Keine Ahnung, welcher Titel da passen könnte

Es ist eine Erinnerung an damals. An jenen heissen Sommernachmittag. In der Plastiktüte eine Doppellangspielplatte. Den Tonarm aufgelegt. Und schon die ersten Töne kamen aus einer anderen, noch unbekannten Welt: Pink Floyd – Umma Gumma (1969)…

Abends am Ufer stehen. Die Familie Kanadagans ist noch vollzählig. Sechs Jungvögel. Eine Junggans hat offensichtlich Probleme mit den Flügeln. Sie kann ihre Flügel zwar aussstrecken, aber an der Stelle des „Ellenbogens“ stimmt etwas nicht. Vielleicht handelt es sich um einen Geburtsfehler. Vorbeigeher äussern bei ihrem Anblick sogleich und lautstark Mitleid. Da muss man doch was tun. Da muss jemand bei der Stadt anrufen. (immer sollen oder müssen die anderen etwas tun, versteht sich) Aufschlussreich, wenn man mit diesen Mitleidenden ins Gespräch kommt. Ihre Denkweisen kennenlernt.
Diesselben emotionalisierten Menschen verzehren heisshungrig Hühnchen und denken sich nichts dabei, dass alle kleinen Hähnchen spätestens bei der Geschlechtsreife anderweitig verarbeitet oder vernichtet werden. Von den Kälbern werden die männlichen rasch verzehrt bis auf wenige Ausnahmen; nur die weiblichen Tiere werden als Milch- und Fleischlieferanten am Leben gelassen. Mit der Geschlechtsreife bekommen die männlichen Tiere einen Hautgout der besonderen Art, einen unerwünschten Geschmack.
Wir haben uns kollektiv soweit von der Natur entfernt, dass vielfach die einfachsten Zusammenhänge nicht mehr verstanden werden.
Die Junggans mit den verdrehten Flügeln tut sich mittlerweile schwer beim schwimmen. Durch ihr Gewicht hängen die abstehenden Federn im Wasser wie eine Bremse. Und irgendwann wird man das alte Lied singen von dem Fuchs, der die Gans geholt hat.

Zur Zeit erhitzt man sich in den Kulturabteilungen der Zeitungen und in den Literaturblogs über die literarische Seifenoper in Klagenfurt. Ob Busunfälle, Amokläufe, G-20 oder Literaturshows – Hauptsache das Publikum wird vom Wesentlichen abgelenkt. Und somit Jedem das seine und Jeder das ihre.  Während dieser Tage wirft sich die Bachmann in ihrem Brandgrab wahrscheinlich einige Pillen ein und spült sie mit teurem Kognac runter. Ach herrjeh. Und die Schreiberlinge und die Literaturkennerlinge und die Publikumlinge. Und ihr affektiertes und wichtigtuerisches Gewäsch und Geschnatter. Sie sind verzichtbar, da sie nichts leisten für den Fortschritt der Menschheit.
Eines meiner diesjährigen Geburtagsgeschenke waren die Tagebücher 2002 – 2012 von Fritz J. Raddatz. Auf dem Schutzumschlag ist er posend abgelichtet als schillernder Fatzke in diesem Geschäft der Blender. Sechshundertzweiundneunzig Seiten glatt gebügelte Eitelkeit in Pomade. Eine Kostprobe gefällig?
„Ich hatte immer gedacht, eine Geschichte des Rowohlt Verlages kann man, was die 60er Jahre betrifft, nicht schreiben ohne ein GROSSES, tragendes FJR-Kapitel. Kann man aber. Viel mehr als ein Portier war ich dort also nicht.“ (Raddatz, Fritz J.: Tagebücher 2002 – 2012. Rowohlt, Reinbeck, 20142, S.427.)
Und hinter der Nebelwand dieser Scheinwelt regiert das knallharte Geschäft, die Kalkulation, die schmierigen Seilschaften und das faulige Geschacher. Ist das nicht zutiefst lächerlich? Da schätze ich manche Texte in den kleinen Blogs viel mehr. So richtig aus dem Leben eines Menschen aus der wirklichen Welt, dass ich fast vergesse und es mir gleichgültig wird, ob sie wahr oder erfunden sind.

Die Bildung unterteilt die Menschen in Gruppen. Das Geld trennt jeden Menschen von seinen Mitmenschen. Soziale Arbeit? Meine ist derzeit neben anderen das wöchentliche Aufräumen im öffentlichen Bücherschrank meiner Gemeinde. Wie sehr drängt es manche Menschen ihre Bücher loswerden zu müssen? Bücher werden roh in den Schrank gestopft. Andere wühlen und grapschen wahllos. Ich habe darin unlängst einen kleinen Pappband gefunden. Die folgenden Zitate sind daraus: Tucholsky, Kurt: Schnipsel. Reinbeck, Rowohlt, 1973.

