In diesem Juli : Wochenendreduktionsfrei

In merkwürdigen Zeiten und sonderbaren Zuständen stimuliert abgefahrene Musik punktgenau die zugehörigen Sinne. Der Mann muss ein Exot in seinem Land gewesen sein. Hipper als die Hipster und freakier als die Beatniks. Nach europäischem Vorbild soll er in der Traditon der Lebensreformer gelebt haben. Und das ausgerechnet im Plastikwunderland. Eine einzige Scheibe wurde von ihm veröffentlicht. Avantgarde im besten Sinn des Wortes. Und doch hat er mit seiner Musik viele Musiker von Rang und Namen in ihrem Schaffen beeinflusst :
Eden Ahbez – Eden’s Island (1960)…

Weil solche Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Menschheit offenbar wichtig sind, läuft seit einiger Zeit die wissenschaftliche Forschung zum Thema Selfie in einer Kooperation zwischen der Hochschule für Philosophie München und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Im Jahr 2015, so eine der Erkenntnisse, sollen mehr Menschen beim Selfieknipsen ums Leben gekommen sein als durch Angriffe von Haien. Was das konkret bedeutet wird ebenso wenig beantwortet wie die Frage, wem – ausser den Wissenschaftlern – diese Aussage dient.
Mein Interesse ist geweckt, folglich suche ich eine entsprechende Quelle der anderen Seite.
Im Jahr 2015 wurden 98 Angriffe von Haien auf Menschen erfasst, davon endeten sechs für die jeweiligen Menschen tödlich. Bis konkrete Zahlen vorliegen, gehe ich logischerweise von sieben Todesfällen beim Selfieknipsen aus. Rückwärts von einer Staumauer gefallen vielleicht. Eine Treppe runtergesegelt. Oder oder… Meine Frage bleibt : wem helfen diese Erkenntnisse?

Ich bin eben doch mehr fürs Konkrete.
Ich durfte Gast sein bei einer Hochzeit mit vielen traditionellen Elementen. Manche davon kannte ich bisher nur von Hörensagen. Auf dem Rückweg von der östlichsten Stadt Deutschlands war ich schon wieder als Gast eingeladen. Ein besonderes Jubiläum wurde gefeiert.
Ein Hinterhof der ganz besonderen Art. Darin ist ein Teppich ausgelegt. Die Bühne für eine fantastische Viermannkapelle. Nach und nach treffen etwa fünfundzwanzig handverlesene Gäste ein. Menschen zwischen zehn und neunzig Jahren. Sorgfältig ausgewählte Versorgung für das leibliche Wohl aller Anwesenden hebt die Stimmung. Knapp fünfzig Quadratmeter reichen für ein solches Fest in der Tat aus. Für einige Stunden ist die Welt in Ordnung. Ich schätze die Begegnung mit einer freundlichen Bloggerin aus dem Norden. Immer wieder überrascht es mich angenehm, welche Menschen man wo und wann trifft.
Die Musikanten, so höre ich, sind von der Atmosphäre so angetan, dass sie am folgenden Morgen noch ein Video in jenem famosen Hinterhof aufgenommen haben.

Die grossen Kinder haben ein Überraschungswochenende arrangiert. Ein Dorf, dessen Namen ich noch nie gehört habe. Wir landen irgendwo in einem gemieteten, gediegenen Haus an einem Stauseegewirr in der Eifel. Weisse Flecken auf unser aller Landkarte. Die Fahrt durch eine anregende Landschaft. Miteinandersein, essen und trinken. Wir haben alles da, was wir brauchen. Nach langen Nächten morgens in einem Stausee schwimmen zur Erfrischung. Und viel Lachen. Dafür brauchts weder Karibik noch irre Animateure.

Mir fällt auf, dass ich wieder weniger fotografiere. Seit Wochen habe ich keine Photographien mehr entwickelt. Einzig hunderte Fotos gelöscht. Und es stehen noch viele Ordner auf der Liste.
Zwei Fragen stellt man sich gewöhnlich, bevor man den Auslöser drückt. Warum lichte ich dieses Motiv ab. Aber vor allem : liebe ich dieses Motiv? Sicheren Antworten darauf scheine ich derzeit zu entbehren.

„Hallo, Nachbar. Komm´doch mal raus. Ist Mondfinsternis.“
Meine Lust ist gedämpft, ich sitze just an diesem Beitrag. Das feine Steinerglas liegt jedoch griffbereit. Die Kiffer drei Häuser weiter haben zusätzlich zu ihrem aufblasbaren Sprudelbecken im Gärtchen jetzt auch noch einen grossen Bildschirm unter der Pergola. Was ich an diesen Nachbarn aufrichtig schätze : sie leben so wie sie können. Und tun nicht so als ob. Im Gegensatz zu den kleinbürgerlichen Kulturmöchtegerns mit ihrem aufgeblasenen Getue sind nämlich deren Attitüden ebenso schlicht wie nachvollziehbar.
Gestern Abend gefiel mir der blasse, ungekämmte Mondkopf besser.
„Kannste doch mal knipsen.“
„Nö. Mein Geraffel schläft schon.“
Ich kenne eine Photographin, von der ich weiss, dass sie heute Abend das Spektakel mit ihrem Besteck verfolgen wird. Deren feinsinnigem Blick und ihren Photograhien traue ich.

