Reduktion – Alles verändert sich, wenn Du es veränderst!

Die DoppelLP wurde gespielt bis sie fast durchsichtig geworden war : Klaus Hoffmann – Ich will Gesang, will Spiel und Tanz (1977). Viele Texte sind für mich auch heute noch gültig…

Am Strassenrand gefunden und mitgenommen : Langenscheidts Kurzgrammatik Lateinisch. Langenscheidt, Berlin etc. 1996, 13. Auflage. Immer wieder mal nachschauen lohnt sich meist für mich. Auf merkwürdigen Wegen fand dieses Buch den Weg zu mir :
Max u. Gerda Mezger : Meine Frau die Gärtnerin. Verlag Hans Dulk, Hamburg 1955. …

Wollen wir ein paar Scheiben von dem Wacholderschinken nehmen?
Klar, gerne.
Darfs noch etwas sein?
Mh, hättest du auch Lust auf diese Wurst da?
Oh ja, die sieht lecker aus.
Legen Sie uns bitte das kleine Stück da noch dazu.
Gerne. Haben Sie noch andere Wünsche?
Nein, das reicht, vielen Dank…
Später beim Frühstück hältst du plötzlich inne und sagst mehr zu dir selbst als in die Runde : Wie privilegiert sind wir doch, dass wir in einem Geschäft mit vollem Angebot einfach auswählen können, was wir möchten. Dein Blick, als du das sagtest, durchfuhr mich wie ein leichter Stromschlag. Wenn wir über die Zustände in diesem Land sprechen wissen wir, es muss sich etwas verändern.

Der Film Im Lauf der Zeit von Wim Wenders wurde gedreht in elf Wochen zwischen dem 1. Juli und dem 31. Oktober 1975, zwischen Lüneburg und Hof, entlang der Grenze zur DDR. Die Premiere fand am 4. März 1976 im Kino Kurbel in Berlin statt. An einem der darauffolgenden Wochenenden warst du zu Besuch bei uns in Berlin. Wir haben den Film wahrscheinlich in der Filmkunst 66 in der Bleibtreustrasse gesehen, denn das war eines meiner Stammkinos in Berlin. Nach der Vorstellung verliessen wir das Kino schweigend. Unsere Blicke waren jedoch vielsagend. Aber das wurde mir erst zwölf Jahre später bewusst.

Das war auch so ein typisches Erlebnis am letzten Sonntag. Wir stoppelten auf dem abgeernteten Zwiebelfeld, was liegengeblieben war und von der Erntemaschine nicht aufgenommen wurde. Die kleinen Zwiebelchen mit dem feinen starken Aroma. Im Nu hatten wir drei, vier Kilo gesammelt. Am Feldrand radelte eine Gruppe Ausflügler vorbei. Einer schrie vom Sattel seines Elektrohobels aus zu uns herüber aufs Feld : Ein Kilo kostet sechzig Cent. Im nächsten Supermarkt wahrscheinlich.
Wir schauen uns an und verstehen uns wortlos. So vielen Menschen sind inzwischen die finanziellen Aspekte wesentlich wichtiger als das wahrnehmende Erleben. Sich miteinander vergnügen statt miteinander zu arbeiten. Vergnügen am liebsten als Dauerprozess. Und möglich bequem und preiswert. Und risikolos, versteht sich. Die Verantwortung tragen die anderen. Dabei wird der Konsum in der Freizeit mit Freiheit verwechselt. Statt wenigstens einmal auszuprobieren in einer gemeinsamen Arbeit Lebensfreude zu empfinden und anschliessend den Erfolg zu geniessen.

