen hätte“. Diese allerdings zu anderen Zwecken.
Ich freue mich auf den Besuch und bin schon sehr früh auf dem Weg zum Mainzer Markt. Die besten Kräuter für die Grie´ Soss´ gibts bei der Marktfrau meines Vertrauens. Ich bin noch zu früh. Alles irgendwo in Kisten.
Ich fahre runter zum Rheinufer. Enten dösen auf den Steinstufen. Jogger erschrecken gurrende Tauben. Das Marinedenkmal. Hundertmal wahrgenommen jedoch nie genauer in Augenschein genommen. Ich lese die eingemeisselten Texte auf den vier Seiten des Sockels. Und ich habe die Kamera nicht dabei. Also später nochmals in die Stadt radeln.

Auch bei den Inschriften gehts um Ehre und ehrenvoll. Wie kann ein Schiff ehrenvoll sinken und was soll ich mir unter der Ehre deutschen Kreuzergeistes vorstellen? Die S.M.S. Mainz war ein leichter Kreuzer. In die Schlacht mit englischen Schiffen geriet er wegen strategischer Fehler auf deutscher Seite.
Betrauert werden 163 Seeleute, die den Heldentod starben. Nicht erwähnt auf den Inschriften werden die 348 Seeleute der Besatzung, die von den Engländern gerettet werden können, obwohl die Deutschen ihr Schiff in letzter Minute noch versenken, um es den Engländern nicht in die Hände fallen zu lassen. Unter den Geretteten befand sich auch Wolfgang von Tirpitz. Der Sohn jenes Grossadmirals, dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. den Floh ins Hirn setzte, dass man sich nur mit einer starken Flotte zur Weltmacht aufspielen könne. Und der glaubte das nur zu gerne. Hatte er doch seinem Volke schon bei seiner Thronbesteigung 1892 versprochen: „Ich werde Euch herrlichen Tagen entgegenführen.“
Entsetzt hat mich allerdings die vierte, die zum Rhein hin sich befindende Inschrift. Darauf wird den nachfolgenden Geschlechtern ein „Nacheifern“ empfohlen. Kriegsverherrlichung. Wieso wird derlei nicht entfernt?
Vorbilder gibt es ja. Das deutsche Weintor beispielsweise. Wenn man heim ins Reich kam – damals – erblickte man den Adler recht über dem Portal. In seiner rechten Klaue hält er einen Lorbeerkranz. Und darin war das unselige verhakte Kreuz gemeisselt. Das Kreuz hat man wieder herausgehauen nach dem Untergang. Es ist zwar so gemacht, dass man es wieder zum Vorschein bringen könnte, aber wer schaut schon so genau hin.
Und die rheinwärts angebrachte Inschrift liest wahrscheinlich auch niemand, der eines der Ausflugsschiffe ins Mittelrheintal besteigt.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern, dass sie an diesem langen Wochenende von Pfingstochsen verschont bleiben möchten.

(Fotografien lassen sich durch Anklicken vergrössern)

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29 Gedanken zu „Ehrenreduktion zur Scheuklappenerweiterung

  1. Vielleicht so: Ich werde Euch herrlichen Tagen entgegenführen, auf dass Ihr für ewig Eure Scheuklappen gegen Macht und Gewalt in hohem Bogen wegpfeffern könnt und sinnlichst im Paradiese der Liebe huldigen werdet!
    Gruß mit Beileid zur Hundekacktatoofaustdame

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  2. Lieber Herr Ärmel, da mir der Begriff Ehre im Kontext von Pflicht fürs Vaterland zu sterben und zu morden auch schon immer äusserst supspekt war, habe ich jetzt einmal mein DTV-Lexikon bemüht, hier steht unter Ehre: „die auf Selbstachtung beruhende, daher als unverzichtbare erlebte Achtung, der der Mensch von seinen Mitmenschen beansprucht. Die bürgerliche Ehre ist das Maß der Achtung, das jedem unbescholtenen Menschen zukommt. Sie ist der Ausfluß der in Art. 1GG garantierten Unantastbarkeit der Menschenwürde… “ lasse ich es jetzt einmal hierbei bewenden- bei allem, was sich nun aus dieser Definition ergibt, bleibe ich bei Selbstachtung und Achtung eines jeden Lebewesens. Oh je, schwierig, denn ich kann ja gar nicht jedes Menschenwesen achten…

    Frau Wlidgans hat eine gute Formulierung für die Nachbarin gefunden, die kann und will ich nicht toppen 😉

    nun wünsche ich Ihnen einfach schöne Pfingsttage
    herzlichst
    Ulli

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  3. 2 Fotos, 2 historische Stilblüten … sie konterkarieren die beabsichtigte Aussage selbst. Man darf so etwas nicht schleifen! Abschaffung verrät die „Angst der Sieger“.