„Deutschlands Schicksal: Vor dem Schalter zu stehen. Deutschlands Ideal: Hinter dem Schalter zu sitzen.“

„Zwischenstaatlich organisiert sind in Europa nur das Verbrechen und der Kapitalismus.“

„Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“

„Wenn sich in Rußland auch nur ein Achtel der Entführungen, Erpressergeschichten, Bandenüberfälle und Gewalttaten ereignete wie in Amerika –: das Geschrei der sittlich entrüsteten Amerikaner möchte ich mal hören! Sie sollten wirklich bei sich selber Ordnung machen, sich auf Reisen anständiger benehmen und im übrigen den Schnabel halten.“

„Ein Künstler braucht keinen Erfolg zu haben. Aber ein Zahnarzt, der nicht von Schmerzen befreit; ein General, der dauernd Prügel bekommt, und ein Wirtschaftskapitän, der nicht weiß, wo Gott wohnt –: diese drei dürften nicht ganz das Richtige sein.“

Erfolgreiche Künstler verdienen freilich mehr. Und wen bewundert man mehr? Denjenigen, dem alles zufliegt, der glatt durchkommt und glänzend dasteht? Oder denjenigen, der aus den wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und gegen alle Schwierigkeiten einige Fertigkeiten sich erringt? Umdenken tut Not. Diringend!
Aber in Zeiten des Internet und des Allesumsonsthabenwollen relativiert sich das alles. Um Kunst zu produzieren muss man nicht mehr lange üben, Berge versetzen, Flüsse durchschwimmen oder Brücken bauen und überqueren. Im Notfall erledigt der rücksichtslose Einsatz des Wischtelefons das alles ohne Kosten und Anstrengungen.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein sonniges Wochenende mit leuchtenden Erkenntissen.

(Fotografien zur Illustration des Textes. Foto anklicken für einen deutlicheren Hinblick)

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27 Gedanken zu „Keine Ahnung, welcher Titel da passen könnte

  1. „Ein prätentiöses Cembalo“ – ne, keine passende Überschrift. Klagenfurt, dort klagen sie in einem furt- meinte jemand. Bücherschränke aufräumen, ein behindertes Gänschen, eine kleine Tucholskyauslese, Frau in Sommerkleid fotografiert Architekturaufnahme ab, Fleischfressunarten- alles im mitternächtlichen Vollmondspalier. Das wird wieder eine Nacht geben.-
    Gruß vom Bücherregal an düsterer Bushaltestelle

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    • Eine Nacht in Ihren Träumen verbringen… Wohlgemerkt, liebe Frau Wildgans, in Ihren Träumen nur. Das ersparte manchem einen Karibiktörn auf dem Alptraumschiff ~~~~~
      Gruss, draussen verregnet und innen fröhlich. Und fährenfern, nicht zu vergessen

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  2. „Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“ wie man ja gerade wieder so prächtig sehen kann-
    dieser Artikel lässt für mich nichts offen, ich nicke und sende Grüße durch die Nacht mit Mond
    Ulli

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  3. Wenn sich in Rußland auch nur ein Achtel der Entführungen, Erpressergeschichten, Bandenüberfälle und Gewalttaten ereignete wie in Amerika –: das Geschrei der sittlich entrüsteten Amerikaner möchte ich mal hören! Sie sollten wirklich bei sich selber Ordnung machen, sich auf Reisen anständiger benehmen und im übrigen den Schnabel halten.“

    Kannte Tucholsky schon Herrn Trampel?
    Danke für die Leseschnipsel, sie passen so wunderbar.

    Sommerfrischer Gruß vom Dach, Karin

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  4. „Über Flüssige und Überflüssige“ vielleicht? Lieber Herr Ärmel, die Gans mit den Stützflügeln wie diese „Flying Dolphins“ genannten Schnellboote möge ein langes Leben haben. Und Sie auch!

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  5. Guten Abend Herr Ärmel, Sie kluger Freund, ein tiefer Wunsch an Sie – eine große Bitte – hören Sie niemals auf Ihren Blog zu betreiben. Sie geben so viel, jeder der denkt nimmt davon. Dass es Nichtdenker gibt wissen wir beide.

    Worte die nicht bezahlt werden sind die einzig wahren. Dabei bin und bleibe ich.

    Immer die Ihre, Arabella

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    • Wovon sollen also die Journalisten leben, wenn sie für ihre Arbeit kein Geld nehmen dürfen ? Wovon sollen Anwälte leben, Lehrer, Wissenschafter wenn sie nicht bezahlt werden sollen ?

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      • Diese Frage werden in nicht allzu ferner Zukunft wir uns alle stellen müssen.
        Die Mehrheit der Menschheit tut es bereits, das wir in unserem (immer noch) beschütztem Dasein dies nicht minütlich spüren ändert nichts an der vorhandenen Wahrheit.