Das Internet erleichtert viele Recherchen. Wenn ich daran denke, wie viel Arbeit es bereitete und welche Wege man gehen musste, um seinerzeit die Fahrtstrecke in dem Film von Wenders zu rekonstruieren. Anfangs wollten wir sie noch auf unseren Motorrädern abfahren. Doch zuerst kam dies dazwischen und dann jenes. Aufgeschobene Zeiten. Macht ja nichts, es fehlen noch immer einzelne Teilstücke der Strecke. Und ausserdem haben wir ja noch ewig Zeit.
Sprachlosigkeiten in der WG trennten sich unsere Wege für zwei Jahre. Was jedoch stets gültig blieb, war dieser eine (zumindest für mich) bedeutende und entsprechend bei jeder Gelegenheit bis zur Floskel von uns allen, die den Film gesehen hatten, zitierte Satz : „es muss alles anders werden“. Eigentlich aber sprachen wir vorwiegend über irgendetwas statt von uns. Ändern müssen es die anderen, wir waren doch die grossen Durchblicker.

Ich freue mich auf dieses Wochenende. Wir haben fleissig Samen gesammelt von Malven, Mohn, Wicken und Nigella und werden ihn aussäen. Für die kommenden Tage hat gestern die Pflanzzeit begonnen. Leider ist keine gute Erntezeit für Früchte. Aber unser frisch gekochtes Birnenfeigenkompott wird uns vorzüglich schmecken.
Wenn wir zusammen essen, sagen wir uns oft lachend, dass Essen unsere Lieblingsspeise ist. Wir sind uns einig darin, dass wir die Zustände um uns herum nur dadurch verändern, dass wir uns selbst ändern. Der Satz „es muss alles anders werden“ verlagert lediglich die Verantwortung ins Irgendwo. Global denken und regional handeln als erste Richtschnur. Bei sich selbst anfangen.

Als ich dich aus der schweizer Klinik abholte war klar, dass der Sand jetzt schneller durch die Uhr rinnen wird. Wieso konnten wir jetzt so einfach miteinander sprechen? Ohne wenn und aber. In den folgenden zwei Wochen. Lang, persönlich und essentiell. Und auch, dass sich alles ändern müsse; dass man alles selbst ändern müsse. Ich hatte inzwischen die letzten fehlenden Wegstrecken so einigermassen herausfinden können. Als du sonntags überraschend ins Krankenhaus gefahren wurdest, sprachen wir nochmals über die Strecke. Am späteren Abend hast du dann das Bewusstsein verloren. In vier Wochen auf den Tag wird es dreissig Jahre her sein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die erkaltete wächserne Hand eines toten Menschen in meiner Hand hielt.
Als sich im Film die Wege der beiden Männer trennen, pinnt Robert aussen an der Tür einen Zettel an : es muss alles anders werden. Das solong ist mir bis heute geblieben.

Wir haben nicht den Schlüssel zum Paradies. Wir wissen aber, dass der Weg vor uns, vor unseren Augen liegt. Und dass er Arbeit ist. Nicht zurück in Anklagen schielen, um die Verantwortung für unsere Bequemlichkeit anderen als Schuld zuzuschieben. Den Eltern, Geschwistern, Schulkameraden, Lehrern oder anderen Menschen. Ich bin dankbar für die Menschen um mich herum, die versuchen, sich täglich ein wenig zu ändern. Die gelegentlich stolpern dabei und dennoch ihr Lächeln nicht verloren haben. Die mir Vorbild und Ansporn sind dafür; andere, noch unbekannte Wege zu gehen.
Entweder wir arbeiten aktiv mit an notwendigen Veränderungen oder wir werden von den Umständen zwangsweise verändert werden.

„Wieder eine Nacht, wieder eine Nacht,
die wir mit reden zugebracht,
wir haben festgestellt, haben festgestellt,
dass nur die Tat uns Beine macht,
und wir merken jeder Tag ist Arbeit und wir sehen ein,
jeder Schritt zurück muss neuer Anfang sein,
wir sind doch viel zu viele um allein zu sein….“ (Klaus Hoffmann – Ein neuer Anfang)

 

Ich wünsche allen Besuchern, Lesern und Guggern ein erfreuliches Wochenende.