    „Den Gefallenen zum Gedenken… künftigen Geschlechtern zur Nachahmung“ das holpert so extrem, dass könnte aus einem Menschen-tanzen-leben-Welt-Song jetziger „Poeten“ stammen. „Den Gefallenen zum Gedenken, den Lebenden zur Anerkennung und den Nachkommen zur(Mahnung/oder zum Auftrag oderoderoder…jedenfalls sollte da 1. nicht dieses blöde „Nacheiferung“ stehen „dieser Wortschöpf gehte schief!“ und 2. auch nicht „nachkommenden Geschlechtern“ wenn vorher immer ein Wort gereicht hat „Gefallene“ und „Lebende“ – da ist also nachweisbar ein untalentierter Dödel am Werk gewesen. Aber wenn die Aussage nur regimetreu ist, dann darf auch größter Blödsinn in Stein gehauen werden. Das klappt in allen Regimen.

    „Seefahrt ist Not“ spricht für sich selber: Das shanghait werden; die engen Kojen, die schlechte Verpflegung, die geringe Überlebenschance im Ernstfall, denn Wasser hat keine Balken… Sollte vermutlich „Seefahrt tut Not“ heißen, geht aber (glaub ich) auf ein „Kaiserwort“ zurück. Nun ja Willi II., er hatte“ nicht einen bedeutenden Mann in seinem Freundeskreis“, woher also sollen da Geistesblitze kommen. Das Zitat vom bedeutenden Mann“ stammt übrigens von seiner Mutter. Die hochverehrte Kaiserin Vicky! Die ihn jedoch hat werden lassen, was er wurde, da sie Rabenmutter war.

    Schließlich das Tor: Herrliche Architektur! Wäre sie nicht mit jener Zeit verbandelt, würde sie vielen gefallen. Ein beliebtes Fotomotiv ist es ganz sicher. Vorallem für ausländische Touris: Thats Germany! And Rammstein is the sound for it! Das Kreuz verdeutlichte einst, welcher enorme Makel an ihr klebt und erklärt, warum die „nachkommenden Geschlechter“ sich zu öden Plattenbauten und Stahl-und-Glas-Elefantenklos verdammten.Weil DIE so bauten, bauen WIR heute so. Literatur, Film, Geschichte, Malerei – alles konterminiert und deshalb vieles vorschnell „auf den Müllhaufen der Geschichte“ geworfen. Ein Identitätsproblem entstand…Es entstand viel Platz für Basecaps und McDonalds und die dazugehörige Naivität.

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  4. Ja Herr Ärmel, Sie sind eben ein Genau-Gugger, und das wirft immer weitere Fragen auf. Die auch ich nicht beantworten kann. Vielleicht sollten wir immer 2 statt einem Schritt machen, Mauern durchbrechen statt nach der Umfahrung suchen, einfach mal umdrehen und in die andere Richtung gehen. Irgendwie sind wir immer ein wenig zu spät und die Geschichte wird sich ebenfalls immer wiederholen, solange man sich neue Erkenntnisse aus persönlichen Erfahrungen erschließt und nicht aus frühzeitigem Nachdenken.
    Ich werde jetzt in den Garten gehen und nach weiteren Tierchen und Pfingstblümchen Ausschau halten. Das beruhigt. (Zur Nacheiferung 😉 )
    Sonnige Grüße aus dem Inschriften befreiten Garten (außer der Türklingel).
    (Band of Horses – Why are you ok?)

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    • Zwei Schritte statt einem? Mit dem Kopf durch die Wände? Ich bin unsicher, darauf eine generelle Antwort zu geben.
      Aber „einfach mal umdrehen und in die andere Richtung gehen“, da bin ich gerne dabei. Und um das frühzeitige Nachdenken bemühe ich mich gerne.
      Sonnige Grüsse aus dem fernen Norden.

      (Ensemble Unicorn – Guillaume Dufay, Chansons (1400-1474)

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      • Tja Herr Ärmel, einen Gruß in den fernen Norden.
        Generelle Antworten vermeide ich in der letzten Zeit. Die gibt es nicht, oder kaum. Oder können Ausdruck von Unwissen und Hilflosigkeit sein (ok, das ist ein wenig hart). Es gibt ja immer Möglichkeiten.
        Aber zum Verständnis: in meiner adoleszenten Zeit hatte ich eine Phase lang ständig den Eindruck, dem Tempo der Veränderungen und Forderungen meines ‚Kreises‘ nicht folgen zu können. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen, es hatte aber in meinem Fall erklärbare Gründe. Ich wusste, dass ich nicht einmal die Möglichkeit habe, „gleich“ zu ziehen, die anderen wussten dies auch und das war nicht gut. Erst sehr viel später begriff ich, dass ich eines Tages tatsächlich diese 2 Schritte gemacht hatte und mich weiter als je zuvor aus dem Fenster gelehnt hatte, ohne herauszustürzen. Ähnliches kann ich nun wieder beobachten und da erinnert man sich eben an manchen Schmerz, den man keinem wünscht.
        Nichts für ungut, alles ist gut heute, die Sonne scheint, das Herz lacht, der Blog wird ab morgen für 2 Wochen (oder so) zugemacht.
        (Jan Plewka & Marco Schmedtje – Between the Bars / MC 2016)