Ich fahre nochmal zum öffentlichen Bücherschrank. Seit fast zwei Wochen entsorge ich daraus die papierne Diarrhoe von  HeinrichBergiusKonsalik. Richtig übelriechend wirds dann bei readersdigest. Welche Leserschaft mag sich zeitvertreibend mit derlei Stoff tummeln? Nicht mehr illiterat und dennoch nicht von den Musen geküsst.

Innerhalb von zwei Tagen habe ich die jeweils drei Folgen von Ku´damm ´56 und Ku´damm ´59 gesehen. Stellenweise haben mich die dargestellten Ereignisse doch sehr angerührt. Erinnerungen sind manchmal unerbittlich wenn sie schlagartig eruptiv aufschäumen.

Am zunehmend dunkelnden Nachthimmel ist unterhalb der rotbraunen Mondscheibe der Mars schön rot zu sehen. Die Tuberosen verströmen ihren betörenden Duft freigiebig im Garten.

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein feinsommerliches Wochenende. 

(Photographien einfach so aus der Kamera)

 

 

16 Gedanken zu „In diesem Juli : Wochenendreduktionsfrei

  1. Ich habe mit großer Freude ihren Beitrag gelesen und die Fotos betrachtet! Welch schöner Hinterhof mit Blütenpracht, da werden die Klänge der Musiker und Klänge der Gespräche sich wohl gefühlt haben. Danke fürs Zeigen!
    Wenn ich Sie lese, denke ich nicht zum ersten mal, da ist jedes Wort da, wo es hingehört. Ihre Worte erzeugen Stimmungen und Sätze laden zum Nachfühlen ein. „Wir haben alles, was wir brauchen“.
    Herzliche Grüße zu Ihnen und der Hinterhofgestalterin, die gewiss auch hier lesen wird.

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  2. Diesem Kommentar möchte ich mich anschliessen, hatte zwar einen langen selbst verfasst, da stürzte die Verbindung ab 😐 Der Hinterhof- und Wortgestalterin und Ihrer Kreativität gilt schon lange meine bewundernde Liebe.
    Ihnen ein weiteres schönes Sommerwochende wünschend, lieber Herr Ärmel, sendet herzliche Grüsse vom heute schwülem Dach,Karin

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    • Die Länge des Kommentars ist unerheblich. Auch die Zustimmung zu anderen Kommentaren lese ich sehr gerne. haben Sie vielen Dank dafür.
      Schöne Grüsse sende ich Ihnen aus sommergewitterhitzigschwülen Mainspitze, Herr Ärmel

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  3. Ich bin ein großer Fan davon, in wohl gewählten Fällen die Anonymität des Bloggens aufzugeben und mir die Menschen hinter den Blogs anzuschauen. Und wie schön und berauschend, wenn das Experiment glückt und man für kurze Zeit das menschliche Miteinander genießen kann!
    Wobei das natürlich auch ein sehr besonderer Rahmen für ein Konzert ist: quasi ein Open-Air-Wohnzimmerkonzert (mit Teppich), wie wunderbar!
    Herzliche Grüße aus dem frisch geduschten Hamburg mit gerade überaus erträglichen Temperaturen
    Christiane

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    • Ich sehe, Sie sind wohlbehalten wieder in die noblen Hansestadt zurückgekommen.
      Es war mir ein besonderes Vergnügen, Ihnen begegnet zu sein. Zu kurz – mag sein; aber besser kurz als garnicht.
      Ich danke Ihnen auch herzlich für die freundlichen Worte an anderer Stelle.
      Beste Grüsse aus dem magischen Bembelland, Herr Ärmel

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    • Immerhin noch für einige Stunden. Es gibt Menschen in anderen Situationen.
      Ja, ich habs in der Tat gut. Aber ich schaue auch eher auf die kleinen positiven Ereignisse. Und ichwarte nicht auf den „grossen Lottogewinn.“
      Abendgruss nach einem ereignisreichen Tag

      Gefällt 2 Personen

  4. Das klingt alles sehr schön, und schon ein Kontrabass in Aktion, das kann und muss gut gehen. Heute mal kurz, die Nacht ruft!
    Hocherfreute Grüße in die neue Woche aus dem Süden und nicht aus dem aufblasbaren Sprudelbecken.
    (REM / Automatic for the people – 19hundertsounso)

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