 

(Das erste Bild ist ein Schnappschuss aus dem Film „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Das zweite Bild ist eine Photographie von heute Mittag, als ein schwacher Orkan hier durchgezogen ist.)

 

 

 

 

28 Gedanken zu „Reduktion – Alles verändert sich, wenn Du es veränderst!

  1. Sehr geehrter Herr Ärmel, rückblickend auf mein bisheriges Leben ist „Alles“ meist nur ein kleiner Dreh an der Stellschraube des Daseins und nicht halb so schwer, wie wir es immer denken. Ich wünsche uns allen mehr tun, als sagen. Ihnen ein famoses Sommerwochenende.

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    • Ach, lieber Herr von Rosen – diese Feinstmetapher : „…„Alles“ [ist ]meist nur ein kleiner Dreh an der Stellschraube des Daseins und nicht halb so schwer, wie wir es immer denken.
      Dafür danke ich Ihnen und sende freundliche Grüsse ins Mittelhessische, Herr Ärmel

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  2. Dies mit dem anderst werden…Wer will daran schon glauben. Nur der eigene Fussspurentritt im Staub der zerstrittenen Menschheit mag Veränderung bringen…Und die eigene Reduktion auf das wesentliche / von allem weniger und dabei dennoch menschlich & offenen zu bleiben erscheint mir mehr Gewinn als baden im unnützen Müll der schnellen Vergeudung.
    Wie Pilze sammeln und vergessene Musik hören. Jenseits von allem „willichauchhaben“.
    Eremitengrüsse aus der Dachkammer.

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    • Der „eigene Fussspurentritt“ ist doch immerhin auch schon eine Veränderung.
      Ich freue mich über Ihren Kommentar. Zwiebeln stoppeln und Kartoffeln steht für dieses Wochenende auch wieder auf dem Plan. Einige Äpfel und Birnen werden sich sicherlich auch finden für den Nachtisch.
      Freundliche Grüsse aus dem Bembelland direktemang in die Dachkammer, Herr Ärmel

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  3. Hallo Herr Ärmel und schönen Spätabend ebenso.
    Ihre Überschrift alleine ist schon der Knaller und führt noch zu keinem erquicklichen Ende. „Alles verändert sich“…. ja, sehe ich auch so… „wenn du es veränderst.“ …. und da liegt die Schwierigkeit (auch wenn das die absolute Wahrheit ist). Ist es nicht so, dass ein vorrangiges Verhalten jenes ist, sich die ‚Leerzeiten‘ zu füllen? Sei es mit Technik in der Hand oder TV oder das sauer verdiente Geld ausgeben? Oder neue Beschäftigungen suchen (z.B. einen Blog?) Das lässt keinen Raum zur Reflexion und zur Umkehr oder Veränderung. Vor sehr vielen Jahren habe ich aus Gründen mal eine kleine Studie erstellt über das Freizeitverhalten von Grundschulkindern. Ich wollte/sollte herausfinden, was deren Alltag ausmacht und welche Antworten man darauf finden kann. Das Ergebnis war eher deprimierend, schon damals jagte ein Event das andere, Zeit für Langeweile? Fehlanzeige. Das hat sich seither noch verschärft. Natürlich ist nicht alles schlecht, aber meine Kindheit war trotz überdurchschnittlicher Strenge definitiv anders. In der Folge kann man die Menge an Informationen aus der Eventsammlung kaum noch verarbeiten, ein jede/r fühlt sich dicht an allwissend und viel Halbwissen geht im Netz spazieren. Nachdem ich in den letzten Tagen an der ein oder anderen Stelle auch mal angeeckt bin (ich als harmoniebedürftiges Wesen!) und nachdem ich hier und da mal intensiver querlese, kann ich nur noch sagen: Puh! Aua! Fremdschäm! Übel! Und es sind nicht immer die Blogbeiträge, die sind schlimm genug, es sind die Kommentarstränge. Mich würde auch der eine oder andere Blogger-Alltag interessieren, wo holen sich diese Menschen ihre (fundierten) Informationen, was erhellt sie über die Richtigkeit zu entscheiden, wenn sie gleichzeitig arbeiten, erziehen, urlauben, Hobbies nachgehen, kochen, wandern und gleichzeitig gefühlt den ganzen Tag im Blog auf Abruf sind.
    Die allgemeine Schelte auf die (zugegeben weitestgehend unerträgliche) Politik, die kaum noch von Satire unterscheidbar ist und die Essenz, die dann hier und da mit negativen Impulsen oder mit dem erhobenen Zeigefinger verbreitet wird, kann ich sicher nicht abschließend bewerten und will das auch nicht. Jedoch stößt sie mich zunehmend ab. Auf der anderen Seite sagt uns die Statistik, dass bei einer gewissen Auswertungszahl eine Richtigkeit der meistgetätigten Aussage im Wesentlichen erwartbar ist. Aber kommen wir wieder zu Ihrer Überschrift, die dann vielleicht doch sagt: nicht immer mit dem Finger auf andere zeigen, um sich selbst als Vollaktivist, Gutmensch oder sonstwas präsentieren. Es gibt eben immer einen Zusammenhang.
    Nun denn, nur ein paar Gedanken, noch nicht zu Ende gedacht, aber in Dauerrotation.
    Feine Grüße aus der positiven Zone.