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        • Interessant, welche Erfahrungen man in der adolszenten Phase machen kann und die einem erst viel später so richtig im Bewusstsein aufblühen.
          Mein gleichaltriges Umfeld wurde auf Gleise gesetzt (zugegeben, manche setzten sich auch freiwillig drauf) und alles schien nun vorherbestimmbar.
          Bei manchen hats bis heute funktioniert, bei den meisten jeodch nicht.
          Ich bin damals Kreise und Schlangenlinien gelaufen, auch Spiralen. Ich hielt mich je nach Verfassung für besonders schlau, häufig aber auch fast für verloren.
          Heute weiss ich, dass es mein individueller Weg ist, auf dem ich unterwegs gewesen war und noch immer bin. Ganz schön Glück gehabt dabei, mehr als viele andere…

          (Film: Rolling Stones – Rock’n’Roll Circus, 11. December 1968)

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  5. Das ist wie in so ’nem Abitursaufsatz: Anerkennung – Lob – Ehre – erklären Sie diese Begriffe und grenzen Sie sie gegeneinander ab. Um der echten Ehre teilhaftig zu werden, muss man zumindest ein bisschen tot sein, eingegangen in das oder auf dem Feld der Ehre. Aber seien wir doch mal ehrlich, es ist doch schon ehrenvoll, ehrlich zu sein. Ehrenhalber muss man sich mal die Begriffsgeschichte von „Ehre“ geben. Höchst interessant!
    Mukkemäßig hab ich mich auch schon sehr mit Reduktion beschäftigt. Exit Anlage, exit Platten- und CD Sammlung, exit mp3 Archive. Ich hab mich nämlich kundig gemacht. Für etwa schlappe 10 Euronen im Monat kann man einen Dienst im www abonnieren, mit circa 50 Fantasilliarden Songs in einer Laufzeitdauer dem Pleistozän vergleichbar. Dann ist der ganze Kram weg, man hockt im Sessel und flüstert „Soft Machine“ und zack, kommt die Mukke aus der Cloud in die Anlage. Weiss noch net, so ein Schnitt würde erheblichen Mehrwert an bewohnbarer Fläche schaffen, aber hart wäre dieser Cut schon.
    Überlege ich mir aber. Was weg ist, das ist weg.
    Da fällt mir der Anfang des Postings auf: In meinem Vokabular fehlt irgendwie die Ehre als solche und auch der Satz „Schade, dass ich das weg gegeben habe“

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    • Ich begreife langsam aber immer sicherer, dass materielle Reduktion fast automatisch eine ideelle Fülle hervorruft.
      Statt „schade, dass ich das weg gegeben habe“, könnte man auch positiv sagen: „prima, was ich dafür gewonnen habe“.

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  6. Zur Canterbury-Szene gehört auch (und besonders) der vor wenigen Jahren verstorbene Kevin Ayers, dessen Platten ich Zeit seines Lebens verfolgt habe. (Ich hab ihn sogar mal interwiewen dürfen, aber das ist eine eigene Geschichte.) Ein großartiger, bis heute weit unterschätzter Mann, mit großartigen Texten. „Doctor, doctor, can you feel my pain? Doctor said, shit man, not you again..“

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      • Ayers war 1995 auf Tour in Deutschland, mit den Wizards of Twiddly, und ich schrieb für die Lokalzeitung über das Konzert in unserer Stadt. Er sah gut aus, war vom Heroin genesen und alles in allem ganz gut in Schuss. Allerdings war ich damals auf Heroin, das war insgesamt eine merkwürdige Situation, das Interview. Denn natürlich sah er mir das an, meine winzigen Heroin-Pupillen. Und gegen Ende redeten wir beide über unsere Sucht, aber nicht wie zwei alte Kumpel. Sondern wie einer, der die Nase davon voll hat, und einer, der noch voll drauf ist. Sehr schräg. Ich höre heute noch seine Musik.

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      • Rockmusik kann noch immer ein erfrischender Quell der Weiterbildung sein 🙂

        Die Soporifics sind die Schlafmittel auf deutsch. Kann man so sehen. Kevin Ayers hat den Begriff ja etwas weiter gefasst. Anyway.
        Der Ollie Halsall hat mich auf „May I“ mit seinem Solo beeindruckt wie lange keiner mehr.
        Womöglich muss ich noch tiefer schürfen, denn früher waren auch die guten alten Zeiten besser 😉

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  7. „Zum Nacheifern“ – das ist wirklich ein starkes, also trauriges Stück. – Die Gong-Platte hatte ich verschenkt, weil das einzige, was mir daran wirklich und wahrhaftig gefiel, der typisch-markante Gitarreneinsatz von Mike Oldfield war. Und dieser Moment reichte mir offenbar nicht, die Schallplatte zu bewahren.

    Ihnen viel Freude!
    Ihr Zeilentiger

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