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        • Nun, das finde ich äußerst pessimistisch, aber das war ja nicht der Punkt.
          Du hast geschrieben, dass nur unbezahlte Worte wahr sind. Das stört mich deswegen, weil das eine generelle Beleidigung aller Menschen ist, deren Berufe oder sonstige Beschäftigungen mit Worten zu tun haben für die sie – glücklicherweise – auch bezahlt werden. Wenn ich mich recht erinnere, gehört dein Mann da auch dazu …

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  6. Ja! Keine Ahnung welchen Kommentar ich hinterlassen könnte! 🙃
    Ihre Beobachtungen gefallen, die Knipsfrau ist ein Kracher, und die vielen nationalen Baustellen sollten die persönlichen nicht übertünchen… wie schrob ich heut‘ an and’rer Stell‘? Jeder hat sein Päckchen zu tragen…
    (Im ruhigen Garten sitzend, ferne Autogeräusche, Rollläden, das Rauschen eines Fliegers, die Nachbarin lacht (wegen Migrationshintergrund versteh ich leider nix), streitende Katzen, eine eben still gewordene Stechmücke 😬 und in Gedanken weil heut früh im Autoradio gehört: Tom Petty – Free Falling)
    PS: die Mücke ist hinüber…

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    • Der Kommentar ist prima. Ich stelle mir vor, dabei zu sitzen. Spontan, beim Lesen Ihres Kommentars.
      Besser kanns kaum sein.
      Abendgruss, draussen verregnet und innen fröhlich

      (Traffic – The Low Spark of High Heeled Boys)

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  7. Das arme Ganstier. Doch über arme Menschen traut sich’s weniger laut dem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen, also kriegen alles die Viecher ab, die überhaupt nicht wissen können, warum sie bemitleidet werden. Im Gegenteil: Sie passen sich an so gut sie es können und versuchen trotz ihrer Einschränkung irgendwie klarzukommen. Oft schaffen sie es auch nicht. Das ist auch Natur. Schredderhühnchen ist menschgemacht.
    Ach könnt ich nur die Ingeborg besser behüten! Ich schreib ihr fast jeden ein Gedicht. Ich bade sie so sanft ich kann in meinen Worten und jammer herum, dass sie keine mehr schreibt. Doch was nützt die Liebe in Gedanken…? Ganz viel…so ich mir wünsche. Umma Gumma, allein die Erinnerung an dieses Album ist so lebendig wie Ihr Beitrag. Regennachmittage, verlauscht, verhuscht, tief in den Schallplattarat verkrochen…ich, der Tonabnehmer…

    Liebe Grüße ✨

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  8. Erstaunlich, Ihre Gänsekenntnisse.
    Der Bachmann war nicht zu helfen. Weder von Frisch und von Johnson schon garnicht.
    Ich stelle Sie mir gerade als Tonabnehmer vor – – – Fussnagel oder Nasenspitze in der Rille einer Schallplatte, das könnte dann eine Frage sein…
    Abendgruss aus einer reizlosen Landschaft ~~~~

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    • Guten Morgen, Herr Ärmel,
      Meine Gänsekenntnisse sind leider nur sehr unzureichend, ausgesprochen mager und das obwohl ich Gänse total mag. Mir bleiben also nur meine zugegeben dummen Vermutungen und die können immer nur aus einer Unwissenheit entstehen.
      Mit der Fußspitze möchte ich keinesfalls Töne abnehmen, wäre viel zu ungeschickt dafür, doch es gibt Menschen, die so sensible Füße haben, dass sie sogar Bilder damit malen und die könnten so etwas vielleicht sogar wie einer Schallplatte mit dem Fußnagel Töne entlocken. Ich würde das Nasespitzige bevorzugen und mir ein Diamantsteinchen drauf kleben. Ein ordentlicher Riemenantrieb wäre natürlich schön gut und ruhig lagern müsste ich mich auch wie ein richtig guter Schallplattarat, damit der Sound nicht Eiern kann… nie käme ich einer Platte näher als auf solche Weise und jetzt…ist mir irgendwie grad etwas schwindelig…ich höre nämlich grad eine kleine Single mit mindestens 45 U/min.
      Danke für das musikalische Bild und einen schönen Sommermorgen wünscht die Fee✨

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      • Guten Tag Frau Karfunkelfee, ich danke Ihnen schön für Ihren erklärenden Kommentar. Die Nase als Tonabnehmer, ich stells mir gerade bildlich vor. 45er Schwindel ist nachvollziehbar. Aber allemal besser als auf einem Grammophon mit 78 Umdrehungen 😉
        Ich sende einen Nachmittagsgruss aus dem Bembelland,
        Herr Ärmel

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  9. Also, dieser Leistungsdruck und dann gar auch noch Wettbewerb , in der Poesie… grrrrrrr … wer kann sich anmaßen, zu beurteilen, was „gut“, was „schlecht“ ist? Ich mag das nicht, und dann dieses ganze Affentheater auch noch Bachmann… zu nennen, meine Güte!
    Fritz J. Raddatz mag ich sehr gerne lesen … sollten Sie sich mal trennen von ihm … wir haben seit Neuestem jetzt auch hier am A – Nordrand eine Poststation für reitende Boten … wenn´s wär …
    Liebe Grüße

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