    // Crippled Black Phoenix / The Great Escape (2018) //

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    • Guten Morgen Herr Autopict,
      ich danke Ihnen für Ihren vielseitig anregenden Kommentar.
      Mehrfach habe ich beim Lesen spontan JA gerufen. Auch genickt hier und da. Aber der Reihe nach.
      Als Titel dieses Beitrags habe ich mir ein Zitat erlaubt, das sich auf ein Lied der deutschen Politrockband Ton Steine Scherben bezieht
      „Alles verändert sich, wenn du es veränderst
      Doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist“…)
      Im zweiten Vers liegt meines Erachtens die Krux. Mehr und mehr isolieren sich viele Menschen durch ihr Freizeitverhalten. Leerzeiten nennen Sie es. Das menschliche Gegenüber und der Austausch damit, bleibt der soziale Spiegel und die Folie, an der wir unser Verhalten jeweils abprüfen können.
      Im Zuge der wachsenden Individualisierung nimmt die Gefahr zu, sich zu isolieren. Und genau hier schlägt die Konsumgüter produzierende Industrie zu. Dies geschieht seit längerem bereits. Neuer dagegen und eventuell forcierter wirkt meiner Beobachtung nach die Medienindustrie. Sie stellt bevölkerungsübergreifend und weltweit flächendeckend Produkte und Leistungen zur Verfügung, die andere Menschen lediglich als Projektionsflächen benötigen. Das leibhaftige Gegenüber wird (scheinbar) überflüssig.
      Das Problem dabei ist, dass einfacher gestrickte Naturen, diese virtuellen Begegnungen im Lauf der Zeit als Prozesse realen Miteinanders erkennen wollen.
      Womit wir den Raum betreten, in dem wir beide uns nun befinden : den Blograum. Ein virtueller Raum, der mehr Möglichkeiten zur Erzeugung von Missverständnissen bietet, als jeder normalgrosse Raum in der Wirklichkeit. Einfach schon deshalb, weil der virtuelle Blograum zumindest theoretisch von allen Menschen weltweit betreten werden kann.

      – – – – an dieser Stelle müssten wir jetzt vom virtuellen Raum im Kommentarstrang dieses Blogs in das wirkliche Leben und in ein Gespräch eintreten – – – Denn :
      Was Sie in Ihrem Kommentar schildern, habe ich so oder so ähnlich in der letzten Zeit selbst erlebt.

