Das gute Leben zwischen Mark und Rinde

Seinerzeit, als ich Dir erstmals gegenüberstand, erklang von irgendwo aus dem Hintergrund diese zauberhaft verwunschene Musik. Und jedes Mal wenn die Musik ertönt, steigt dieses erste Bild erneut vor mir auf: Dead Can Dance – Spleen And Ideal (1986)…

Der historischen Rückblickspalte des wöchtlich erscheinenden lokalen Blättchens entnehme ich, dass im Jahr 1952 bei der örtlichen Schweinezählung 513 Stück festgestellt worden sind. Das waren 46 mehr als noch im Jahr zuvor.
Demnächst werden auch in diesem, unserem Lande wieder Scheine gezählt werden. Wahlscheine. Ich habe bereits vor Wochen im örtlichen Wahlbüro meine beiden Stimmen abgegeben. Einem Rest von demokratischer Kontrolle will ich mich auch weiterhin vergewissern.
Die noch existierenden Bauern leben und arbeiten heutzutage ausserorts. Die Vermietung von Pferdeboxen und die Unterhaltung einer Reithalle sind lukrativer. Solange man noch zum privaten Spass Tiere missbraucht und dafür mehr Geld auszugeben bereit ist, als für ordentlich produzierte Lebensmittel, hält unser Kulturschiff weiterhin den Kurs Richtung Untergang.

Ich trenne mich von Träumen. Der Spaziergang nach Syrakus auf den Spuren Johann Gottfried Seumes beschäftigt mich nun schon seit Jahrzehnten. Die grosse Kladde mit der umfänglichen Sammlung von zahlreichen Fakten, Details und Informationen zu dieser Fussreise ist obsolet geworden. Andere Reiseintentionen und -ziele sind reizvoller geworden.
Es ist die Reduktion auf die kleinen Sensationen, wie beispielsweise die kurze Reise im letzten Bericht. Es ist das Abendessen mit Freunden. Die Freude über eine wohlgelungene Fotografie.
Und vor allem die Begegnungen mit fremden Menschen. Die Annäherung an ein Leben und wenn alles gut geht, der gestattete Blick hinter die Rinde ins Innenleben. Die wirkliche Welt eben und nicht das Gegenteil davon; die virtuelle Scheinwelt, die von nicht wenigen Menschen ebenso hartnäckig wie falsch mit der Realität verwechselt wird.

(Fotografien verschiedener Baumrinden – anklicken öffnet die Galerie)

 

 

 

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14 Gedanken zu „Das gute Leben zwischen Mark und Rinde

  1. Sie bringen’s auf den Punkt, Monsieur. ‚Kleine Sensationen‘, das ist aber der Kracher.
    Im Übrigen, die derzeit ‚besten‘ Wahlplakate liefert der Discounter mit A.
    Baumrinden wollte ich vor 14 Tagen ebenfalls ablichten, bin aber nur auf eine gekommen.
    Ihre Baumrinden geben Anlass zur Phantasie, es könnte eine Oberfläche sein aus der Weltallperspektive, andere Welten, lebendige, tote und spannende und eine mit einem Hexenbesen. Wie im Überflug, vielleicht die Suche nach einem Landeplatz. Wenn die Aliens merken, dass es die Erde ist, geben sie Gas und fliegen weiter. Wirklich sehr sehr schön. Ich habe neulich eine Metallplatte schräg fotografiert, also die Oberfläche, hatte was von ausgetrockneten Flussläufen. Fairerweise nicht meine Idee, habe versucht gemachtes nachzumachen. Hat aber Spaß gemacht.

    (Genes.., ach Sie wissen schon)

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    • Die von Ihnen erwähnten Wahlplakate des Disskaunters A: erinnern mich an eine modernschlichte Adaption von Bildern des Malers A. (* um 1526 in Mailand; † 11. Juli 1593 ebenda). Geworben wird in jenem Laden nun auch mit der Sängerin A. ((* 17. September 1968 in Chicago als Anastacia Lyn Newkirk). Ich weigere mich weiterhin beharrlich, an Zufälle zu glauben.

      Insofern ist die sanfte Form der Selbstanklage, was unsere fotografischen Inspirationen angeht, nicht angezeigt. Ich hatte bereits einige Jahre Wasserspiegelungen aufgenommen und meine Techniken verfeinert, da fiel mir ein Fotoband in die Hände. Der darin präsentierte bekannte Fotograf experimentierte ebenfalls mit Wasserspiegelungen.
      Dass mir meine eigenen origineller und besser erschienen, kann ich zwar behaupten, zu einem Bildband haben sie mir bis jetzt allerdings noch nicht verholfen.

      Die Baumrinden habe ich im Palmengarten zu Frankfurt am Main aufgenommen.

      (eigentlich schon längst durchs Netz der Vergessenheit gefallen: The Tubes – The Tubes / 1975)

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      • Zufälle? Hat hier jemand Zufälle gesagt? Kommt das jetzt in den Duden.
        Und dann warte ich mal auf Ihren Fotoband… die Natur ist eben unbezwingbar in ihrer Schönheit, man muss es nur sehen.
        (Banderas / Ripe – immer höher auf der Abschussliste)

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  2. Herrliche Fotos. „Zwischen Rinde und Mark“ liegt bekanntlich das Cambium, die eigentliche Lebensschicht des Stammes, in ihm strömen die Kräfte zwischen Wurzel und Blätterdach, in ihm bilden sich die Verzweigungen und werden die Blätter angelegt. Wer in dieser Schicht zu leben vermöchte, wüsste vieles zu sagen.

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      • Lieber Herr Ärmel, guten Morgen! Ruhe und Kontemplation hat der Baum, meine ich, zur Genüge, er lebt sie uns geradezu vor. In ihm atmet die sehr dünne Schicht des Cambium und sondert Lebenserfahrung in Richtung Bast (Borke) und Kernholz ab, wird darin fest. Mir gefällt diese Vorstellung, die durch Ihren Ausdruck „zwischen Rinde und Mark“ hervorgerufen wurde, sehr. Beste Grüße aus einem hellblau-sonnigen Morgen.

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  3. Ein sehr, sehr schönes Bild, bei einem anderen Menschen hinter oder unter die Rinde blicken zu können oder gar einen Platz zwischen Mark und Rinde zu finden. Das ist tatsächlich ein Gegenentwurf zu „romantischem“ Schein und Flitter und Geblinke und Getöse

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  4. Diese Fotos sind so herrlich, mir bleibt die Sprache reinweg weg!
    Ach ne, sofort würde ich mich mit einem großen Weißpapierblatt hin begeben und Frottagen anfertigen wollen. Obwohl, ich könnte mich Dornröschenstechen an diesen Pieksdingern. Vielleicht könnte man auch Rindenstückchen mitnehmen und ein irgendwas heilendes Vollbad draus sieden.
    Gruß von der Frottagenfront

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    • Also, ob man aus den Rindenstückchen heilende Badezusätze herstellen könnte…na, da bin ich unsicher.
      Die Stacheln, in einem Mörser zerstossen mögen gut gegen Halskatharre sein…
      Abendgruss von der Äppelwoi transportierenden Fähre

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