      Nach diesem, meinem aktuell letzten Beitrag stellte ich einerseits meinen Blog auf „privat“ und andererseits versuchte ich, meine blogweiten Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse irgendwie zu katalogisieren. Erweitertes Interesse am Medium ebenso wie Schlüsse bzw. Planungen für mein weiteres Vorgehen in meinem Blog.
      Einfach so weitermachen sollte nicht sein und den Blog dichtmachen wollte ich (noch) nicht.
      Meinen derzeitigen Erkenntnisstand kann ich folgendermaassen skizzieren.

      Blogs finden im virtuellen Raum statt. Das Risiko, sich im eigenen Blog eine andere Identität zuzulegen ist relativ gering, denn man begegnet „seiner Blogfamilie“ in der Wirklichkeit meist nicht.
      Die Mehrzahl der Menschen, denen ich darin begegnete, stellen sich in einer Weise dar, die ihrem wirklichen Sein kaum entspricht. Den Januskopf kann man besonders rasch bemerken, wenn man entweder sehr aufmerksam zwischen den Zeilen liest oder mit den tieferen persönlichen Eigenheiten eines Blogbetreibers in z.B. den Kommentaren kollidiert.

      Wenn Blogs, wie gerne behauptet wird, so etwas wie private Tagebücher sein sollen, dann möchte ich die tragischen Lebensentwürfe dahinter in natura nicht kennenlernen.

      Die vielbeschworene Solidarität in Blogs existiert vorwiegend als momentane Aufwallung. Denn virtuelle Welten sind mittlerweile kaum noch nachvollziehbar beschleunigt und ein Ereignis jagt das andere. Und wenn man ernsthaft teilhaben und –nehmen wollte an einigen Lebensschicksalen, bliebe kaum noch Zeit für die eigenen Verpflichtungen. Denn die entsprechenden Menschen üben, ebenso wie das Medium selbst, eine unangenehm starke Sogwirkung aus.

      Das Zeitwunder. Manche Menschen, und auch diese Beobachtung teile ich mit Ihnen, scheinen fast rund um die Uhr mit zahlreichen Blogs verbunden zu sein. Was bzw. wie diese Menschen einer tagtäglichen konzentrierten Arbeit nachgehen, eine Paarbeziehung pflegen, Kinder erziehend begleiten, ehrenamtlich tätig sind oder einen real existierenden Freundes- oder Bekanntenkreis pflegen können, kann ich mir nicht vorzustellen. Keiner meiner Freunde und Bekannten ist in der Lage, virtuell derart dauerpräsent zu leben.
      Meine Erfahrung dahingehend ist jedenfalls Folgende. Wenige Minuten nach der Veröffentlichung meines Beitrages zähle ich bereits einige Gefällt-Mir Klicks. Wer kann so schnell lesen. Oder werden die Photographien nicht beachtet, die immerhin einen kontextuellen Bezug zum Text haben? Bei den (häufig) sechs veröffentlichten Photographien stelle ich fest, dass die ersten am meisten, die letzten kaum noch angeklickt bzw. angeschaut werden.

      Verfasser und Rezensenten. Von Tucholsky stammt der kluge Satz, dass sich intelligente Menschen dumm stellen können, umgekehrt funktioniere das jedoch nicht. Blogs scheinen diese Wahrheit zu widerlegen. Da schreiben Menschen über Texte, Bilder, Filme oder Musik. Unkritisch gelesen scheinen die Inhalte informativ. Bei genauerer Lesung schimmern zwischen den Zeilen die Missionare durch. Da wird als gute oder schlechte Qualität eine vermeintliche Wirklichkeit hinausposaunt, die allenfalls die individuelle, und also subjektive Wahrheit der Verfasser ist.
      Die Mehrzahl der während des vergangenen Jahres von mir zur Kenntnis genommenen Beiträge entsprechen im Grossen und Ganzen dem, was Sie beschrieben haben. Für mich in Wort und Bild eine Symphonie der Belanglosigkeit. Glücklicherweise gibt es aber noch Ausnahmen.

      Die Kommentare. Auf eine Anregung hin und private Wünsche habe ich vor einigen Jahren meinen Blog begonnen. Damals als Expat lebend diente er mir persönlich zeitweise auch als Medizin gegen mein hin und wieder aufschwappendes Heimweh. Kommentare erschienen mir damals tatsächlich noch als Austausch. Inzwischen scheint mir, dass für die überwiegende Mehrzahl der Blogbetreiber das verklärte Bloghausen oder die häufig erwähnte Blogfamilie nichts weiter ist als Zuckerleim auf Gegenseitigkeit (findste meinen Beitrag gut, finde ich deinen auch gut /// Klickste bei mir, klick´ ich bei dir).
      Dieser überwiegenden Mehrheit werden jedoch die wahren Erwartungen, Gefühle oder Nöte keineswegs erfüllt. Und die Isoliertheit wird nur dann durchbrochen, wenn ein Heraustreten aus dem virtuellen Alleinsein angestrebt wird und eine persönliche Begegnung initiiert wird. In Blogs ist man allein (siehe oben die beiden Verse des Liedes). Der Daueraufenthalt im virtuellen Raum macht einsam.

      Ausnahmen all des Gesagten bestätigen lediglich die Regel. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Blog habe ich bisher noch nicht vertiefend studiert.
      Mir reicht bis dato, was ich in dem kleinen virtuellen Kosmos um mich herum erleben konnte (und teilweise musste). Darüber hinaus durfte ich in persönlichen Gesprächen von den Erfahrungen und Gedanken anderer Blogbetreiber viel aufschlussreiches erfahren.
      Insofern sind meine stilistisch veränderten und überdies seltener gewordenen Beiträge zum Thema Reduktion Berichte aus meinem alltäglichen Leben. Ich verstehe sie als Angebot zur Beschäftigung mit dem Thema. Sei es als Reflektion oder zur individuellen Nachahmung. Entscheiden muss dass jeder Leser für sich selbst. Stilistisch verändert lesen sich meine Texte, weil ich mehr von mir als über „Andere/s“ schreibe. Zudem erscheint mir das Thema wichtiger als vergnügliche Reiseberichte. Und dass die Berichte seltener werden, ist aufgrund der geübten Reduktion fast schon selbsterklärend.

      Herzliche Grüsse aus dem sonnigen Bembelland

      (Gundermann – Die Musik zum Film / 2018)

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      • Herrlich, Herr Ärmel. Vollendete Zustimmung, so viele ‚Ja‘ hat meine Tastatur gar nicht, wie ich schreiben möchte. Sicherlich liegt eine Schwierigkeit darin, die interessanten Blogs aus der Anonymität herauszufiltern und die gibt es ja schon. Immerhin kenne ich bereits 😂 einen bloggenden Menschen persönlich, und das war dann doch spannend und da hat Theorie und Praxis tatsächlich zusammengepasst.
        Die eigene Abstinenz gibt eben auch Raum zum Hinterfragen frei, aber das ist ja gegen den Trend. Interessant Ihr Privat-Versuch.
        Schönes sonniges Wochenende!
        (Soft Cell – Tainted Love / Radio)

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        • Selbstversuch klingt gut. Zu irgendetwas müssen die (öfter mal) unbedachten Selbstversuche in der Jugendzeit auch auf dem späteren Lebensweg nützen. 😉

          Das mit dem sonnigen Wochenende nehme ich glattweg mit. Einige Tage auf den fast verschwundenen Spuren eines älteren Films meines favourisierten Regisseurs könnten von Sonnenstrahlen gut beschinenen sein.
          Mal sehen, wie sehr sich die Republik an bestimmten geographischen Punkten verändert hat in den letzten 42 Jahren.

          Ich wünsche Ihnen erfreuliche Tage!

          (Dirtmusic – Bu Bir Ruya / 2018. Und danach als Kontrastprogramm quasi: The Swipes – Destroy your World / 2010)

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